Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Ist die Liebe mehr als ein Kleiner-als-Drei-Emoticon? Das berührend reinherzige neue Album von How To Dress Well gibt die Antwort. Außerdem: Die Berlinerin Balbina erhebt ihre Prokrastination zu toller Popmusik. Und: Schon wieder Neues von Brian Eno und Karl Hyde.

Von und Jan Wigger


How To Dress Well - "What Is This Heart?"
(Domino/Goodtogo, seit 20. Juni)

"Look me in my face again and tell me what I ought to be/ I really think you know what's best for me", singt Tom Krell in "Face Again", einem der besten, eindringlichsten Songs seines neuen Albums "What Is This Heart?". Flehentlich wiederholt er darin die ratlose Zeile "I don't even know what's best for me". Dazu lässt er disparate Laptop-Geräusche, Zischen und Sirren, zusammen mit verfremdeten Vocalsamples und einem pochenden Kopfschmerz-Bass durch einen leeren, großen Raum hallen.

Nun sind Schmerzensmänner und -frauen, die ihren Existenzialismus im Gewand skelettierter R&B-Sounds von Prince bis Aaliyah darbieten, nicht mehr ganz neu. Spätestens seit dem zunehmenden Mainstream-Erfolg von James Blake, The Weeknd oder auch Blood Orange ist das Verhuschte, Verschüchterte als Gegentrend zum Bombast-Pop der Guettas und Rihannas etabliert.

Tom Krell alias How To Dress Well, der seit seinem hervorragenden zweiten Album "Total Loss" (2012) Teil dieses Post-R&B genannten Genres ist, sagte neulich, er wäre gerne Pop, aber nicht populistisch. Er könne sich eine Nummer eins in den Billboard-Charts gut vorstellen, aber nur unter seinen Bedingungen. Was er damit meint, demonstriert der 30-Jährige mit "What Is This Heart?" eindrucksvoller und konsequenter als je zuvor.

Das Album beginnt mit dem an Tracy-Chapman-Balladen erinnerndem Folksong "2 Years On (Shame Dream)" über die Kindheitserinnerung an eine Autofahrt mit der Familie, eine ultrazarte, im Falsett gesungene Exposition, die den Ton für das gesamte Album setzt, auch wenn es im Folgenden durchaus aufregender wird, mit elektrifizierten Swingbeats, synthetischen Streichern und allerlei klopfender, hämmernder Elektro-Percussion.

Der Transparenz des Openers setzt Krell mit "Childhood Faith (Everything Must Change, Everything Must Stay The Same)" das in sich vertrackteste, unruhigste Stück der Platte entgegen. Zusammen mit nach Identität suchenden Songs wie "Face Again" ergibt sich allmählich das Bild eines emotional Entwurzelten, der sich nach der simplen Ordnung der Dinge, nach der Klarheit der Kindersicht sehnt, weil er sich von der kompliziert gewordenen Erwachsenenwelt überfordert fühlt.

Aus jedem Tweet, aus jedem Instagram-Pic brüllen einem Lebensentwürfe entgegen, gegen die man seine eigene Banalität abwiegen muss - ein Kraftakt. Im Reizüberfluss der virtuellen Selbstdarstellungsorgien kann einem da schon mal Zweifel an der Authentizität der eigenen Empfindung und Wahrnehmung kommen. Gibt es die echte, die "precious love" wirklich noch, oder ist alles nur noch Pose und Simulacrum, ein Like-Button, ein Kleiner-als-Drei-Emoticon ohne Inhalt?

Krell zollt dieser inszenierten Wirklichkeit mit der Künstlichkeit seines Schlafzimmer-Instrumentariums Rechnung, lässt aber gleichzeitig eine tröstende, berückend klare und entnebelte Gospelmusik für die Generation Google entstehen - durch die Zuversicht seiner immer wieder in spirituelle Höhen strebenden Stimme, das rührende Barmen nach Erkenntnis seiner Texte und die Klang-Kokons seiner Musik. Inmitten kühler, metallischer Kaskaden, die sich um den Hörer auftürmen, baut er ein gemütliches Iglu, ein "House Inside", wie es im letzten Song heißt, in dem diese Welt dann doch ein "pretty thing" sein kann. Was ist das, dieses Herz? Ein wärmendes Lagerfeuer in der Festung der Einsamkeit. (8.1) Andreas Borcholte

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Balbina - "Nichtstun" (EP)
(Four Music/Sony, ab 27. Juni)

Ein Satz wie "Ich muss was gegen das Nichtstun tun, denn das Nichtstun tut mir gar nicht gut" klingt erstmal nicht sonderlich inspiriert, aber wenn Balbina ihn singt und dabei die Polka-Dots auf ihrem Glockenrock zählt oder sich fühlt wie ein langsam einstaubendes Stofftier auf dem Regal, dann wird aus vordergründiger Kalenderblatt-Banalität eine sehr unterhaltsame Sache. Die Welt der aus dem Umfeld des Berliner Rap-Labels Royal Bunkers stammenden Sängerin bleibt auf charmante Weise räumlich beschränkt: Die Songs ihrer Majorlabel-Debüt-EP spielen auf der Bettkante und handeln von alltäglicher Prokrastination, weisen aber mit allerlei klugen Aphorismen weit über das Dösen am Küchentisch hinaus: "Oh nein, der Wecker war zu leise/ Und jetzt hab' ich leider Jahre verschlafen", singt sie, als Kind Fan von Whitney Houston, seelenvoll in "Wecker". Der "Montag", so ein weiterer Songtitel, "der kann was, was Sonntag nicht kann", er ist nämlich ein Anfang.

