Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Das neue Album von Britney Spears ist da! Ob's ein Grund zum Feiern oder Flennen ist, lesen Sie hier. Außerdem: Physikalische Raum- und Klang-Experimente mit Emptyset, urbane Kuschelsongs von einer wundersamerweise wieder aufgetauchten Wahlberlinerin - und olympisches Live-Material von einem unantastbaren Kanadier.

Von und Jan Wigger


Britney Spears - "Britney Jean"
(RCA/Sony, seit 29. November)

Jeder hat ja andere Göttinnen und jede Generation ihre eigenen Gewinner und Giganten. Die Rezeption der weder "gereiften" noch "vielseitiger" gewordenen Britney Spears darf man nach der jetzt schon ikonischen Strumpfmasken-Klavier-Szene aus Harmony Korines Meisterwerk "Spring Breakers" getrost in zwei Teile splitten: Die einen fanden "Toxic" und "Everytime" (eine der furchtlosesten, berührendsten Balladen seit Belinda Carlisle und Susanna Hoffs, meinen, heutzutage eher unter dem Radar herumpaddelnden, Göttinnen also) "jetzt ja doch irgendwie cool", die anderen aber haben Black-Mascara-Tears-Britney seit Anbeginn der Zeit hündisch verehrt, sie hätten ihr einen Apfel aufs Sterbebett gebracht und mit Freunden und Freundinnen gespart, um ihr ein "Wholefoods"-Salat-Abo auf Lebenszeit zu überreichen. Trotz oder wegen "Britney Jean"?

Nach nur fünf Durchläufen muss ich konzedieren: Schon ein bisschen viel fauler Zauber und Hokuspokus drauf auf der Platte: "Chillin' With You", mit Jamie Lynn, beginnt so kristallklar und friedlich (stellen Sie sich Madonna in ihrer deutlich zu oft geschmähten "American Life"-Phase vor, nur mit zwei Promille mehr), doch die Essenz, die Botschaft, ist öde: "And you know: I-I-I-I-I-I-I, I'm feelin' alright/ Cos I don't gotta worry about a thing/ When I'm with you, I'm chillin', I'm chillin'". "Alien" aber holt mich genauso ab wie "Perfume" ("I'm gonna mark my territory", yuck!) und ein, zwei Tracks auf der "Deluxe Edition"; "It Should Be Easy" ist Kirmes-Quatsch, "Body Ache" David-Guetta-Nervkram allererster Güte: "I wanna dance till my body ache" - klar, man kann sich seine einskommasieben Probleme pro Leben natürlich auch herbeitanzen.

Nun, wie beinahe immer mag ich in etwa die Hälfte einer Britney-CD, und wie beinahe immer rief ich meinen besten Freund, Universalgenie und Spears-Verehrer alter Schule, an, um seine Meinung zu "Britney Jean" zu erfragen. Klingelingeling. "Ja, hallo? Ach ja, die liebe Britney. Nein, deren Karriere habe ich nach 'Circus' nicht mehr weiterverfolgt, die Songs wurden mir einfach zu albern und zu bemüht frivol, so rein fremdschämmäßig war das auch nicht auszuhalten zuletzt. Außerdem fand ich diese ewig gleiche Max-Martin- und Lukasz-Gottwald-Grütze (jetzt William-Orbit- und David-Guetta-Sülze) nervtötend. Die schreiben die Songs den Performern ja auch nicht mal mehr auf den Leib heutzutage, sondern durchforsten anscheinend nur noch ihre Schubladen mit dem Rotz, den sie da zwischenzeitlich so zusammengerührt haben über die Jahre, und dann ist da bestimmt auch für olle Britney was dabei. Unter uns Diskursanalytikern: Britney war ja eigentlich nie eine Künstlerin, nicht mal im weiteren Sinne (wie in den alten Tagen vielleicht noch Madonna, die in Bezug auf ihre Songs und ihr Image wenigstens noch eigene Ideen hatte, auch wenn man solche Popkarrieren generell ja doch sehr albern finden darf), sondern vielmehr nur Projektionsfläche, nichts weiter, eine, wie wir ja auch sagen: Hupfdohle." Und wer, in aller Welt, wäre ich, ihm zu widersprechen? (5.1) Jan Wigger

