Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Das Universum aus Sicht der weltbesten Schnösel findet sich im Boxset "Blur 21". Micachu And The Shapes schmeißen den Staubsauger zum Welterfolg an, Passion Pit ekeln mit Therapie-Pop und John Maus holt Grandioses aus dem Giftschrank.

Blur - "Blur 21 - The Box"
(EMI Catalogue/EMI, bereits erschienen)

Hallo Blur-Fans, hallo Heinz Rudolf Kunze: Ihr braucht dieses Boxset, es hilft ja nichts. Nach 21 Jahren endlich der schwere blaue Würfel, der schwarze Monolith, die Pyramide von El Faijum, die Kirmes auf Rädern, die unsichtbare Sonne, der freiwillige Zerfall, die Besiedelung des Planeten Mars, "Dan Abnormal", "Tracy Jacks", "Colin Zeal", Penguin Books, Topffrisuren und Graham Coxons exakte Beschreibung von "13", einer der größten und wichtigsten Platten der letzten zwanzig Jahre: "'13' is raw, you know. There's no strange little stories about funny men on trains, it had gone beyond it. It's like a blood-letting. It was amazing." Die Bohrhammer-Gitarre im brutalen "Bugman", die totale Übermüdung "1992", der helle Irrsinn "Battle", "Caramel" und der sanfte Swing von "Trimm Trabb": Die von langer Hand geplante Ermordung des Britpop blieb bis heute unerreicht. Das goldene Album "Blur" war die Vorstufe zum Wahn: "Theme From Retro", "Essex Dogs", die Verwüstung "I'm Just A Killer For Your Love", Albarn als Bowie in "Strange News From Another Star". Immer noch schrecklich: "Song 2"; immer noch erschütternd und zu Herzen gehend: Graham Coxons "You're So Great". Das hoffnungslos unterschätzte "Modern Life Is Rubbish" war 1993 Blurs frühes Pop-Meisterwerk, stand aber trotz der Evergreens "For Tomorrow", "Chemical World", "Advert" und "Sunday Sunday" später zu Unrecht im Schatten des absurd erfolgreichen "Parklife" (1994): "'Modern Life Is Rubbish' got to Number 25 in the charts, which was abysmal for an album, it was a disaster." "Think Tank" war 2003 der leise, süße Abschied: Coxon war fast schon weg, Albarn hing jetzt öfter mal in Mali rum oder plante die Zukunft seines leidlich interessanten Gorillaz-Projekts mit Jamie Hewlett. Doch wie herrlich waren "Sweet Song", "Good Song", "Out Of Time" und "On The Way To The Club"! Auf "Battery In Your Leg" hören wir noch einmal Grahams regennasse Gitarre. "Everybody's stopped believing/ But you know you're not alone/ You can be with me." Machen sie sich wegen der Bonus-Dreingaben keine Sorgen: "Blur 21 - The Box" dürfte neben mehreren Konzertfilmen und elf CDs mit Raritäten, Demos und B-Seiten wahrscheinlich alles enthalten, was Blur jemals aufgenommen haben: Von der Seymour-7-Inch "Superman" bis zu "Under The Westway". Das Universum aus Sicht der weltbesten Schnösel. "Leisure" (7.1), "Modern Life Is Rubbish" (8.5), "Parklife" (8.7), "The Great Escape" (8.5), "Blur" (8.6), "13" (9.7), "Think Tank" (8.5) Jan Wigger

Blur - Alle Videos (1990-2012)
Zum Blur-Channel auf tape.tv mit allen Blur-Videos und "The Box"-Verlosung


Micachu And The Shapes - "Never"
(Rough Trade/Beggars Group/Indigo, bereits erschienen)

