Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Torsten Groß

Überschätzter Waschlappen oder gereifter Elektro-Soul-Künstler? Lesen Sie hier alles über das zweite Album von James Blake. Außerdem: Das lange erwartete Debüt von Brit-Hoffnung Charli XCX, neuer Art-Pop-Lärm von den Yeah Yeah Yeahs und deprimierte Flaming Lips.

Liebe Abgehört-Gemeinde,

Kollege Jan Wigger nimmt sich eine verdiente Auszeit. Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Diese Woche: Torsten Groß, Chefredakteur der Musikzeitschrift "Spex".

James Blake - "Overgrown"
(Atlas/Polydor/Universal, seit 5. April)

Man sagt ja, der Künstler macht die beste Kunst nur, wenn er leidet. Das gilt natürlich und vor allem auch für Musiker, deren Break-up- oder Einsamkeits-Alben zumeist interessanter sind als ihre verliebt-verseierten Gesänge an die Holde. Bestes Beispiel in jüngster Zeit: Justin Timberlakes "20/20 Experience". Beim Londoner Sonderling James Blake ist aber mal wieder alles anders. Seit gut einem Jahr ist er mit Warpaint-Gitarristin Theresa Wayman zusammen und gab sich gegenüber dem "Guardian" schwer verliebt. Trotzdem ist "Overgrown" in vielerlei Hinsicht gelungener als sein vor zwei Jahren über die Maßen gefeiertes Debüt, das Blake aus einem Zustand der inneren Vereisung heraus geschrieben haben mag. Blakes Kunst besteht vor allem darin, Soul- und klassisches Songwritertum zu dekonstruieren und in einem elektronischen Clubmusik-Zusammenhang fragmentarisch zu zitieren. Die dabei entstehenden Leerstellen wurden ihm vielfach als Potenzial großer Emotionalität ausgelegt, doch erst jetzt, in der grandios geisterhaften Gospelchor-Reduktion "Retrograde", der mit tiefem Summen und Hummen vibrierenden Soul-Ballade "DLM" oder dem waidwund humpelnden Titelstück, sind diese bedeutsamen Pausen wirklich deep zu nennen.

Es schrammt leider immer hart an der Phrase vorbei, wenn man einem Künstler fortschreitende Reifung bescheinigt, doch im Falle James Blakes ist der Entwicklungssprung so deutlich, dass es töricht wäre, ihn nicht zu würdigen. Die Konstruktion seiner Songs, sein flüchtiges, an einen erkälteten Antony Hegarty erinnerndes Falsett, all das wirkt noch immer so fragil, als könne man es mit einem kräftigen Husten zu Tode erschrecken und in alle Winde zerstäuben. Gleichzeitig spürt man in den nur hingetupften Piano-Akzenten, Synthesizer-Flächen, spärlichen Bassnoten und Beats ein gewachsenes Zutrauen zum eigenen Projekt, und aus dieser neuen Handfestigkeit erwächst eben auch ein klareres Gefühl.

Blake braucht keine Coverversionen wie Feists "Limit To Your Love" mehr, und auch Vergleiche mit ähnlich verschüchtert wirkenden Kollegen wie The xx sind nun obsolet geworden. "Life Round Here" und das von Rapper RZA begleitete "Take A Fall For Me" brechen gängige R&B- und HipHop-Strukturen auf ihr Skelett herunter, das treibende "Digital Lion" und das in sich verdrehte "Voyeur", beide mit für Blake-Verhältnisse lautstarken Heul- und Sirenen-Geräuschen ausgestattet, weisen mit ungewöhnlich hohem Tempo in Blakes Vergangenheit als Dubstep-DJ. Das allzu zarte und vielleicht doch zu mickrige Pflänzchen, als das man den früh bejubelten Blake 2011 betrachten konnte, hat Wurzeln geschlagen: Er möchte noch da sein, "when everything's overgrown", singt Blake im Titelstück. Dieser Wunsch zu überdauern, kein schnell vergessener Hype zu sein, sondern zeitlos und ewig, ist das Grundthema dieses Albums, das sich, in den zarten Liebesballaden, sicher auch auf die Fernbeziehung zu der in L.A. lebenden Gefährtin erstreckt. Irgendeinen Grund für Melancholie gibt's immer. (8.2) Andreas Borcholte

James Blake - "Voyeur"
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Charli XCX - "True Romance"
(Warner, ab 12. April)

