Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Hexenwerk, das dich in Stücke sprengt, so zauberhaft brutal klingen die beiden neuen Alben der japanischen Postrock-Band Mono. Außerdem: Pharmakon mit dem zweiten Album und Neues von Thurston Moore und Iceage!

Von und Jan Wigger


Mono - "The Last Dawn" + "Rays Of Darkness"
(Pelagic/Cargo, ab 24. Oktober)

Am Anfang war ein Zettel, den hatte ich gefunden. "Nimm Abschied", stand darauf. "Nimm Abschied", sagte ich mehrmals leise vor mich hin. Kurz darauf traf ich die Toten. Meine Großmutter, die ihr ganzes Leben lang nur am Herd stand, hatte noch einmal Reibekuchen gemacht, mein Großvater stieg aus einem Zug, trat heraus aus dem goldenen Tunnel, "Millennium Actress" von Satoshi Kon, dachte ich, auch schon tot, Krebs natürlich. Dann liefen noch einmal die Platten aus dem Jugendzimmer, "Nevermind", "Reckless", "Keep The Faith", "Songs Of Love And Hate", "It's A Shame About Ray". Mein Blick fiel auf die beiden neuen Mono-Platten, "The Last Dawn" und "Rays Of Darkness": Nichts hatte ich in den vergangenen Wochen öfter aufgelegt, denn mit "Hymn To The Immortal Wind" und "For My Parents" hatten Mono zu den Top-3-Bands dieses Jahrtausends aufgeschlossen.

Vorher war es halt Post-Rock, auch toll, aber nicht so tragisch, schmerzerfüllt, beglückend und bedeutend wie später. Japaner, deren Konzerte einen krachend zum Weinen bringen, die sicher auch Nietzsche lesen wie Makoto Hasebe. Bestimmt wird irgendwo das älteste, blödeste, ausgelutschteste Plattenbesprecher-Klischee vom "alten Freund, den man lange nicht gesehen hat und der plötzlich an deine Tür klopft" hervorgekramt. Nun könnte man sicher auch eine Menge über "The Last Dawn" und "Rays Of Darkness" schreiben, über das tröpfelnde Piano, das Glockenspiel, die Gitarren, die sich langsam zum Abgrund beugen, den fehlenden Gesang, der bei Mono einfach fehlen muss (Ausnahme: Es gibt phantastische growls in "The Hand That Holds The Truth"), das frische Blut, und die gleichmütige Eleganz dieser Begräbniskünstler, dieser Präparatoren von Licht und Finsternis, geheiligt werde ihr Name, jenseits von allem, jetzt und in Ewigkeit. Oder, um es ganz stumpf auszudrücken: Hören sollt ihr, nicht lesen.

"The Last Dawn" ist etwas heller als "Rays Of Darkness", aber beides geht nur zusammen, ein üppiges, festgewebtes Dickicht, Hexenwerk, das in Tränen badet und dich langsam in Stücke sprengt ("Recoil, Ignite") oder dir das wunde Herz verbindet ("Glory"). "5 Centimeters Per Second" als Oper, und nebenbei die bewegendste Musik des Jahres 2014. Kein Mono? Dann haben wir umsonst gelebt. "The Last Dawn" (9.3), "Rays Of Darkness" (9.2). Jan Wigger

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Pharmakon - "Bestial Burden"
(Sacred Bones/Cargo, seit 10. Oktober)

Atmen, ein alltäglicher Vorgang. Wer aber schon mal erlebt hat, wie sich Atemnot anfühlt, nach Luft ringen musste, immer krampfhafter, panischer, die Möglichkeit des Erstickens plötzlich ganz real, der weiß, was für ein fragiles Konstrukt dieser scheinbar selbstverständliche Automatismus des menschlichen Überlebens ist. Es ist eine zutiefst erschütternde, sehr existenzielle, Demut erzeugende Erfahrung. Passend also, dass das neue Album der New Yorker Noise-Künstlerin Margaret Chardiet alias Pharmakon mit Atmen beginnt, hektischem, hyperventilierendem Atmen über einem anschwellenden Drone-Geräusch. "Vacuum" heißt der nur eineinhalb Minuten lange Track, der einen sofort, unmittelbar bei der Gurgel packt.