"When I'm on the top floor/ Wondering-why?/ I often look into the sky/ Oh I want to jump into the white sky/ But I never try": Die charmant suizidalen Zeilen säuselt Mica Levi im nur 47 Sekunden langen "Top Floor" zu schrägen Flötentönen, und natürlich hört man zu Beginn des Interludiums, auf das folgerichtig der Song "Fall" folgt, zunächst mal hallende Schritte auf den Treppen zum Dachgeschoss. Levi ist eine so erstaunliche Künstlerin, dass sogar die für Contenance bekannte BBC bei der Sortierung ihrer Musik ins Straucheln geriet: "File under WTF", schrieb der Kritiker über "Never", das zweite Album von Micachu And The Shapes, einzuordnen unter "Was zur Hölle!?". Tatsächlich tut die klassisch ausgebildete Levi mit ihrer Band alles, um tolle Popmelodien unter tonnenweise Lärm und Irritationen zu verstecken. Man soll es sich nicht zu leicht machen mit dieser Musik, und dennoch verbirgt sich unter den rückwärts, seitwärts und abwärts trudelnden Gitarren-Loops und Geräuschkaskaden eines der pursten Popalben des Jahres, wenn man Pop im Sinne der Pixies oder Juliana Hatfields versteht. So sind auch die Songs auf "Never" kaum jemals länger als drei Minuten, in den Harmonien werden altertümliche Doo-Wop-Drops und Beach-Boys-Zuckerwatte so lange zerhackt und gebrochen, bis Micachus originärer Art- oder Avantgarde-Pop erklingt, der immer mal wieder in kantige Grime-Gefilde ausufert ("Never", "Low Dogg"). Dazu benutzt Levi gerne mal einen dröhnenden Staubsauger ("Easy") oder lässt in "Heaven" ein kurzes, verdrehtes Gitarren-Loop so lange kreiseln, bis man sich alles andere als himmlisch fühlt. Levi kennt sich aus mit den Usancen unserer Zeit, die wohlmeinend klingen, aber in ihrer Phrasen- und Floskelhaftigkeit Übelkeit erregen. Kühl und knapp durchbricht sie mit peitschenden Songs die Oberflächen, auf denen wir uns tagtäglich bewegen: "Are you sure you're ok", fragt Raisa Khan ihre Chefin im Call-and-Response-Stück "Ok" immer wieder, und die Antwort lautet, triefend ironisch: "Couldn't be better". "Never" ist lakonisch, rebellisch, enervierend, alarmierend und modern. On the way to the top floor. (8.1) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist


John Maus - "A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)

Die Rezeption der gewaltigen und wahnsinnig guten dritten John-Maus-Platte "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves" (siehe auch Abgehört: Die wichtigsten CDs des Jahres 2011) kam im vergangenen Sommer einem Rätsel gleich: Während eine Handvoll deutscher Magazine den geschickt montierten Proto-Goth des beängstigend gut aussehenden amerikanischen Schlossherrn bedingungslos liebten, verschwand das Album anderswo in den Kleinstspalten oder geriet in Hände, die sich bei Maus nicht an den ausgekühlten Anmut von "Organisation" (OMD, 1980), "Red Mecca" (Cabaret Voltaire, 1981) und "Unknown Pleasures" (schon klar, 1979), sondern an das "Orkus"-Abo der Ex-Freundin erinnert fühlten. Nun erbarmte sich der "Musikexpress" und fragt in der Titelgeschichte seiner August-Ausgabe: "Wer ist John Maus?" Prognose: Gesteigertes Interesse am Mausschen Gesamtwerk, aber auch etwa zehn bis zwölf unbedeutende Was-der-Bauer-nicht-kennt-Einlassungen à la "Warum sollte ich wissen wollen, wer John Maus ist?". "A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material" ist, was es ist: Ein Fremdenführer fürs Mauerwerk, von Anfang an und aus den Sümpfen: "Motherfuck/ The fear is back." Doch Maus kann auch das Mädchen aus Bennington nicht vergessen, ihre Augen machen ihn verrückt und ach, die hohe Stirn, das bleiche Gesicht, das schwarze Haar: "I love those fucking eyes/ Those eyes won't leave my mind." Das 1999 eingespielte "Fish With Broken Dreams" ist vaudeville noir, die Spinnweben-Synthies, ohne die "All Aboard" und "Mental Breakdown" undenkbar wären, fehlen hier noch. Tatsächlich "previously unreleased" sind übrigens nur die Tracks "Angel Of The Night" und "Lost"; den Rest, so unterrichteten mich diverse mausspacer ("mausspacer"? really?), hätte der depressive Stimmungssänger bereits über seine Website und auf verstreuten Kompilationen veröffentlicht. Ein Engel des Sonderbaren - wenn du nicht aufpasst, singt er nur für dich. (8.0) Jan Wigger