Schon erstaunlich, dass es eine der zu Pop-Hoffnungsträgerinnen ausgerufenen Damen mal schafft, tatsächlich ein Album herauszubringen. Wie lange wartet man nun schon auf die Debüts von Sky Ferreira, Azealia Banks, Angel Haze oder Iggy Azalea? Vielleicht zu lange. Charli XCX, bürgerlich Charlotte Aitchison, gehört ebenfalls in diese Riege aufregender neuer Pop-Persönlichkeiten, ihr mit Spannung erwartetes Debüt erscheint Ende dieser Woche nun in den USA und England, bei uns wird es offiziell erst ein bisschen später veröffentlicht. Warum? Weiß kein Mensch. Denn woran man sich gewöhnen muss, ist, dass das klassische Album in der Karriere-Entwicklung eines Popstars nur noch eine marginale Rolle spielt. Natürlich: Kein Künstler, eine Plattenfirma schon gar nicht, verzichtet freiwillig auf Erlöse, die mit CD-Verkäufen erzielt werden, doch Ruf, Ruhm und Credibility entstehen heute nicht mehr über das Produkt, sondern um die Aura, die mit Track-Veröffentlichungen, Remixen, Kollaborationen und Auftritten erschafft wird.

So muss, wer sich schon länger mit Charli XCX befasst, eigentlich niemand mehr das Album kaufen, denn es finden sich nur drei neue Tracks darauf, "Take My Hand", "Set Me Free" und "Black Roses". Alles andere war in den vergangenen zwei Jahren bereits als Single oder auf den beiden im Internet umsonst veröffentlichten Mixtapes zu hören. Mehr als ein Sampler mit Bonus-Tracks für alle, die von der umtriebigen Britin bisher noch nichts mitgekriegt haben, ist "True Romance" also nicht, aber das macht Charli XCX natürlich nicht zu einer weniger spannenden Künstlerin.

"Elektrisierenden Urban Electro Pop" nennt die Plattenfirma etwas hilflos das, was nicht mehr in Genre-Schubladen zu stopfen ist. Charli XCXs Bandbreite als Pop-Songwriterin - und -Programmiererin reicht von klassisch angelsächsisch-skandinavischem Pop ("Stay Away", "Set Me Free") über global tauglichen R&B-Disco ("Grins") bis zu HipHop-Hybriden ("What I Like") und Achtziger-Jahre-infiziertem Elektropop mit Goth-Einschlag ("Take My Hand", "You 're The One"). Mit Hilfe von Top-Produzenten wie Ariel Rechtshaid und J£zus Million vereint sie also alles, was gerade in Radio- und Club-Räumen populär ist. Ihr bisher größter Erfolg, die inzwischen weltweit zum Gebrauchsmusik-Djingle mutierte Single "I Love It", ist hier, leider, nicht vertreten. Charli XCX schrieb, komponierte und sang sie für das dadurch bekannt gewordene schwedische DJ-Duo Icona Pop. Es wäre interessant gewesen, ihre ureigene Version dieses Über-Hits zu hören.

"True Romance", das Tarantino-Zitat ist Programm und zieht sich wie ein roter Faden auch durch Videoclips und Mixtapes, ist ein Showcase, ein Guckkasten mit einigen funkelnden Juwelen und ein bisschen Tand als Deko. Aitchison singt, wie viele andere Popsängerinnen Anfang Zwanzig, fast ausschließlich über die Licht- und Schattenseiten von Liebesbeziehungen, und sie findet dafür eine frische, freche Sprache. Was sie interessant macht, ist eine Düsternis, die in den Powerpop-Songs des Albums allerdings zu selten ausgestellt wird. Sie findet sich in "Cloud Aura", dem Duett mit der rappenden Stripperin Brooke Candy, im traurig dahingluckernden "You (Ha, Ha, Ha)" und im kalten Synthie-Gewitter des zerquälten "How Can I": "How can I fix what I fucked up", singt sie darin. Die ebenfalls tiefschürfendere Ballade "Forgiveness", Teil des "Super Ultra Mixtapes", ist nicht auf dem Album enthalten, wahrscheinlich fand die Plattenfirma, das sie das avisierte Image der coolen, elektrifizierten Kate Nash oder britischen Robyn gestört hätte. Charli XCX ist aber vielleicht sogar mehr als das. Die Möglichkeit bleibt bestehen. Das Warten geht weiter. (6.8) Andreas Borcholte

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Yeah Yeah Yeahs - "Mosquito"
(Polydor/Universal, ab 12. April)

Für den Cover-Entwurf ihres neuen Albums haben sich die Yeah Yeah Yeahs offenbar von der kalifornischen "Künstlergruppe" Neurotic Outsiders inspirieren lassen und deren Motiv eines stachelhaarigen Punkrock-Neonbabys in die Jetztzeit überführt, indem sie das arme Kind einer Mückenattacke aussetzten. Das kann man total crazy oder so na ja finden, es passt jedenfalls zur alten/neuen Künstlichkeit, von der diese Musik wieder durchdrungen ist. Ganz genau: Es geht ein Stück zurück zur Lo-Fi-Ästhetik der frühen Tage auf dieser vierten YYYs-Platte.

