Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Warum sich Neil Young in Jack Whites Telefonzelle klemmt und seine tote Mutter anruft? Lesen Sie hier. Außerdem: Die junge Rap-Lyrikerin Kate Tempest erzählt Geschichten von entfremdeten Londonern. Und vieles mehr, was Sie sich mal anhören sollten.

Von und Jan Wigger


Neil Young - "A Letter Home"
(Reprise/Warner, seit 23. Mai)

Ach, wie oft war der Alte nun schon zu Gast bei "Abgehört". Ständig neue Neil-Young-Platten, Ausgrabungsarbeiten, alte Live-Aufnahmen, natürliches Harz, Schellack, Verzweigtes und Vergilbtes. Auf dem Cover von "A Letter Home" grüßt er aus jener Telefonzelle, die man aus Jack Whites Third-Man-Records-Plattenladen in Nashville kennt. Eine Zeitmaschine, die alles Gesagte oder Gesungene direkt auf Vinyl presst, wäre nicht einmal Stewie Griffin eingefallen, und Neil nutzt die Gesamtlage, um seine (1990 verstorbene) Mutter anzurufen: "My friend Jack has got this box that I can talk to you from, so I'm glad to be able to send you this message, and tell you how much I love you and honestful tell you that I think you should start talking to Daddy again. Since you're both there together, there's no reason not to talk." Und später: "I'll be there eventually, not for a while though, I still have a lot of work to do here. And … so I love you, and I hope everybody's feeling good up there, and don't forget to talk to daddy. Bye".

Und dann beginnt "A Letter Home" mit dem brillanten "Changes" von Phil Ochs. Dazu knackt, rauscht und knistert es unablässig, wie auf diesem ganzen Album voller Coverversionen, die Neil auch in der Flugzeugkabine eines uralten russischen Flugzeugs oder in einem langsam zerfallenden gelben Reisebus aufgenommen haben könnte. Hören sie doch mal wieder "Vampire On Titus" oder "Bee Thousand" von Guided By Voices, es ist derselbe Nebel, dasselbe Echo, aus dem sich der Erzähler meldet, und selbstverständlich "dekonstruiert" Neil Young diese zwölf Songs alter Weggefährten auch nicht: Er begreift sie bloß instinktiv, nimmt das Kerngehäuse, die Seele, das Herzstück, und erfüllt ihnen die letzten Wünsche.

Zwei Mal Gordon Lightfoot, zwei Mal Willie Nelson, Bert Janschs "Needle Of Death", Dylans "Girl From The North Country", und, besonders interessant, eine emphatische Interpretation von Springsteens "My Hometown", beinahe kehlig, gesundheitsfördernd, zupackend. Das Klavier bei Ivory James Hunters "Since I Met You Baby" müssen Young und Jack White ("reproduced by Jack White III & Neil Young" lautet der Credit) irgendwie in die offene Tür der Zelle gequetscht haben. Karge, rankige Lieder, wie kleine Wirbelstürme, und dazu die ewig gleiche Frage: Wenn das so einfach ist, warum weinst du dann? (7.7) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei
Kate Tempest - "Everybody Down"
(Big Dada/Ninja Tune/Rough Trade, seit 16. Mai)

"As long as you live for other people's opinions you're never gonna be more than afraid", postuliert Kate Tempest in ihrem Song "Chicken": Mach dich nicht von anderer Leute Meinung abhängig, sonst wirst du nie über ein Leben in Angst hinauskommen. Dieses Mantra wird die 1986 in Brockley, Südlondon geborene Dichterin Tempest verinnerlicht haben, denn die Poesie-Studentin, die als eine der aufregendsten jungen Literaturstimmen Englands gilt und sich auf ihrem LP-Cover als braves. keusches Mädchen gibt, trat schon als 16-Jährige mit ihrer Band Sound Of Rum in kleinen HipHop-Läden auf und bot ihre Lyrik als Sprechgesang dar. Für ihr engagiertes Stück "Brand New Ancients", einer mit antiken Mythen verwobenen Geschichte zweier Familien im modernen London, gewann sie zahlreiche Preise, nun erscheint mit "Everybody Down" ihr erstes Musik-Album.