Passion Pit - "Gossamer"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)

Kollege Wigger ermahnt mich ja immer wieder, doch bloß nicht so gutmütig und wohlmeinend mit dem Müll da draußen zu sein. Ich wende dann ein, dass die letzten großen Verrisse ja wohl von mir stammten, aber er fürchtet natürlich nur um unseren guten Ruf. Sie würden diese Kolumne ja auch nicht mehr lesen, wenn wir plötzlich alles gut fänden. Also dachte ich: Na gut. Passion Pit habe ich schon für ihre Helium-Stimmchen und Kinderchöre (!) gehasst und finde immer noch, dass Wigger damals mit sieben Punkten viel zu gutmütig und wohlmeinend war. Aber sei's drum: "Gossamer" ist das von der Indie-Gemeinde heiß ersehnte zweite Album dieser hübsch zerzausten Band aus Massachusetts und es klingt genauso furchtbar wie das Debüt, biedert sich noch jubilierender und quiekender dem Pop-Mainstream an. Eigentlich machen nur die Killers noch einfältigere, schleimigere Musik, und Sie wissen, dass es kaum eine schlimmere Beleidigung für eine Band gibt, in die Nähe dieser Nulpen gerückt zu werden. Ach, wie könnte man den tumben Stampfbeat von "Take A Walk" verdammen und Häme über die naiven "Oh-ho-HOOOs" auskippen, die den Refrain zum Traum jedes Formatradio-Redakteurs machen. Wie schön könnte man sich über die gepitchten Stimmchen und die lächerlichen Lasergeräusche in "I'll Be Alright" oder den tumben Italo-Disco-Sound von "Carried Away" ereifern. In der zweiten Hälfte versuppt das Album erst recht in einem immer zäher werdenden Brei aus Selbstmitleid. Aber leider, und das meine ich gar nicht so menschenfeindlich, wie es klingt, muss man im Kopf behalten, dass Sänger und Songwriter Michael Angelakos in den vergangenen drei Jahren an schweren psychischen Problemen litt, die ihn fast ruiniert hätten. Seiner Freundin, die das ertragen hat, setzt er mit einem Heiratsantrag in "On My Way" ein rührendes Denkmal; "I'll Be Alright" ist textlich ein erschütterndes Zeugnis der Selbstaufgabe, "Cry Like A Ghost" ist das schrille Testament einer Ablösung von Körper und Geist, die dem fröhlichen Singsang der Musik krass widerspricht. Angelakos geht es besser, wahrscheinlich hat ihm das Komponieren scheußlicher Lieder geholfen, wieder auf die Spur zu kommen. Und deshalb darf man die zum Erbrechen süßliche Kindlichkeit der Songs nicht verteufeln, sie haben Angelakos womöglich zu einer neuen Geburt verholfen. Diese Bewertung kannst du jetzt mit Recht wohlmeinend finden, Jan. (4.0) Andreas Borcholte

Passion Pit - "I'll Be Alright"
Mehr Videos von Passion Pit gibt es auf tape.tv!


