Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mist oder Meisterwerk - was ist das neue Arcade-Fire-Album? Lesen Sie hier. Außerdem: Wie Midlake ohne ihren alten Sänger klarkommen, wie Blackhearted Brother in Wehmut wabern und Lily & Madeleine ihre Teenage Angst mit Appalachen-Folk lindern.

Von und Jan Wigger


Arcade Fire - "Reflektor"
(Vertigo/Capitol/Universal, seit 25. Oktober)

James Murphy, der Witzbold. Er habe mit Arcade Fire übrigens keine Rockoper aufgenommen, sagte der neue Produzent und ehemalige DFA-Labelboss, der im vergangenen Jahrzehnt wie kein anderer die Hybridisierung von Dance und Rock vorangetrieben hat. Aber natürlich ist "Reflektor" genau das: eine Rockoper. Sie klingt nur zeitgemäßer. Arcade Fire wiederum, die mit drei hervorragenden Alben, energetischen, schamanischen Live-Shows, zerquälter Indie-Attitüde und nicht zuletzt durch ihren Grammy-Gewinn vor zwei Jahren zur größten Rockband des Planeten wurden, brauchten dringend eine Zukunftsperspektive, eine Vision fürs Weitermachen, damit niemand sagen kann, dass mit dem Schritt ins Establishment und zur Major-Plattenfirma der kreative Ausverkauf erfolgte. Murphys Rolle bei "Reflektor" ist vergleichbar mit der eines Impresarios: Ähnlich wie viele große Produzenten vor ihm (Rick Rubin, Brian Eno) musste er gar nicht viel machen. Wenn Murphy mit dem Fuß wippte, wusste die Band, dass sie alles richtig gemacht hatte, sagte Sänger Win Butler neulich in einem Interview. "Reflektor" ist also irgendwie auch Arcade Fires "Achtung Baby", aber es ist auch noch viel mehr.

Murphys Einfluss ist am stärksten zu Beginn des rund 76 Minuten langen Albums zu spüren: Das Titelstück, das auf souveränem "Billie Jean"-Beat marschierende "We Exist", das karibisch infizierte "Flashbulb Eyes" heben den im traditionellen Rock geerdeten Arcade-Fire-Sound demonstrativ aus den Angeln. Die Genregrenzen purzeln spätestens im Übergang zu "Here Comes The Night Time". Es beginnt mit Field-Recordings einer kreolischen Straßenparty, steigert sich in einen wilden Mardi-Gras-Kirmesstrudel, um dann in einen konzentrierten Uptempo-Dub zu münden. "Normal Person", "You Already Know" und "Joan Of Arc" klingen dann schon eher wieder nach den Arcade Fire von "The Suburbs", außer, dass sich die elegischen Streicher früherer Zeiten konsequent in Synthesizer verwandelt haben.

Worum es auf "Reflektor" wirklich geht, wird erst in der zweiten Hälfte deutlich, die noch einmal das "Here Comes The Night Time"-Thema aufgreift, diesmal sphärischer, drohender, mythischer. Dann folgt mit "Awful Sound (Oh Eurydice)" und "It's Never Over (Hey Orpheus)" das dualistische Herzstück des Albums. Orpheus, der griechische Sagenheld, konnte so ziemlich jede Kreatur, egal ob irdisch oder himmlisch, mit seinen Lyra-Klängen betören. Er schaffte es sogar, seine geliebte Flussnymphe Eurydike aus den Fängen des Unterwelt-Herrschers Hades zu befreien. Gut, der verliebte Narr drehte sich dann verbotenerweise nach ihr um und vermasselte seine glorreiche Rettungsaktion. Und am Ende rissen ihn die irren, gegen seine Sangeskunst immunen Monäden in Stücke, aber das macht seine Geschichte ja so schön tragisch.

Arcade Fire nutzen diesen uralten, in der Popkultur immer wieder variierten Mythos, um eine, ihre eigene, von Angst und Zweifel geschwärzte Geschichte über Musik zu erzählen. Hinter dem neuen, muskulösen, tanzbaren und durchaus humorvollen Stil der Band steht eine bange Frage: Was soll das eigentlich alles? Wie groß ist unsere Macht, was kann Musik? Wie lange können wir die Massen mit unserer Lyra bezaubern? "If there's no music in Heaven, then what is it for?", fragt Butler, und in der mokant hingerotzten Indie-Nummer "Normal Person" grübelt er halblaut aus dem Off: "Do you like Rock'n'Roll? Cause I don't know if I do." Und doch geht es immer weiter: "It's never over", flüstert "Eurydike" und Butler-Gattin Régine Chassagne ihrem Orpheus zu. Weil er sich immer wieder umdrehen wird, nach diesem flüchtigen Moment, in dem alles stimmt, alles perfekt ist, die Engel singen, die Frau der Träume gefunden, der Zenit erreicht. "If you stop to ask, it's already passed", heißt es in "You Already Know", einem der besten und traurigsten Stücke des Albums, das mit dem ermutigenden Tanzstück "Afterlife" ("Scream and shout, till we work it out") und der elf Minuten ambient dahinorgelnden, zum Schluss abwärts trudelnden Coda "Supersymmetry" endet. Die Unterwelt, der Hades, die "Night Time" ist immer nur einen Schulterblick entfernt. Aber Arcade Fire, mit diesem mutigen, drängenden, vitalen, unfassbar sehnsüchtigen und bittersüßen Album, strecken sich zum Licht: "We exist. We exist. We exist", ruft Win Butler trotzig dem gleichgültigen Rock'n'Roll-Gott entgegen. Und hinten, im Dunkel der Vergangenheit, stehen David Bowie, David Byrne und Bono mit den Nymphen. Und weinen. (10) Andreas Borcholte

