Abgehört - neue Musik Mit dem Tribe gegen Trump

Was hilft gegen den Trump-Blues? Vielleicht das meisterliche Abschieds-Album der HipHop-Pioniere A Tribe Called Quest. Außerdem: Besuch einer alten Folk-Dame, Kraut-Lärm aus Berlin und ein Sting-Imitator.

Von und Andreas Busche


A Tribe Called Quest - "We Got It From Here… Thank You 4 Your Service"
(Sony Music, seit 11. November)

Raus aus dem Sand mit dem Kopf! Wer sich nach dem Schock der vergangenen Woche damit zu trösten versucht, dass Trumps erste Äußerungen nach seiner Wahl zum US-Präsidenten gar nicht so empörend waren, wenn nicht konziliant für seine Verhältnisse; wer in die Wintersonne blinzelte, die Jacke etwas fester um den bibbernden Leib raffte und sich sagte, die Welt dreht sich weiter, es wird alles nicht so schlimm… Wer das sagt, hat einerseits Recht (und ist wahrscheinlich weiß, Europäer und männlich), denn es muss ja irgendwie weiter gehen: Man darf nicht vor dem Irrsinn kapitulieren. Wer das sagt, ignoriert aber auch, dass Trump noch nicht im Amt ist. Wie schlimm es also wirklich wird, das lässt sich wahrscheinlich erst ab Ende Januar wirklich absehen.

Bis dahin, bis der Kulturkampf zwischen Reaktion und Progressive in seine nächste Runde geht, lohnt es sich, den erschütterten Glauben an das Gute, an Aufklärung und Moderne, wieder zu stabilisieren. Das gilt vor allem für die ethnischen Minderheiten in den USA, die sich analog zum trotzigen, mutmaßlich letzten Aufbäumen des weißen Chauvinismus durch Trumps Wahl auf noch mehr Repression, Polizeigewalt und Rassismus einstellen müssen - als wäre es in den vergangenen Jahren nicht schon gravierend genug gewesen. Kultur, Popmusik insbesondere, kann hier nicht nur Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen sein, kann Trost und Hoffnung spenden, aber auch aufrütteln und zum Protest animieren.

Andreas Borcholtes Playlist KW 46
SPIEGEL ONLINE

1. Odd Couple: Haste Strom Haste Licht

2. D.D. Dumbo: Satan

3. Sofi Tukker: Drinkee

4. Halsey: Castle

5. Sampha: Blood On Me

6. A Tribe Called Quest: The Space Program

7. Common: Home

8. Icke & Er: The Sky Is Der Himmel

9. Cheeseslider: Sweatmajor

10. Bauer, Garn & Dyke: Billie

Den HipHop-Pionieren A Tribe Called Quest gelingt auf ihrem ersten Album seit 18 Jahren all das: Auf ihre immer positivistische, aber auch nie verharmlosende oder Eskapismus propagierende Art gelingt es den zum Trio geschrumpften Veteranen aus New York, den richtigen Ton zur rechten Zeit zu treffen. Natürlich sind die 16 Tracks des Albums, das Comeback und Abschied zugleich darstellt, von sanfter Melancholie durchzogen, denn mehr noch als Karrierebilanz und Bestandaufnahme der Situation von Schwarzen in den USA, ist "We Got It From Here…" eine Hommage an das im März überraschend an Diabetes verstorbene Gründungsmitglied Malik Taylor alias Phife Dawg.

Der Rapper, dessen unvollendete Lyrics in die neuen Tracks eingearbeitet wurden, erweist sich als kluger Beobachter. Als die Reime für das erboste "We The People" Anfang des Jahres entstanden, war nicht absehbar, dass Donald Trump soweit kommen könnte, dennoch benannten Phife und Kollege Q-Tip bereits damals eines der Vehikel, das den populistischen Außenseiter an die Macht beförderte, hyperventilierende Medien: "The fog in the smog of new media that logs/ False narratives of guys that came up against the odds", rappen die beiden, bevor im Refrain der "Whitelash" der Trump-Anhänger formuliert wird: "All you black folks, you must go/ All you Mexicans, you must go... / Muslims and gays, boy, we hate your ways".