"Work B**ch"-Videoclip von Britney Spears auf tape.tv ansehen

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Emptyset - "Recur"
(Raster-Noton/Import oder Download, seit 28. Oktober)

Liegen Sie auch manchmal nachts wach? Ein transzendentaler Zustand. Im Halbschlaf vermischen sich das Rauschen der (hoffentlich) stetigen Körperfunktionen mit dem Knarren und Knacken des Gebäudes und dem durch Wand und Fensterschlitz dringenden Restlärm der Großstadt - ein dynamisches Miteinander von organischen und industriellen Sounds, das zum behaglichen Wiedereinschlummern führen kann - oder zum alptraumhaften, nervenzerrenden Insomnia-Terror. Man fühlt sich dann wahrscheinlich so wie Henry Spencer in "Eraserhead", der nicht weiß, ob die Geräusche aus dem Heizkörper real oder nur in seinem Kopf sind.

Den Soundtrack von David Lynch und Alan Splet haben James Ginzburg und Paul Purgas aus Bristol, Englands zurzeit radikalstes Elektro-/Noise-Duo, möglicherweise im Referenzschränkchen stehen, ebenso wie die experimentelle Musik des finnischen Soundlabors Pan Sonic aus den Neunzigern. Denn Emptyset stammen zwar aus der Minimal-Techno-Szene, haben sich seit ihrer Gründung 2007 aber immer weiter von jenen rhythmisch-melodischen Zusammenhängen befreit, die man gemeinhin "Musik" nennt. "What we're looking at with Emptyset, is getting to the essence of the relationship between time, structure and sound", sagte Ginzburg dem Online-Magazin "The Quietus" einmal, und "Recur", das dritte Album, betreibt diese Auslotung der Beziehung von Architektur und Klang noch kompromissloser als je zuvor.

Dabei meinte man zuletzt, auf der hervorragenden EP "Collapsed", vor allem im Club-tauglichen Stück "Armature", eine erneute Hinwendung zum Rhythmus erkennen zu können. Auf "Recur" gibt es nun nur noch einen Track, das mit über sechs Minuten immerhin längste Stück "Order", das dem Hörer rhythmische Haltegriffe anbietet. Ansonsten wird die durchaus beabsichtigte Monotonie immer wieder durch Pausen, Tempoverschiebungen oder irritierende Klangüberschichtungen gestört - Raum, Zeit und aurales Erleben werden ständig herausgefordert, neu berechnet, in schwarze Löcher gesogen, komprimiert und wieder, in neue Dimensionen, entfaltet, alles mit beeindruckender Strenge kontrolliert.

Emptysets Sound wird definiert durch einen physisch spürbaren, stetig rollenden oder presslufthämmernden Sub-Bass, auf den zumeist analog erzeugte, industriell wirkende Geräusche geschichtet werden: das Knistern elektrischer Ströme, das Heulen und Schleifen von Metall auf Metall, das Kratzen von Stahlbürsten auf Waschbeton, das Reißen von Papier oder porösen Folien, das Zischen sich lösender Hydraulikbremsen. Anders als bei experimentierenden Ambient-Kollegen wie Tim Hecker oder Daniel Lopatin gibt es in dieser gänzlich monochromen, sehr maskulin-technischen Klangwelt nichts Sakrales oder Organisches, keine bunte Ursuppe, in der nach weicher, warmer Humanität geforscht wird. Emptyset operieren mit der kalten Präzision eines Oszillografen, der übrigens auch zu den Lieblings-Video-Installationen des Duos gehört, wenn es live auftritt. Reine, technokratisch kalte, aber sublim betörende Klang-Physik. (7.9) Andreas Borcholte

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Justine Electra - "Green Disco"
Neun Volt Records, ab 6. Dezember)

