Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Wenn Verfassungsfeinde zu Heimatschützern werden: Gastautor Thees Uhlmann schreibt über das neue Album der Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet. Außerdem: John Carpenter! Jessica Pratt! Tennis!


Jan Wigger macht Pause. Nach sagenhaften 13 Jahren im unermüdlichen Einsatz lässt mein stets hochgeschätzter Mitkolumnist seine Tätigkeit als Abgehört-Kritiker auf eigenen Wunsch ruhen. Bis auf Weiteres lesen Sie daher an dieser Stelle wechselnde Gastbeiträge. Heute von Musiker und Autor Thees Uhlmann.
Herzlich, Ihr Andreas Borcholte

Eine ausführliche Rezension von Bob Dylans neuem Album "Shadows In The Night" lesen Sie hier!

Feine Sahne Fischfilet - "Bleiben oder Gehen"
(Audiolith/Broken Silence, seit 23. Januar)

Wenn man in dieser Zeit in der Öffentlichkeit einen Satz mit den Worten "Ich bin..." beginnt, gibt es nur zwei Varianten diesen zu beenden: Entweder man gehört zu "Denen" und beendet ihn mit "ein Star - Holt mich hier raus!". Oder man gehört zu den "Anderen". Dann beendet man ihn mit "komplett im Arsch". Die "Anderen" sind Anhänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, die 2012 mit eben dieser Ansage einen Kneipenhit geschrieben haben.

Selbstversuch in Stade. Ein Freund von mir und ich trinken Bier aus Halbliterflaschen in der Fußgängerzone, die um 21 Uhr den Jugendlichen gehört - der Sherpapfad der norddeutschen Teenager. Mein Kumpel und ich sind nicht die extrovertiertesten Menschen der Welt, aber wer voran zur Wahrheit will, darf nicht zimperlich sein: Wir grölen: " Ich bin..." und 20 Meter hinter uns antwortet, wie das Horn eines alten Fischtrawlers im Nebel, eine Gruppe Kids: "...komplett im Arsch. Weiß nicht wohin mit mir."

Wir bleiben stehen, singen zusammen weiter, und sofort ranken sich die Gesprächsthemen um die Legenden, die Feine Sahne Fischfilet umgeben: Dreifaches Auftauchen im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern. Twitter-Meldungen der örtlichen Nazis, wie und wann sich Sänger Monchi Fromm durch seine Heimat bewegt. Gratis-Konzerte bei Antifa-Kids, die Hunderte Kilometer von Rostock entfernt leben, an Orten, die von rechter Subkultur dominiert werden. Versuche der Polizei, diese Konzerte zu verhindern.

Szenenwechsel. Dezember 2014. Hafenkante Rostock beim legendären M.A.U. Club. Monchi Fromm kommt zum abgemachten Interview-Termin: "Ja, das Gefühl, wenn man Post von der Polizei aufmacht und darin steht, dass man die letzten drei Jahre observiert wurde, das ist schon kein so richtig gutes Gefühl. Die Überwachung wurde übrigens eingestellt", sagte er.

Inzwischen legen Fromm und seine Band ihren Fokus ohnehin auf ein eher konstruktives Graswurzel-Engagement für ihr Bundesland. Sie organisieren Veranstaltungen über die Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit dem NSU, und Fromm selbst hält Vorträge zum Thema "MV für Kobane". Bis Ende Februar soll ein Lastwagen mit Hilfsgütern für Syrien beladen werden.

Feine Sahne Fischfilet versuchen, eine Infrastruktur für alle zu schaffen, die ansonsten spätestens mit Anfang 20 beschließen, nach Berlin zu ziehen, weil es in Mecklenburg-Vorpommern keine Perspektive für sie gibt. Konzerte, Kultur, "Spaß ohne Nazis", wie Fromm das nennt. Auf die Frage, ob das die vermeintlichen Staatsfeinde nicht schon fast zu Verfassungsschützern macht, lacht Fromm und sagt, auf seine unverwechselbare Art: "Digger, ja, also nee, ne? Imagepolitik für den Staat ist uns völlig egal. Nee, man macht halt das, was man machen muss. MV gehört eben uns und nicht denen. Deswegen ist auf der neuen Platte auch ein Song, der 'Was bleibt, wenn immer nur die Guten gehen' heißt."

