Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Coldplay geben sich auf ihrem neuen Album demonstrativ fröhlich und poppig. Glückt der Band-Neustart? Lesen Sie hier. Außerdem: Produktenttäuschung bei Sophie, Warpaint-Bassistin im Alleingang und eine sanfte Erinnerung an den vergangenen Januar.

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Coldplay - "A Head Full Of Dreams"
(Parlophone/Warner, ab 4. Dezember)

Mach' mal richtig bunt! Das könnten Coldplay zu ihrem Cover-Designer gesagt haben, und dem fiel ob dieser doch recht unkonkreten Aussage offenbar nichts Besseres ein, als allerlei Geflügel und Planeten kaleidoskopisch um ein schwarzes Vakuum anzuordnen, in dem sich eine im CMYK-Farbspektrum gehaltene Grafik befindet, die jedes gelangweilte Kind mit einem Spirograph anfertigen könnte. Natürlich ist dieses Cover in seiner brutalbunten, sehr geschmacklosen und öden Tuttifrutti-Optik das perfekte Motiv für ein Coldplay-Album. "A Head Full Of Dreams" heißt es: Träumen im Testbild-Modus.

Ja, es ist dankbar, ein Coldplay-Album zu rezensieren, weil die Briten es einem aber immer so verdammt leicht machen, sie mit Häme zu übergießen. Das Weinerliche, das Hymnische, das idiotisch Naive, die ewigen Oh-Hoo-Oh-Hoo-Hoho-Chöre... what's not to hate?

"A Head Full Of Dreams" bildet da keine Ausnahme, auch wenn sich Coldplay auf ihrer siebten Platte redlich Mühe geben, nicht gleich wie sie selbst zu klingen. Schon die vorab veröffentlichte Single "Adventure Of A Lifetime" überraschte mit einem beschwingten Disco-Beat und fröhlichen Handclaps. Und so drückt einem auch der Titeltrack erst mal mit viel Humptahumpta-Bass einen Rumpshaker-Rhythmus rein: Lebensbejahend soll das neue Album schließlich sein, nach dem Triefnasen-Overload von "Ghost Stories", mit dem Sänger und Texter Chris Martin angeblich die im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöste Beziehung zu Gattin Gwyneth Paltrow aufarbeitete. Jetzt kann er wieder lachen, der gute Chris, und wir müssen mitmachen.

Aber keine Sorge, lieber altgedienter Coldplay-Fan: Schon nach der Hälfte des Songs "A Head Full Of Dreams" gniedelt sich die typische The-Edge-Gitarre in den Disco-Sound, und dann sind da auch schon die Chöre, zu denen man im Konzert so schön das Handylicht schwenken kann: Oh-Hoo-Ho-Hooo-Hoho. Herrlich. Alles beim Alten.

Das bedeutet, dass sich Coldplay noch so sehr Mühe geben können, nicht mehr wie eine mittelgute Rockband aus England zu klingen, sondern wie ein smarter Pop-Act aus L.A., der weiß wie man ein paar abgefahrene EDM-Elemente platziert: Am Ende bremsen sich die eigentlich zum Abtanzen gedachten, künstlich verschnellten Songs schnell wieder durch getragene Hymnenhaftigkeit aus. Ein Coldplay-Song ist immer auch eine schwermütige Ballade, egal ob oben drüber ein bisschen Flitterkram glitzert oder unten drunter mehr dröhnt. Selten klang ein Song, der "Fun" genannt wurde, spaßbefreiter als dieser.

Einzige Ausnahme ist das mit Beyoncé-Vocals veredelte "Hymn For The Weekend", wo die Hymne zwar im Titel steht, aber auf einmal so etwas wie Lockerheit, ein zaghafter Hüftschwung, ins Spiel kommt. Ganz schön, weil kurios, auch "Army Of One", das zumindest zeitweise in einen Trap-Beat verfällt und Chris Martin zum Rapper werden lässt. Verstörend hingegen der Auszug aus einem Barack-Obama-Vortrag in "Kaleidoscope": Warum plötzlich so staatstragend auf einem vermeintlichen Partyalbum? Und was mag Obama dazu bewogen haben, ausgerechnet Coldplay so etwas freizugeben?

