Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Total vernetzt und trotzdem ratlos, diesem modernen Gefühl gibt die Hamburger Dada-Band Deichkind mit ihrem neuen, erstaunlich nachdenklichen Album eine Stimme. Außerdem: Natalie Prass! Viet Cong! Pollyester!

Von und


Liebe Abgehört-LeserInnen,

Jan Wigger macht Pause. Nach sagenhaften 13 Jahren im unermüdlichen Einsatz lässt mein stets hochgeschätzter Mitkolumnist seine Tätigkeit als Abgehört-Kritiker auf eigenen Wunsch ruhen. Bis auf Weiteres lesen Sie daher an dieser Stelle wechselnde Gastbeiträge. Heute von meinem SPIEGEL-Kollegen Tobias Rapp.
Herzlich, Ihr Andreas Borcholte

Unsere Besprechung von Björks neuem Album "Vulnicura" lesen Sie hier!

Deichkind - "Niveau Weshalb Warum"
(Sultan Günther Music/Universal, ab 30. Januar)

Es kommt wohl nur selten vor, dass sich Künstler auf der Höhe ihres Schaffens zu noch höheren Höhen aufschwingen. Schon als vor drei Jahren "Befehl von ganz unten" erschien, das letzte Album der Hamburger Diskurs-Dadaisten Deichkind, war es erstaunlich genug, wie diese Band Intelligenz und Doofheit, Klamauk und Kritik am Klamauk zusammenklammern konnte. Nun kommt das neue Album "Niveau Weshalb Warum", und man muss feststellen: Es geht noch besser.

Wer ist Deichkind? Abgesehen von der offensichtlichen Antwort: Phillipp Grütering, Sebastian "Porky" Dürre, DJ Phono und Ferris MC? Es ist der tendenziell soziophobe junge Mann, der mit großer Klappe und nichts dahinter auf dem Computer rumdaddelt. Zwischen 16 und 40 Jahre alt, gebildet, aber von dem Gefühl verfolgt, seine Haut eigentlich unter Wert verkaufen zu müssen, mit einem Humor gesegnet, der es lustig findet, wenn Skateboarder in YouTube-Filmchen eine Treppe herunterfallen, politisch tendenziell links, was aber eher ein Gefühl als eine wirkliche Überzeugung ist. Verschwörungstheorien findet er falsch, aber lustig. Er ist der supervernetzte Mensch von heute, der lieber Textnachrichten schreibt, als zu telefonieren, weil sich so leichter die Distanz wahren lässt.

Kurz: Deichkind, das sind Sie, lieber Leser, und wir natürlich auch. Deichkind geben uns eine Stimme. Unseren Ängsten, wie in "Hauptsache nichts mit Menschen", einem brillanten Stück über den Unwillen, sich in Menschenmengen zu begeben, auch wenn es einen immer wieder zum Spektakel zieht. Der Freude an und dem Ekel vor Online-Freunden ("Like mich am Arsch"). Und dem umfassenden Eindruck, dass da draußen etwas mächtig schiefläuft ("Die Welt ist fertig").

"Niveau Weshalb Warum" schreitet unser Universum ab, in dem zu viel Fernsehen geschaut wird und man sich an bescheuerten Werbeslogans genauso freut wie immer wieder aufregt ("Powered By Emotion"). In dem die Weltherrschaft eine schöne Fantasie und glücklicherweise nicht mehr ist ("Denken Sie groß"). Und in dem man sich sonntags vor die Tür quält ("Flohmarkt").