In gewisser Weise waren die Yeah Yeah Yeahs damals ja die perfekte Popband. Weil die theoretische Idee, die Ästhetik, das Konzept bei ihnen besser waren als der Inhalt. Vom Start weg nahm die Sängerin Karen O mit erratischem Bühnengebaren und exaltierten Outfits den Thron der New Yorker Indie-Rock-Queen ein. Gitarrist Nick Zinner war die No-Wave-Version des prototypischen Keith Richards/Johnny Thunders-Sidekick und der schnarchig bebrillte Schlagzeuger Brian Chase gerade langweilig genug, um nicht groß von seinen Frontleuten abzulenken. Bassisten fand man damals nicht so schick. Nur die Musik, die sie in jenen Tagen veröffentlichten, war leider nicht so richtig gut, vom brillanten "Maps" einmal abgesehen.

Das Debüt "Fever To Tell" enthielt vor allem betont ambitionierten Streber-Art-Punk ohne Melodien. Repetition und Monotonie waren beliebte Stilmittel in dieser Musik, bisweilen ausgereizt bis an die Grenze der nervlichen Belastbarkeit. Ein Umstand, der sich erst mit dem dritten Album "It's Blitz!" so richtig änderte. Plötzlich gelang es den Yeah Yeah Yeahs auf überzeugende Weise, Ästhetik und Komposition zu einem stimmigen Pop-Gesamtbild zu verschmelzen - und damit auch jenseits der Platten-, Pardon: iPod-Sammlung von Karl Lagerfeld relevant zu werden.

Ein Indie-Dancefloor-Kracher wie damals "Zero" ist ihnen diesmal nur mit dem Titelsong gelungen, einem perkussiven, hochenergetischen Up-Tempo-Wahnsinn, in dem Karen O relativ ironiefrei einige Wahrheiten aus dem Leben einer Mücke verkündet: "Mosquito sing mosquito cry/ Mosquito live mosquito die/ Mosquito land on your neck/ Mosquito drink whatever's left." "Under The Earth" kombiniert das Outer-Space-Gewaber der Gothic-Hymne "Bela Lugosi's Dead" (Bauhaus) mit japanischer Melodik, "Slave" ist eine schöne Siouxsie-Referenz. Die Yeah Yeah Yeahs experimentieren mit Dancehall und Loops, obskuren Hall-Effekten, pimpen ihren früheren Bedroom-Lo-Fi-Art-Punk mit den Produktionsmitteln von heute auf. Mit Dave Sitek, Nick Launay und James Murphy stand ihnen dabei die komplette Hipster-Produzenten-Starriege zur Seite. Money Mark spielt Keyboards, Kool Keith gibt ein Gastspiel, "Mosquito" ist in nicht weniger als sechs Studios entstanden, insgesamt zwei Managementfirmen betreuen die Geschicke der Musiker.

Die Band konnte sich also ganz darauf konzentrieren, ihre prägnanten Rhythmen bis aufs Korsett zu reduzieren und somit den perfekten Rahmen für Karen Os von orgiastischen Schreien durchdrungenes Wispern zu schaffen. Für die typischen Songs der Yeah Yeah Yeahs also, die, wie gewohnt, immer wieder von dazwischengehackten Gitarren-Salven durchbrochen werden und so in einem stetigen Auf und Ab auf irgendetwas zustreben. Allerdings ist dieses Irgendetwas nicht immer und unbedingt ein Refrain und nur selten ein derart furioses Finale wie im besinnungslosen Gospelchor am Ende von "Sacrilege", der ersten Single.

