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27. Februar 2013, 16:09 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Von Felix Bayer und

Thom Yorke und seine Supergroup Atoms For Peace proben die leider etwas unterkühlte Fusion von Indie-Rock, Afrobeat und Elektro, Thurston Moore zieht sich für Chelsea Light Moving noch mal das enge T-Shirt an, Rhye machen Ordnung im Soul-Haus. Außerdem: Kate Nashs neues Album "Girl Talk" im Komplett-Stream!

Liebe Abgehört-Leser,

der geschätzte Kollege Jan Wigger nimmt sich nach zwölf Jahren unermüdlicher Rezensententätigkeit mal eine verdiente, ausgedehnte Auszeit (wahrscheinlich, um noch mal in Ruhe alle Fleetwood-Mac-Platten auswendig zu lernen, man weiß es nicht). Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Den Anfang macht in dieser Ausgabe Felix Bayer ("Musikexpress", SPIEGEL ONLINE).

Atoms For Peace - "Amok"
(XL/Beggars/Indigo, seit 22. Februar)

"There's no spark/ No light in the dark/ It gets you down/ There's no time to analyse", sang, nein, klagte Thom Yorke vor sieben Jahren in "Analyse" auf seinem Solo-Debüt "The Eraser" über einem verloren wirkenden Piano und einem hektischen, papierraschelnden Beat - ein Song für den Rand der Verzweiflung und das Schaudern, das dazugehört. "Amok" ist so etwas wie der Nachfolger von "The Eraser", aber inzwischen hat sich das, was als Befreiung von den Gruppenzwängen des Bandleadertums gedacht war, zur Supergroup ausgewachsen. Radioheads Produzent und Schattenmitglied Nigel Godrich sorgt erneut für Türme voller Effektgeräte und Elektronik, dazu kamen Beck-Drummer Joey Waronker, David Byrnes Perkussionist Mauro Refosco sowie Red-Hot-Chili-Peppers-Bassist Flea - also eine gewichtige Rhythmusgruppe. Die meisten Demos entstanden beim gemeinsamen Rumhängen der "Band" in Los Angeles, bei ausgedehnten nächtlichen Besäufnissen, zu denen ordentlich Fela Kuti gehört wurde.

Die Vorliebe des Hobby-DJs Yorke für Afrobeat ist bekannt, so dass das Album mit "Before Your Very Eyes" konsequent mit polyrhthmischer Gitarre und rasantem Hi-Hat-Einsatz beginnt. Nach einigen Takten setzt dann Fleas Bass, hoppelnd und funky, ein und gibt dem flirrenden Konstrukt die nötige Bodenhaftung. Yorke singt dazu irgendwas über die Dinge, die an dir vorüberziehen, wenn du zu Hause sitzt und aus dem Fenster guckst, seine gewohnt schwebende Intellekto-Shoegaze-Nummer halt - jedes Wort in die maximale Sehnsucht gedehnt. Ein faszinierendes Stück Musik, vor allem, weil etwa bis zur Hälfte des Songs alle echten Instrumente durch elektronische ersetzt werden, ohne dass man es beim ersten Hören merkt: Rockmusik, die zwischen Afro und Elektro oszilliert. So weit wie Godrich, der "Amok" angeberisch mit den Fusion-Jazz-Experimenten eines Miles Davis vergleicht, muss man nicht gehen, dennoch ist allein die Präzision und musikalische Tiefe der insgesamt neun Stücke so beeindruckend, dass man nur jedem empfehlen kann, sich das Ganze laut und mit Kopfhörern anzuhören. "Ingenue" ist eine vertrackte, auf ineinander verkeilten Klangflächen und Wassertropfen-Geräuschen treibende Ballade, "Dropped" eine mit Depeche-Mode-Pathos gekreuzte Drum'n'Bass-Nummer, das dürre, knisternde, knackende "Unless" erinnert noch am ehesten an "The Eraser", es wird allerdings in der Mitte durch einen Ethnobeat-Teil unterbrochen, der Flea Gelegenheit zum Austoben gibt. Gegen Ende enthält das Album mit dem Funkgroove von "Stuck Together Pieces", dem leise handclappenden Dubstep-Derivat "Judge, Jury and Executioner" und dem skelettierten House-Beat des Titelstücks seine stärksten Momente. Und doch fehlt den Tracks zu oft das Herz, um neben aller Brillanz auch Emotionalität aufkommen zu lassen. Vielleicht hatten die Jungs diesmal einfach zu viel Zeit zum Analysieren: Yorke und Godrich bastelten sich aus den langen L.A.-Jams die Teile heraus, die sie mit ihren Maschinensounds verflechten und verfremden wollten, dabei blieb wohl irgendwas auf der Strecke. Das macht "Amok" zu einer schillernden, glanzvollen, aber auch ziemlich kalten Oberfläche, die man kaum je durchdringt. (7.3) Andreas Borcholte

Kate Nash - "Girl Talk"
(Fontana/Universal, ab 1. März)

Lesen Sie hier unsere Rezension von "Girl Talk" und hören Sie das komplette Album im Stream!

