Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche
Brummler, Murmler, Hexer! Wie Bill Callahan zur absoluten Meisterschaft gelangt? Lesen Sie hier. Außerdem: Wie die Hype-Bands Haim und Chvrches sich auf Albumlänge schlagen, warum Janelle Monáe eine unheimliche Singularität ist und Neues von Trentemøller.
Bill Callahan
- "Dream River"
(Drag City/Rough Trade, seit 20. September)
Bill wünschte sich den bleibenden Frieden, die Verheißung, den Anfang der Unschuld und die erfolgreiche Vermischung von Mensch und Tier. Hat man ihn erhört? "Dream River" ist da, und "Dream River" ist brillant, was niemanden mehr wundern darf, der auch nur "The Sing" gehört hat: "Drinking while sleeping, strangers unknowingly keep me company/ In the hotel bar, looking out a window that isn't there/ Looking at the carpet and the chairs/ The only words I've said today are beer and thank you/ Beer / Thank you/ Beer / Thank you/ Beer "
Dass Bill Callahan nicht so genau hinsieht, kommt nicht vor, für ihn hat alles eine Bedeutung, ist alles kosmisch. "You looked like worldwide armageddon/ While you slept/ You looked so peaceful, it scared me/ Don't die just yet/ And leave me alone alone alone." So geht der Prophet des komischen Untergangs als weißes Papier in den Tag. Während die Welt um ihn herum zusammenfällt ("The land I love is splitting in two"), sieht er in "The Spring" den wahren, richtigen Frühling in Augen, Körper und Lächeln der Frau. Und ja, er singt es wirklich: "All I wanna do is make love to you."
Die Instrumentierung ist gewohnt exquisit: Fiddle, Flöten, Wurlitzer, Congas, Klavier - so bedrohlich wie nötig, so schön wie möglich. Und nimmt man einmal Callahans Geheimwelt der vergangenen vier Platten (diese eingerechnet), dann war er selten so direkt, so unverstellt wie auf "Dream River": "I never like to land", "I have learned when things are beautiful", "I don't ever want to die." Kommandant und Untertan - es gibt kein größeres Glück. (8.9) Jan Wigger
Haim - "Days Are Gone"
(Vertigo Berlin/Universal, ab 27. September)
Haims Stärke, das leicht vermurkste Berliner Konzert vor einigen Wochen mal außen vor, ist ja eigentlich der Live-Auftritt: Zwischen den explosiven, Haare wedelnden, ekstatisch grimassierenden Shows mit Trommel- oder Gitarren(!)-Soli und dem etwas dünnen, fragileren Sound der bisherigen Singles und EPs gab es bisher eine auffällige Diskrepanz. Nicht zuletzt deren Beseitigung (sowie extensives Touren) führte dazu, dass sich das Erscheinen von "Days Are Gone" immer wieder verzögerte. Produzent Ariel Rechtshaid, geübt an der Schnittstelle zwischen Pop und Rock (Vampire Weekend, Charli XCX), tüftelte mit den Mädchen bis zum Schluss am richtigen Klang des Albums.
Der lässt nun leider immer noch das richtige Live-Gefühl vermissen, dafür überzeugen Haim mit den bisher unbekannten Songs: "If I Could Change Your Mind" ist ein Ausflug in den weichen Funk von Prince circa der Achtziger, inklusive Handclaps und glitzernden Synthie-Fontänen. Das balladeske "Honey & I" kehrt die Mainstream-Rock-Einflüsse der Band hervor, hier kommen noch mal alle Fleetwood-Mac-Vergleiche zum Tragen, getragen von einer fast unverschnittenen "Jack and Diane"-Gitarre.
In der zweiten Hälfte wird es dann richtig interessant, wenn die jüngste Schwester Alana die Vocals im Titelsong übernimmt - und das von jeher faszinierende Haim-Hybrid aus Bananarama-Pop und R&B-Groove noch einmal mit einer dieser zittrigen, aber immer verführerisch warmen Hymnen auf den Punkt bringt. "My Song 5" demonstriert dann aber mit kühl-maschinellem Stotter-Beat und sinistrer Tonalität, welche Richtung das Projekt Haim beim nächsten Album nehmen könnte, als eine in Rock geerdete, moderne Version des in den Neunzigern einflussreichen R&B/Pop-Trios TLC.
