Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Das Schwestern-Duo Ibeyi mischt Afrobeat, Kuba-Sound und kühlen Elektro zu einem sehr stilvollen Debütalbum. Außerdem: Das Comeback der Post-Punk-Veteranen The Pop Group! Jenny Wilson! Gastkritiker Tex Rubinowitz über die Scorpions!

Von und Tex Rubinowitz


Ibeyi - "Ibeyi"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, seit 13. Februar)

Kein Wunder, dass XL-Boss Richard Russell Ibeyi sofort unter Vertrag nehmen wollte, nachdem er sie (angeblich) durch Zufall auf YouTube entdeckt hat: Allein die Geschichte der beiden Schwestern ist einfach zu gut! Ibeyi heißt "Zwillinge" auf Nigerianisch, und genau das sind die Töchter des kubanischen Buena-Vista-Social-Club-Perkussionisten Miguel "Anga" Díaz, der 2006 mit nur 45 Jahren an einer Herzattacke verstarb. Damals waren Lisa-Kainde und Naomi gerade mal elf Jahre alt - ein Schock, den sie seitdem, so geht die Legende, mit Musik zu verarbeiten versuchen. 2013 verstarb dann auch noch eine weitere Schwester der beiden, und das erklärt dann endgültig, warum das Debütalbum von Ibeyi in einer so traurigen Tonart spielt.

Westafrikanische Rhythmen und Gesänge, kubanisch-karibischer Groove, dazu unterkühlte, sehr sparsame Elektrobeats aus Europa: Das ist der Sound, mit dem sich die Schwestern - beide wohnen seit ihrem zweiten Lebensjahr in Paris - sich als zeitgeistiges Ethnopop-Duo präsentieren. Natürlich sind die beiden auch noch bildhübsch, wie gemacht für Stilgazetten und Hipsterpostillen - ein rundum perfekt designtes Produkt, fehlt nur noch, dass die beiden Girls Werbung für veganen Latte und Fair-Trade-T-Shirts (nur in XS, versteht sich) machen.

Russell selbst, der zuvor schon Bobby Womack und Gil Scott-Heron produzierte, nahm sich höchstpersönlich der in alle möglichen Stile tastenden Song-Ideen der Schwestern an. Lisa-Kainde, die sich früher als ihre Schwester mit Musik beschäftigte, verehrt die großen Jazz-Sängerinnen Nina Simone und Billie Holiday. Naomi, die das Cajón spielen kann, die traditionelle kubanische Conga, das Lieblings-Instrument ihres Vaters, steht auf HipHop und - wer nicht? - auf Erykah Badu.

Aber hält nun auch die Musik dieser sehr guten Geschichte stand, ohne allzu offensichtlich in die Exotik-Falle zu rennen? Nichts ist ja schlimmer als das Label "Weltmusik": da denkt man sofort an Dia-Abende, Rastafrisuren und bunte Ponchos - widerlich!

Doch zum Glück bleiben Ibeyi cool, während sie gleichzeitig ihre warmen, sehr intimen Texte über Trauer und Verlust gegen die absichtliche Kälte der Musik stemmen - ein Spannungsfeld, dass die im Tempo nicht sehr variierenden Songs über Albumlänge tragen.

Allerdings muss man erst mal über den bereits von der gleichnamigen EP bekannten Song "Oya" hinweghören, der lockt nämlich mit seiner verblüffenden Björk-Haftigkeit auf eine völlig falsche Fährte. Auch das auf Piano-Mollakkorden gebettete "Ghosts" ist schön, aber etwas zu beliebig. Erst mit "River", das über einen der charmantesten Refrains des noch jungen Jahres verfügt, öffnet sich eine Tür zu so etwas wie einer Identität.

