Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Wer braucht schon Plattenfirmen? Indie-Beyoncé Azealia Banks veröffentlichte ihr Debüt-Album jetzt selbst, und es ist toll! So wie irgendwie auch Ariel Pink. Aber lesen Sie selbst. Außerdem: Daniel Lanois! Bruce Springsteen!

Von und Jan Wigger


Azealia Banks - "Broke With Expensive Taste"
(Azealia Banks/Prospect Park, seit 10. November)

Das Album, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Nach der Hälfte von "Idle Delilah", einer grandiosen, kristallinen Synthese aus House, Dubstep-Beat und karibischen Rhythmen, fragt man sich unwillkürlich, warum um Himmels Willen damit bei Interscope niemand etwas anfangen konnte. Das Universal-Unterlabel weigerte sich fast ein Jahr lang, das Debüt-Album der heiß gehandelten R&B-Newcomern zu veröffentlichen, bis es Banks im Sommer, nach reichlich medial gewaschener schmutziger Wäsche, schließlich aus dem Vertrag entließ. Beim zweiten Song, "Gimme A Chance", bekommt man dann schon eine kleine Ahnung, wo das Problem gelegen haben könnte: Der bis dahin extrem drückende Discofunk-Rap kippt zum Ende hin urplötzlich in eine spanische gesungene Salsa-Merengue-Nummer. Track drei, rasant gerappt, ist lupenreiner UK-Garage. Kein Wunder also, dass die Label-Leute dafür keine Vermarktungs-Schublade fanden.

Banks brachte ihr Album vergangene Woche kurzerhand selbst heraus, Beyoncé-Style, nur mit weniger Medien-Hysterie. Inzwischen ist es in die US-Billboard-Charts auf einem ordentlichen 30. Platz eingestiegen. Nicht schlecht, wenn man das Fehlen jeglicher Werbung bedenkt.

Azealia Banks, die 2012 mit ihrer Single House/HipHop-Hybrid-Single "212" über die Grenzen von Harlem, ihrer Hood, hinaus bekannt wurde und bald als einer der kommenden Top-Stars des Genres galt, bleibt mit der DIY-Veröffentlichung ihrem angestammten Turf treu: Höhen und Tiefen ihrer Karriere bildeten und spielten sich bisher fast ausschließlich im virtuellen Raum der Mixtapes, Chat-Rooms, Netz-Stores und Sozialmedien ab. Wer allerdings das Glück hatte, Banks bei einem ihrer explosiven Auftritte live zu erleben, der ahnt, dass sich hinter der zickigen, verbal gerne austeilenden Mini-Diva eine Künstlerin mit Potential für weitaus Größeres verbirgt. Das eigentlich recht geräumige Berliner "Huxley's" schien jedenfalls vor einigen Wochen beim einzigen Deutschlandkonzert schnell zu eng für den raumgreifenden, ultra-präsenten Auftritt der New Yorkerin, die sowohl R&B-Gesang als auch turboschnellen Rap beherrscht.

Ihr ungestümer, vielleicht tatsächlich noch etwas ungeordneter Wille zum Genre-Bending schlägt sich auch auf "Broke With Expensive Taste" nieder, wobei satte sechs Stücke bereits von vorherigen Single- und Mixtape-Veröffentlichungen bekannt sind, darunter "212", das sperrig-industrielle "Heavy Metal And Reflective" und die verzerrt-kreischige "Pump Up The Jam"-Hommage "Yung Rapunxel". Zwei der neuen Stücke, "Miss Amor" und "Miss Camaraderie" zeigen, dass Banks neben den karibisch-lateinamerikanischen Einflüssen der nahen Bronx auch den gerade auferstehenden Vocal-House der Neunziger nebst Eurotrash-Gestampf studiert hat.

Azealia sei aufbrausend und krass und wisse immer genau, was sie wolle, sagte Kevin Hussein alias Strictly Rhythm, der mit ihr an 12 von 17 Tracks arbeitete, dem Magazin "Billboard", aber am wichtigsten sei, "dass sie eine echte künstlerische Vision hat, und das haben die bei Interscope nicht kapiert."