Pharmakons "Musik", wenn man ihre extreme, enervierende Ausforschung von menschlicher Stimme und elektronisch erzeugtem Lärm so nennen will, hat diese Macht: Sie fordert totale, unbedingte Aufmerksamkeit und größte Schmerztoleranz. Dass in diesem Extremismus etwas Schönes, Kathartisches liegt, erklärte mir die 23-Jährige einst im Interview zu ihrer Debüt-EP "Abandon". Wenige Monate später, sie wollte gerade ihre erste Europa-Tournee starten, musste sich Chardiet nach heftigen Schmerzattacken einer Notoperation unterziehen: Eine zwölf Zentimeter lange Zyste hatte sich an einem ihrer inneren Organe gebildet, um sie zu entfernen, mussten die Ärzte unter anderem durch den Bauchmuskel schneiden. Chardiet verbrachte danach lange Wochen im Krankenhaus, jede Bewegung, jedes Aufrichten ein Schmerz. Neben ihr lag ein Mann im Sterben, der nach seiner Tochter schrie, die nie auftauchte.

"Bestial Burden" ist das musikalische Zeugnis dieses Horrortrips, die Verarbeitung des Gefühls, in die Narkose geschickt zu werden und nicht zu wissen, welche Organe, welche Bestandteile des Körpers nach dem Aufwachen fehlen würden. Das Ausgeliefertsein, sowohl den Funktionen des eigenen Körpers als auch der Krankenhaus-Maschinerie, die Abhängigkeit von physischen Prozessen, die natürliche, organische Begrenztheit der menschlichen Existenz, die ganze archaische Last der eigenen Bestialität, all das war schon vor diesem einschneidenden Ereignis Thema der Kunst von Pharmakon.

Die jüngsten Erfahrungen sorgten nun offenbar für eine weitere Intensivierung, aber auch für eine gesteigerte Souveränität, mit der Chardiet brüllend bis zur Heiserkeit und animalischen Entfremdung ihre Dämonen exorziert - mal über metallischem Schleifen und hellem Zischen wie in den auralen Kriegswirren von "Intent Or Instinct" oder "Autoimmune", mal hustend und erbrechend über dem Stakkato-Beat von "Primitive Struggle". Pharmakons Sound ist, so absurd es auch klingt, ruhiger, raumgreifender geworden, weniger beengend, in manchen Momenten ("Bestial Burden") fast schon meditativ transzendierend, aber immer noch faszinierend viszeral. Eine nicht nur mit der Seele, sondern mit dem ganzen Körper erlebbare Entblößung menschlicher Natur. (8.2) Andreas Borcholte

Pharmakon ist zurzeit als Support von Swans auf Deutschland-Tournee: 21./22.10. Berlin; 23.10. Leipzig; 24.10. Köln; 25.10. Hannover; 27.10. Hamburg, 29.10. Dresden; 30.10. Wiesbaden; 31.10. Karlsruhe; 1.11. München.

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Thurston Moore - "The Best Day"
(Matador/Beggars/Indigo, seit 17. Oktober)

"Musik muss fordern", das sagt Andreas "Kanzler" Kohl in der zweiten Ausgabe des diesmal in glutrot erschienenen "Deaf Forever"-Magazins. Stimmt genau, und an diesem Punkt gerät man ins Grübeln: Juli, Tokio Hotel, Münchener Freiheit, Soft Rock und Kim-Dotcom-Mucke für Yachten und Segelboote: Schon wieder hatte ich mich monatelang ausschließlich mit Musikern beschäftigt, die mich gerade nicht fordern, die einfach nur angenehm, umgänglich, sympathisch sind. Aber soll man sich einer Welt, in der Graf Unheilig und Kim-Jong-un ohne Ankündigung verschwinden, in einer Welt, in der man "Brooklyn Nine-Nine" nicht mehr gucken mag, seit Andy Samberg Joanna Newsom geheiratet hat, noch mehr Ärger ins Haus holen?

Man könnte sich auch Thurston Moore reinpfeifen, 100 Jahre lang wesentlicher Bestandteil einer der wichtigsten und besten Rockgruppen aller Zeiten, "wer das nicht weiß, kann kein Abitur machen" (mein Erdkundelehrer Apel im Frühling 1993). "The king has come to meet the band / The king has come with no demand" weiß Moore, und haut mit "Speak To The Wild" gleich einen der großartigsten Post-Sonic-Youth-Tracks überhaupt raus. "Forevermore" ist mindestens gleiches Level und ähnlich lang, dazu herrlichste Schrammeleien, mit viel mehr Zeit, Raum und Willen zur Ausformulierung, zum Ausgestalten als bei den deutlich anstrengenderen, von Kollege Borcholte abgefeierten Chelsea Light Moving.

