Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche

Von und Jan Wigger

Lykke Li empfiehlt sich als Powerballaden-Queen mit Poesiealbum-Lizenz. Hören Sie das komplette Album hier im Stream! Außerdem: Brian Eno und Karl Hyde legen die Latte für Coldplay ziemlich hoch. Und: Protomartyr erheben sich aus den Trümmern Detroits.

Eno + Hyde - "Someday World"
(Warp/Rough Trade, ab 2. Mai)

"I had a big collection of 'beginnings' sitting around waiting for something to galvanise them into life, to make them more than just 'experiments'. That something turned out to be Karl Hyde", sagt Brian Eno über sein Album mit dem Underworld-Chef, mit dem er seit 2009 befreundet ist. Nun weiß man nicht, wie der rund zehn Jahre jüngere Hyde es findet, "something" genannt zu werden, aber anscheinend entdeckten der Ambient- und der Elektronika-Pionier im Studio vor allem in endlos kreiselnden Afrobeat-Rhythmen ihren gemeinsamen Nenner. So erklärt sich, dass "Someday World" zunächst einmal rastlos wirkt, wenn nicht gehetzt.

"Satellites", die Ouvertüre, baut sich mit puckerndem E-Bass und Synthie-Bläsern so jubilierend auf, dass man gar nicht anders kann, als die im Titel beschworene Zukunftswelt als Utopie zu begreifen. Hier vergewissern sich zwei Veteranen, dass sie ihre Vergangenheit immer noch abschütteln können, um Neues zu versuchen. Zu gerne wäre man bei dem schon jetzt legendären Pressetermin vor zwei Wochen dabei gewesen, als Eno und Hyde, so berichten es Kollegen, statt Interviews zu geben, einfach ein bisschen gejammt haben - und das viel weniger hüftsteif, als man hätte erwarten können.

"Satellites" geht nach seinen die Mauern des Alterns erschütternden Fanfaren in einen recht flotten Song über, der an die melancholische Fröhlichkeit New Orders erinnert: Pop ist Programm. Mit schwungvollen Bläsersätzen, unter anderem von Roxy-Music-Kumpel Andy Mackay bestritten, geht es weiter in das juvenile Nachsinnen von "Daddy's Car", vielleicht ein Überbleibsel der Sessions zu "My Life In The Bush Of Ghosts", jenem zu Unrecht vergessenen Eno-Album mit David-Byrne-Beteiligung von 1981. Gleiches gilt für das grandios verspulte "A Man Wakes Up", das Hyde tatsächlich im Byrne-ähnlichen Stakkato singt - what a blast from the past.

"A man wakes up/ And when he opens his eyes/ He doesn't recognise a thing", lautet die erste Strophe dieses Gezappels von einem Song, eine erneute Bekräftigung der neuen Saftigkeit Enos, der zuletzt das eher blässliche Ambient-Album "Lux" veröffentlichte. Vieles auf "Someday World", darunter das monotone "Witness", knüpft an den Drive instrumentaler Tracks von "Small Craft On A Milk Sea" (2010) an, allerdings wird deren Düsternis (man erinnere "Flint March" oder "Dust Shuffle") hier immer wieder ins Hoffnungsvolle gewendet. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Eno und Hyde ist ja gerade die Fähigkeit, ein Netz aus Sound, Rhythmus und Klang zu legen, auf dem Melodien wie Tautropfen zu schillern beginnen. "Witness", "Strip It Down" und vor allem "Mother Of A Dog" bilden den seelenzerquälten Mittelteil des Albums, der manchmal Enos Arbeiten mit Robert Fripp aus den frühen Siebzigern ins Gedächtnis ruft.

Mit dem Synthie-Zirpen und Uh-Huhuhu-Chören, die "Mother Of A Dog" auf allzu versöhnlichen Noten enden lassen, beginnt die schwächere, sehr elegische zweite Hälfte von "Someday World": "Who Rings The Bell" und "To Us All" sind allzu reine Pop-Hymnen, bei denen sich der U2- und Coldplay-Produzent Eno austoben konnte. Karl Hyde schrammt immer wieder nur knapp am Pathos eines Chris Martin vorbei. Dafür darf er in "When I Built This World" noch einmal den drogeninduzierten "Born Slippy"-Derwisch rauslassen.

Eno und Hyde flirren mit viel Weisheit und Verve durch die Jahrzehnte und Stile und erstarren niemals in Ehrfurcht vor der eigenen Leistung. Das macht "Someday World" zu einem jener seltenen, alle Genres transzendierenden Alben angelsächsischer Pop-Tradition, die sonst nur noch von den Pet Shop Boys gemacht werden. Ein Meilenstein des Musikjahres 2014, über den Coldplay in wenigen Wochen hinwegtreten müssen. Oder stolpern. (8.5) Andreas Borcholte

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Protomartyr - "Under Color Of Official Right"
(Hardly Art/Cargo, seit 11. April)

"Für mich symbolisiert sie das amerikanische Imperium, das langsam zerfällt, und die Herzlosigkeit, mit der sich Amerika von allem trennt, was nicht mehr funktioniert", hat Jim Jarmusch neulich in einem Interview über die sterbende Stadt Detroit gesagt. Als er noch im nahen Akron lebte, als unbekannter junger Musiker, war Detroit die nächstliegende Metropole: "Für uns war es eine magische Stadt. Und die Musikszene war so reich! Unglaublich. Das ist sie sogar heute noch, man kriegt sie einfach nicht tot." Stimmt.