Im Nachhinein betrachtet ist es ein großer Vorteil für uns als Publikum, dass es sich die temperamentvolle Banks dank ihrer Twitter-Rants mit den Plattenfirmenbossen, Perez Hilton, Pharrell Williams und anderen Teilen des Pop-Establishments verdorben hat, denn dieses so disparat und desperadohaft zur Welt gekommen Albums zeigt die stilistische Bandbreite der Indie-Beyoncé Banks weitgehend unverfälscht von Kalkül, ablenkenden Features und prominenter Remixerei. Was lange währte und nervte, ist nun endlich mal wirklich gut. (8.0) Andreas Borcholte

ANZEIGE MP3 kaufen bei
Ariel Pink - "Pom Pom"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 14. November)

Der Quälgeist, den wir riefen: Ariel Pink bezeichnet sich in einem seiner neuen Songs zwar (nicht ohne Humor) als "Sex King", in Wahrheit ist der 36-Jährige Musiker aus L.A. zunächst mal der König der Hipster. Seit unter anderem wir sein Album "Before Today" vor nunmehr vier Jahren über den Klee lobten, wurde Pink, der eigentlich Rosenberg heißt, zum Propheten eines mokant-amateurhaften, postmodern-ironischen Indie-Pops. Pinks Musik kommt immer dann gut, wenn man keine Lust hat, seine wahren Gefühle zu zeigen, sich aber vor den Girls trotzdem als sensibles, mondänes, humorvolles Kerlchen geben möchte. Es ist ein bisschen wie mit Wes-Anderson-Filmen.

Natürlich ist der Backlash unvermeidlich. So sorgte Pink, der sich wahrscheinlich am meisten über die ihm zuteil gewordene Aufmerksamkeit der Medien wundert, in letzter Zeit mit einigen befremdlichen Aussagen für Unmut beim auf Political Correctness bedachten Indie-Volk. Nicht genug, dass er der inzwischen sakrosankten Madonna reinwürgte, ihre Karriere stinke im Grunde bereits seit 1983, daher habe sie ihn anfragen lassen, ein paar Songs für ihr neues Album beizusteuern (was möglicherweise stimmt, aber von Madonnas Management amüsant dementiert wurde). Die an ihn gerichteten Hass-Attacken auf Twitter und Co. verglich er prompt mit dem Massaker der Hutu an den Tutsi in Ruanda. In Interviews sagt er auch gerne mal ungefragt, dass er Pädophile mag.

Besorgte Medien fragen sich folglich, was mit ihrem Idol geschehen ist. Die Antwort ist einfach: Gar nichts. Pink war wahrscheinlich schon immer so, im Gegensatz zu früher hört heute die halbe Welt zu. Und deshalb taucht auch eine mit allerlei Grotesken gefüllte Platte wie "Pom Pom" hier auf, weil sie als wichtiges neues Zeugnis eines relevanten Pop-Künstlers wahrgenommen wird. Und das ist vielleicht eines der schönsten Schelmenstücke der letzten Jahre.

Unbestritten ist, dass Pink ein grandioses Gespür für Melodien und Pop-Hooks besitzt. Ebenso wenig ist aber von der Hand zu weisen, dass er sich niemals traut, diese einfach schön und straight sein zu lassen. Ständig wabern Störgeräusche und Verzerrungen hinein, oder der ganze Song kippt einfach in einen anderen Rhythmus oder, what the heck, warum nicht gleich in eine ganz andere Tonart, einen anderen Stil!

Das war bereits auf "Before Today" und dem Nachfolger "Mature Themes" so, und am generellen ADHS hat sich auch auf Pinks erstem Solo-Album nichts geändert. Ohnehin fällt Pink nicht viel Neues ein, außer, wie einst Yacht Rock in seiner Hit-Single "Round And Round", obskure Musikstile und Genres karikierend wiederzubeleben. Diesmal unter anderem Stadion-Gothrock ("Not Enough Violence"), ungelenken bis zuckrigen Achtziger-Wavepop ("White Freckles", "Lipstick"), Twee-Pop ("Put Your Number In My Phone"), Thin Lizzy ("Goth Bomb") oder Dead Kennedys ("Negativ Ed"). Am irrsten von insgesamt 17 Songs sind "Four Shadows", dessen Überblasenheit entweder an Ghostbusters oder Kanye West erinnern will, vielleicht auch an beide; und "Dinsosaur Carebears", einem schrecklich aus den Fugen geratenen 64-Bit-Videospiel-Soundtrack. Ach ja, und "Sexual Athletics", ein infames P-Funk-Plagiat im Stile von Blowfly, ist übrigens der Song, in dem sich Pink als Sex-König bezeichnet, "waiting for my Alice in Wonderland".

