Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Gallon Drunk spielen den Blues so, wie es nur Männer können, die sich an ihr Alkoholproblem gewöhnt haben. Dead Can Dance bleiben ein Rätsel, Philip Boa einfach er selbst. Und Fang Island nehmen ernsthafte Menschen aus Brooklyn mit auf den Rummel.

Von und Jan Wigger


Gallon Drunk - "The Road Gets Darker From Here"
(Clouds Hill/Rough Trade, 10. August)

Von hier an düster, natürlich. Für Männer wie Link Wray, Jeffrey Lee Pierce, Nick Cave, Jon Spencer, Mark Lanegan oder James Johnston gab und gibt es dieses flüchtige Trend-Gehubere und Zeitgeist-Getüftel nicht, mit dem sich das Rockkritiker-Pack (Verfasser eingeschlossen) wichtig machen will. Es gibt nur dieses Jucken, das nicht aufhören will, der kalte Schweiß, wenn nachts um drei die Luft zu stehen scheint und der Zigarettenrauch zusammen mit dem letzten Drink im Hals stecken bleibt: "The air was heavy, you could cut it with a knife", so beschreibt das Johnston, Chef der britischen Band Gallon Drunk in "Holding On". Und das Wunder der Musik ist, dass so ein Satz nicht wie eine Phrase klingt, wenn er knurrend in die stickige Hitze gesungen wird. Der Blues erlebt gerade kein Comeback mit den Black Keys und Jack White, er war immer da. Generationen von Getriebenen haben sich ihm hingegeben, haben sich Erlösung von 12 Takten Musik erhofft, haben gehofft, dass das Jucken aufhörte, der Schlaf zurückkehren würde. Aber es wurde nur noch schlimmer: "You saved me, but it wasn't enough". Die Musik, die Gallon Drunk auf ihrem siebten Album seit 1992 mit fiebriger Hingabe zelebrieren, ist der Blues in seiner von Punk und Südstaaten-Rock infizierten Form, den Morphine einst in Zeitlupe erstarren ließen. In Gallon Drunk hingegen ist noch punch, da tobt noch Wutgebräu in den ausgemergelten Körpern. Die dunkel dräuenden Saxophon-Sounds von Terry Edwards treiben Johnstons Gitarren- und Orgel-Spiel in unsicheres Terrain, eine ewige Nachtlandschaft voll alkoholtrunkener Dämonen, über die das Schicksal mit schweren Schlägen herrscht. "It feels like a thousand years, it feels like a million miles", so beschreibt Johnston im Titelstück von "The Road Gets Darker From Here" den Marsch durch das Wasteland. Trotzig, gegen den Sog der Verzweiflung anbrüllend, wie es nur ein echter Bluesmann kann: "Falling slowly into nothing". Oh, sweet oblivion. (7.9) Andreas Borcholte

Dead Can Dance - "Anastasis"
(Pias/Rough Trade, 10. August)

Dass ich die Band Dead Can Dance verehre und ihre Platten Tag und Nacht in meinem mehrstöckigen Kritikerelfenbeinturm laufen, ist längst kein Geheimnis mehr. (Ist es doch? Kein Problem, dann stellen Sie sich einfach weiter vor, ich würde Bright Eyes, The Decemberists und Death Cab For Cutie hören und mir ausgewählte "Gilmore Girls"-Folgen reinziehen, wenn ich traurig bin). Having said that: Nichts auf der Welt ist schwieriger, als über Dead Can Dance zu schreiben. Dies sage ich nicht nur, weil ich ein absolut reines Gewissen habe, sondern auch, weil mir weit über 5000 "Zillo"-Kleinanzeigen ("Bin eine düstere Seele, lausche den Klängen von Umbra et Imago, Dead Can Dance und Seelenkrank, suche depressives Girl im Raum Magdeburg, Fußfetisch erwünscht") und beinahe ebenso viele Dead-Can-Dance-Rezensionen der Marke "Über einem Orgelton breitet ein Mantra seine Flügel aus und streckt sich immer weiter, bis der Orgelton hinter einem Himmel aus Geigen verschwindet" vorliegen. Auch hilft die ständige Aufzählung sämtlicher bei den Aufnahmen eingesetzter obskurer afrikanischer Instrumente und die Hinweise auf Weltmusik, Neoklassik und gregorianische Gesänge niemandem weiter, der nicht Musikethnologie studiert hat. Kurzum: Ich weigere mich, näher auf "Anastasis" einzugehen. Wer "Aion" (Meisterwerk), "Within The Realm Of A Dying Sun" (Meisterwerk) und "Toward The Within" (Meisterwerk) liebte, wird das erste Dead-Can-Dance-Studioalbum seit 16 Jahren zumindest aufrichtig mögen. Alle anderen sollen sich die Musik von Dead Can Dance halt weiter ungehört wie ein double feature von "Out Of Africa" und "Cairo Time" vorstellen, das niemals endet. (7.6) Jan Wigger

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Fang Island - "Major"
(Sargent House/Cargo, bereits erschienen)