Fakt ist, damit tut man niemandem weh, weil Coldplay auch mit diesem Album die Konsensband bleiben, die sie immer waren - auch wenn die musikalische Entfernung zum ersten, immer noch sehr anständigen Debüt "Parachutes" nicht größer sein könnte. Anders als damalige Weggefährten haben Martin und seine Kollegen sich für konsequente Evolution entschieden und richtig erkannt, dass mit Gitarrenrock gerade keine Massen zu bewegen sind, zumindest keine unter 30. Die will man aber natürlich auch nicht vergraulen, und da liegt dann am Ende das Problem von "A Head Full Of Dreams": Den wirklich radikalen Schritt in ein anderes Genre wagen Coldplay eben doch nicht, das Ergebnis ist ein schwieriges Hybrid, man erinnere etwa "Zooropa" von U2.

Aber Hauptsache, die Band hat Spaß. In "Everglow" versöhnt sich Martin dann auch demonstrativ mit der Ex (mit Gwyneth, nicht mit Jennifer Lawrence), die dann angeblich auch als Sängerin irgendwo zu hören ist: Awwww! Oasis-Survivor Noel Gallagher darf dann im Bombast-Finale "Up & Up" das großen Gitarrensolo auspacken, da sind Coldplay nach all den aufregenden Disco-, R&B- und EDM-Pop-Ausflügen wieder komplett bei sich. Man bleibt staunend zurück, den Kopf voller Albträume. (4.0) Andreas Borcholte

Sophie - "Product"
(Numbers/Rough Trade, seit 27. November)

"I can make you feel better, if you let me", singt eine piepsige Frauenstimme über Beats und Geräusche, die geradewegs aus einem außer Kontrolle geratenen 8-Bit-Computerspiel zu stammen scheinen. So muss es sich auf LSD im Ikea-Bällebad anfühlen. "Bipp" heißt der Track und eröffnet die erste reguläre Veröffentlichung des britischen Produzenten Sophie auf dem renommierten Techno-Label Numbers. Sophie wird gerne assoziiert mit dem Label PC Music von A. G. Cook, auf dem quirlige, quietschbunte Retorten-Pop-Acts wie Hannah Diamond oder QT veröffentlichen. Bei der ganzen, vor allem in England sehr gehypten Sache weiß man noch nicht so genau, ob's genial ist und in die Zukunft von Popmusik weist - oder einfach nur ein cleverer Marketing-Gag ohne Inhalt. Es geht, wie bei Sophie auch, um die Vergegenwärtigung des Zusammenhangs zwischen Pop und Kommerz mit den Mitteln der Übertreibung.

Dabei bedient man sich gerne mal der Methode Holzhammer, die sich dann auch gleich im Titel des Albums offenbart: Pop ist ein Produkt, tja, das wissen wir eigentlich seit Andy Warhol, spätestens seit den Post-Punks, die schon in den Achtzigern propagierten, dass sich Pop, wie sein Mutterschiff, der Kapitalismus, irgendwann zwangsläufig selbst auffressen würde. Ob das schon passiert ist, darüber lässt sich streiten. Betrachtet man die beiden zurzeit dominanten Musikformen HipHop und EDM, deren Interpreten weder Scheu noch Berührungsängste gegenüber Marken-Sponsoren oder der Zurschaustellung materieller Status-Symbole haben, könnte man sagen: Die Verdauung steht kurz bevor.

Zurück zum Anfang: Möchte man, dass Sophie mit seinem dies alles reflektierenden Sound dafür sorgt, dass man sich besser fühlt, nicht mehr ganz so schuldig und besudelt, wenn man moderne Popmusik konsumiert? Schwierige Frage, die sogar eine Zeitgeist-Muse wie Grimes überfordert: "It's really fucked up to call yourself Sophie and pretend you're a girl when you're a male producer [and] there are so few female producers", schimpfte sie im "Guardian" über das durch und durch Artifizielle, in dem sich eben auch jede beliebige Haltung brechen und vexieren lässt, um dann aber gleich hinterherzuschicken, dass die Musik ja aber "really good" sei.

Das fanden auch Madonna und Hipster-Produzent Diplo, die Sophie beim Mix ihres Album-Höhepunkts "Bitch, I'm Madonna" einen prominenten Credit gaben. Seitdem wartet man darauf, dass Sophie, der eigentlich Sam heißt, diese Vorschusslorbeeren auch einlöst. Es gelingt ihm mit "Blipp", jener durch den Zerhacker gemangelten Eurodisco-Nummer, und mit "MSMSMSM", das Ähnliches mit dem im HipHop gerade angesagten Trap-Sound anstellt. "L.O.V.E" fasziniert mit nervenzerrenden Oszillator-Geräuschen und Sprachsample-Fragmenten, aus denen ein charmanter Minimal-Techno-Drone entsteht, das dann plötzlich mit fröhlichem Spieluhr-Geklimper unterbrochen wird. "Just Like We Never Said Goodbye" ist dann wieder wie eine leicht verrutschte Robyn-Nummer.