"Sexual diversion, don't call it perversion", heißt es darin auch, im Kindersingsang. Aber nur wenig später, in der Quasi-Ballade "Exile On Frog Street", entlarvt sich der Provokateur als Popanz: Er suche doch nur eine Freundin und möchte von wahrer Liebe geküsst werden. Da steht er dann mal ganz nackt da, der manchmal geniale, manchmal einfach nur alberne, oft unmögliche Bengel, den wir zum König gekrönt haben. Pom pom, palim, palim, das haben wir nun davon. In seiner ganzen verpeilten Unverschämtheit kann das natürlich toll finden. Wie man auch Weird Al Yankovic und Howard Stern toll finden kann. Irgendwie. (6.6) Andreas Borcholte

Ariel Pink - "Black Ballerina"

Black Ballerina von Ariel Pink auf tape.tv.

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei
Daniel Lanois - "Flesh And Machine"
(Anti/Indigo, seit 31. Oktober)

Aus seltsamsten Gründen musste ich beim Lesen des Titels der neuen Daniel-Lanois-Platte nicht sofort an David Cronenberg, sondern an ein Interview mit den schwäbischen Jungrockern Rebellious Spirit in der "Breakout" denken: Mötley Crüe und Skid Row seien immer noch wichtig, aber "wir hören auch völlig anderes Zeug, sind da sehr breit aufgestellt. Da ist dann auch schon mal viel Grunge und Dark Rock dabei, aber auch Metal und sogar Metalcore kann auftauchen!" Sogar Metalcore! Ach, hätte man Jannik, Corvin, Jens und Silvio doch zum Spoon-Konzert nach Hamburg verschleppt, die sind nämlich "breit aufgestellt", bestes Rockkonzert des Jahres, aber was kann man mit einer solchen Fülle an brillantem Material auch falsch machen?

Am anderen, unteren Ende der Skala: Marius Müller-Westernhagens ledriger, schwerfälliger Auftritt bei "Circus Halligalli", es war wieder Brunftzeit, denn Marius röhrt und hechelt ja nur noch, tragisch für alle, die nach "Geiler is' schon" ausgestiegen sind. Legen wir einfach was anderes auf: Daniel Lanois. Nicht mehr ganz der Daniel Lanois, den wir von Dylans "Oh Mercy", Bonos "The Joshua Tree" oder den Herzensarbeiten für Billy Bob Thornton kennen, nein, auf "Flesh And Machine" ist er als Geist unterwegs, mal wieder, denkt man, wenn man frühere Lanois-Platten wie "Belladonna" oder "Here Is What It Is" dagegen hält: Musikalisch liegen Welten dazwischen, doch es ist immer noch die Erscheinung, das alte Gespenst, das Bild des sensiblen Atheisten, das nun in ruhigen ("Two Bushas") wie unruhigen ("The End") Tracks zum Vorschein kommt.

Warp-Katalog, Eno, Krankenhausmusik, Walgesänge, Post-Rock, New Age und emotionales Zerschellen - Lanois hat alles drauf, weshalb man "Flesh And Machine" auch unbedingt "modern" (there, I said it) nennen darf, gerade weil Lanois hier auf digitale Mittel verzichtet. Gemeinsam mit der Modern School Of Film wählte er Regisseure aus, die Kurzfilme zu den elf Stücken drehten, Atom Egoyan ist auch dabei. Der große kanadische Stilist weiß: Nur in der Kunst haben die Menschen keine Zungen aus Stein. (7.5) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei
Bruce Springsteen - "The Albums Collection Vol.1 1973 - 1984"
(Columbia/Sony, seit 14. November)

Mit ausdrücklicher Erlaubnis eines von mir generell sehr geschätzten Gesprächspartners (es war ein Donnerstag, und bald darauf sollte die Sonne scheinen) gebe ich hiermit zu Protokoll, dass man Neil Youngs aktuelles Orchesterwerk musikalisch wie textlich auch als Publikumsbeleidigung auffassen kann. Dies wunderte mich, finde ich "Storytone" doch ganz wundervoll. Aber vor allem von Angesicht zu Angesicht fällt mir das Argumentieren und Begründen schwer (Mathematiker müsste man sein, oder wenigstens logisch-analytisch denken können), daher sagte ich schwer verunsichert einfach, dass ich bei bestimmten Künstlern schon seit Ewigkeiten nicht mehr ganz so arg (oder gar nicht mehr) auf die Lyrics achte, solange sie nur "live abliefern" (Oh Gott!) und niemals, niemals auch nur darüber nachdenken, ihr endloses Touren zu beenden.