Rhye - "Woman"
(Innovative Leisure/Polydor/Universal, ab 1. März)

"There should be words/ there should be words to explain the way/ But I'm tongue-tied and twisted/ Where's those words..." Aha, dieses Duo will dahin, wo es keine Worte mehr gibt. Und Cover, Video, Sounds zeigen an, wo das ist: im Land der Sexualität, Sinnlichkeit, solcherlei. Da ist die Verwirrung ja manchmal groß, gerade weil das mit den Worten so kompliziert wird, und so kam es auch um Rhye zu einiger Verwirrung, hielten doch, nachdem 2012 mit "Open" und "The Fall" die ersten Songs mit recht wenigen Begleitinformationen aufgetaucht waren, viele die Stimme für eine weibliche, die an den distanzierten Gesang von Sade oder an die Gelassenheit von Tracey Thorn erinnerte.

Doch es ist ein Mann! Mike Milosh aus Toronto, der in Berlin lebte, als ihn Robin Hannibal aus Kopenhagen kontaktierte, ein Musikproduzent mit einer Vorliebe für die geschmackvoll, aber karg eingerichteten, sehr aufgeräumten Zimmer im Haus des Soul. Zusammen sind sie also Rhye, leben inzwischen beide in Los Angeles, wo sie lustigerweise beide unabhängig voneinander auch schon eine Vergangenheit hatten, beim altgedienten Indietronics-Label Plug Research. Ihr Debütalbum "Woman" verhält sich zu den stilisierten Vorbildern aus den Achtzigern ein bisschen wie das Schwegler/Rode-Mittelfeld von heute zu der Bein/Möller-Besetzung von einst: weniger aufbrausend und emotional also, defensiver, aber in Wahrheit vielleicht sogar noch etwas effizienter. So entwickelt sich das Album sehr stimmungsvoll, mal tänzelt ein Beat etwas davon, doch insgesamt bleibt alles sanft, sehr sanft, bis dann zum Schluss im Titelsong nur noch ein einziges Wort gesäuselt, gefleht, gejammert wird: "Woman". (7.8) Felix Bayer

Video auf tape.tv ansehen

Chelsea Light Moving - "Chelsea Light Moving"
(Matador/Beggars/Indigo, ab 1. März)

Es gibt Musiker, die auf ihrem Post-Break-up-Album in herzerweichend Doom und Gloom verfallen, es gibt auch welche, die den Zyniker und Misogynisten in sich entdecken, und es gibt Thurston Moore. Frau weg, Band im undefinierten Pause-Modus - erstmal raus auf die Straße, das T-Shirt ein bisschen zu eng, und mit ein paar Freunden eine Platte machen, die vor allem eins sein muss: laut. Um eine Ahnung davon zu bekommen, worum es dem derzeit arbeitslosen Sonic-Youth-Gitarristen/Songwriter mit Chelsea Light Moving (Samara Lubelski (Bass), Keith Wood (Gitarre) und John Moloney (Drums)) geht, sollte sich zunächst mal das knapp achtminütige "Alighted" anhören: "I came to get alighted/ I came to get ignited/ I came to get divided/ I came to get waaaaaysted", deklamiert Moore da im Borderliner-Sprechgesang, aber nicht auf einer schnellen Punknummer, sondern auf der Antithese davon, sagen wir Richard Hell & The Voidoids in Stoner-Zeitlupe. Schneller und geschredderter geht's auch, das hört man auf dem sich zu Lärmexplosionen auftürmenden "Burroughs", natürlich William S. gewidmet, im Dead-Kennedys-Gedächtnis-Punk von "Communist Eyes" oder in "Lip", dessen Refrain aus einem launig hingerotzten "Too fuckin' bad!" besteht. "Frank O'Hara Hit" ist ein von bedrückendem Bass dominiertes Stück über den gleichnamigen Dichter und Kunstkritiker, der am 24. Juli 1966 auf Fire Island nahe New York von einem Strandbuggy (!) totgefahren wurde. Gespiegelt wird dieses tragische Ereignis im Text mit dem legendär ausgebuhten Rock'n'Roll-Auftritt Bob Dylans mit der Butterfield Blues Band am 25. Juli 1966 und geht zurück bis zu Mick Jaggers Geburt am 26. Juli 1946, alles wichtige, formative Daten für den heute 54-Jährigen Moore, dessen Geburtstag der, ta-da, 25. Juli ist. "Chelsea Light Moving" ist also als befreites Aufspielen eines Berufsjugendlichen zu verstehen, der sich ohne Alterssarkasmus, dafür aber mit reichlich Elan noch einmal in den Lärmorkan seiner teenage dreams wirft, natürlich versetzt mit all den Kunst-, Artrock-, Postrock- und Polit-Nuggets, die in Sonic Youths Platten immer schon zu finden waren. Es macht Spaß, sie zu suchen. "Chelsea Light Moving" war übrigens der Name einer Umzugsfirma, die Steve Reich und Philip Glass, damals noch experimentierende Unbekannte, in den Siebzigern als Brotjob betrieben.

"The band is ready to detonate any birthday party, wedding or hullaboo in any country, planet or stratosphere that doesn't support right wing extremist NRA sucking bozo-ology" annoncierte Moore unlängst, als wäre seine neue Band gerade der Schulaula entkommen. Sie wollten immer schon mal Thurston Moore in ihrem Wohnzimmer spielen sehen? Los, bewerben, der Mann ist Draufgänger genug, das wirklich durchzuziehen. (7.6) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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