Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Erschreckende Erkenntnis zum 25. Bandjubiläum: Die Fantastischen Vier sind die deutschen Beastie Boys! Warum? Lesen Sie hier. Außerdem: Steve Gunn! Baxter Dury! Alte Emo-Klassiker von Mineral!

Von und Jan Wigger


Die Fantastischen Vier - "Rekord"
(Four Music/Sony, seit 24. Oktober)

Es gibt nicht viele Dinge, die mir Kollege Wigger so richtig übel nimmt, aber die Besprechung einer Fanta-4-Platte? Heieieiei, allein die Ankündigung löste erst Unglaube aus, dann Hysterie, schließlich Rachegedanken im Verbund mit Kompensationsangeboten an die Leserschaft in Form einer Haftbefehl-Rezension (die dann wahrscheinlich doch wieder an mir hängen bleibt). Nach diversen aufgeregten Mailwechseln fand ich dann heraus, was Wigger wirklich fuchsig machte: Gar nicht die Band an sich, die ist ihm, wie so vieles, eher wurscht, sondern dass die Fantastischen Vier seit neuestem Werbepartner des Pay-Senders Sky sind und ihm beim abendlichen Fussi-Gucken also ständig werberträgermäßig in PR-Clips vor der Nase rumhampeln. Letzter Stand: Sky-Abo wird gekündigt. Ausverkauf!

Aber bei diesem, vor allem in HipHop-Kreisen immer noch sehr, sehr bösen Wort müssen wir gar nicht erst anfangen, wenn es um die Fantastischen Vier geht, der Vorwurf ist so alt wie die Band, also, tadaa, 25 Jahre. Schon "Die da", jene dusselige Durchbruchsingle von 1992, war eine Zumutung für "echte" Rap-Fans. Da ging es ja gar nicht um das Leben auf der Straße, da fehlte ja völlig der Ghetto-Bezug! Wie auch? Die Fantas, namentlich Smudo, Michi Beck, Thomas D. und And.Ypsilon, stammten ja auch nicht aus South Central oder Brooklyn, sondern aus Stuttgart. Und deswegen hatte HipHop in der schwäbischen Übersetzung eben durchaus etwas mit Straße zu tun, nur, dass man in der Stuttgarter Innenstadt nun mal nicht Drogen dealte, Crack-Huren demütigte oder wahllos ein paar feindliche Gangmitglieder erschoss, sondern sich beim Himbeereis in der Fußgängerzone kumpelhaft über "die da" oder "die da" unterhielt.

Dieser Transfer des amerikanischen Ghetto-Gesangs in eine massentaugliche gutbürgerliche Bundesrepublik-Version, das ist die unantastbare Pioniertat der Fantastischen Vier, von der Nachkömmlinge von Jan Delay bis Marteria heute als Mainstream-Künstler profitieren. Credibility, das bedeutet im Verständnis dieser seit einem Vierteljahrhundert intakten Band, sich selbst treu zu bleiben, aber eben auch im Willen, Pop zu sein, nicht indie oder underground. Darum ging es nie, und allein der Versuch, es mit Mitte Vierzig und zahllosen Nummer-Eins-Alben und -Hits sein zu wollen, wäre lächerlich. Dann lieber bei "The Voice Of Germany" im Sessel sitzen und sympathisch selbstironisch die soignierten Branchenveteranen mimen. Oder eben für Sky Go das darstellen, was sie immer auch waren: Kumpelige Identifikationsfiguren für die Generation Golf, mit der sie nun langsam alt werden.

All das ist in Ordnung und weitaus weniger artifiziell als die Showpüppchen-Perfektion einer Helene Fischer, die bemühten Macho-Posen von Kollegah und Co. oder die Seifigkeit von Revolverheld und anderen gefühlsunechten Balladeuren. Das durchaus zwingende Thema der Fantastischen Vier war immer die Normalität, das Banale des bundesdeutschen Bürgeralltags, über den sie mit unbestreitbaren Skills einen Groove und launige Reime tünchen, damit er nicht mehr ganz so bieder wirkt.

An diesem Konzept hat sich nie etwas geändert, außer vielleicht die Professionalität und wachsende Gediegenheit der musikalischen Umsetzung. So sind es heute echte Streicher, keine Samples, die im neuen Song "Lass sehen" den Temptations-Klassiker "Papa Was A Rolling Stone" emulieren. Und auch im Jubiläums-Statement "25" wird nicht einfach die dem Stammpublikum gerade noch bekannte Achtzigerjahre-Single "25 Years" von The Catch eingespielt: Falsett-Sänger Don Snow sang den Refrain extra für die Fantas neu und auf Deutsch ein. Der Triumph des Schwaben-Raps über das britische One-Hit-Wonder.