Wäre man bekloppt, könnte man "The Best Day" durchaus als "Zeitreise" (ein ähnlich ekliges Wort wie "Nabelschau") durch drei Jahrzehnte Sonic Youth bezeichnen: "Tape" erinnert an die "A Thousand Leaves"-Ära (und der Titelsong, wie passend, an "Sunday", by Harmony Korine), "Detonation" an "Evol", und "Vocabularies" an das hervorragende "NYC Ghosts And Flowers", mit dessen 0.0-Wertung sich der beliebte Geek-Trampelpfad Pitchfork.com anno 2000 selbst disqualifizierte. Quintessenz: Es ist eine Freude, zum stets zärtlichen Gedröhne, Gejaule und Gequietsche (und zu den Sachen, die man vielleicht sogar "Balladen" nennen darf) von "The Best Day" langsam ins Bett zu fallen. Und jetzt? Warten sie noch ein paar Wochen geduldig auf die neue Ariel Pink. (8.0) Jan Wigger

Thurston Moore - "Speak to the Wild"

Speak to the Wild von Thurston Moore auf tape.tv.

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Iceage - "Plowing Into The Fields Of Love"
(Matador/Beggars/Indigo, seit 3. Oktober)

"Whatever I do, I don't repent, I keep pissing against the moon", singt Elias Bender Rønnenfelt in einem Stück der dritten Iceage-Platte. Eigentlich ist es mehr ein Keuchen, ein atemloses, fast resigniertes Stöhnen. Kein Wunder, zwei Alben lang sind die Dänen mit mächtigem Lärm gegen alle Wände angerannt, gegen die man als post-adoleszenter Outlaw halt so anrennt. Wütende, triste, kalt-klirrende Songs wie "Coalition", "White Rune" oder "New Brigade" ließen Vergleiche mit Joy Division ebenso wie mit den Ostküsten-Postpunks der späten Achtziger zu. "Plowing Into The Fields Of Love" markiert nun einen Schritt nicht in den Erschlaffungszustand, sondern in ein erwachsenes Selbstbewusstsein.

Das zeigt sich zunächst musikalisch im Einsatz eher punkfremder Instrumente wie Piano, Trompete oder Mandoline - exotische Akzente, die den gewohnten Rumpelsound akzentuieren, manchmal auch irritierend kontrastieren, wie im schön verzweifelten "How Many", dessen sägendes Gitarrenriff von rhythmisch gegenläufigen Klavierakkorden geerdet und dissonant ausgebremst wird. Eine sehr gelungene Metapher für die Vernunfteinsichten, die das jugendliche Stürmen und Drängen eindämmen, je älter man wird. Zorn gerinnt zu Bitternis und Melancholie: "I have a sense of utopia/ Of what I truly ought to do", singt Rønnenfelt zwar noch, aber die Wut früherer Tage fließt nun nicht mehr in Noise-Attacken, sondern distributiert sich in versiertere Musik und textlich kompetentere, bildstarke Bleakness.

Erstmals traut sich Sänger Rønnenfelt, wie man hört auch dank besserer Englischkenntnisse, seine Stimme mehr in den Vordergrund zu rücken. Ächzen, Grunzen, kehliges Wehklagen untermalt seinen fiebrigen Vortrag, was immer wieder an wildere Bad-Seeds-Momente (ca. "Tender Prey"-Phase) erinnert, vor allem im epischen "Glassy Eyed, Dormant And Veiled" und im nachfolgenden Album-Herzstück "Stay". Launigere Songs wie "Let It Vanish" oder der Kneipengassenhauer "The Lord's Favorite" evozieren dann eher den frechen Nihilismus der Libertines. Aber trotz all der in diesem Genre unvermeidlichen Referenzen und Vergleiche, verlieren sich Iceage nicht bei diesem Schritt in die Abgeklärtheit. Im Gegenteil. Um mal kurz aufs schöne Bild des Mondanpissens zurückzukommen: Ihre Ergüsse aus der emotionalen Tiefkühltruhe bekommen jetzt langsam eine charaktervolle Duftnote. (7.7) Andreas Borcholte

Iceage - "The Lord's Favorite"

The Lord's Favorite von Iceage auf tape.tv.

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infinitejest 21.10.2014
1. Das Ding mit dem Zettel
Brilliante Rezension der Mono-Alben! Stockend auf dem Pfad ins Licht...
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