Die brachiale Mischung aus HipHop und Elektro, die die vergangenen Platten noch prägte, hat die Band zugunsten eines feiner hingeklöppelten HipHop-Sounds aufgegeben. Was zur - Achtung: echte Überraschung! - neuen Nachdenklichkeit der Platte passt. (8.8) Tobias Rapp

Natalie Prass - "Natalie Prass"
(Caroline/Universal, seit 23. Januar)

Dafür, dass die ersten, in ernsthafter Verzagtheit gehauchten Worte des Albums "I don't feel much/ Afraid I don't feel anything at all" lauten, geht es gleich im zweiten Song dieses erstaunlichen Debüt-Albums weitaus vehementer zur Sache: "Oh-oh-oooh, you don't leave me much choice, but to run away/ You're a bird of prey" singt Natalie Prass, aber eben nicht mit der letzten Kraft des blutenden Raubvogel-Opfers, sondern mokant jubilierend, fast triumphal. Dazu schunkelt sich die Band in einen süß-sahnigen Southern-Soul-Sound hinein, bis man als Zuhörer glücklich vor sich hin glucksen möchte.

Natalie Prass, geboren in Cleveland, wohnt mittlerweile in Nashville, wo sonst. Zuvor lebte sie jedoch einige Jahre lang in Virginia Beach, wo sie den dort beheimateten Songwriter, Jazz-Musiker und Produzenten Matthew E. White kennenlernte, der sich vor zwei Jahren mit seinem Debüt-Album "Big Inner" als seelenvoller Americana-Erneuerer vorstellte. Der Highschool-Freund stellte ihr die bewährte Hausband seines Spacebomb-Studios zur Seite, die nun, in 30-Mann-Stärke, mit Flöten, Streichern, Blechbläsern und allem, was so dazugehört, Natalies Songs mit diesem schwülen, sirupartigen Swamp-Feeling ausstatten, als stünde am Mikro nicht eine junge Newcomerin, sondern Dusty Springfield oder Sandie Shaw, so klug und weise, so sehnend und abgeklärt zugleich, schwelgt diese Musik im ewigen Scheitern der Liebe, diesem immer wieder brechenden Versprechen.

Das betörende Zusammenspiel zwischen saftiger Soul-Big-Band und Piepsstimmen-Croonerin macht den Reiz des Albums aus: Wo die Band Druck macht, erwartet man eine dieser typischen Diven-Donnerstimmen, aber je mehr die Musik anschwillt, desto mehr nimmt Prass sich zurück, wird mädchenhaft schüchtern, verwebt sich in einen weißen Baumwoll-Traumkokon. Sie kann allerdings auch ohne Breitwand-Sound im Rücken überzeugen, zum Beispiel in den zart gezupften Zaubersongs "Christy" und "It Is You", die ans Great American Songbook erinnern, an Hoagy Carmichael und Gershwin und deren Talent, der Bitternis des Lebens etwas Süße einzuhauchen. Merken Sie sich den Namen dieser Frau. Und vor allem: Hören Sie diese Platte. (8.2) Andreas Borcholte

Viet Cong - "Viet Cong"
(Jagjaguwar/Cargo, seit 16. Januar)

Ah, noch eine von diesen verschütteten Postpunk-Bands, die beschlossen haben, sich nach 35 Jahren noch mal hochzuquälen, weil der Sound der frühen Achtziger ja so aktuell ist. Erinnert ihr Euch noch, damals, das Debüt von Viet Cong im Herbst 1980, instant classic, aber dann schnell wieder vergessen? Halt, stopp, bevor mich altkluge Leser, die hier wie üblich nur mal kurz rüberfliegen, der Ahnungslosigkeit bezichtigen und mal wieder die Gelegenheit haben, ein verächtlich zischendes "Lügenpresse" ins Forum zu spucken: Alles Quatsch!