"Fantastisch, aber nicht mehr ganz frisch", heißt es mit der typischen Entwaffnungstaktik in "25", und: "Silberhochzeit, immer noch tight". Im folgenden, betont druckvollen und aggressiven Song-Triple, wird jedoch klar, dass es nicht immer leicht ist, sich für diese auch immer etwas zwanghafte Berufsjugendlichkeit zu motivieren, auch das ein Problem, das auch nichtprominente Mittvierziger kennen: "Heute", "Und los" und "Lass sehen" kotzen sich aus übers Immer-vorne-bleiben-müssen, die Verführung der Vergangenheits-Verklärung und den Stress der Twitter/Facebook-Hysterie. "Gegen jede Vernunft", "Single" und "Der Mann, den nichts bewegt" reflektieren den Balance-Akt zwischen Größenwahn und Selbstzweifel, den diese Band als Teil des großen deutsche Identitätsgesprächs ständig führt.

Zum Ende hin lahmt das ansonsten gelungene Rap-Pop-Geburtstags- und Bilanz-Album dann ein bisschen, vor allem auf die wie üblich zu pathosschwere Thomas-D-Esoterik-Sülze "Gott ist mein Zeuge" hätten die Vier verzichten können, auch "Frieden wie denn" ist ein bisschen zu meta für diese kompetenten Alltagschronisten. Aber: "Es gibt Schlimmeres da draußen", rappt Smudo in "25". Allerdings! Wären wir nicht so vernagelt in unserem Blick auf heimische Pop-Acts, würden wir die Fantastischen Vier endlich als das begreifen, was sie sind und entsprechend würdigen: for better or worse, die deutschen Beastie Boys. (7.7) Andreas Borcholte

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Mineral - "Mineral 1994 - 1998: The Complete Collection"
(Xtra Mile Recordings/Indigo, ab 4. November)

Blind Guardian, auf deren kommendem Großwerk es endlich mal wieder um den "kleinen Jungen, der sich entscheiden muss, ob er durch ein Portal in eine fremde Welt eintreten möchte" geht, haben weder Kosten noch Mühen gescheut: 90-köpfiges Ensemble, 180 bis 200 Chor-Angestellte, Quelle: "Rock Hard", 11/14. Ist das jetzt noch befremdlicher als der Facebook-Status "Franz Kafka hat einen Link geteilt"? This Kafka shirt is CRAZY! Metamorphosis on your chest! Und wie nackt, wie ungeschützt und abgemagert (more Kafka, less Blind Guardian) klingen die beiden Mineral-Platten "The Power Of Failing" und "EndSerenading", die wir irgendwann damals unter Umständen bei Green Hell bestellten, noch am heutigen Tag: "'Cause I just want to be/ Something more than the mud in your eyes/ I want to be the clay in your hands"; ein Satz, der eben doch zu gut, zu bitter ist, um ihn Mila Kunis aufsagen zu lassen (oder ihn unbemerkt in den Küchentisch des betreuten Wohnprojekts zu ritzen).

Mineral - was haben wir geweint! Tatsächlich kenne ich zwei Menschen, die sich diesen Abgrund, diesen Schacht aus verletzten Eitelkeiten und grantig zerknüllten Träumen unbedingt auch noch live geben wollen (throwback thursday ftw?) und 2015 selbstgewählt nach Köln oder Berlin reisen, um sich bei den großen und sehr seltenen Wir-sind-jetzt-doch-wieder-da-Konzerten die Magengrube kaputt treten zu lassen.