Musikalische Versuchsanordnungen wie "These Paths" leben eher von ihrer Atmosphäre und den Beats, als Songs im klassischen Sinne mag man sie nicht bezeichnen. Auch "Area 52" braucht ganze Batterien von Space-Rock-Effekten, um seine kompositorische Mittelmäßigkeit zu verschleiern. "Despair" ist dann aber wieder eine echte Großtat, eine kontinuierlich anschwellende, atemberaubende Ode an die gute Hoffnung: "We're all on the edge/ There's nothing to fear … / Through the darkness and the light/ Some sun has gotta rise." Das wäre ein guter Schluss, aber natürlich ist bei dieser Band die majestätische Ballade am Ende einer jeden Platte längst gute Regel. Das aktuelle "Maps"-Update: "Wedding". Kindergeschrei, Herzpluckern, schmachtender Drama-Gesang, Hammond-Orgel, The-Edge-Gitarren, gen Himmel schwebend. "With every breath I breathe I'm making history". Nicht ganz, aber schön ist das schon. (6.7) Torsten Groß

Yeah Yeah Yeahs - "Sacrilege"
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The Flaming Lips - "The Terror"
(Cooperative Music/Universal, seit 5. April)

"The terror is, we know now, that even without love, life goes on… we just go on… there's no mercy killing", sagt Wayne Coyne über das überraschend depressive neue Album seiner Flaming Lips. Von einem lokalen Klatsch-Blog aus seiner Heimat Oklahoma wurde er unlängst als "sex-obsessed creepy old man" bezeichnet, der blutjungen Groupies nachsteigt, während er doch früher eher so der lebensbejahende Psychedelic-Freak gewesen sei, der spinnerten Space-Folk wie "Do You Realize??" schrieb, übrigens der offizielle Song des Bundesstaats im platten, gottesfürchtigen Mittelwesten der USA. Und dann noch das ganze Koks! Da sei es ja kein Wunder, so der Blogger des "The Lost Ogle", dass ihn Ehefrau Michelle nach 25 Jahren verlassen hat. Über diese Herleitung kann man sich streiten, fest steht allerdings, dass die Trennung zu einer erneuten und erneut faszinierenden Neuausrichtung der Band führte, die sich zuletzt in irren Rekordversuchen (Wie viele Konzerte kann man innerhalb von 24 Stunden geben?), absurden Veröffentlichungs-Experimenten (Wir basteln uns einen Track auf YouTube zusammen) und gewagten Kollaborationen (gemeinsames Album mit Pop-Prollette Ke$ha!) mehr und mehr zu verlieren schien. So ist der reduzierte, von Krautrock, Ambient-Elektro und Drone beeinflusste Sound von "The Terror" vielleicht auch auf einen Zustand der allgemeinen Erschöpfung zurückzuführen. Vor allem aber auf den Rückzug Coynes in eine durch Drogen und Liebeskummer induzierte Todessehnsucht, durch die der Sonnenaufgang zum postapokalyptischen Horrortrip wird ("Look… The Sun Is Rising") oder die Betrachtung eines hübschen Schmetterlings zur Meditation über das viel zu langsame Sterben wird ("Butterfly, How Long It Takes To Die").

Eiskaltes Herzstück des Albums ist das 13 Minuten lange "You Lust", das mit der heiser und verächtlich hervorgestoßenen Zeile "You've got a lot of nerve/ A lot of nerve to fuck with me" beginnt und eine Art futuristischer Soundtrack für John Hustons von Machtgier und -Verführung handelndem Abenteuerfilm "The Man Who Would Be King" von 1975 sein könnte. Aus dieser Zeit dürften auch die meisten analogen Gerätschaften und Instrumente stammen, denen Multi-Instrumentalist Steven Drozd um Coynes triste Lyrik herum unterkühlte Klänge entlockt. Musikalisch scheint "The Terror" ohnehin eher der Direktive des von Kraut und Minimal-Elektro faszinierten Drozd zu folgen, was vielleicht auch daran liegt, dass das Album entstand, als Coyne noch in die Post-Produktion des mit Gästen vollgestopften Vorgängerwerks "The Flaming Lips And Heady Fwends" involviert war. So dominieren repetitive elektronische Sounds und mäandernde Moog-Harmonien das Klangbild von sakral-suizidalen Mönchsgesängen wie "Be Free, A Way". Durch das auf einem Blechdosen-Sound voranpuckernde "You Are Alone" spiralt sich ein Sound, der, böse Ironie, bedenkt man den Titel, an Primal Screams neo-psychedelische Umarmungshymne "Come Together" erinnert. Es zischt, es surrt, es riecht nach den Entladungen von Laserpistolen und Photonentriebwerken, die in den Sechzigern modern waren.