"Bleiben oder Gehen", das dritte Album der Band, ist in seiner grandiosen Einfachheit erschütternd wundervoll geworden, melancholischer Punk, Kneipenhits. Wer kämpft, hat keine Zeit sich mit den von Musikjournalisten so geliebten wie auch leeren Phrasen wie "neu erfinden" oder "innovativ" auseinanderzusetzen. Der macht eben, was er machen muss. "Ich finde Radiohead auch bestimmt geil, aber wenn wir jetzt hier einen auf Radiohead machen würden, dann würde das für Berlin vielleicht was bringen, aber nicht für MV", sagt Fromm und schaut auf das kalte Wasser der Rostocker Förde. Und wir wissen beide: Was für MV gut ist, ist für Berlin das Beste, was passieren kann. (8.2) Thees Uhlmann

Jessica Pratt - "On Your Own Love Again"
(Drag City/Rough Trade, seit 30. Januar)

Du weißt, dass Pop in der Postmoderne angekommen ist, wenn die wildesten Stilmixe plötzlich Sinn ergeben. Einen solchen geradezu epiphanischen Moment gibt es gegen Ende des programmatisch "Strange Melody" betitelten dritten Songs auf "On Your Own Love Again", dem zweiten Album der US-Sängerin Jessica Pratt: Gerade noch tänzelt das Lied auf einer fingergepickten Gitarre mit leichtem Astrud-Gilberto-Feeling durch eine repetitive Folkweise à la Nick Drake, was man erstmal hinkriegen muss. Aber dann, kurz vor Schluss, Pratt hat längst den Gesang gegen lautmalerisches Dum-di-dum eingetauscht, mündet ihr Gesäusel in den markanten Strophen-Singsang von Duran Durans "Hungry Like The Wolf". Total irre. Und total irre auch, dass das zusammen einen so betörenden Song ergibt.

Jessica Pratt ist eine Entdeckung von Tim Presley alias White Fence und hat vor zwei Jahren bereits ein sehr ordentliches Debütalbum veröffentlicht. "On Your Own Love Again" ist nun das Zeugnis einiger lebensverändernder Momente: Wie Presley zog Pratt im vergangenen Jahr aus dem schönen, aber zu teuer gewordenen San Francisco nach Los Angeles - und ließ auch gleich noch eine verkrachte Liebesgeschichte hinter sich. Oder besser gesagt: Sie verarbeitete dieses Schweben zwischen Abschied und Neuanfang zu diesen neun zwischen Melancholie und Euphorie taumelnden Liedern. "I try to believe in you somehow/ But every time I do I get down and out", singt sie im Titelstück, und diese Unentschlossenheit, dieses Gefühl, noch nicht genau zu wissen, wie man sich eigentlich wirklich gerade fühlt, macht "On Your Own Love Again" zu einem bemerkenswert beschwingten Break-up-Album. Für noch mehr Charme sorgt Pratts kehlige, aber auch helle Stimme, die andauernd Joni Mitchell suggeriert, dann aber doch bei Marianne Faithful endet. Irre, aber toll. (7.8) Andreas Borcholte

John Carpenter - "Lost Themes"
(Sacred Bones/Cargo, seit 30. Januar)

Hat von Ihnen jemand "The Ward" gesehen? The What? Nun mal nicht so ignorant. "The Ward" ist John Carpenters bisher letzter Film von 2010. Ich weiß noch, dass ich damals lange in der Videothek (ja, ich weiß: très old school) stand und überlegte, mir das aus alter Verbundenheit anzusehen. Ich hab's dann doch gelassen.

Als Regisseur hat Carpenter seine beste Zeit schon etwas länger hinter sich, aber macht nichts, der Mann hat mit einer Handvoll sparsam, aber clever inszenierter Horror- und Suspense-Filme eine ganze Generation von Filmemachern und Soundtrack-Komponisten inspiriert: "Assault On Precinct 13" ("Das Ende"), "Escape From New York" ("Die Klapperschlange"), "Halloween", "The Thing", "The Fog" ("Nebel des Grauens") und natürlich vor allem die grandiose Space-Oper "Dark Star" und der fürs Fernsehen gedrehte Thriller "Someone's Watching Me", der in Deutschland den Titel "Das unsichtbare Auge" trug - das alles erschuf Carpenter in nur sechs Jahren. Carpenter erfand nicht nur nebenbei den Slasher-Film, er bastelte sich mit ein paar Sequenzern und analogen Keyboards auch stets die Musik für seine Filme selbst zusammen.