Doch zuerst der Alltagstest: "The Power Of Failing" ist und bleibt ähnlich herzzerreißend wie vor 17 Jahren, "Five, Eight And Ten", "Gloria" und "July" sind Klassiker des Heul-Core-Genres, und naturgemäß deutlich wuchtiger als es auf der zweiten LP "EndSerenading" (mit dem unvergessenen "Unfinished" und anderen Unpässlichkeiten) oder später, mit der zwar packenden, aber irgendwie nur noch deprimierenden Nachfolgeband The Gloria Record wirkte. Chris Simpson war nie ein Erleuchteter, kein Jahwe wie Sunny Day Real Estates Jeremy Enigk. Bloß ein Typ aus Austin, der wenigstens ein paar Jahre lang wusste, was zu tun ist: "Schrei!/ Bis du du selbst bist/ Schrei!/ Und wenn es das Letzte ist/ Schrei so laut du kannst." Die beiden einzigen Alben der Emo-Legende sind nun als Doppel-CD mit unveröffentlichen Songs und Prä-Albumkarrierematerial neu erhältlich. "The Power Of Failing" (8.1), "EndSerenading" (8.0) Jan Wigger

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Steve Gunn - "Way Out Weather"
(Paradise of Bachelors/Cargo, seit 3. Oktober)

Ach, Gitarristen. Immer stehen sie im Schatten des Sängers, gniedeln sich einen ab, um auch mal einen Scheinwerfer abzukriegen. Eric Clapton und Jimmy Page mal ausgenommen, erinnert sich noch jemand ans Solo-Werk von Richie Sambora, Joe Perry oder Peter Buck? Für die weniger rockistisch Gebildeten: Bon Jovi, Aerosmith, R.E.M.. Steve Gunn spielte in weniger prominenten Bands, dennoch teilt er das Schicksal mit Cardinals-Gitarrist Neal Casal, dem verlässlichen, auch als Songwriter begabten Sideman von Ryan Adams. In Kurt Viles Tourband The Violators ist Gunn mitverantwortlich für den fluffigen Americana-Sound des in Indie-Kreisen hochgeschätzten US-Sängers. Gunn ist aber seit 2007 auch als Solo-Künstler aktiv und ein Hauptbestandteil der Psych-Folk-Band Black Dirt Oak "Way Out Weather", Gunns sechstes Album, ist sein bisher bestes.

Mit atemloser, sehnsuchtsvoller Bariton-Stimme singt er zu silbrigen Gitarren-Sounds traurige Geschichten aus einem Amerika, das es vielleicht bald nur noch in Bildbänden, Steinbeck-Romanen und auf Bonnie-"Prince"-Billy-Alben gibt. Es ist das Amerika der verlassenen Tankstellen, der kargen Landschaften, der einsamen Gestalten, die ihre Gesichter einem unbarmherzig weiten Himmel entgegenrecken. Der viel zu früh verstorbene Texaner Chris Whitley spielte solche Musik, und an dessen "Living With The Law" oder "Hotel Vast Horizon" erinnert "Way Out Weather" in vielen Momenten, vor allem im schwebenden, unfassbar transparenten Crescendo der Lap-Steel- und anderen Gitarren in "Milly's Garden" und im staubig-bedächtigen Titelstück. "Wildwood" hingegen ist purer Appalachen-Folk, "Fiction" zerfasert in einen Grateful-Dead-würdigen Multi-Gitarren-Jam, und im völlig überraschenden Schlussstück "Tommy's Congo" paaren sich ur-amerikanische Themen plötzlich mit dem ins Nirvana groovenden Wüstenblues der Tuareg. Dabei kommt der Mann aus Brooklyn!

Um Ihnen die Berührungsängste zu nehmen: Wenn Sie The War On Drugs und Kurt Viles "Wakin' On A Pretty Daze" mögen und das unglückselige Velvet-Underground-Album "Loaded" eines Ihrer guilty pleasures ist, dann ist Steve Gunn Ihr neuer Held. (7.8) Andreas Borcholte

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Baxter Dury - "It's A Pleasure"
(Pias/Cooperative/Rough Trade, seit 17. Oktober)

Als Sohn eines berühmten Vaters drei, vier großartige Platten hintereinander zu veröffentlichen - wer hat das außer Rufus Wainwright schon geschafft? Jeff Buckley ist vorher ins Wasser gegangen, Jakob Dylan war ganz nah dran (Relegationsplatz zum Aufstieg in die dritte Liga), und lasst uns nicht von Adam Cohen reden, ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Lieber Baxter Dury, Nachkomme von Ian Dury (und den Schwachköpfen), zudem verdienter Abgehört-Recke, und einer von denen, die viel zu wenig gehört werden.

