Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Vergessen Sie, was Sie über Dagobert wissen, hören Sie einfach sein neues Album "Afrika" - hier ebenso im Vorab-Stream wie das verblüffende Debüt der Sängerin Courtney Barnett. Außerdem: Gastkritiker Tex Rubinowitz über Liturgy.

Von und Tex Rubinowitz


Liebe Abgehört-Leser,
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Dagobert - "Afrika"
(Buback/Universal, ab 20. März)

Wigger hat's gewusst. Falls sich noch jemand erinnert: Jan Wigger, Popkritiker, einer der besten, hat bis vor Kurzem hier geschrieben. Na, jedenfalls sagte Wigger noch im Winter zu mir, denn natürlich besaß er das Album schon, fragt mich nicht. Er sagte also: Das neue Dagobert-Album, das sei ein "epochales Meisterwerk. Über die 'Afrika'-Platte wird man noch in zehn Jahren reden, vor allem über den letzten Song."

So wurde das "Afrika"-Album für mich in den vergangenen Wochen zu einem Angstgegner, denn beim Debüt des Schweizers, der sich selbst "Schnulzensänger aus den Bergen" nennt, ging es mir ganz anders als so vielen Hamburger und Berliner Hipstern: Es ließ mich gänzlich kalt und ratlos. Dass Dagobert, der angeblich fünf Jahre allein in einem Bergdorf lebte, sich dort nur von Reis ernährte und nebenbei traurige Songs über eine unerwiderte Liebe schrieb, mit solchen Einsamkeits- und Almöhi-Geschichten zum Wigger-Kumpel werden würde, war mir klar.

Für mich stand immerhin eines fest: Schlagersänger für die In-Crowd ist der Mann nicht, dafür nimmt er seine Lieder zu ernst, und dafür ging es zu viel um Liebe und Sehnsucht, zu wenig um's, pardon, Bumsen. Denn Schlager, meine Damen und Herren, Schlager ist zynisch und kalt und folgt in seinen Eroberungstexten einem kapitalistischen Pragmatismus, während Dagoberts Musik bei aller Befremdlichkeit eine spürbare Wärme ausstrahlte. Und vielleicht war es ja diese Wärme, die Dagoberts überraschenden Erfolg ausmachte, denn kalt und zynisch und einsam ist es auch in der Großstadt.

Dagobert: "Afrika"
Und nun also "Afrika". Die Erzählung dazu geht so: Nachdem er aus den Bergen zurück wieder in Berlin gelandet war, wo er zunächst im Hinterzimmer eines Mitte-Cafés lebte, bevor er zu der nun im gleichnamigen Song verewigten Jenny zog, träumte er sich in den nächsten romantischen Aussteigertraum hinein: "Ich werde nun für immer gehen/ Und Dich nie mehr wiedersehen/ Doch so wie Du mich kennst, wirst Du das verstehen/ Denn ich geh nach Afrika/ Mit meinem Herz bin ich schon da/ Und singe mit den Affen Uah-uah-Ah", schunkelt es da, und im Hintergrund pfeift ein Söldnerchor wie einst am River Kwai.

Dass sich hier Kolonialbilder und Comic unzulässig überlappen, ist egal: Dagobert will nur weg, denn noch immer blutet sein Herz, fordert er "Rede mit mir" von der Verflossenen und postuliert, unten an ihrem Fenster stalkend, "Wir leben aneinander vorbei". Nur in fernen, exotischen Landschaften, an Orten, die selbst Sehnsüchte symbolisieren, findet er Rast (und schlichte Reime): "Moonlight Bay, alles okay". Immer wieder jedoch, "Am Natronsee", einem von Kreator-Gitarrist Mille Petrozza hinreißend begniedelten Instrumental, kippt die Stimmung wieder ins Obsessive: "Ich mag dich mehr als all den Frust/ Hast du das eigentlich gewusst?/ Immer, wenn du nicht rangehst, klingelt's, wo dein Telefon steht", sinnt er traurig überm endlosen Freizeichen, unbehauste Gedankenlabyrinthe eines Deprimierten.