"Lost Themes" ist nun nicht, wie man ob des Titels denken könnte, das, was dabei übrig blieb, sondern Carpenters erstes Album als Solo-Künstler mit komplett neuem Material, diesmal allerdings mit allen zur Verfügung stehenden digitalen Mitteln und gemeinsam mit Sohn Cody aufgenommen.

Wer nun jedoch jenen einflussreichen, streng reduzierten, sich zwischen Tangerine Dream und früher EDM streckenden Prä-Techno-Sound der Siebziger-Soundtracks erwartet, wird enttäuscht sein: Carpenter, soeben 67 Jahre alt geworden, mag's inzwischen etwas weniger karg und hat, deutet man den immer wieder zwischen die Elektronik gniedelnden Gitarrenlärm in mehreren der Tracks richtig, eine Vorliebe für Classic Rock.

Alles, Fluch der reichhaltig bestückten Midi-Datenbank, gerät ein bisschen zu opulent, will zu viele Klang-Ebenen erzeugen und hat zu viele ablenkende, konkurrierende Sounds, um die richtige Schauerstimmung zu erzielen, auch wenn der Opener "Vortex" mit seiner Anlehnung an "The Fog" gleich den richtigen, dauerangespannten Ton setzt. Interessant wird es auch am Ende mit der Piano-verspielten Quasi-Ballade "Purgatory" und dem unheimlichen Schlussstück "Night". Dazwischen gibt es Stücke, die Titel wie "Abyss", "Mystery" und "Wraith" tragen und wahrscheinlich prima funktionieren, wenn sie im Hintergrund einer spannenden Filmhandlung vor sich hin pluckern. So changieren die "Lost Themes" zwischen Kuriosität und Kostbarkeit. Aber so war es mit Carpenters Kunst ja schon immer. (6.5) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Tennis - "Ritual In Repeat"
(Communion/Caroline/Universal, seit 30. Januar)

Vermisst außer mir eigentlich noch jemand die Cardigans? Ja, ich weiß, dass Nina Persson erst letztes Jahr ein Solo-Album veröffentlicht hat, aber das war nicht dasselbe. Tennis jedenfalls erinnern in manchen Momenten ("Viv Without The N", "Solar On The Rise") ein wenig an die guten, alten Schweden: Sixties-Melancholie-Pop, bittersüßes Jingle-Jangle, ein bisschen Carpenters, ein bisschen Motown.

Musikalisch gehen die Eheleute Patrick Riley und Alaina Moore aus Denver auf ihrem dritten Album allerdings ganz andere Wege. Unter Anleitung von Spoon-Chef Jim Eno, der das Ganze produziert hat, haben sie einen sehr zeitgeistigen Sound erschaffen, der den auf elektronischen Drumpatterns dahinklappernden Soulpop der Achtziger wiederbelebt: Blow Monkeys, Style Council, Bananarama, Fairground Attraction, Shakespeare's Sister, Lisa Stansfield sind Namen, die einem dabei so einfallen.

Das ist natürlich der gleiche Pool, aus dem sich auch die kalifornischen Schwestern von Haim für ihr zumindest in den USA erfolgreiches Debütalbum bedient haben, und manches auf "Ritual in Repeat" klingt dann auch ein bisschen zu schamlos beim Haim-Konzept abgekupfert, etwa in "Never Work for Free" mit den typisch abgehackten Chor-Gesängen im Refrain und ohnehin sehr ähnlichen Gesangsphrasierungen. Dieses Strecken nach dem Mainstream-Erfolg hätten Tennis gar nicht nötig. Das hübsche Spiel beherrschen sie bereits, die richtigen Songs sind auch da, jetzt fehlt nur noch ein charakterstärkerer Aufschlag. (6.9) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 3 Beiträge
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sixtymirror 03.02.2015
1. Sie leben
»Sie leben« von John Carpenter wurde nicht erwähnt, hat aber trashig-genialen Charakter. Die Rebellen hatten ein unübertreffliches Mittel: Wahrheits-Brillen, mit denen das Außerirdisch-Böse schonungslos durchschaubar wurde. Kapitalisten wurden als Horror-Gestalten durchschaut, Plakate zeigten »Gehorche!« oder »Konsumiere!«, auf den Geldscheinen erschien »Ich bin dein Gott!«
Tante Hilli 03.02.2015
2.
Bewertet doch mal das neue Album von Madonna das heute rauskam?! Hihi....
mahmoodsani 06.02.2015
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