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"There ain't no space programm for niggas/ Yeah, you stuck here, nigga", heißt es im Album-Opener "The Space Program", das lakonisch den Status Quo der Black Community illustriert, die Mühen der Ebene, das bleierne Gewicht der alltäglichen Demütigung, die Sehnsucht nach den Sternen und die Gewissheit, dort nicht ankommen zu können. Eine bittere Erkenntnis, die in "Whateva Will Be" noch düsterer ausgeführt, aber auf der zweiten Albumhälfte in "Movin Backwards" ins Hoffnungsvolle gedreht wird: Maybe the answer's not out there/ Maybe it's on the ground somewhere". In "Dis Generation" geben Sie diese Mission, in aller Beklemmung doch noch Halt und Liebe zu finden, an die nächste Rap-Generation weiter, die den Tribe-Flow in die Gegenwart transportiert hat: namentlich Kendrick Lamar, Earl Sweatshirt, J. Cole und Joey Bada$$.

Wie dieses Erbe klingt und welche erhebende, ermutigende, letztlich befreiende Power es entfalten kann, demonstrieren Q-Tip, Ali Shaheed Muhammad und Jarobi White auf "We Got It From Here…" noch einmal eindrucksvoll: Die smoothen, pointierten Raps (als Gäste sind u.a. Kendrick Lamar, Busta Rhymes und Andre 3000 dabei) werden in einen sanften Fluss aus reduzierten, shuffelnden Beats oder Live-Drums eingebettet, auf denen wiederum Jazz, Funk, Soul und Pop-Elemente in einen zumeist fröhlichen Swing versetzt werden. Es ist das Erfolgsrezept, das die ersten drei Tribe-Alben, "People's Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm" (1990), "The Low End Theory" (1991) und "Midnight Marauders" (1993) zu bis heute einflussreichen Klassikern des alternativen HipHop-Genres machte. A Tribe Called Quest waren die ersten HipHopper, die die stilistische und intellektuelle Freiheit, die ihr Genre bietet, mit Verve, Chuzpe und eloquenter Eleganz voll ausgeschöpft haben.

Einige der größten Hits tauchen als neckische Echos in den neuen Tracks wieder auf: "Bonita Applebum" zum Beispiel im zerhackten Sitar-Sample und gemächlich wiegendem Groove von "Enough!". Zusätzlichen Pop-Appeal erhalten Songs wie "Solid Wall Of Sound" oder "Melatonin" durch Gastauftritte von Elton John und Gitarrist Jack White.

Das Packende an "We Got It From Here…" ist nicht nur seine politische Aktualität, sondern die Gegenwärtigkeit seines Sounds, der bei aller programmatischen Nostalgie nicht altbacken wirkt, sondern dringlich und modern. Ein schönes Vermächtnis für eine der wichtigsten HipHop-Bands. Und für Phife Dawg, die Rap-Autorität, die im letzten Track gegen Trump antritt: "The Donald" heißt das Stück, aber gemeint ist Phifes Spitzname Don Juice. Daraus ergibt sich ein lustiges Sample-Battle und eine Kampfansage, dass Black- und HipHop-Culture sich nicht kampflos ergeben werden: "Who wanna spar? Haha, well, here I are". Can they kick it? Yes, they can. (8.5) Andreas Borcholte

Shirley Collins - "Lodestar"
(Domino, seit 4. November)

Der Herbst bringt noch ein schönes, verblüffendes Comeback: Nach 38 Jahren veröffentlicht die britische Folksängerin Shirley Collins ein neues Album, aufgenommen in ihrem Wohnzimmer im englischen Sussex. Dass Collins mit 81 Jahren noch mal neue Musik veröffentlicht, ist an sich schon ein kleines Wunder - mindestens so wunderbar wie ihre glasklare, in den hohen Tonlagen leicht brüchige Stimme, mit der sie in den Sechzigerjahren die Tradition des britischen Volksliedes am Leben hielt. Ende der Siebziger verlor Collins dann diese charakteristische Stimme; die Trennung von ihrem langjährigen Partner Ashley Hutchings hatte ihr das Herz gebrochen. Die Geschichte ist so todtraurig-schön wie ihre Lieder, in denen es oft um die letztgültigen Dinge des Lebens geht. Dunkle Romantik und Tod sind wiederkehrende Themen in der englischen Folkmusik, die Collins einst von der Vergangenheit befreite und einem neuen Publikum präsentierte.