"Reflektor"-Videoclip von Arcade Fire auf tape.tv ansehen

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Midlake - "Antiphon"
(Bella Union/Pias, ab 1. November)

Wenn eine Jazzband Rock spielen muss, dann ist das ungefähr so, als würde Roger Willemsen das "Supertalent" übernehmen. Es kann also grauenhaft werden oder für alle Beteiligten eine Bereicherung. Midlake wurden natürlich nicht dazu gezwungen, ihre Herbie-Hancock-Coverversionen für psychedelischen Folkrock aufzugeben, sie begriffen den Abstieg in die Niederungen der Gitarrenmusik als Herausforderung - und schufen drei wundersame, wohlklingende Alben im Stil britischer Folklegenden wie Pentangle. Sänger und Drummer Tim Smith hatte nach dem hervorragenden "The Courage Of Others" (2010) trotzdem die Nase voll und zog im vergangenen Jahr weiter, um die Band Harp zu gründen, die momentan aus ihm allein besteht und noch keine Veröffentlichung vorweisen kann. Auf seiner Website schreibt er vorsichtshalber, dass seine neue Musik vermutlich auch Midlake-Fans beglücken wird, denn er könne diesem Sound sowieso nicht entkommen. Wobei man sich dann wieder fragt, warum er überhaupt gegangen ist. Aber egal.

Der Rest von Midlake stand nach zwei Jahren Arbeit am vierten Album also plötzlich ohne den Mann da, der bisher die meisten Songs geschrieben hatte und als Stimme der Band nicht unbedingt entbehrlich schien. Andere hätten vielleicht hingeschmissen, Tantiemen gezählt, sich ein kleines Fast-Food-Franchise im Texanischen gepachtet, wären Schafzüchter oder Lautenbauer geworden. Gitarrist Eric Pulido jedoch fasste sich ein Herz, erklärte sich zum neuen Sänger, und kurzerhand wurde das mit Smith geschriebene und aufgenommene Material in die Tonne gekloppt. Sechs Monate später war "Antiphon" fertig, also so ungefähr Midlakes "Trick Of The Tail". Was ja kein schlechtes Genesis-Album war, auch ohne Peter Gabriel, vor allem natürlich, weil Phil Collins sich redlich mühte, mehr nach Gabriel zu klingen als Gabriel selbst. Auch Pulido strengt sich nicht extra an, anders als Smith zu klingen, was für minimalste Verstörung beim Stammpublikum sorgen dürfte.

Dafür klingt tatsächlich die Musik anders, weniger nach keltischen Druiden, die schöne Weisen im Wald singen und dabei mit ein paar geschickten Handgelenkbewegungen Misteln absicheln, dafür mehr nach fingerfertigen Gunslingern im Wüstensand. Auf dem Mars. Vor allem die erste Hälfte überzeugt mit hemdsärmeligen Krautrock-Derivaten wie "Antiphon", "Provider" oder dem hitähnlichsten "The Old And The Young". "It's Going Down" klingt, als wäre es von den "Van Occupanther"-Sessions übrig geblieben und in einen Moog-Remix geschleudert worden, das instrumentale, in alle irren Farben des Kaleidoskops zersplitternde "Vale" ist das einzige Überbleibsel aus den noch mit Smith komponierten Songs, danach wird's dann ein bisschen beliebig, wenngleich nicht wirklich unschön. "Ages" zum Beispiel schmeichelt sich durch eine hypnotische Neil-Young-Sprödigkeit ein. Ein "Roscoe", "Young Bride", "Small Mountain" oder "Core Of Nature" findet sich nicht auf "Antiphon", aber abschreiben sollte man Midlake deswegen noch lange nicht. Zur Not machen sie irgendwann wieder Jazz. (6.7) Andreas Borcholte

"Antiphon"-Videoclip von Midlake auf tape.tv ansehen

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Black Hearted Brother - "Stars Are Our Home"
(Club Sonic Cathedral/K7, seit 25. Oktober)