Und heute steigt man in dieser damals erdachten Zukunft aus dem Raumschiff - und alles ist nichts. Weil die Liebe fehlt. Und weil man alleine ist. Alone with everybody. (7.9) Andreas Borcholte

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Best Of "Abgehört"

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1. Zur Erhellung!
pedalsteel 11.04.2013
Dank der Software AuthorTune® (laut Claim“Für den intellektuellen Pfiff!“) erhält ein schon fertig formulierter Text inhaltliche und moralische Konsistenz. Bei der James Blake-Rezension würde dann bei “gab sich gegenüber dem "Guardian" schwer verliebt“ ein Pop-up bemerken: “Werter Herr, Sie beherrschen auch den weihevollen Ton, vgl. ‘Wer das große Glück hatte, in der vergangenen Woche Zeuge zu sein, wie Nick Cave und […] in voller Länge aufführten […]’” Denn wie soll der Hörer den Emotionen von Musik vertrauen, wenn der Künstler zumindest im Gespräch mit Journalisten des Guardian diese nur fingiert?“ Für meine ungebildeten Ohren klingt James Blake wie ein mit Autotune gemästeter Jeff Buckley. Oder wie Love is Hell von Ryan Adams in Schleiflack ocker. Hier findet Blake auch das Vorbild für den Viagra-Klavierakkord, der disproportional zu seiner Originalität währt und verklingt: Musik für das Date in einem von Ernst Sagebiel entworfenen Raum: keine blue notes, welche die Reinheit und Anämie der Obertöne stören. Und außerdem wurde dem armen James noch Aphasin verabreicht: Deswegen kommt er bei Voyeur überhaupt sprachlich nicht aus dem Knick. Ach ein Missverständnis, der intelligente Künstler von heute integriert das Remix schon schön ironisch in den Primärsachverhalt. Und damit sind wir beim größten Problem: Dekonstruktion, Referenz, Zitat. “Blakes Kunst besteht [...] darin, Soul- und klassisches Songwritertum zu dekonstruieren und in einem elektronischen Clubmusik-Zusammenhang fragmentarisch zu zitieren. Die dabei entstehenden Leerstellen wurden ihm vielfach als Potenzial großer Emotionali […]” Für mich sind diese Leerstellen leer: ein Pfau will sicherstellen, das Publikum habe die Wichtigkeit der Botschaft begriffen: Komiker lassen auch nach argen Pointen Leerstellen für das “Potenzial großer Emotionalität”. Blakes Musik kann nicht umhin, sich auf etwas zu beziehen. Es liegt in der Natur der Musik, dass sie, will sie nicht formlos semantischer Unfug sein, sich existierender Formen und Normen bedient: Formsprache und Referenzlosigkeit schließen einander aus. Bei Blake also “Soul- und klassisches Songwritertum”. Früher hieß das “in der Tradition von”, heute wird dekonstruiert: Der Vorgang “fragmentarisch zitiert”ist pleonastisch: Wie sonst zitieren? Wer die Bibel unfragmentarisch zitierte,legte schlicht das Buch auf den Tisch oder würfe es einem Blödredner an den Kopf: Zitate können erhellend sein. Vielleicht meint Borcholte auch “gebrochen” oder “fragmentiert”: ein Fall für AuthorTune. Schlimmer als diese Musik ist der vermeintlich kritische Diskurs (mit poststrukturalistisch beliebigem Vokabular), um viele Menschen dazu aufzufordern (8.2), sich mit dieser Belanglosigkeit (statt mit irgendwelcher anderen) zu konditionieren, auf dass sie Bedeutung in ihrem Leben erhalte. So wird der klassische Status von Kultur herbeigeschrieben.
2. Frechheit
RevMob 13.04.2013
"MP3 / CD kaufen bei Amazon" prangt es fröhlich unter den Rezensionen... Sabotiert SPON den Tonträgerfachhandel? Am 20.04. ist übrigens Record Store Day. RECORD STORE DAY GERMANY (http://www.recordstoredaygermany.de)
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 15
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Kurt Vile: Wakin On A Pretty Day (Track)

    2. Savages: Silence Yourself

    3. James Blake: Overgrown

    4. Scott Walker: The Seventh Seal (Track)

    5. Feathers: Land Of The Innocent (Track)

    6. Junglepussy: Stitches (Track)

    7. Charli XCX: True Romance

    8. Andrea Schroeder: Helden (Single)

    9. Chvrches: Recover EP

    10. Cream: Wheels Of Fire