Aber nicht nur die britische Folktradition um legendäre Figuren wie Ewan MacColl, A. L. Lloyd und Seamus Ennis waren ihr ein Anliegen. Ende der Fünfziger reiste sie mit dem Musikanthropologen Alan Lomax durch die Südstaaten, um die Wurzeln amerikanischer Musik zu dokumentieren. Die Lieder, die sie auf diesen Expeditionen aufnahmen, lösten später das Folk-Revival um Woody Guthrie und Bob Dylan aus und zählen heute zum Kanon amerikanischer Roots Music. Einige dieser Songs sind auf dem Soundtrack des Coen-Brüder-Films "O Brother, Where Art Thou" zu hören. Überdauert hat Collins' Einfluss aber auch in den zyklischen Folk-Revivals der vergangenen Dekaden. Zu ihren jüngsten Fans gehören Polit-Folkie Billy Bragg, der schratige Folkbarde Will Oldham und Current 93-Mastermind David Tibet, ein ausgewiesener Kenner der englischen Folkmusik und maßgeblich verantwortlich dafür, dass Shirley Collins eine weitere Platte aufnahm.

"Lodestar" ist eine Revue ihres bisherigen Schaffens: sparsam instrumentiert von ihrem musikalischen Leiter, Oysterband-Veteran Ian Kearey, um ihrer würdevoll verwitterten Stimme Geltung zu verschaffen. Man denkt bei solchen Heritage-Alben natürlich automatisch an Rick Rubin und Johnny Cash und liegt damit auch nicht ganz falsch. Es geht bei Shirley Collins allerdings nicht darum, die Essenz ihrer Lieder freizulegen. Sie hat sich als Puristin immer einer Verwässerung der Tradition verweigert. Ihr Jazz/Folk-Fusion-Album "Folk Roots, New Routes" (1964) mit dem Gitarristen Davy Graham, einem jungen Wilden des britischen Folk-Revivals, blieb der einzige Genre-Crossover ihrer Karriere und gilt heute zu Recht als Klassiker. Auch mit den psychedelischen Exzessen von Bands wie Fairport Convention, Pentangle und Steeleye Span, die die britische Folkmusik Ende der Sechziger in die Hippie-Ära überführten, konnte sie - ähnlich wie Bob Dylan - nie viel anfangen.

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Auf "Lodestar" finden sich ausschließlich Interpretationen britischer und amerikanischer Folksongs, deren Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Es ist ein in seiner zeitlosen Schönheit störrisches Album, das sich allen musikalischen Moden widersetzt. Das elfminütige Eröffnungsstück ist ein Triptychon und besteht im Mittelteil aus einem Drone-artigen Drehleier-Instrumental. Den Klassiker "Pretty Polly" hatte Collins Ende der Fünfzigerjahre im amerikanischen Süden entdeckt, hier verpasst sie der Mörderballade einen gut gelaunten Swing.

Dass Collins auch Spaß versteht, beweist ihr Video (auf YouTube ansehen) zum schleppenden Todesblues "Death and the Lady", vielleicht ist es sogar als vorweggenommene Parodie auf die unvermeidlichen Johnny-Cash-Vergleiche gemeint: Zu sehen sind pastorale englische Landschaften und mittendrin die 81-jährige Collins in einer heidnischen Prozession mit einem Arsenal von Totenköpfen. Sehr angemessen für eine Musik, die mit knarziger Grabesstimme aus der Vergangenheit zu uns spricht. (8.5) Andreas Busche

D.D. Dumbo - "Utopia Defeated"
(4AD/Beggars, seit 11. November)

Ok, Sie haben sich letzte Woche gleich das neue Album von Sting gekauft (unser Interview mit ihm lesen Sie hier) - und sind enttäuscht, obwohl es doch nach langer Zeit mal wieder ein Rock-Album sein sollte? Verstehe ich gut: Zu gediegen, zu langweilig. Wie würde Sting wohl klingen, wenn er sich wirklich noch mal neu erfinden würde, sich zum Beispiel an progressiven Rockbands der Nuller- und Zehnerjahre orientieren würde? An Animal Collective, Grizzly Bear oder Tame Impala?

