Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Achtziger-R&B, postmodern gebrochen und faszinierend verdichtet - so klingt das neue Album von Blood Orange. Warum das toll ist? Lesen Sie hier. Außerdem: das nachtschwarze zweite Album der Münsteraner Post-Punks Messer, ein junger Brite, dem selbst Rick Rubin nicht helfen konnte und ein wiederentdeckter Soul-Meister.

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Blood Orange - "Cupid Deluxe"
(Domino/Goodtogo, seit 15. November)

Whenever I go out with you I find out something new: "You're a fake, Baby/ You can't conceal it". Diese Zeile ist nicht von Dev Hynes alias Blood Orange, aber sie stammt aus einem großen Hit von Alexander O'Neal, ca. 1987, das sich Hynes zur Vorbereitung auf sein neues Album sehr genau angehört hat (man beachte die charakteristische Bass-Figur in "Always Let You Down") - mal ganz abgesehen von einschlägigen Achtziger-Jahre-Funkklassikern von Prince bis Scritti Politti, von SOS Band bis Shalamar. Hynes ist also ein "Fake", ein postmoderner Schwindler, der nur clever recycelt und den Zeitgeist bedient. Das macht der in New York lebende Brite schon eine ganze Weile so, erst mit dem ruppigen Post-Punk von Test Icicles, dann als folkverliebter Morrissey-Wiedergänger Lightspeed Champion. Seit 2011 verschreibt er sich als Blood Orange der Auslotung des Saxofon-lastigen Salon-Funksouls der Achtziger.

Auf dem bereits herausragenden Debüt "Coastal Grooves" hatte das noch deutliche Spuren von Pop und New Wave. Danach wurde Hynes zum gefragten Producer, schrieb recht aufregende Hybrid-Singles zwischen Anglo-Pop und US-R&B für Solange Knowles, Friends und Sky Ferreira. Auf "Cupid Deluxe" gibt sich Hynes nun ganz dem Gurren und Pulsieren des Funk und Souls hin, der seine Spannung, seine Schwitzigkeit, sein stetes, aber lustvoll verlangsamtes Wummern und Drängen aus der Sehnsucht nach amouröser Erfüllung bezieht - eine Option, die auch in den Songs von Hynes immer wieder in unerreichbare Ferne rückt. Aber nicht, weil sich die Dame des Herzens gegen die Avancen Amors sperrt, sondern weil der männliche Protagonist sich selbst im Wege steht, zweifelnd, hadernd, komplexbehaftet. "Another day and I lose, but I don't want to chose", jault Hynes in "Chosen". In "Clipped On" haucht er: "All I do ist think about you" und lässt dann den Gastrapper Despot auf einem Old-School-Beat erzählen, warum dieses Nachdenken nicht zu einer Love-Story führt.

Hynes, und das macht ihn dann schon wieder sehr authentisch, ist also ein hypermoderner Interpret des R&B, ein typisch effeminierter Indiepop-Wimp, der sich ins Testosteron-Land verirrt hat und dort die große Sinnkrise auslöst. Das eint ihn mit Kollegen wie Adam Tesfaye von The Weeknd oder Chart-Rapper Drake, doch Hynes, der hier anscheinend endlich das Genre gefunden hat, in dem er sich und seinen Schmerz vollkommen ausleben kann, wagt sich noch viel weiter ins Androgyne als diese beiden sich je vorstellen könnten. Womit man wieder bei Prince landet, dem Meister des ambivalenten Mackertums. An dessen ausufernde Virtuosität will Hynes jedoch nicht heran, im Gegenteil: Er verdichtet die in den Achtzigern oft klapperdürr produzierten Vorlagen zu einem satten Sound, der den Zuhörer wattig umhüllt, bis er sich ganz am Ende des süßen Zögerns und Zauderns doch noch traut, die Initiative zu ergreifen: "Come into my bedroom", lockt er lasziv in "Time Will Tell" zu versöhnlich klimperndem E-Piano. Da kann man dann nur noch schwer widerstehen. (8.2) Andreas Borcholte

"Time Will Tell"-Videoclip von Blood Orange auf tape.tv ansehen

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Messer - "Die Unsichtbaren"
(This Charming Man/Cargo, ab 22. November)

"Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten": So viel Optimismus wie selbst der am System verzweifelte Rio Reiser bringen Messer auf ihrem neuen Album nicht auf. "Irgendwann zwischen vier Uhr nachts und dem neuen Morgen/ Kommt ein Traum mit ganz viel Macht/ Er stammt aus meinen Sorgen", singt Hendrik Otremba in "Tiefenrausch". Hier ist die Nacht so tief und schwarz, dass der Tag nur eine Ahnung bleibt. Und wenn er dann doch beginnt, ist er grau und voller Schatten: Untote aus der Vergangenheit und Lebende, die im Neonlicht verblassen, Roadkill an der Datenautobahn, Unsichtbare, die das große Spiel mit Konsum, Kapital und Eitelkeit nicht spielen wollen. Schon das Messer-Debüt "Im Schwindel", 2012 erschienen, war so ein Testament der Angst vor dem Verschwinden; "Die Unsichtbaren" setzt das Wüten gegen einen unheimlichen Zeitgeist fort - mit wiederbelebten Spukgespenstern aus einer fast vergessenen Phase der Relevanz, dem Post-Punk. Nicht nur Ton Steine Scherben geistern hier im Nachklang der Stimme Otrembas herum, auch DAF, Morgenrot, Fehlfarben, Blumfeld, Joy Division, Sonic Youth, Kolossale Jugend und Die Erde. Deren Frühmitglied Tobias Levin, inzwischen so etwas wie der Pate diskursiver deutscher Rockmusik, hat "Die Unsichtbaren" produziert und die Münsteraner somit ins Establishment erhoben. Den am Abgrund taumelnden Klang von Messer ließ er jedoch unberührt, stellte die Band so gut wie live ins Studio, um das Rohe, Bedrohliche zu bewahren. "Die Straßen tragen keine Schilder" in den heißen Nächten von angespannt flirrenden Liedern wie "Angeschossen", die an Fieberträume von Jeffrey Lee Pierce erinnern. Einzig in "Staub" gibt es so etwas wie ein Zwielicht, ein Schimmer der Hoffnung, gebettet auf dem bisher positivistischsten, konventionellsten Pop-Hook der Band: "Dann passiert etwas, einer sucht etwas/ Dinge ändern dich und Türen öffnen sich (…) Ein anderes Leben beginnt zu strömen." Ob Messer diesen Weg zuende gehen, vielleicht sogar die Sonne sehen? (7.7) Andreas Borcholte

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Jake Bugg - "Shangri La"
(Mercury/Universal, seit 15. November)

Machen wir's kurz: Schlimmste Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Nicht alles, was Rick Rubin mit seinem Mojo segnet, ist danach besser - those were the nineties, folks. Zweitens: Jake Bugg ist sicher ein netter Kerl, aber das nasale Nölen war bei Liam Gallagher gerade noch zu ertragen, wenn es gebührend in Gitarrenwälle versenkt wurde, bei Bugg nervt's schon beim zweiten Album gewaltig. Besonders auf der Single "What doesn't kill you", ein Katzengejaul, das mir schon vorab Angst vor dieser Platte einjagte. Die heißt übrigens nicht "Shangri La", weil Bugg jetzt den postadoleszenten Späthippie in sich entdeckt hat oder gar bessere Drogen als das im Hals kratzende Straßen-Hasch von Clifton, sondern weil Rubins Studio in Malibu so heißt, in dem der Produzenten-Halbgott Hand an seine neuen Songs legte. Das kann man natürlich mal würdigen, wenn einem partout kein besserer Titel einfällt. Warum sich Bugg dann aber als Rock'n'Roll-Bieber mit überdimensionalem Gitarrenpimmelschatten auf dem Cover ablichten ließ? Naja, ein Jahr Rampenlicht versengt wohl selbst dem abgebrühtesten Youngster aus Nottingham das Hirn. Die Songs wurden übrigens diesmal tatsächlich von ihm (mit Hilfe der Songwriter Iain Archer und Brendan Benson) geschrieben und nicht wie beim allseits (hier nicht) gefeierten Debüt bei internationalen Pophit-Lieferanten zusammengesammelt. Nützt aber nichts, im Gegenteil, denn Rubin, wohl auf den US-Markt schielend, rubbelte die ganze, charmante Sixties-Patina ab und ließ nur noch einen erschreckend kalten, kantenlosen Alternativrock-Sound übrig. Erträglich ist das nur in den ruhigeren, nicht so hochquengelnden, an Westcoast- und Country lehnenden Stücken wie "Me And You", "All Your Reasons" oder "Pine Trees". Ganz hübsch. Aber wer oder was dieser Jake Bugg eigentlich ist, Hanswurst oder Heilsbringer, bleibt auch nach zwei Alben ein Rätsel. Ich tendiere stark zu ersterem. (4.0) Andreas Borcholte