Sieben Jahre! Sieben lange Jahre musste man auf das zweite Album der aus Australien stammenden Wahlberlinerin Justine Electra warten. Da kann man mal sehen, was zu viel Lob für ein Debüt auslösen kann: Writer's block, wenn nicht totale künstlerische Blockade, der Häschen-in-der-Grube-Effekt eines jeden Künstlers, der sich fragt, ob er die Lorbeeren verdauen kann, dem Druck standhält, noch mal so gut sein kann wie das über Jahre gesammelte Material, das in den Erstling geflossen ist. Kurzum: Es ging hin und her, es fehlte Geld, die Plattenfirma streikte, die Künstlerin zweifelte - und nun ist "Green Disco" endlich fertig. Wer "Soft Rock", eines der besten und überraschendsten Alben von 2006, nicht kennt: Justine Electra schreibt zerbrechliche, wunderschöne Singer/Songwriter-Melodien irgendwo zwischen Suzanne Vega, Aimee Mann und Eleanor Friedberger, die sie mit allerlei Geräuschen und Verfremdungen aus ihrem Genre zerrt, sie zu etwas anderem, Wundersamen werden lässt, das in dieser Form seinesgleichen sucht.

Dem alten Debüt-Opener "Fancy Robots" setzt sie nun, zu Beginn von "Green Disco", das ähnlich verträumte "This Could Be The Most Beautiful Noise" entgegen, das allerdings von startenden Flugzeugen und anderem Umweltlärm immer wieder aus dem Schönheitsschlummer geholt wird. Dass ihre Musik nicht hermetisch ist, sondern sich den Sounds der Umgebung öffnet, als würde sie, like a hobo, mit Gitarre und Laptop an einer Hauptverkehrsstraße stehen, gehört zum Credo der Anfang 30-Jährigen. Schon mit "Killalady" demonstrierte sie einst, dass auch R&B und HipHop zu ihrem Spektrum gehören, diesen Crossover baut sie jetzt mit einem Gastrapper in der betörenden Groove- und Glitchpop-Ballade "Wild Country Girl" und im Northern-Soul-Derivat "Great Skate Date". Von der Kindertröte über Xylofon und Dudelsack bis zur Bontempi kommen alle möglichen Instrumente zum Einsatz, wenn es an die "Bagpipe Serenade" oder in den "Petting Zoo" geht, wo sich Electra ihrem Lover als "schnubbly little kitten" anbietet. Im - etwas irritierenden - Rap "Boozy Shoes" reflektiert sie ihre ins Stocken geratene Karriere mit einer Wunschliste: Songs für "Pink, Britney and Chrissie Aguilera" schreiben und "rich, respected and sought after" sein. Letzteres wäre ihr zu wünschen, Ersteres wäre wie, Pardon, Perlen vor Säue zu werfen.

"Green Disco" ist keine Offenbarung wie "Soft Rock", kann es nicht sein. Aber die einerseits kuschelig-vertraute, andererseits fremdartig-mondäne Fortsetzung, die man sich wünschte. Musik für die alltägliche Weltreise in der M10 zwischen Nordbahnhof und Warschauer Straße. (7.7) Andreas Borcholte

"Great Skate Date"-Videoclip von Justine Electra auf tape.tv ansehen

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Neil Young - "Live At The Cellar Door"
(Reprise/Warner, ab 6. Dezember)

Cover "Live At The Cellar Door"

Cover "Live At The Cellar Door"