Die elektronischen, metallisch klappernden Beats steuerte Dan Carey bei, der als Dr. Dan bereits Künstler wie Bat For Lashes und Django Django unterstützte. Im Verbund mit Tempests kühl-entrücktem Vortrag und ihrem distinguierten Brit-Akzent erinnert da vieles nicht nur offensichtlich an Mike Skinner alias The Streets, sondern vor allem auch an die frühen Alben von Anne Clark. Das passt zu den sozialen Studien, die Tempest in ihren zwölf Miniaturen anhand des Teenagers Becky, Hauptfigur eines kommenden Romans, erstellt. Es geht um Beziehungsängste und -nöte, um Existenzprobleme und die Suche nach einer Komfortzone in einer wirtschaftlich feindlichen und sozial unsicheren Zeit, fast wie damals also, als die Post-Punks mit strengen Gitarrenriffs und nüchterner Gestik gegen den Thatcherismus wüteten. Tempest wählt als Transportmittel für ihr Storytelling aus der strauchelnden Mitte der britischen Gesellschaft das Mainstream-Tool des 21. Jahrhunderts, den Rap. Das Ergebnis ist so eindrücklich wie brillant.

In "Theme From Becky" lässt Tempest ihre Protagonistin über die Entscheidung nachdenken, aus dem tristen Arbeitsalltag herauszutreten: "Life's to be lived not agreed with/ She's making her living and she's making it safely. Better than slaving away in an office/ or killing herself to fill some bosses pockets". Doch die Unsicherheit, die Bedrohung, plötzlich alleine und verlassen dazustehen, legt sich wie ein dystopischer Fluch über diese eigentlich kämpferischen Zeilen: "Will it be this way forever?/ These are lonely days/ These are stressful times". Tempest hat ihre Virginia Woolf ebenso verinnerlicht wie ihren Beckett oder Yeats, aber eben auch Public Enemy oder Wu-Tang Clan. Mit ihrem Gespür für Sprache und Flow rührt sie an die Urtradition von HipHop, an die Ghetto- und Straßenerzählungen von Grandmaster Flash und Melle Mel. "When all you got is a hammer/ Everything looks like nails/ If you bow to the hand that damns you/ Everything fails", warnt sie. Und jeder Schlag sitzt. (8.4) Andreas Borcholte

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei
Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Teleman - "Breakfast"
(Moshi Moshi/Pias/Rough Trade, seit 30. Mai)

Ich würde mich auf meine alten Tage gerne doch nochmal kurz in die aktuelle Coldplay-Diskussion einmischen: Natürlich war es ein weiter und erratischer Weg, vom absoluten Meisterwerk "Parachutes" (9.3/10) hin zu "Ghost Stories", diesem Selbstentfaltung-durch-Meditation-Leitfaden fürs bekömmliche Sky-Go-Leben. Aber: Ich mag diese einfarbige Platte sehr, denn es ist herrlicher Schrott, ein einziges großes Nichts, ein schwarzes Loch, die reine, glatte Oberfläche. Gerade weil dieser Band alles abhanden gekommen ist, weil sie alles verlernt zu haben scheint und de facto auch kein Songwriting mehr existiert, schätze ich "Ghost Stories" als stetig blubberndes Hintergrundgeräusch.

Nun aber neuer Stoff: Teleman sind irgend so eine Band aus London, "effortlessly charming ... perfect pop music" (DIY Class Of 2014), und Tourbegleiter von Suede (passt schon mal null), Maximo Park und Franz Ferdinand. Die Musik auf "Breakfast" ist bester Penntüten-Immergut/Melt-Pop mit The-Ultimate-Brunch-Garantie, sprich: Wer demnächst "The Fault In Our Stars" als das neue "Garden State" erkennt (und ernsthaft einen The-Postal-Service-Button besitzt, ja, vor allem du bist gemeint, P.!), wird dieser LP sicher freigiebig einige Wochen seines geilen Lebens schenken.