Zurzeit erhebt sich eine neue, sehr verärgerte Band aus den Trümmern von Motor City: Protomartyr macht lautstark auf sich aufmerksam - so wie einst die Stooges, MC5, The Degenerates oder Derrick May. "Under Color Of Official Right", das zweite Album nach dem etwas ruppigeren Debüt von 2012, ist eine furchtlose Platte voll angsteinflößender Kälte. Nervös zwischen Hardcore und Postpunk, Killing Joke und Wire, The Fall und The Smiths oszillierend, entwerfen Protomartyr das Bild einer pervertierten Welt: "It's violent? Good. Cause if it's violent, it's understood", singt Joe Casey in fast schon fröhlichem Parlando - und stellt die kluge Frage, warum Mord und Totschlag in der kulturellen Rezeption viel akzeptierter sind als beispielsweise Liebe.

"Bad Advice" ist eine Abrechnung mit den Korruptionsskandalen um Detroits ehemaligen Bürgermeister Kwame Kilpatrick, "What The Wall Said" geißelt das Finanzwesen. Protomartyr prangert die Verderbtheit, die zur gesellschaftlichen Norm geworden zu sein scheint, mit fast schon staatstragender Pose an: Der Titel des Albums ist ein Passus aus dem sogenannten Hobbs Act, einem Bestandteil der amerikanischen Gesetzgebung über Bestechlichkeit von Politikern.

Aber didaktische Politrocker sind die Detroiter dann doch nicht. Ihr Frust füttert brutale Phantasien: In "Tarpeian Rock", einer Hommage an jene Felsklippe im antiken Rom, von der Mörder, Verräter und Betrüger gestürzt wurden, werden willkürlich Bevölkerungsgruppen dem Tode geweiht: "Greedy bastards, gluten fascists, emotional cripples, all weakly types, rich crusties… throw them from the rock!" Und zu klirrenden Gitarren und Punk-Riffs lässt Casey in "Scum, Rise!" eine Bande jugendlicher Droogies ein Massaker unter arbeitslos am Bartresen vegetierenden Vätern anrichten. Gleich im Opener "Maidenhead", einer Referenz an den hochironischen Zeitgeist-Roman "Hangover Square" von Patrick Hamilton aus dem Jahre 1941, beschreibt Casey in gelangweiltem Psychokiller-Lamento ein wiederkehrendes "clack" in seinem Hirn, das ihn in eine "dead mood" versetzt. Aber wehe, die Betäubung lässt nach! Es gibt wieder Wölfe in Detroit. (8.0) Andreas Borcholte

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Lykke Li - "I Never Learn"
(Warner, ab 2. Mai)

Stellen Sie sich vor, man könnte "Heaven On Earth" von Belinda Carlisle, eines unserer Power-Emo-Bombast-Lieblingsalben aus den Achtzigern, komplett in Moll abspielen - und würde die Ekelprotzgitarren von John McCurry und Dan Huff mit zartem Folkie-Geschrammel ersetzen. Dann käme ungefähr Lykke Lis drittes Album dabei heraus. Die schwedische Sängerin beendet mit "I Never Learn" ihre Coming-of-Age-Trilogie, die 2008 mit ihrem Debüt "Youth Novels" karg und hibbelig begann, 2011 mit "Wounded Rhymes" zu Opulenz und Schwere fand - und nun bei neun radiogerechten Powerballaden angekommen ist. Die schlimmste davon heißt "Never Gonna Love Again" und klingt exakt so, wie man sich einen Song mit diesem Titel vorstellt: Feuerzeuge raus!

Das Faszinierende an diesem Album ist seine Frechheit: Zwei, drei Moll-Akkorde, in Watte gepackte Wumms-Bumms-Drums, viel Hall auf der Stimme, satte Streicher, im Hintergrund jubilierende Frauenchöre - so schamlos nach "Eighties" klingen alle neun Songs, wie ein ewiges Repeat von Berlins "Top Gun"-Hymne "Take My Breath Away". In den Texten zelebriert die 28-Jährige den ganz großen Herzschmerz - und das in einer ironie- und innovationsfreien Konsequenz, die Ehrfurcht verlangt.

Da geht es schön seelenquälerisch darum, dass sie sich wohl nie daran gewöhnen wird, allein zu schlafen ("Sleeping Alone"), dass sie den nächsten Typen jedoch eh im Regen stehenlassen wird, weil sie durch schlechte Erfahrungen zu "Poison" geworden ist ("Gunshot"), dass sie also für die Liebe verloren ist, forever and ever ("Love Me Like I Am Not Made Of Stone"). So eklig es ist, es ist perfekt.