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Micachu and the Shapes
loweis 31.07.2012
hola habe mir gerade die wichstigste cd der woche angehört Jede Klingonische Oper ist meilenweit besser
2. Und das ist der
matze1973 31.07.2012
Grund, immer wieder gern hier zu lesen. Vermutlich sind klingonische Opern in der Tat meilenweit besser, als das was uns so alltäglich geboten wird. Die Kommentare sind unschlagbar. Wigger und Borcholte scheren sich einen Dreck um Erwartungen. Und der geneigte Spiegel-Online-Leser erwartet Konsens. Und kriegt was aufs Maul! Wie ich das liebe. Es gibt Leser die genau das spannend finden! Ich bin einer davon. Für den üblichen, durchaus zu würdigenden, Kram habe ich laut.de oder plattentests.de, aber für den Scheiß, der mich manchmal umhaut, weil er hin und wieder phantastisch ist, habe ich das hier. Geht mir weg! Ich will das gar nicht anders. Dank den beiden kenne ich Kante und Antony Hegarty. Fragen?
3. Unschärferelation
Pat-Riot 31.07.2012
Zitat von sysopSie fragen "Fragen?". Die habe ich tatsächlich: Wie halten Sie das Gestammel - konkret: den Text, wenn man das Text nennen darf, was Herr Wigger zum Thema Blur von sich gibt - nur aus? [...] Hoffe nur, dass Blur nicht bei jedem Hörer ein solches Verbaldelirium verursacht.
Das, was der Kollege da anstrebt (vermutlich, ohne es zu wissen) nennt man Mise en abyme. Das sollten Sie nachschlagen; vereinfacht ausgedrückt, er versucht das Große im Kleinen nachzuahmen. Also den Blur von "Blur" im Blubbern seines Textes zu (wider-)spiegeln. Sagen wir mal so, nicht jeder lobenswerte Versuch ist gleich der große Treffer. Aber, er hat sich redlich bemüht, das müssen Sie zugeben.
4. Rauchen?
Monoton&Minimal 31.07.2012
Zitat von sysopDas Universum aus Sicht der weltbesten Schnösel findet sich im Boxset "Blur 21". Micachu And The Shapes schmeißen den Staubsauger zum Welterfolg an, Passion Pit ekeln mit Therapie-Pop und John Maus holt Grandioses aus dem Giftschrank. Neue Alben: Blur Micachu And The Shapes John Maus Passion Pit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,847266,00.html)
Was rauchen die Jungs eigentlich oder wie kommt eine Bewertung mit Nachkommastelle zustande? Eine Skale von 1 bis 10 sollte doch allemale reichen...
5.
doppelblind 01.08.2012
Zitat von Monoton&MinimalWas rauchen die Jungs eigentlich oder wie kommt eine Bewertung mit Nachkommastelle zustande? Eine Skale von 1 bis 10 sollte doch allemale reichen...
Die Nachkommastellen sind eine Verzweiflungstat, zu der man getrieben wirdm, wenn man fast jedes besprochene Album mit 7 oder 8 bewertet (manchmal auch mit 6). Einer der Gründe, warum ich nichts auf diese Bewertungen geben kann. Ich kann fast jedesmal davon ausgehen, das es 7 oder 8 wird. Und da der dazu geschriebene vielerlei enthält, aber wenig Infos zur Musik auf dem Album, hilft das auch nicht viel.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 31
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Azealia Banks: Liqourice (Single)

    2. Frank Ocean: Super Rich Kids (Album-Track)

    3. The Jon Spencer Blues Explosion: Meat And Bone

    4. Ty Segall Band: Slaughterhouse

    5. Micachu And The Shapes: Never

    6. Andrea Schroeder: Blackbird

    7. Twin Shadow: Five Seconds (Single)

    8. Com Truise: In Decay

    9. Ariel Pink's Haunted Graffiti: Mature Themes

    10. John Carpenter: Escape From New York O.S.T.


Jan Wiggers Playlist KW 31
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Paul Giovanni: The Wicker Man OST

    2. Dead Can Dance: Anastasis

    3. Anthony Phillips: The Geese & The Ghost

    4. The Smashing Pumpkins: Oceania

    5. Messer: Im Schwindel

    6. Annette Peacock: I'm The One

    7. Frank Ocean: Bad Religion (Album-Track)

    8. Baroness: Back Where I Belong (Album-Track)

    9. Genesis: Foxtrot

    10. Mercyful Fate: Don't Break The Oath