Die Definition derselben setzt sich in "Think Of You" fort, das bemerkenswert lebhaft über seine Afro-Beats hinwegklappert, dafür, dass es ein Abschiedsbrief an den verstorbenen Vater ist. Dafür wird's danach in "Behind The Curtain" umso berührender, gefolgt von "Stranger Lover" und "Mama Says", zwei Stücken irgendwo zwischen Sade und Neneh Cherry. In die gleiche Kategorie möchte auch das nach frühem Morgen duftende "Singles", während "Weatherman" sich ganz tief in der Nacht vergräbt, bei den Glitches und R&B-Fragmenten von James Blake und Konsorten.

Eingerahmt wird alles von zwei A-Cappella-Songs im westafrikanischen Yoruba-Dialekt. Das schmälert aber kein bisschen die Freude an diesem unter der modischen Designoberfläche vielschichtigen, im Tod nach Katharsis und Transzendenz suchenden Albums. (8.0) Andreas Borcholte

"Ghosts"

Ghosts von Ibeyi auf tape.tv.

Scorpions - "Return To Forever"
(Sevenone Music/Sony, ab 20. Februar)

Ich bin in Hannover geboren, jahrelang war mir das peinlich, eine Stadt als Stigma, das Mal des Mittelmaßes, Maschsee und Maschmayer, einfache Menschen mit hängenden Schultern, graubrotgesichtige Zuhälter des Verzichts, die protestantische Hölle, gebaut auf Keksbruch von Bahlsen.

Aber irgendwann kam ich darauf, dass das auch eine Chance sein kann, man ruhig auf etwas stolz sein kann, wofür man ja sowieso nichts kann.

Was hab' ich denn Hannover gegeben, was aber hat mir Hannover gegeben? Demut und Dada, Kurt Schwitters und die Scorpions.

Ich habe nie die Weigerung bestimmter Distinktionssultane verstanden, ohne Dünkel bestimmte kulturelle Leistungen außerhalb ihres ihnen von ihrer Kaste verordneten Vektorraums gutheißen zu können. Und dabei kann ich viel eher eine Unterschicht verstehen, die etwa nicht gewillt ist, sich auf Schwitters' "Ursonate" einzulassen, als eine vermeintlich aufgeklärte Geisteskamarilla, die nur mit Mühe, nein, eigentlich gar nicht bereit ist, sich mit dem Frühwerk der Scorpions auseinanderzusetzen.

Wie vernagelt muss man sein? Welche rätselhaften Kräfte verbieten diesen Herrschaften wohl, beispielsweise "Speedy's Coming" einfach als das zu empfinden, was es ist, ein verdammt grandioser, präziser wie konziser Song? Die schneidende Stimme Klaus Meines, der etwas törichte Text (Wer ist eigentlich dieser Speedy?), und die zwingenden Gitarren von Rudi und Uli! Rätselhafterweise spielen die Scorps das Lied kaum noch auf ihren Konzerten, es rangiert hoffnungslos auf Platz 66 ihrer meistgespielten Titel, so als seien sie eingeknickt.

Aber vor wem? Vor Speedy? Oder vor Leuten wie mir, Fans, die nicht repräsentativ sind für ihre Klientel, von der sie sich abhängig glauben?

Die Scorps gibt's seit 50 Jahren, das muss man sich mal vorstellen, das ist die in Granit gehauene Persistenz der Beißer, du wirst sie nicht los, sie sind im Pleistozän gekommen und sie sind geblieben, und bleiben es, für immer.

Ihr neues Album heißt "Return To Forever", auf dem Cover ist eine Art Saftpresse, und die Songs klingen so frisch wie schon lange nicht mehr, Klaus Meine mag kleiner geworden zu sein, schlumpfhaft klein, haarloser und tauber, aber die Stimme schneidet immer noch astrein wie eine Eierharfe das steinhartgekochte Ei.