Einigermaßen nahtlos fügen sich bekannte Songs wie "Falling" (immer noch das bisherige Meisterstück der Band), "Forever" und "Don't Save Me" ins Gesamtbild. Schwächstes Stück, außer der etwas zu konventionellen Bombast-Schlussnummer "Running If You Call My Name", bleibt das anbiedernde Shania-Twain-Geschunkel der jüngsten Single "The Wire".
Sängerin und Gitarristin Danielle, die auch die meisten Texte schreibt, bleibt treibende und tragende Kraft von Haim, indem sie mit brütender Mädchenzimmer-Melancholie für ein Gegengewicht zur fröhlichen Funkyness der Musik sorgt. Haim haben die Songs, das musikalische Talent und ein familiär geprägtes Gespür für den Poprocksoul der Achtziger, um in der herrschenden Geschmackslage erfolgreich zu sein. "Gone" sind lediglich die Tage des Hypes. (7.7) Andreas Borcholte
Chvrches - "The Bones Of What You Believe"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 20. September)
Trentemøller - "Lost"
(In My Room/Rough Trade, seit 20. September)
Janelle Monáe - "The Electric Lady"
(Atlantic/Warner, seit 13. September)
Nicht umsonst ist Allround-Genie Prince gleich im ersten Song von "The Electric Lady" Gastsänger; der Funkrock-Fusionist aus Minneapolis ist so etwas wie ein Pate für Monáe, die sich mit "The ArchAndroid" zur Pop-Singularität jenseits von Lady Gaga und Beyoncé stilisiert hat - und dieses Renommee nun eindrucksvoll zementiert. Monaé entsteigt ihrer Heimat Kansas wie Dorothy ins wundersame Oz, einer Musiklandschaft, in der gniedelnde Gitarren-Soli und perlende Piano-Fillings durch die Luft flirren, Gospelchöre und Bläser-Sektionen an jeder Ecke jammen und jedes groovende Gänseblümchen das Buddha-Lächeln Barry Whites trägt. Und der Zauberer? Ist natürlich George Clinton.
"The Booty don't lie", singt Monáe im Duett mit Freundin und Kollegin Erykah Badu in "Q.U.E.E.N." - ein Bekenntnis zum Groove, zum ewigen Bewegungsdrang des R&B-Genres. Diese "electric lady" hat es jedoch nicht nötig, ihren Wumms mit twerkenden Hinternbewegungen Ausdruck zu verleihen; die Sexyness ihrer Musik entspringt allein ihrem kompositorischen Talent und ihrer Fähigkeit, P-Funk, Soul, Funk und orchestralen Jazz-Pop ("Suite V Electric Overture") zu einem durchaus zeitgemäßen, sehr erwachsenen Sound. Das könnte ihr vor allem beim jungen Massenpublikum zum Verhängnis werden: "I want you to love me and hold me, til I need no more", fleht sie, zugänglicher als beim Debüt, in der nerdigen Jazz-Ballade "It's Code", aber ihre androide Perfektion dürfte es schwermachen, sie zu umarmen, zu sehr hinter musikalischen Mätzchen versteckt und distanziert bleibt sie, selbst in herzerweichenden Liebessehnsüchten wie "Victory" oder dem blue-eyed Soul von "Can't Live Without Your Love". So mag man sich zwar vor der beherzten Ingenieursleistung Monáes verneigen, sucht aber auf dem Hochglanzkörper der unheimlichen, elektrisierenden Maschinenfrau nach dem Schweißtropfen, der Menschlichkeit verrät. (8.0) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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- Die SPIEGEL-ONLINE-Musikkolumnisten legen auf: Andreas Borcholte jeden ersten Samstag im Monat in der Kleinraumdisko Hamburg ("Bored to Death"), Thorsten Dörting ebenfalls in der Kleinraumdisko ("Fossils and Rituals, Metals and Monuments" (alle zwei Monate am dritten Samstag des Monats; das nächste Mal am 19. Oktober)). Jan Wigger ist ebenfalls wieder am Start: Jeden dritten Samstag im Monat bringt er im Grünen Jäger zu Hamburg Indie, Electro und Verwandtes zu Gehör.
Corbis
SPIEGEL ONLINE1. Haim: Days Are Gone
2. Prefab Sprout: Crimson/Red
3. Scritti Politti: Provision
4. Bill Callahan: Dream River
5. Peter Duchin: Coming Home Baby
6. Glasser: Interiors
7. Pins: Pins
8. Casper: Hinterland
9. Oneohtrix Point Never: R Plus Seven
10. Yuck: Glow & Behold
Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.

Volker Hage:
Marcel Reich-Ranicki
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