"Slumville Sunrise"-Videoclip von Jake Bugg auf tape.tv ansehen

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Donny Hathaway - "Never My Love: The Anthology" (Box-Set)
(Rhino/Warner, seit 8. November)

Sind Sie Großstädter und wohnen im Hochhaus? Dann stellen Sie sich mal ans Fenster und legen "The Ghetto" auf, Donny Hathaways ersten und ewigen Hit von 1969, egal ob die, damals sträflich zweigeteilte Single oder die berühmte Live-Version. Das taten nämlich auch Hathaway und sein damaliger Mitbewohner und Komilitone Leroy Hutson, nachdem sie das Stück in ihrer Studentenbude in Washington D.C. gerade komponiert hatten. Es war ein sonniger Tag, der aber immer wieder von Gewittern und Schauern durchbrochen wurde. Das passte gut zu den stürmischen Zeiten, die damals gesellschaftlich herrschten. "It was like the traffic was synchronised to the movement of the song", erinnerte sich Hutson später. Ein magischer Moment - und ein magischer, schier endloser Song, der auf nervösem E-Piano viel von städtischer Dynamik und Lebensfreude im Chaos erzählte. Er machte Donny Hathaway zum neuen Star der Soul-Szene, auch wenn zahlreiche Labels erst ablehnten, "The Ghetto" zu veröffentlichen, aus Angst vor Riots. Jerry Wexler, Star-Produzent bei Atlantic Records, befeuert von King Curtis und Curtis Mayfield, guten Bekannten von Hathaway, griff zu. Alsbald wurde Hathaway, ein versierter, im Gospelchor geschulter, sehr leidenschaftlicher Crooner, mit den ganz Großen verglichen, Al Green und Marvin Gaye.

Zehn Jahre später stand Donny Hathaway erneut an einem Fenster, diesmal mit einem phantastischen Ausblick auf den südlichen Central Park in New York. Nach jahrelangem Kampf mit Depressionen arbeitete gerade an seinem Comeback-Album. Doch dann stürzte er sich eines Abends, nach einem ganz normalen Tag im Studio, aus dem Fenster seines Zimmers im 15. Stock des Essex House Hotels. Er war sofort tot. Was bleibt, ist eine viel zu kurze Karriere, drei Solo-Alben, zwei Duett-Platten mit Roberta Flack, ein Blaxploitation-Soundtrack ("Come Back Charleston Blue") sowie ein 1972 veröffentlichtes Live-Album, das bis heute zu den besten dieses Genres gehört.