"We Built This House" ist Stadionrock vom Feinsten, Gänsehaut im Gehörgang, wir recken unsere dürren Ärmchen in die Luft wie Antennen, "Rock'n'Roll Band" erinnert an Leather Nun, die schwedischen Death-Punk Veteranen mit Hang zu Melancholie und Pathos, Kettenfett und Strapsmiezen. Was gar nicht mal so abwegig ist, sind doch beide bereits auf dem Soundtrack des Drogenglorifizierungsfilms "Spun" von Jonas Åkerlund vereint gewesen - der Geist ist da, war immer da, und manifestiert sich also hier und jetzt, in Hannover an der Leine, im Tischtenniskeller von Klaus Meine, Rückkehr für immer. Was auch immer bedeuten mag, weiß vielleicht nur Speedy. (8.5) Tex Rubinowitz

"We built this House"

We Built This House (Lyric Video) von Scorpions auf tape.tv.

The Pop Group - "Citizen Zombie"
(Freaks R Us/Indigo, ab 20- Februar)

Kollege Rubinowitz verglich Mark Stewart, den Oberquengler der Post-Punk-Ära, vergangene Woche bereits mit einem "Kleinstkind, dem der Schnuller in den Sand gefallen ist". Damals, vor 35 Jahren, stand er zusammen mit anderen britischen Bands wie Magazine, Gang of Four, Wire und Public Image Limited mit einem bestechend modernen Sound-Gebräu aus Punk, Jazz, Dub und Funk sowie politisch expliziten Texten gegen die soziale Kälte der Thatcher-Regierung, gegen staatliche Repression, religiösen Wahn, Konsumismus und Kapital.

2010 fiel ihm ein, dass er die nach nur zwei regulären Alben aufgelöste Pop Group ja eigentlich wiedervereinigen könnte. Warum eigentlich? Tja, das müsste man ihn mal fragen. Offensichtlich hatte Stewart, abseits rein monetärer Interessen, das Gefühl, die Welt bräuchte mehr von dem alten Post-Punk-Spirit.

Darüber lässt sich streiten. Denn wenn man Zeilen wie "American gods infringe or go beyond the boundaries of a moral principle" (aus "Nations"), dann denkt man spontan eher an Verschwörungstheoretiker und Paranoiker mit Mützen aus Alufolie statt an aufrechte Warner und Mahner aus der popkulturellen Intelligenzija, auch wenn wir, da hat er wahrscheinlich Recht, mehr denn je im "Age of Anxiety" leben ("The Immaculate Deception"). Zumindest beweist Stewart, von dem man über die Jahre ganz vergessen hatte, wie irre er eigentlich ist, eine gewisse Portion Selbstironie, wenn er sich in "St. Outrageous" als durchgeknallter Chaos-Lord inszeniert und mit überschlagender Stimme krakeelt: "No one is safe!".

Überwindet man die traurige Erkenntnis, die das adäquat plakativ betitelte "Citizen Zombie" mehr als jedes aktuelle Album von Gang of Four oder anderen Veteranen dieser Zeit vermittelt, dass nämlich diese spezielle Art von Agit-Pop der späten Siebziger heute außer ein paar Nostalgikern niemand mehr braucht, dann kann man schnellere Stücke wie "Age Of Miracles", "Mad Truth" oder "Shadow Child" zumindest noch in der Indie-Disco auflegen. Wobei: Indie-Disco, das ist ja eigentlich auch schon längst wieder over. (6.5) Andreas Borcholte

"Mad Truth"

Mad Truth von The Pop Group auf tape.tv.

Jenny Wilson - "Demand The Impossible!"
(Crunchy Frog/Soulfood, seit 13. Februar)

Beim ersten Song des neuen, sehr guten Albums der schwedischen Sängerin Jenny Wilson musste ich, völlig unpassend, an Pepe denken. Pepe, die Älteren erinnern sich, ist der Sohn des Iberer-Häuptlings Costa y Bravo in "Asterix in Spanien", der von den Römern als Geisel genommen wird. Wann immer die Legionäre, allen voran Statthalter Claudius Bockschus, nicht das tun, was Pepe gerne möchte, hält der Kleine so lange die Luft an, bis sie es dann doch tun - aus Angst, der vor Anstrengung bedenklich rot anlaufende Knirps könnte platzen.