Sophie hat also durchaus Talent für große, umarmende Pop-Melodien, nur leider lässt es sein Meta-Konzept nicht zu, sie einfach für sich sprechen zu lassen. Es muss halt immer etwas daneben klingen, um den erwünschten Uncanny-Valley-Effekt zu erreichen. Das kann Spaß machen, das kann aber auch ganz schön angestrengt wirken. Wie zum Beispiel die Gimmicks, die angeblich das eigentliche "Produkt" zum Beiwerk Musik darstellen: Sophie-Schuhe, -Sonnenbrille und -Jacke sind allerdings schon ausverkauft, einzig erwerbbar bleibt ein extravagant geformter schwarzer Doppeldildo aus Silikon für 50 Pfund. Diesen Feel-Better-Genuss muss man halt wollen. (7.5) Andreas Borcholte

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Jennylee - "Right On!"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, ab 11. Dezember)

"Society is anxiety is a misery it's a myth", singt Jenny Lee Lindberg in einem erschöpften Singsang am Ende von "Boom Boom", dem zweiten Song ihres Debüt-Albums. Dazu geistern nervöse Gitarrenfetzen über einem hibbeligen Bass und einer zischenden Percussion, die mit der Eisenstange an Hinterhof-Drahtzäunen gespielt wurde: Die Klangwelt der Warpaint-Bassistin ist eine einsame, mitternächtliche, in der sich Neonlicht auf nassem Asphalt spiegelt und die letzte Zoloft-Pille im orangenen Plastikröhrchen vom Apotheker verloren herumklappert.

"Right On!", das ist ein aufmunternder Spruch, den sich Jazzer und Funk-Musiker gerne auf der Bühne zuwerfen, wenn ein Groove besonders gut sitzt. Angesichts der insgesamt eher verkaterten Stimmung auf Jenny Lees Album muss man den Titel eher als Ironie verstehen. Mehr Nikotinschwaden und Augenringe, mehr Lethargie war lange nicht. Das Thema ist atmosphärischer, zuweilen antreibender Indie- und Goth-Rock, wie Lindberg ihn auch mit ihrer Band spielt ("Never", "Riot") , doch versenkt sie sich solo noch stärker ins Sinnliche, lustvoll Leidende. Unterschwellig lauert da neben träger Erotik immer auch die Gewaltphantasie, zum Beispiel in "Bully", wenn sich Lindberg in die Rolle eines zudringlichen Stalkers hineindenkt - ein Suspense-Thriller, bei dem Gitarren- und Bass-Saiten zu gereizten Nervenenden werden.

Überhaupt herrscht musikalisch eine beeindruckende Übersichtlichkeit und Transparenz: Gitarrentöne werden behutsam hingetupft, Lindbergs Bass drängelt sich manchmal vor, bleibt aber immer akzentuiert, Schlagzeug- und Percussion stammen von Stella Mozgawa, Lindbergs Rhythmusgruppen-Partnerin bei Warpaint, was die Summe der einzelnen Klangteile dann wieder zu einem Ganzen vereint. "Right On!" ist dennoch ein Wechselbalg, der manchmal selbstbewusst Grunge und Nirvana zitiert ("Offerings", Never"), manchmal ganz zerbrechlich in The-xx-Terrain vorstößt ("He Fresh") oder sich mit fiebrigem Noise abreagiert ("White Devil"). Psychofunk, den Noir-Heldinnen wie Jessica Jones hören, wenn sie nachts mal wieder nicht schlafen können. (7.7) Andreas Borcholte

Jennylee - "Never"

Never von Jennylee auf tape.tv.

Natalie Prass - "Side By Side EP"
(StarTime International/Columbia/Sony, seit 20. November)

Sehr charmant, dass Natalie Prass am Ende des Jahres, das mit der Sensation ihres Debüt-Albums begann, noch einmal darauf aufmerksam macht, dass es eben nicht nur das Jahr der Rückkehr von Adele und Grimes, Julia Holter und Joanna Newsom ist, sondern auch ihres. Die "Side by Side EP" mit zwei in den Spacebomb Studios von Produzent und Prass-Intimus Matthew E. White aufgenommen Live-Versionen und drei Studio-Coverversionen ist kein trotziges Aufstampfen, sondern ein sanftes "Ähem", freundlich und leise, aber unwiderstehlich, wie man es von der 29-jährigen Sängerin aus Richmond, Virginia inzwischen gewohnt ist.