Viet Cong gibt es erst seit einem knappen Jahr, aber sie klingen schon jetzt so desillusioniert wie die Veteranen von damals. Früher spielten einige der Mitglieder in der außerhalb Kanadas, vielleicht sogar außerhalb Albertas wenig bekannten Band Women, die es jedoch zerbröselte. Es fand sich mit Viet Cong einer der zurzeit besten Bandnamen überhaupt, weshalb dann wohl auch gleich das Debüt-Album so genannt werden musste. Stilistisch geht es ungefähr so grauschattiert zu wie auf dem Covermotiv: Alles, was möglichst bleak, trist und hoffnungslos klingt, wurde zusammengeklaubt, viermal von Tape zu Tape auf alte Kassetten überspielt, bis es schön rauschte und kratzte - und dann originalgetreu nachgeklampft: Joy Division, Bauhaus, Suicide, Shoegazer-Indie, Gruft-Gemurmel à la Fields of The Nephilim sowie die inzwischen üblichen Kraut- und Industrial-Leihgaben.

Ab und zu blitzt so etwas wie eine Melodie hervor, zum Beispiel im wunderbar betitelten "Pointless Experience", das ungefähr so klingt, als hörte man einen New-Order-Hit der frühen Jahre rückwärts durch eine Blechbüchse. "March Of Progress", das die schöne Textzeile "We build the buildings and they're built to break" enthält, baut sich über drei Minuten langsam auf, bis es zu einem hektischen, hell klingelnden, alles frei fegenden Sturm anschwillt. Der letzte Song ist elf Minuten lang, mäandert mal schnell, mal langsam auf schellendem Gitarrenwabern dahin und heißt "Death". Das ist dann da, wo der Marsch in den Fortschritt endet. Tanz den Nihilismus! (7.7) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Pollyester - "City Of O."
(Disko B./Schamoni Musik/Indigo, ab 30. Januar)

Beim ansonsten ja eher öden ARD-Spartensender EinsFestival läuft seit einer Weile die völlig vergessene, 13-teilige Vorabendreihe "Telerop 2009" von 1974. Eine dieser typisch steif-didaktischen, aber schwer sympathischen Siebzigerjahre-Sozialkritik-Serien, die 35 Jahre weit in eine wirtschaftlich kollabierte, ökologisch ruinierte Welt gucken und mit beherzt zusammengekratzter sozialdemokratischer Rest-Utopie mahnt, dass es noch, noch!, anders kommen könnte. Untertitel der Sendung daher: "Es ist noch was zu retten". Das hat, aus dem heutigen Zeitalter des Zynismus und der Resignation betrachtet, sehr viel unfreiwillige Komik - aber auch diesen merkwürdigen Zukunft-der-Vergangenheit-Charme, der immer dann einsetzt, wenn man sich Science-Fiction-Visionen ansieht, die von der Zeit überholt wurden. 2009? So last decade!

Auch die Musik von Pollyester, das vom Mainstream-Publikum bisher leider ignorierte Elektro-Pop-Projekt um die Münchner Sängerin Polina Lapkovskaja, klingt ein bisschen nach alten Utopien und nach "Raumpatrouille Orion". Man kann sich gut vorstellen, wie Cliff Allister McLane und Tamara Jagellovsk zu den krautig dahinpluckernden Sphärenklängen von "My Father's Eye" oder "City Of Orion 1" futuristisch anmutende Tänze vorführen.

Womit keinesfalls gesagt sein soll, dass die Musik von Pollyester altbacken klingt, ganz im Gegenteil, sie bedient sich nur aus dem Elementarium des Prä-Elektro eines Peter Thomas, Krautrock, Disco und Funk, um einen dann doch überraschend aktuellen Sound zu erschaffen, der sich noch ungebrochen euphorischer als auf dem letzten Album "Earthly Powers" zu den Sternen, also nach echten Pop-Hits streckt.

Hören Sie sich nur mal die ersten drei Songs an! Der trudelnde Groove von "Cut Diamonds", die Hi-NRG-Elastik von "2328628", was übrigens angeblich die Berliner Festnetznummer der Band sein soll, so als Reaktion auf den ganzen NSA-Abhör/Social-Media-Selbstauskunft-Komplex. Oder der gemächliche "One Night In Bangkok"-Beat von "In My Boots" - grandioser, weltumarmender, eleganter und vor allem extrem geschmackvoller Retro-Future-Pop. (7.5) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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