Jenny Wilson, mit 40 schon ein bisschen älter als Pepe, aber nicht weniger trotzig, singt in "Opposition": "Political change/ Gonna hold my breath until it happens now". Sie will also so lange die Luft anhalten, bis sich politisch etwas ändert. Na, viel Spaß, denkt man als zynischer Großstadt-Lakoniker, aber dann reißt einen die erstmal naiv wirkende Revoluzzer-Romantik Wilsons doch noch mit, und zwar, indem sie den Kulturclash der vergangenen Jahre mit einem düster-dystopischen Soundtrack in die nahe Zukunft deutet.

"Opposition", wie einige andere Songs auf "Demand The Impossible!" dengelt seine Botschaft von Wandel und Veränderung sehr suggestiv auf einem distinktiv orientalischen Beat daher; auf dem Cover ist eine Nachtgestalt mit Hoodie zu sehen, die Wilsons Alter Ego darstellen soll, einen Straßenprediger, der die Prekarisierung und Verarmung der Bevölkerung anprangert und von Revolution raunt.

Ein Narr aber, wer dabei an Pegida oder andere, aktuell lautsprechende Xenophobiker und Dumpfbacken denkt, denn erstens erschien das Album in Schweden bereits Ende 2013, zweitens betrachtet Wilson ihre Musik als eine Art Suppe (so heißt auch ein Song), in die sie verschiedenste Gewürze und Zutaten wirft. Ihre politische Haltung ist dabei kämpferisch, aber klassisch linksliberal: "Libraries are shutting down/ Schools are burning down/ Our leaders must fall down and let the women wear the crown/ Let them take over/ From the underground/ To the streets, to the churches/ From the cities to the deserts/ To the parliaments", lässt sie ihren Prediger in "University Of My Soul" deklamieren.

"Demand The Impossible!" ist das bisher interessanteste Album der Schwedin, die zuvor drei recht ordentliche Elektropop-Alben veröffentlicht hat. Ausgelöst wurde ihre Radikalisierung durch eine besiegt geglaubte Brustkrebserkrankung, die während der Aufnahmen wieder ausbrach. Die Beschäftigung mit Tod und körperlichem Verfall sorgt dann auch für die eindringlichsten Songs der Platte, den kunstvoll vertrackten TripHop "Mean Bone", die düstere Club-Hymne "Pyramids (Rose Out Of My Pain)" und das mit anschwellenden Piano-Akkorden, Retro-Synthie-Sounds und Vocoder-Stimmen an John Carpenters Apokalypsen-Elektro erinnernde Halb-Instrumental "Autobiography".

Darin findet sich, in Endlosschleife, die beklemmende Zeile: "Cannot put it down with words/ cannot put it down with letters/ The scar is my only proof/ The scar is my autobiography". Bestimmte Narben verheilen nie, da kann man noch so lange die Luft anhalten. (7.8) Andreas Borcholte

"Pyramids"

Pyramids (Rose Out of Our Pain) von Jenny Wilson auf tape.tv.

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

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insgesamt 2 Beiträge
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grandelfe 17.02.2015
1. Drake
Wahnsinn! Hätte nicht gedacht, das Schelllackplatten-Profi Borcholte den göttlichen Drake überhaupt kennt. Jetzt ist er sogar auf seiner 1. Respekt! Andi wird im Renten-Alter noch zum Hippster. Weidder so!
harry_beau 22.02.2015
2. Ibeyi
Die Aufnahme hört sich stark nach Garage Band an - leblos, seelenlos und flach. Wenn schon amateurhaft, dann bitte verknisterte analoge Vierspuraufnahmen - das hat noch mehr Flair. Schade, denn Kompositionen und Gesang sind eigentlich sehr schön. Aber guter, lebendiger, dynamischer Klang steht heute leider nicht mehr hoch im Kurs. Über Ohrstecker gehört, muss sich die Musik in der U-Bahn gegen den Umgebungslärm durchsetzen, das ist offenbar die einzige Anforderung, die bei modernen Aufnahmen berücksichtigt wird.
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