"Soll ja sehr gut sein", "Klingt interessant!" und "Muss ich mich wohl mal mit beschäftigen!": Ihr kennt diese Sprechblasen, die endlose Routine voraussetzen, sicher von Freunden und Bekannten, und sie bedeuten (wie auch der Satz "Jazz und Klassik checke ich dann mal aus, wenn ich älter bin") immer exakt dasselbe: "Dein Enthusiasmus in der Sache ist bewundernswert, aber wir beide wissen, dass ich NIEMALS die Zeit finden werde, in eine Baxter-Dury-Platte reinzuhören, und dieses Versprechen an dich gilt wie immer lebenslang!".

An dieser Stelle also eine weitere Besprechung ins Nichts hinein, auch weil Dury seinen kiesigen Weg vom bemerkenswerten Lennon/Barrett-Imitator ("Lee Parrot's Memorial Lift") hin zum reduzierten, Concierge-artigen Funk ("Happy Soup") auf "It's A Pleasure" furchtlos fortgesetzt hat (Durys zweite CD "Floor Show" lassen wir mal mit Absicht aus, gern hätten wir sie besprochen, aber damals war zu viel los).

Halb benommen und in breitem britischen Englisch nuschelt und murmelt sich Dury durch auf alle Fälle als verführerisch zu bezeichnende, hotellobbywarme Tracks wie "Pleasure", "Police" und "White Men", deren Feinheit, Raffinesse und Geschmack beeindrucken. Ein einsamer Drumcomputer dengelt ungeschminkt voran, dazu säuseln ein, zwei, vielleicht drei Frauen allerliebst ein paar manchmal sehr anzügliche Dinge; bei "Police" denkt man an Bands wie That Dog und Heavenly; "Petals" ist Arab Straps "Philophobia" in schneller. "It's that inability to deal with the opposite sex. A bit angry man not knowing what to say next, breaking the pencil: 'Tell me what you mean?!' It was easy to write, which was a worrying thing!" Hätte man auch vorher wissen können, deshalb geht dieses eindeutig zu unbekannte Zitat heute nochmal raus an alle Männer: Wer die Antwort nicht kennt, will die Frage auch nicht verstehen. (7.6) Jan Wigger

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
epmd5000 28.10.2014
1. Fanta 4 = Beastie Boys
Mit Verlaub, aber die Fantas als deutsche Beastie Boys zu bezeichnen ist nun doch etwas zu hochgegriffen. Die Beastie Boys sind oder waren den Fantas um Meilen voraus. Man höre sich nur die Intrumentelalben der Beasties an, da haben die Fantas nichts vergleichbares anzubieten. Ausserdem wurden die Beasties auch immer innerhalb der amerikanischen Rap-Szene voll akzeptiert, auch wenn sie einen Außenseiter-Status hatten. Dies kann man von den Fantas nicht unbedingt behaupten, da sie von der deutschen Rap-Szene immer mal wieder belächelt worden sind. Zurecht oder zu Unrecht sei mal dahin gestellt.
gatsue 28.10.2014
2. Geradezuunverschämter Schmarren!
Die Fantas die deutschen Beastie Boys? Adam würde sich im Grabe rumdrehen. Die BB sienie sotief gesunken und haben sich für billige Werbung verramscht. Der Autor sollte lieber über Autos und Babynahrung schreiben.
dusttone 28.10.2014
3. Häh?
Loaded von Velvet Underground soll unglückselig und ein "Guilty Pleasure" sein ? Doch eher eine der besten Platten aller Zeiten (zusammen mit den ersten drei VU - Alben). Nichts gegen Herrn Gunn, aber das Songwriting von Lou Reed spielt in einer ganz anderen Liga. Way Out Weather ist trotzdem ein schönes Album.
politwirrkopf 28.10.2014
4. Ach bitte...
... das ist ja der nächste Riesenfehltritt der SPON-Musikredaktion. Nachdem Sie schon Johnny Cash mit Heino verglichen haben, nun die Fantas mit den Beastie Boys. Das ist ein Vergleich, der sich m.E. verbietet. Die Fantas stehen für den Ausverkauf einer Musikrichtung und den gnadenlosen Kommerz. Geschweige denn von der musikalischen Bedeutung. Fehlt eigentlich nur noch, dass Sie Rekord mit Paul´s Boutique vergleichen...
manuelludwig 28.10.2014
5. Mein Gott Borcholte!
Eigentlich schon mal ein BB-Album angehört? Paul's Boutique? Ill Communication? Oder grandios instrumental: In Sound From Way Out? Hot Sauce Committee? Nein? Ja dann mal weiter mit unsinnig-peinlichen Vergleichen zu F4 und "The Voice" geguckt. Ist ja wenigstens "echt", ne?
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