Die hübsch gestaltete Anthologie "Never My Love" enthält nicht nur eine Art Best-of der damals bei Atlantic veröffentlichten Studio-, Live, und Duett-Alben, sondern auch eine CD mit unveröffentlichten Aufnahmen Hathaways aus seiner schwierigen Phase Mitte bis Ende der Siebziger. Nicht alles davon ist so eindeutig brillant wie die Hathaway-Klassiker "Trying Times", "Thank You Master (For My Soul)" oder "A Song For You", doch Tracks wie "Memory Of Your Love", das besinnliche Piano- und Orgel-Instrumental "The Sands Of Time And Changes" oder die unheimliche, fast schon klassische Suite "Zyxygy Concerto" machen deutlich, dass Hathaways Talent der Krankheit immer wieder trotzte. "He could have been Mozart", sagte Freundin und Gesangspartnerin Roberta Flack. Das mag übertrieben sein, dennoch lohnt es sich, das abseits von "The Ghetto" vielfach vergessene Werk dieses tragischen Soul-Stars mit dieser nicht vollständigen, aber gelungenen Zusammenstellung neu zu entdecken und in den ausführlichen Liner-Notes (informativ: "Mojo"-Autor Charles Waring, rührend: Roberta Flack) zu blättern. (7.5) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
birao 19.11.2013
1. Jaja, so ist das:
Deutschlandradio Kultur hat Jake Bugg's Platte zur Platte der Woche erkoren, ich find sie (r)echt gelungen (wenn auch nicht weltbewegend) und sie zerreißen sie. Nur mit dem Cover haben Sie Recht: Grausam.
osos1009 19.11.2013
2. Warum ...
... gefällt mir bei dieser ganzen Besprechung nur die Musik von Donny Hathaway? Liegt's an meinem Alter (58)? Doch kann man nicht OBJEKTIV feststellen, dass die Melodien, die Arrangements, die Stimme etc. bei Hathaway einfach reicher sind als das heutige Geplänkel zumindest der hier vorgestellten Künstler? Noch 'was: Ich mag auch "Oswin L. Lone", ein neuer 70er und 80er, den kaum einer kennt ... einfach geile blues und soul inspirierte Musik ... kann man nur bei youtube hören und sehen ...
tom7894 21.11.2013
3.
Danke für den Hinweis auf Donny Hathaway. Leider enthält die Anthologie nicht die lange Fassung von „The Ghetto“, die auf dem Album „Everything is Everything“ erschienen ist, sondern nur die auf zwei Tracks geteilte. Darauf hätte man schon hinweisen können.
derarmeberliner 21.11.2013
4. Jake Bugg - Platte und Konzert im Huxley
Ich war im Huxlex bei Jale Bugg: Das beste Konzert seit sehr langer Zeit, was ich erleben durfte. Es erinnerte in vielen Elementen dem ersten Auftritt von Oasis in Berlin: Zur Bühnenpräsenz bedurfte es nur der genial-einfachen Musik, einer einzigartigen Stimme und der offen zur Schau getragenen Hingabe und Coolness des Frontmanns. Kein Firlefanz, kein Multimedia-Show, keine orchestralen Sound-Erweiterungen. Natürlich melden sich jetzt die Medienfuzzis, die vom Hype und Absturz anderer ihre mageren Brötchen verdienen müssen. Doch die 2. Platte ist eine logische Folge des schier unbegrenzten Potenzials, was in Jake Bugg schlummert: Und die 3. Platte wird bestimmt wieder anders sein, na und? Sie wird alten Fans missfallen und dafür anderen, neuen Fans, gefallen. Kunst lebt nicht von der Wiederholung des einmal Erfolgreichen, sondern von der Veränderung, der ständigen Suche nach Neuem. Wer einem Musiker, der gerade mal 19 Jahre alt ist solche Veränderungen (die auch kommerziell Auf und Abs bedeuten können) nicht zugesteht, hat von Kunst, erst Recht von Musik und er ihr innewohnenden Logik keine Ahnung. Jake Bugg - vielen Dank für 2 tolle Scheiben, für den gestrigen Abend. Egal was jetzt folgt - das sind Momente, die bleiben. Und keiner der Möchte-Gern-Schnell-Kritiker kann das vorweisen.
gerda14 21.11.2013
5.
Zitat von sysopDomino Achtziger-R&B, postmodern gebrochen und faszinierend verdichtet - so klingt das neue Album von Blood Orange. Warum das toll ist? Lesen Sie hier. Außerdem: das nachtschwarze zweite Album der Münsteraner Post-Punks Messer, ein junger Brite, dem selbst Rick Rubin nicht helfen konnte und ein wiederentdeckter Soul-Meister. http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-alben-jake-bugg-blood-orange-messer-donny-hathaway-a-934267.html
Das Problem hier beginnt schon mal am Artikel zur CD.. ich denke, die wenigsten, die das lesen, können mit dem Begriff "postmodern" (http://postmoderne.net/) überhaupt etwas anfangen.. die heutige Generation ist da nicht so bewandert in der deutschen Sprache *g* Zur CD: naja... okay! Hab aber schon besseres gehört :-)
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