Diesen Jungs aus Brooklyn wurde vor zwei Jahren von einigen US-Kritikern prophezeit, eines der nächsten großen Dinger zu werden. Entsprechen lehnen sich Fang Island mit dem Titel ihres dritten Albums ein bisschen aus dem Fenster, denn ein Major-Plattenvertrag ist bis jetzt noch nicht in Sicht. Braucht man ja heutzutage auch nicht mehr, um Weltruhm zu erlangen. Ob es Sänger Jason Bartell und seine beiden Kollegen darauf abgesehen haben? Schwer zu sagen, vielleicht ist auch alles nur ein Witz, ein beschwingter Ausflug der schwer verkopften Brooklyn-Posse ins Spaßparadies Coney Island. Fang Island beschreiben ihre Musik gerne jovial mit "everyone high-fiving everyone" und klingen dabei wie die Emo-Version von Van Halen. Kein Witz: Jubilierende Heavy-Gitarren aus dem Pop-Metal-Sektor der Achtziger, alles konsequent in Dur gespielt und gleich im Opener die Ansage "All I know, I learned in Kindergarten". Um zu demonstrieren, dass sie Party-Rock so richtig virtuos darstellen können, haben Fang Island mit "Chompers" und "Dooney Rock" gleich zwei voluminöse Instrumental-Stücke im Programm, zu denen man Bartell vor dem geistigen Auge akrobatische David-Lee-Roth-Sprünge absolvieren sieht. Aber nicht in Stars-and-Stripes-Spandex, sondern in der Sternen-Kutte mit Kapuze, die Bartell gerne auf der Bühne trägt. Damit sind die ehemaligen Studenten der Rhode Island School of Design (David Byrnes alter Hangout) tatsächlich prädestiniert, als guilty pleasure aller Indie-Fans, die immer noch Jimmy Eat World nachtrauern, alsbald große Festivals und Stadien zu bespaßen. "I hope I never understand", singt Bartell an einer Stelle. Dem ist nichts hinzuzufügen. (5.8) Andreas Borcholte

Phillip Boa And The Voodooclub - "Loyalty"
(Cargo Records/Cargo, 10. August)

"Am 10. August 2012 erscheint das neue Album 'Loyalty' von Phillip Boa And The Voodooclub auf Cargo Records. Ab Ende September wird der Voodooclub dann ausgiebig auf Tour gehen. Der Voodooclub wird ca. 9-10 Songs vom neuen Album spielen und der Rest des Programms wird aus sorgfältig ausgesuchten Singles und beliebten Songs bestehen." Klingt wie das langweiligste Infoschreiben, das sie je gelesen haben? Gut, denn dafür sind die Boa-Alben jüngerer Zeitrechnung mittlerweile bekannt. Vor einigen Monaten besuchte ich freiwillig und nach über 15 Jahren Pause ein Konzert von Phillip Boa: Auf einer in kaltes Hellblau getauchten Bühne war der "Wahlmalteser" (darf in keinem Infoschreiben fehlen!) genau das, was zu sein er nichtswürdigen Abkömmlingen und verklemmten Szenegängern vergeblich predigte: Er selbst. Boa sieht aus, als würde er seltene Steine sammeln, sein Haarwuchs ist von einer unglaublichen Festigkeit und auf dem Cover seiner neuen LP ist ein ziemlich cooler Hund zu sehen. "Diamonds Fall" war ja ein eher weiches, geradezu brillantsamtartiges Album, "Loyalty" ist schroffer, schärfer, jedoch nicht ohne blechernen Glam und die ewig junge, melusinenhafte Stimme der Pia Lund. "Lobster In The Fog", "My Name Is Lemon" oder "Dream On Planet Cherry" sind nicht der Weisheit letzter Schluss, doch "Til The Day We Are Both Forgotten", "Want", "Sunny When It Rains" und das prächtige "Ernest 2" ("But the words/ I love you/ I love you/ I love you/ Would never cross your lips") sind zumindest in der Post-"Boaphenia"-Ära zu den gutklassigen Voodooclub-Stücken zu zählen. Eine hinreichend schattige und wie immer angenehm undeutsche Platte - wobei man letzteres ja längst nicht mehr sagen darf, ohne Ärger mit den Bewohnern dieses wunderschönen Landes zu bekommen, in dem wir alle so gern leben. (6.0) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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pannenbaker 11.08.2012
1.
"Wer "Aion" (Meisterwerk), "Within The Realm Of A Dying Sun" (Meisterwerk) und "Toward The Within" (Meisterwerk) liebte...", kann angesichts der langweiligen, sämig aufgekochten Soße auf "Anastasis" nur den Kopf schütteln. Live nach wie vor überragend, aber dieses Album hätte besser in den DCD-Archiven vor sich hin gestaubt.
effabo 12.08.2012
2. Mein Album der Woche!
Ein musikalisches Kleinod und rares Meisterwerk aus den 80ern: Das Album "Don't stand me down" von Dexy's Midnight Runners. My national Pride: Dexys Midnight Runners - "My National Pride" 1985 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=S6_TBbBxFb4) This is what she's like: DEXYS MIDNIGHT RUNNERS THIS IS WHAT SHE'S LIKE - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=xXh19wfJT3Q) (Hier geht's erst nach 2 Minuten los, aber dann so richtig!)
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