So ein Gedankenspiel ist zwar unfair, drängt sich aber auf, wenn man das hervorragende Debüt-Album des Australiers Oliver Hugh Perry alias D.D. Dumbo anhört. Nicht nur trägt es mit "Utopia Defeated" einen unverschämt zeitgemäßen Post-Trump-Titel; Perrys heiseres Klagen und Krakeelen erinnert in Intensität und Klangfarbe tatsächlich auf verblüffende Art und Weise an Gordon Sumners Press-Falsett.

D.D. Dumbo ist ein Ein-Mann-Projekt, das Perry auf der Bühne mit 12-String-Gitarre und Loopstation zum Leben erweckt. Für sein Debüt arbeitete er erstmals mit einzelnen, individuell eingespielten Instrumenten-Spuren - und bastelte sich in einen wahren Rausch. Entsprechend viel Abenteurer-Spontaneität und kreatives Freispiel enthalten die Songs, die vielfach auf repetitiven afrikanischen Folk-Rhythmen basieren, auf die Perry zahlreiche Klang-Layer schichtet - und seinen fiebrig-delirierenden Gesang.

Im ratternden "Cortisol" clasht Thomas Dolbys Avant-Pop mit Krautrock, "King Franco Picasso" ist ein so tollkühn dekonstruierter Jazzfunkrock-Schieber, wie ihn so seelenvoll sonst nur Jamie Lidell hinkriegen würde.

In den Texten geht es dann auch schon mal um Zombies, E.T. und Ufos, die in Mexiko auf Pferden reiten ("Satan").Kein Zweifel, der Mann wird von Drogenräuschen und Dämonen geplagt und hat ganz schön einen an der Klatsche. Aber wann hat uns das im Pop zuletzt gestört? (7.5) Andreas Borcholte

Odd Couple - "Flügge"
(Cargo Records, seit 4. November)

"Haste Strom, haste Licht": So einfach ist das manchmal. Schon das hohe, lang gezogene "Stroooom" zu Beginn des gleichnamigen Songs lohnt den Erwerb dieser wahnwitzigen Platte. Dass dazu ein Garagenrock-Sound scheppert, den man zuletzt vor allem aus den fuzzy Regionen rund um San Francisco hörte, macht die Sache noch angenehmer. Denn Odd Couple kommen aus Berlin, nicht aus der Bay Area, heißen Jascha Kreft und Tammo Dehn - und veröffentlichen mit "Flügge" bereits ihr zweites Album.

Klar ist: Mit solcher Musik kommt man nicht weit in Deutschland, vielleicht noch in den Schrank bei "Circus Halligalli", aber nicht auf die große Fernsehbühne. Dafür dürften Konzerte von den beiden Nebenbei-Mitgliedern der Psych-Rock-Band Sons of Thyme demnächst durchaus gut besucht werden, wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, wie viel Spaß "Flügge" macht.

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Die Reverenzen an die US-Vorbilder von Donovans "Hurdy Gurdy Man" über Kinks und Kyuss bis Thee Oh Sees sind klar gesetzt, ein Song heißt gar "Go Sees", pretty obvious. Origineller sind Odd Couple, wenn sie ihren modernistisch in Szene gesetzten Retro-Sound in wabernden Krautrock oder Heavy-Blues wenden und Deutsch singen - da kollidiert Brant Bjork aufs Köstlichste mit Bauer, Garn & Dyke (falls die noch jemand kennt).

Im Stoner-Titelstück, dass samt Deichkind-Sequenzer-Mätzchen so absurd daherkommt, dass es am Ende im resignierten Mantra "Du weißt genau, dass es so nicht weitergeht" implodiert, findet die Band zu bedröhnter Dada-Identität; "Gedächtnismann" nadelt mit elektronischen Geräuschen, die aber coolerweise analog erzeugt wurden - und in "Gehirnkasten" treffen Can auf Trio. Strooooooom, Baby! (6.8) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
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butzibart13 15.11.2016
1. Folk der Siebziger
Diese ausgewählten Songs von Shirley Collins erinnern mich so ein bisschen an Lieder der Incredible String Band aus den 60-, 70-er Jahren, z. B. "This Moment" etc.
jazcoleman 15.11.2016
2.
"Im Stoner-Titelstück, dass samt Deichkind-Sequenzer-Mätzchen so absurd daherkommt" das-/dass-fehler im spiegel, die 327.
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