"My Baby Don't Understand Me", der erste Track des im Januar veröffentlichten Debüts, diesmal nicht mit 30-köpfigem Orchester, sondern in kleinerer Besetzung aufgenommen, erinnert zum Start noch einmal daran, warum man Prass so schnell verfiel: Sirupsüßer Southern-Soul trifft auf die glockenhelle Stimme einer "emanzipierten Disney-Prinzessin" (Pitchfork), die sich allein und unverstanden fühlt. Doch schon im zweiten Song, einer von Achtziger-R&B-Manierismen befreiten, mit Sahne und Toffee angereicherten Version von Anita Bakers "Caught Up In The Rapture", befreit sich Prass aus dem Jammertal und groovt sich auf einer beschwingten Gitarre in Liebes-Ekstase. Simon & Garfunkels eigentlich unantastbarem Evergreen "Sounds Of Silence" lässt sie eine ähnliche Behandlung angedeihen, indem sie alles Sakrale entfernt und einen kecken, verspielten Muscle-Shoals-Rhythmus installiert und mit verruchter Nancy-Sinatra-Stimme intoniert. Hello Darkness, my old friend? Hell, yeah!

REALiTi (Live Pseudo Video) von Natalie Prass auf tape.tv.

Wenn das gelingt, gibt es eigentlich kaum etwas, was Prass nicht zuzutrauen wäre. Folglich glückt unwahrscheinlicherweise auch ihre verjazzte Interpretation von Grimes' Adoleszenz-Abschied "REALITi", die, aus dem Hall in etwas Handfesteres, Traditionelleres überführt, noch ein bisschen erwachsener, aber auch berührender wird. Das einzige, was Prass bisher vergurkt hat, ist ihre Coverversion von Slayers "Raining Blood", die sich wohl auch deshalb nicht auf dieser netten EP findet. Aber egal, man hätte ja ohnehin möglichst bald mehr eigene Songs von ihr. (7.8) Andreas Borcholte

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
dinnyc 01.12.2015
1.
Ich kann ja mit der Musik von Coldplay nichts anfangen, aber ist Adele nicht mindestens genauso schlimm? Warum wird ihr Tränendrüsen-Konsens-Pop überall gefeiert, auch im Spiegel?
bansky 01.12.2015
2.
Zitat von dinnycIch kann ja mit der Musik von Coldplay nichts anfangen, aber ist Adele nicht mindestens genauso schlimm? Warum wird ihr Tränendrüsen-Konsens-Pop überall gefeiert, auch im Spiegel?
Warum erhebt jeder immer den Anspruch, dass jeder "Konsens" gleich mit Qualitätsverlust einhergeht. Adele ist großer, pathetischer "Tränendrüsen"-Pop, aber sehr gut produziert und spricht eine Menge Menschen an. Deshalb wird auch (zurecht) darüber berichtet. Ich verstehe diesen "Kultursnobismus" nicht. Nur Nischenmusik hören kann doch auch nicht die Lösung sein!
gurkenhändler 01.12.2015
3.
Zitat von banskyWarum erhebt jeder immer den Anspruch, dass jeder "Konsens" gleich mit Qualitätsverlust einhergeht. Adele ist großer, pathetischer "Tränendrüsen"-Pop, aber sehr gut produziert und spricht eine Menge Menschen an. Deshalb wird auch (zurecht) darüber berichtet. Ich verstehe diesen "Kultursnobismus" nicht. Nur Nischenmusik hören kann doch auch nicht die Lösung sein!
Doch genau das ist die Lösung. Die ganze heutige Pop/Rockmusik ist nur noch langweilig.
bansky 01.12.2015
4. Snob
Zitat von gurkenhändlerDoch genau das ist die Lösung. Die ganze heutige Pop/Rockmusik ist nur noch langweilig.
Genau das meine ich mich "Snobismus" - quod erat demonstrandum. Und: Nein, das ist keine Lösung. Musik für die Massen/ eine bestimmte Masse zu machen ist für jeden professionellen Musiker überlebenswichtig. Sonst ist er/sie bald Pleite. Ich kenne genügend Bands, die hervorragend waren, aber sich solange anderen Jobs widmen mussten, bis keine Zeit mehr blieb.
Abel Frühstück 01.12.2015
5.
Können wir hier bitte mehr über Warpaint bzw. Jenny Lee reden.
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