Neil Young & Crazy Horse (#ewigeNummerZwei) und Bruce Springsteen & The E Street Band (#ewigeNummerEins) fallen mir dazu ein, und wer einmal dabei war, wird kaum bestreiten, wie die einzigartigen Shows, diese heiligen Messen voller Zorn, Kraft und Poesie, unsere Leben verändert haben. Wie steht es um die Platten? Etwas so Furioses wie "Psychedelic Pill" gelang Springsteen nach dem introspektiven Meisterwerk "Tunnel Of Love" (1987) nicht mehr, dafür das von Brendan O'Brien kaputt produzierte "The Rising" und der Wutklumpen "Wrecking Ball" (2012), dessen Songs in einer triumphalen Welttournee mit bis zu vierstündigen Marathon-Auftritten (Helsinki!) mündeten. Gab es danach noch offene Fragen?

Ja, vielleicht: Wann kommt die "The River"-Box? Wann kommt die "Born In The U.S.A."-Box? Und folgt auf Himmel, Fegefeuer und Hölle wirklich nur noch der Blues? Natürlich kennt man die ersten elf Springsteen-Jahre in- und auswendig, doch das ist kein Grund, "The Album Collection Vol. 1 1973 - 1984" nicht zu kaufen. Fünf der sieben Alben liegen dank Bob Ludwig und Toby Scott zum ersten Mal remastered auf CD vor, der Rest ("Born To Run" und "Darkness On The Edge Of Town") ist ohnehin Geschichte und wird auch dann noch da sein, wenn alle anderen Dinge sich rasch verwandelt haben und zu Staub geworden sind. Ich werde die Schatulle mit dem 60-seitigen Büchlein ausnahmsweise nicht unter "Springsteen" einordnen, sondern sie unter ein irres Konzertfoto legen, das A. einst aus New Jersey mitbrachte. Wer sich gern erinnert, lebt zweimal. "Greetings From Asbury Park, N. J." (9.1), "The Wild, The Innocent & The E Street Shuffle" (9.5), "Born To Run" (10), "Darkness On The Edge Of Town" (10), "The River" (8.7)", "Nebraska" (9.3), "Born In The U.S.A." (9.3) Jan Wigger

Bruce Springsteen - "I'm On Fire"

I'm On Fire von Bruce Springsteen auf tape.tv.

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei
Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
superstrom 18.11.2014
1.
"Das eigentlich recht geräumige Berliner "Huxley's" schien jedenfalls vor einigen Wochen beim einzigen Deutschlandkonzert schnell zu eng für den raumgreifenden, ultra-präsenten Auftritt der New Yorkerin, die sowohl R&B-Gesang als auch turboschnellen Rap beherrscht." Waren wir auf dem gleichen Konzert? Das Huxleys war (ungerechtgertigter Weise) halb voll / halb leer (für Kultur-Pessimisten). Oder war das sinnbildlich?
cilantro12 18.11.2014
2. Schreib mal was eigenes...
Das Azelia Banks Review ist doch ziemlich nah an dem von Pitchfork... Langweilig.
sucramotto 18.11.2014
3. Bruce Springsteen
Höre gerade das Album "The River" aus der Box. Hier ist am deutlichsten das Remastering zu hören. Welch ein grandioses Album, genau wie all die anderen aus dieser Box. Unglaublich, wie stark jedes einzelne Album ist, obwohl jedes Album komplett anders ist als der Vorgänger. Im übrigen widerspreche ich dem Autor, denn jedes einzelne Album von Springsteen bis heute ist für sich ein Meisterwerk, auch und vor allem Wrecking Ball. Und noch etwas: Ich war in Helsinki bei jenem 4 stündigen Konzert, exakt waren es 4:06 ohne Pause!!! Dazu kam ein halbstündiges Akustikset von Bruce ganz alleine 2 Stunden vor eigentlichem Konzertbeginn, als nur ein paar Hundert Fans bereits im Olympiastadion waren. Das waren alles in allem über 4,5 Stunden Musik von Springsteen und das zu einem Ticketpreis von gerade einmal 75 Euro! Springsteen ist der größte Live-Entertainer der Gegenwart, einen wie ihn wird es wohl nie wieder geben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.