Teleman passen genau ins Raster, oder auch nicht, denn Hipster halten bei "Steam Train Girl", "Mainline" und dem extrem Jason-Falkner-mäßigen "In Your Fur" natürlich gehörig Abstand - zu uncool und duttmädchenhaft, zu sehr 2006, und haben "Pitchfork" und "The Quietus" überhaupt schon das OK zum Gutfindendürfen gegeben (The War On Drugs: erlaubt, Air Supply: verboten)? Neben vielen weiteren sehr guten Stücken haben Teleman mit "Monday Morning" ganz zufällig einen der zwei, drei schönsten Songs des kommenden Sommers geschrieben: Kraftwerk, A Flock Of Seagulls, Human League, Synthie-Pop halt, kennt ihr doch noch von euren Eltern oder dem Onkel, der euch damals auf dem Schulhof immer die Schokoriegel verkauft hat. "I really like double meaning or other interpretations. I'm purposefully ambiguous", sagt der Sänger. Gut, das setze ich voraus. Kauft bitte trotzdem diese Platte, anstatt euer bei Balzac Coffee so hart verdientes Geld einfach den Friseuren von I Heart Sharks zu schenken. (7.2) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei
Lambert - "Lambert"
(Staatsakt/Rough Trade, seit 16. Mai)

Ein gängiges Ressentiment gegen diese inzwischen seit fast 14 Jahren existierende Kolumne ist ja, dass wir immer nur Indie-Rock oder elektronisch-eklektizistischen Elektronik-"Hipsterkram" (Zitat Wigger) rezensieren würden. Stimmt gar nicht, und ich weiß überhaupt nicht, wie man darauf kommen könnte. Selbstredend nehmen wir uns gerne auch des Jazz und der Klassik an, zumal dann, wenn sie sich in so überraschenden Alben wie dem Debüt-Album des Pianisten Lambert offenbart. Der Mann tritt öffentlich nur mit einer ledrigen, ziemlich widerlichen Antilopenmaske auf, daher könnte man auf die Idee kommen, er folge, irregeleitet, einem Trend, der nach einstiger Coolness (Daft Punk) über den Umweg durchs Stumpfe (Sido) längst im Mainstream-Pop verendet ist (Cro).

Gerüchten zufolge könnte sich hinter der Pianisten-Maske der Berliner Komponist Nils Frahm verbergen, der als Produzent des Albums genannt wird, aber bis auf Weiteres bleibt die Identität des Musikers ein Geheimnis. Was einen nicht von der schlichten Schönheit seiner 21 Piano-Miniaturen ablenken sollte: Lambert, ähnlich wie seine in der Populärklassik umtriebigen Kollegen Yann Tiersen oder Ólafur Arnalds, bewegt sich zwischen Barjazz-Geklimper, "Amélie"-Soundtrack, Debussy und Satie - und erinnert folglich und vor allem natürlich an die jüngsten Solo-Piano-Alben von Chilly Gonzales, die sich ja allergrößter Beliebtheit erfreuen.

Man kann das mit einigem Recht furchtbar kitischig und trivial finden, aber die Popmusik und ihre inhaltlichen Aussagen (Songtexte) sind ja generell on the decline, wie man in Fachkreisen so sagt, daher liegt es nahe, sein Heil im Instrumentalen zu suchen. Und Lambert, das muss man ihm lassen, öffnet mit seiner am präparierten Klavier wohltemperiert dargereichten, federleichten Musik Imaginationsräume, in denen sich zur Abwechslung mal tief durchatmen lässt. Ohne ironische Verbrämung (alberne Maske) geht so was natürlich nicht als cool durch. Auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. (7.0) Andreas Borcholte

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen | LP kaufen bei

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.