Lykke Li präsentiert sich, quasi bereinigt vom Klang- und Elektrosound-Ballast der beiden früheren Alben, als versierte und gereifte Songwriterin, die zusammen mit ihrem Kollaborateur, dem Hit-Produzenten Greg Kurstin, fortan alle Hitparaden-Alben aller Popfrauen von Stevie Nicks über Pink bis Katy Perry sowie alle kommenden Young-Adult-Blockbuster-Soundtracks mit Poesiealbum-Schmonz bedienen könnte. Wenn das denn ihr Karriereziel ist. Hoffentlich nicht. (6.5) Andreas Borcholte

Prelistening: Lykke Li - "I Never Learn"

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Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

The Icypoles - "My World Was Made For You"
(Highline Records/Rough Trade, seit 25. April)

Das von langer Hand geplante Projekt "Die Abschaffung des Internets" nahm in den letzten vier Wochen immer konkretere Gestalt an: Alle drei Tage online sein reicht aus, natürlich immer erst ab 18 Uhr - für "True Detective"-Abhandlungen oder stumpfe Einträge auf Facebook. Stattdessen Fernsehen: So druff wie Tori Amos bei "MTV Unplugged" wollten wir doch alle mal sein, und härter ist nur "RTL Nitro". Die Scorpions (oder "Scorps", wie wir Fans sie rufen) und Halbgott Morten Harket (bzw. "Morton" Harket, wie man ihn neuerdings auch nennt) quälen sich vor getreuem Athener Publikum durch "Wind Of Change".

Nun aber gibt es auch richtige Musik: The Icypoles sind vier Girls aus Melbourne, deren Texte zwar zu keiner Zeit an die neue Steel Panther heranreichen, aber davon berichten, was wirklich zählt: Liebe, zu Hause bleiben, Geburtstage, der beliebteste Junge der Schule, Konkurrenz und Zerstörung. "Her girly style/ Her curly smile/ She's pearls and lace/ Glamour and grace/ Look at that face!". Die Icypoles entstammen dem Umfeld von Architecture In Helsinki (das nur für unsere Ü-40-Leser, die sich vielleicht noch an die Band erinnern).

"My World Was Made For You" ist ein wunderbar monochromes Debüt-Album (die EP "Promise To Stay" erschien 2011), das viel eher nach den Young Marble Giants klingt als nach den überall genannten Sixties-Girlgroups und Grusel-Soundtracks. "Round N Round" ist eine ganz neue Sichtweise auf das saublöde Kinderlied "The Wheels On The Bus". Martikas größten Song "Love...Thy Will Be Done" (Prince!) covern die Icypoles ohne Pünktchen, dafür so, wie es sich gehört: Sie scheitern. Safe in the arms of love. (7.0) Jan Wigger

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Wieso...
spon-facebook-10000588991 30.04.2014
... ist das jetzt "wichtige" Musik? Ich versteh immer nicht, warum in solchem Zusammenhang mit derlei Adjektiven geprotzt werden muss. Kann ja sein, dass die Musik ganz nett ist oder gut hörbar oder sonstwas - aber "wichtig"? Trägt sie zur ökologischen Balance bei? Stiftet sie Frieden in der Ukraine oder sonstwo? Sorgt sie gar dafür, dass sich mancher Diktator, Oligarch, Plutokrat vor Verzweiflung aus dem Fenster stürzt und die Welt von seiner Anwesenheit befreit? Nein? Unwichtig! :)
2. # 2
sysop 30.04.2014
"When the mode of the music changes, the walls of the city shake." (Tuli Kupferberg)
3. Wieso nicht
r.kon 01.05.2014
Ob wichtig oder nicht sollte wohl jeder für sich entscheiden, ob Musik zum Frieden in der Welt mit beitragen kann, ich für meinen Teil glaube fest daran.Schon meine Großeltern gaben mir mit auf den Weg:"Wo man singt, da lass dich ruhig nieder". Für mich bleibt jede Musik wichtig.
4. Joon Wolfsberg - The Deluxe Underdog (2014) / MP3 Album
JasminWerner 04.05.2014
Mehr als : " Joon Wolfsberg - The Deluxe Underdog (2014) / MP3 Album " sage ich nicht. Wo ihr das findet, wisst ihr ja alle.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 18
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Kiesza: Hideaway (Track)

    2. Protomartyr: Under Color of Official Right

    3. Damon Albarn: Everyday Robots

    4. Brian Eno + Karl Hyde: Someday World

    5. Lana Del Rey: West Coast (Track)

    6. Broken Twin: May

    7. Sabina: Toujours

    8. Swans: To Be Kind

    9. Go-Gos: Beauty And The Beat

    10. Action Bronson: Saaab Stories


Jan Wiggers Playlist KW 18
  • Jens Ressing

    1. Rick Springfield: Working Class Dog

    2. Conan The Barbarian: (Original Motion Picture Soundtrack)

    3. Cutting Crew: Broadcast

    4. Henryk Górecki: Symphony No. 3

    5. Go-Go's: Beauty And The Beat

    6. Glass Tiger: The Thin Red Line

    7. Stevie Nicks: Bella Donna

    8. Mike & The Mechanics: Hits

    9. Team Dresch: Personal Best

    10. T'Pau: Bridge Of Spies

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.