"Manchmal traurig, manchmal froh, das war bei mir immer so", singt Dagobert dann auch folgerichtig im letzten Song, Wiggers Favorit: "Das traurige Ende eines schönen Tages" heißt der, und plötzlich sind alle Überlegungen, ob all das nun Kalkül oder Ironie, Schlager oder Liederkunst ist, obsolet: Man gibt sich dem Piano, den Streichern, der Tristesse dieses Mannes hin, wenn er sich der Endlichkeit, der ewigen Unverständlichkeit des Lebens stellt: "Die Welt gehört nicht mir/ Ich bin hier nicht zu Haus/ Ich bleib auch nicht lang hier/ Mit mir ist es bald aus." Wer so leidet, meint alles ernst. (8.5) Andreas Borcholte

Liturgy - "The Ark Work"
(Thrill Jockey/Rough Trade, ab 27. März)

Wer sich, wie ich, "Heavy Metal bleibt The Law!" auf die Stirn tätowiert hat, fragt sich ein ums andere Mal, warum es einem das Subgenre Black Metal so schwer macht, es zu mögen. Woran liegt es, dass es einem so bald lästig wird? Der Wille ist vorhanden, die Ausführung mitunter hörenswert, aber dann fällt alles beim genaueren Hinhören in sich zusammen, verkommt zu einem Zirkus für Kinder, der "Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität" (Johan Sebastian Cammermeyer Welhaven) endet geschlurft, gehinkt und ausgebuht. Glanz wird Plastik, Satan eine Figur aus einem Ü-Ei, Ekstase verpufft wie ein Kartoffelbovist im Wald der Gehenkten, der stachelige Baum ("Det tornede Træ") ist nichts anderes mehr als eine saftlose Wassermelone.

Schuld daran ist die infantile Haltung der Protagonisten. Ihr geringes Können und das Wenige, was sie so in der Denkmurmel haben, all das wird ihrem hohen Anspruch nicht gerecht, den Emperor-Geniestreich "Anthems to the Welkin at Dusk" nachzustellen. Unermüdlich und zahllos sind die Versuche seit 1997, diese Nuss zu knacken. Aber die Schuhe sind zu groß, die Drudenfüßchen der bemalten Schießbudenfiguren zu klein, Cronos, Mantas und Abaddon leben hier nicht mehr.

Aber wenn eine Welle abgeebbt, alles re- und dann wieder dekonstruiert ist, kommt nach einer Weile schon die nächste angebrandet. Wir stehen inzwischen bei der circa fünften Inkarnation dieses Genres, inzwischen nennt sich der Stil Blackgaze: Jungs, die beim Spielen auf ihre Schuhe gucken.

Liturgy aus Brooklyn verzichten auf handelsübliche Effekte (Stachelarmband, Clownsschminke, Kirchen abfackeln), sie sind gekommen, die stilistischen Grenzen des Genres zu erweitern und "Tod und Atrophie" des traditionellen Black Metal durch "Leben und Hypertrophie" zu ersetzen. Durch Paradoxie punkten - warum nicht, wenn jemand dem Quatsch zu folgen bereit ist? Transcendental Black Metal nennen sie es, aber braucht Musik eine Terminologie, wenn die Band einfach nur, wie Dieter Bohlen sagen würde: "geil abliefert"?

Liturgys Sänger und Strippenzieher Hunter Hunt-Hendrix wird da gerne mal weinerlich: "Wir sind wirklich gewillt, es zu erdulden, dafür gehasst zu werden, was sich ästhetisch richtig anfühlt." Vielleicht gehört ja Doofheit zum Instinkt, etwas Überzeugendes und Gültiges zu schaffen, eingedenk des Mantras: Du kannst keine gute Musik machen, wenn du gute Musik machen willst.

Und was Hunt-Hendrix da gemacht hat, braucht eben keine Ideologie, um einem den letzten Verstand zu rauben, es bläst einen um, weil Denken ja sowieso zum Satan beten ist. Es klopft schwächlich, wenn das mächtige "Quetzalcoatl" beginnt: billig und ungeschminkt, der Gesang kommt jammernd und klagend, es wird nicht gegrunzt oder gekreischt, wir sind ja hier nicht in Entenhausen. Es ist alles so wie bei den Jünglingen im Feuerofen, und dann setzt ein Inferno ein, ein Mühlstein setzt sich in Gang, der dir das Mehl aus den Knochen mahlt. Wenn das Jahr nicht noch so jung wäre: Platte des Jahres! Aber was soll da noch Großes oder Größeres kommen? (9.5) Tex Rubinowitz

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Courtney Barnett - "Sometimes I Sit and Think and Sometimes I Just Sit"
(Marathon Artists/Kobalt/Rough Trade, ab 20. März)

So viel Fuck-you-Attitüde war lange nicht. Wer singt der kleinen Courtney "ein paar Triffids-Lieder, wenn sie nachts mit dem Taxi nach Hause fährt", fragte sich schon Kollege Wigger letztes Jahr, verblüfft von der Doppel-EP "A Sea of Split Peas", die Barnett, ein Mädchen mit Gitarre aus Melbourne weltweit auf den Kritikerplan rief. Mit "Sometimes I Sit and Think and Sometimes I Just Sit" erscheint nun ihr Debüt-Album; den Ehrenpreis für den besten Albumtitel des Jahres kann man ihr schon mal frühzeitig verleihen, da wird nicht viel mehr kommen. Was? Das "rote Album"? Pah!