Nach einer Woche Red Lorry Yellow Lorry und Oingo Boingo (im November: The Androids Of Mu) kommen mir Black Hearted Brother ganz gelegen. Allerdings stellte sich erst nach dem kurzen Überfliegen des Infoschreibens heraus, dass hier - wie vermutet - tatsächlich Neil Halstead singt, dessen Stimme man nach Slowdive und "Excuses For Travellers" von Mojave 3 (nie wieder waren sie so gut!) nicht mehr vergessen hat. "Stars Are Our Home" entstand gemeinsam mit Nick Holton (Coley Park, Holton's Opulent Oog) und Mark van Hoen (Seefeel, Locust, Solo-Kram). Van Hoen stieß erst spät dazu, um Ideen zu sichten, das Chaos zu ordnen und die Ebenen zu verdichten. Und wie von Zauberhand entstand ein Album, das weder Rücksicht auf die Kluge-Blumenmädchen-Hörerschaft von Mojave 3 und Halstead solo noch auf die Dröhnkopp-Klientel ("Das ist wie Fliegen!") Slowdives Rücksicht nimmt. "This Is How It Feels" ist zirpender, wohlmeinender Pop, "Ufo" eine echte Hymne für Feinde herkömmlicher Charts-Ware und "Oh Crust" für Halstead-Verhältnisse fast schon Can, Silver Apples, Neu!. Nur logisch, dass gleich der nächste Track die letzte Ausfahrt Pop nimmt: "Take Heart" ist Teil jenes Baumwipfel-Folk-Programms, das Halstead (übrigens einer der größten Neil-Young-Fans, die ich je getroffen habe) so tadellos beherrscht. Der zunächst gedämpft dahingleitende Space-Rock von "My Baby Just Sailed Away" führt dann alles wieder zusammen: Das Wabern und die Wehmut, das Elegante und das Temperierte, das Schroffe und den Tod. Can you hear me, Major Tom? (7.4) Jan Wigger

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Lily & Madeleine - "Lily & Madeleine"
(Asthmatic Kitty Records/Soulfood, ab 1. November)

"She's basically like Hannah Montana", sagte Madeleine Jurkiewicz, 18, neulich der "New York Times" über ihre zwei Jahre jüngere Schwester Lily, weil sich in der Schule, irgendwo in Indiana, niemand so richtig dafür interessiert, dass Lily & Madeleine inzwischen zu YouTube- und Reddit-Stars geworden sind und von Medien wie, eben, der "New York Times" als nächstes großes Ding gefeiert werden. "Nobody really cares", sagte Lily über ihr Doppelleben als Schülerin und Sängerin sanfter Folkmelodien, die nun auf ihrem Debütalbum versammelt sind. Gut, das könnte sich schnell ändern, aber andererseits sind Lily & Madeleine eben nicht Hannah Montana, und schon allein deswegen wird der ganz große Hype ausbleiben, was man den beiden sehr reizenden Schwestern auch nur wünschen möchte. Dann können sie nämlich weiterhin, ganz unberührt von Trends und Big-Business-Einflüssen ihren wirklich sehr schönen Harmoniegesang und die ebenfalls sehr schöne Tradition des Appalachen-Folks pflegen. Manchmal klingen sie angenehm nach Simon & Garfunkel ("Sounds Like Somewhere"), manchmal so frech-fröhlich und Indiepop-verliebt wie Caitlin Rose ("Nothing But Time", "I've Got Freedom"), und oft einfach nur so waldelfenbezaubernd, dass jede Beschreibung versagt ("Devil We Know", "Disappearing Heart"). Ein Schelm, wer jetzt fragt, warum sich zwei Teenager einer so altmodischen Musik zuwenden und so sehnsüchtig melancholische Texte schreiben: That's what being a teenager is all about, stupid! Entdeckt hat die beiden übrigens Neo-Folkmeister Sufjan Stevens. Guter Mann. (7.0) Andreas Borcholte

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
nicosx 29.10.2013
1. Arcade Fire
Arcade Fire müssen ja - Kritikern zufolge - wirklich großartig sein. Nur leider hat mich bisher jedes Album auch nach mehrfachem Hören gelangweilt. Naja ich geb denen und mir noch eine Chance. Eine letzte...
xcver 29.10.2013
2. Eine 10...wirklich?
Gab' es denn vorher schon Alben die eine glatte 10 bekamen? Das erscheint mir wirklich Abstruss, von diesen Rock Göttern (von denen ich bis eben noch nichts gehört hatte da es mich einfach nicht interessiert hat). Ich werde mal reinhören und vermutlich feststellen, dass eigentlich kein Album eine 10 verdient hat.
crunchy_frog 29.10.2013
3.
Zitat von nicosxArcade Fire müssen ja - Kritikern zufolge - wirklich großartig sein. Nur leider hat mich bisher jedes Album auch nach mehrfachem Hören gelangweilt. Naja ich geb denen und mir noch eine Chance. Eine letzte...
Funeral? Gelangweilt? Sie müssen taub sein.
crunchy_frog 29.10.2013
4.
Zitat von xcverGab' es denn vorher schon Alben die eine glatte 10 bekamen? Das erscheint mir wirklich Abstruss, von diesen Rock Göttern (von denen ich bis eben noch nichts gehört hatte da es mich einfach nicht interessiert hat). Ich werde mal reinhören und vermutlich feststellen, dass eigentlich kein Album eine 10 verdient hat.
Tocotronic bekam 2007 eine 10 für Kapitulation.
order66 29.10.2013
5. Also wenn Tocotronic
10 bekommt ist das Album von Arcade genauso mies?
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