Das Bemerkenswerte an diesen fünf Songs ist nicht nur, dass Balbina über eine wiedererkennbare, eher ins Dunkle neigende Stimme verfügt, die große, emotionale R&B-Diva ("Seife") ebenso überzeugend kann wie naseweise Stubenhockerin, das geradezu Verblüffende ist, dass sie eine originelle Sprache findet, die das Elend des deutschen Pop-Vokabulars meidet und sich als glaubhafte Antiheldin im Kampf gegen die Widrigkeiten des Alltags inszeniert: "Die Pechsträhne steht mir besser als jede Frisur". Nicht mehr lange, wenn diese EP ein Versprechen ist. Der nächste Schritt wäre allerdings ein weniger generisch vor sich hin bimmelnder Popsoundtrack, der nervt. Und wäre mal ein echter Anlass, das Nichtstun zu beenden. (7.0) Andreas Borcholte

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Deleyaman - "The Edge"
(TTO Records/Alive, ab 4. Juli)

Und spätestens am Freitagmorgen waren sie dann alle weg: Hurricane-Festival ("Die Jungs haben sowas von abgerisssen, Digger!"), Hockenheimring (nach der jetzt schon legendären "Jetzt reißen wir euch den Arsch ab und verficken euch in euren verfickten Arsch"-Videobotschaft von Kevin Russell musste man aber auch einfach hin), der Oma bei der Gartenarbeit helfen. Ich blieb hier und las Interviews mit Autopsy ("Ich will ja auch, dass Motörhead, Saxon und Maiden sich nicht ändern. Manche Bands sind der Meinung, dass sie herumexperimentieren müssen. Autopsy bleiben sich hingegen treu!", herrlich, right on!), wäre aber auch ein eher trüber Gast gewesen, obwohl der "Metal Hammer"-Regenponcho schon griffbereit an der Türklinke hing.

Stattdessen zwei Tage lang Bon Jovi abgefeiert, und später dann immer und immer wieder zu Deleyamans ziemlich wunderbarem "The Edge" geseufzt. Wieso hatte ich noch nie zuvor von der Band gehört? Hier kommt tatsächlich schon die sechste Platte der europäisch-amerikanischen Vereinigung für hohe Künste, angetrieben von zwei sehr bekümmerten Stimmen: Aret Madilian und Beatrice Valantin. "When we know not/ When we feel much/ When we have none/ And when we lose touch", das ist die Prämisse, bevor einen Deleyaman, die auch mal auf Französisch singen und Gedichtetes von Edgar A. Poe oder Cody G. Gates vertonen, mit einem feuchten, warmen Tuch aus La Goulette einwickeln. "Hey Now" hat Leonard Cohens "Songs From A Room" alles zu verdanken, "Moon" wäre ohne die Zauberkräfte der übermächtigen Dead Can Dance, "Ethereal Dances" ohne die Cocteau Twins nicht denkbar. Außerdem nennen sollte man unbedingt die als umstritten bezeichneten Gruppen Death In June, Sol Invictus und The Moon Lay Hidden Beneath A Cloud. Das Label sagt: "This 52 minute, 13 track album is a pleasure for the ears and profound for the soul". Und Aret Madilian (weißer Hut, Schal, graue Schläfen, armenisches Blut): "I have my nowhere to lay me down." Das Lachen verschwand, dann das Lächeln. (7.2) Jan Wigger

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Eno·Hyde - "High Life"
(Warp/Rough Trade, ab 27. Juni)

Knapp zwei Monate nach Veröffentlichung seines herausragenden letzten Albums "Someday World" hat Altmeister Brian Eno bereits das nächste fertig: "High Life" setzt die anscheinend recht fruchtbare Kooperation Enos mit dem Underworld-Chef und -Gitarristen Karl Hyde fort. Nach Beendigung der Arbeit an "Someday World" fühlten sich die beiden laut eigener Aussage immer noch so hibbelig, dass sie gleich sechs weitere Stücke aufnahmen.

Kann man mal machen, ob's dann allerdings auch gleich als Album veröffentlicht werden muss, ist eine berechtigte Frage, aber wahrscheinlich ist man bei Warp Records viel zu froh darüber, Eno unter Vertrag zu haben, als dass man dem Genie einen Wunsch abschlagen würde. Wahrscheinlich wurden die Labelleute schlicht überrumpelt: Die Vinyl-Version, so heißt es nämlich, erscheine erst in einigen Wochen, man käme so schnell gar nicht zum Produzieren. Kurz gesagt: Zeitgemäßer wäre es vielleicht gewesen, die "High Life"-Stücke einfach auf Soundcloud zu posten.

Während "Someday World" ein großer, allumfassender und in viele Genres tastender Versuch der Wiederbelebung großer britischer Popmusik mit den Mitteln der Avantgarde war, beschränkt sich "High Life" auf die Auslotung polyrhythmischer afrikanischer Funk-Musik. Das reicht dann, gern über mehr als neun Minuten Länge, vom klirrenden Hüpfburg-Funk von "DBF" über das sanfte, monotone Schunkeln von "Time To Waste It" und den zerhackten Psycho-Dub von "Moulded Life" bis hin zu sakralen Ambient-Experimenten wie "Cells & Bells". Letzteres erinnert dann schon wieder eher an Steve Reich als an Fela Kuti, aber egal. Das alles sind hübsche, versierte Fingerübungen zweier Musiker im Session-Rausch, die mehr oder minder unterhaltsam an Enos Lieblingsthemen und -motiven weiterwursteln. Für Komplettisten. (6.0) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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