Ach ja, Fuck-you-Attitüde: Sheryl Crow sang in ihren besten Zeiten mit mindestens so viel Abgeklärtheit in der Stimme, vor allem in "All I Wanna Do", von vielen damals ja als Gute-Laune-Hymne verkannt. Ja, aber nein: Courtney hat Mädchenprobleme, Komplexe, Unsicherheiten, Selbsthass, und das kann man krachig-komödiantisch verarbeiten wie aktuell ihre Kollegin Colleen Green (letzte Woche besprochen) oder man versenkt sich in einen Zustand schönster Lakonie, wie es nur Wenige beherrschen, darunter Liz Phair und Chan Marshall.

Also die samtpfotenweiche Kratzbürste gezückt, man will ja niemandem wirklich wehtun: "Put me on a pedestal and I'll only disappoint you/ Tell me I'm exceptional and I promise to exploit you/ Gimme all your money and I make some Origami, Honey", formuliert Barnett ihr alltägliches Mogelpackung-Feeling in "Pedestrian At Best" über einem frechem Gitarrenlärm, manche werden dabei an Pixies oder Nirvana oder so denken. Kinks tun's auch, eigentlich eh immer.

Aber Barnett kann mehr als Krach veranstalten: "An Illustration of Loneliness (Sleepless in NY)" ist ihr "All I Wanna Do", in "Small Poppies" beschwört sie den Jim Morrison in sich und meditiert bedröhnt über die Grünschattierungen ihres Gartens, der dringend Wasser braucht. Und kommt von da dann zu den Langeweile-Abgründen eines Alltags- und Liebeslebens. Das wird in "Depreston" über fröhlichem Countryfolk noch mal vertieft, bis es dann wieder stürmischer wird: "Dead Fox", "Nobody Really Cares if You Don't Go to the Party", "Debbie Downer" sind ätzende, klarsichtige Betrachtungen der öden Oberflächlichkeiten, mit denen wir uns das Leben unnötig zur Hölle machen.

Das Ganze endet auf einer morbiden Note im fast sieben Minuten langen, anschwellenden "Kim's Caravan". Wer an dieser Stelle noch einen Beweis brauchte, was für eine außergewöhnliche Songwriterin und Geschichtenerzählerin Barnett ist, wird hier mit einer urbanen Lonesomeness-Story letztgültig überzeugt und hingerissen: "Don't ask me what I really mean/ Take what you want from me", heißt es darin. Einmal alles dann bitte! (8.4) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
beirette 17.03.2015
1. Dagoberts...
…Afrika ist groß und wunderbar. Ich bin sogar ein wenig irritiert, wie gut es mir gefällt. Ich bin weder Schlagerfreund noch Hipster, für welchen dieses Album in den Großstädten sicher auch herhalten muss. Ein tolles Album, inklusive der feinen musikalischen Mitarbeiter. So dann also Schlager mit ein wenig Scorpionsfeeling und ich höre auch Adriano Celentano raus… Weiter so!
bachfritz 17.03.2015
2. hm....Zehn Jahre ....
die Melodie des Liedes "Zehn Jahre" erinnert mich sehr, sehr stark an ein "Tanzlied aus Maehren" (Tanzen macht Vergnügen), einem Chorsatz für gemischte Chöre (Gesangvereine).
DerZauberer 18.03.2015
3.
Maria & The Diamonds - Froot ... schlägt für mich alles hier vorgestellte deutlich. Aber scheint nicht stattzufinden beim Spiegel? Zu unkompliziert poppig?
rafaveira90 18.03.2015
4.
Ich finde das hört sich ganz gut, bisschen ruhiger als 'Marina and the Diamonds' :)
tim.hofmann 18.03.2015
5.
... von Dagobert macht einen echt sprachlos. Klingt wie ganz miese Blumfeld mit Sonne auf Schlager in schlecht. Und so Gott Mille normalerweise auch ist: Es gibt nicht annähernd genug Ironie auf diesem Planeten, auch nicht in der neuerdings so beliebten ironuiefreien Variante, um sich diesen Quark zum Kult schönzuhören. Manchmal ist, was doof klingt, eben wirklich einfach nur doof. Und enn man dann bedenkt, wieviel tolle Platten hier Woche für Woche ignoriert werden ...
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