Oh Mann, jetzt schreibt Wigger auch noch zum 17. Mal über Neil Young, und im Januar kommt die neue Springsteen, dann müssen wir das auch noch lesen, spröde und schwer, gekünstelt und geknödelt, einfach nur peinlich und am Thema vorbei. Doch keine Sorge, heute ist heute, und heute sage ich so unsachlich wie eh und je: Hallo, Fans von Mando Diao, Shout Out Louds, Bombay Bicycle Club, Eskobar, Friska Viljor, Jet, The Naked And Famous, Two Door Cinema Club, Delphic, The Bravery, The Dodos, Snow Patrol, The Wombats, Tiger Lou, Johnossi, Rooney, Does It Offend You, Yeah?, Hard-Fi, She Wants Revenge, Sugarplum Fairy, The Cinematics, Moneybrother, Andreas Johnson, I'm From Barcelona, Vega 4 usw. usf.: Ihr habt euch geirrt, jahrelang geirrt, den Tag, den man doch nutzen und loben soll, sinnlos verschwendet, "Tom Waits oder Jazz kann man ja auch noch mit Ende 50 hören", wenn die Eheringe getauscht, das Haus gebaut, die Bäume gepflanzt und die Kinder gezeugt sind, blablabla - dann kommen endlich und von Amts wegen John Coltrane, Jackson Browne, William Faulkner und Ingmar Bergman zum Einsatz - falls nicht gerade eine angesagte Bart-Band ihr belangloses zweites Album veröffentlicht. Doch zurück zur Chronistenpflicht: "Live At The Cellar Door" ist ein weiteres Dokument des "Archives"-Live-Zweiges, und seien wir ehrlich: Es ist auch das bisher Größte, Unantastbarste, Olympischste. Young spielt in irgendeinem kleinen Keller in Washington, D.C., 1970, eine Setlist, bei der dir die Knie weich werden und du begreifst, dass du nur ein Insekt, ein Körnchen Staub bist im Angesicht von Onkel Neil: "Only Love Can Break Your Heart", "After The Gold Rush", "Old Man", "Down By The River", "Tell Me Why", "See The Sky About To Rain" und Buffalo Springfields Sternenreise "Expecting To Fly". Wer diese Songs noch nie gehört, Neil Young noch nie live gesehen hat, lebt dennoch weiter: glücklich, unbeschrieben, unwissend, rein wie ein Kieselstein im klaren, kalten Wasser. Einmal, vor "Flying On The Ground Is Wrong", scherzt der Meister mit dem Publikum, wie er es sehr viel später nur noch selten tat: "You'd laugh too, you know, if this was what you did for a living. Anyway, this song is about dope, it's most just about, mostly just: grass, and it's about what happens when you start getting high, and you find out that people you thought you knew you don't know anymore, because they don't get high and you do. Your girlfriend. She doesn't understand. Your life is crazy." Und dann geht es los, Neil schlägt in die Tasten, er vermisst die Frau, er fühlt sich wie ein hilfloses Kind, er sieht die Lichter auf dem Dorffest: "You're just too dark to care". Weil es Liebe ist. (9.2) Jan Wigger

Neil Young - "Live At The Cellar Door"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
JaWeb 03.12.2013
1. Kollaboration
Ich würde ja Britney eine Kollaboration mit Emptyset vorschlagen :) Das Ergebnis würde ich mir vielleicht sogar zulegen.
wollexxxx 03.12.2013
2.
Zitat von sysopDas neue Album von Britney Spears ist da! Ob's ein Grund zum Feiern oder Flennen ist, lesen Sie hier. Außerdem: Physikalische Raum- und Klang-Experimente mit Emptyset, urbane Kuschelsongs von einer wundersamerweise wieder aufgetauchten Wahlberlinerin - und olympisches Live-Material von einem unantastbaren Kanadier. http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-alben-britney-spears-emptyset-justine-electra-neil-young-a-936853.html
was uns hier von SPON Woche für Woche als "wichtgste cd´s der woche" präsentiert wird, ist überwiegend unhörbar. Hauptsächlich fieser Elektroschrott von irgendwelchen zugekifften Hipstern. Was für einen Musikgeschmack haben diese Leute ? Und wenn es dann doch mal mainstreamiger wird: Britney Spears und Neil Young, --- uff.
sucram31 03.12.2013
3. Nur keine Scheu, Herr Wigger!
Solange Young und Springsteen auch zukünftig so großartige und nach wie vor relevante Alben rausbringen wie zuletzt, müssen sie den Vergleich mit keiner der von Ihnen aufgezeigten Bands scheuen und Sie können und sollten auch künftig sogar ohne Sorge darüber berichten.
manuelludwig 03.12.2013
4. @ wollexxx
Exakt! Aber Wiggerchen braucht schon die eine oder andere homöopathische Unterstützung um den Spagat zwischen Spears und Young zu biegen. Da kann man dann ja mal viel zu Madonna, sonst nix und ein paar cool klingende Metaphern verblasen und das als ganz wichtig verkaufen! Nur uns gibt keiner etwas ab.
z_beeblebrox 03.12.2013
5.
Zitat von JaWebIch würde ja Britney eine Kollaboration mit Emptyset vorschlagen :) Das Ergebnis würde ich mir vielleicht sogar zulegen.
Könnte interessant werden! Die Frage lautet allerdings: Wer soll von beiden singen? Dann wäre noch zu klären: Als Duett, oder wie? Nun ja, höre jetzt: Wish you were there (nö, nicht "here")
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