Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Fünf Jahre mussten wir auf das zweite Album von La Roux warten. Hat sich's gelohnt? Lesen Sie hier! Außerdem: Horror-Yoga mit The Acid, Punkrock von Cerebral Ballzy. Und das Beste von Heintje.

Von und Jan Wigger


La Roux - "Trouble In Paradise"
(Polydor/Universal, ab 18. Juli)

Was ist schon Liebe ohne Lust, fragte Elly Jackson 2009 in ihrer Single "In For The Kill": "I'm going in for the kill/ I'm doing it for a thrill/ Oh I'm hoping you'll understand/ And not let go of my hand", sang sie mit so viel Nachdruck, dass ihre Stimme in Hysterie zu kippen drohte. "Bulletproof" sei sie gegen Sentimentalitäten - und ein Spielzeug für Abschlepper schon mal gar nicht ("I'm Not Your Toy"). "La Roux", so das selbstbetitelte Debüt von Jackson, war ein energisches Leuchtfeuer inmitten einer ganzen Reihe ambitionierter Elektropop-Alben junger Britinnen, darunter Florence & The Machine und Little Boots. Was ist fünf Jahre später davon noch übrig? Gibt es in der unter chronischer Amnesie leidenden Popbranche eine zweite Chance für eine junge Sängerin, die, was für ein Klischee, mit dem schnellen Ruhm haderte, in Depressionen verfiel und abtauchte? Zwei Millionen verkaufte Alben und sechs Millionen Singles werden es diesmal nicht werden, so viel steht fest, denn erstens sind solche Zahlen heute selten geworden, und zweitens ist Jackson jetzt eine Comeback-Künstlerin, der Novelty-, der Wow-Effekt ist dahin.

Dazu passt, dass auch "Trouble In Paradise" trotz seiner knalligen Pop-Art-Aufmachung viel von der rohen Energie eingebüßt hat, die "La Roux" zu einem Ereignis machte. Jacksons musikalischer Partner Ben Langmaid ist nicht mehr dabei, stattdessen hilft nun Ian Sherwin, beim Debüt als Sound-Engineer dabei, als Komponist und Produzent aus. Die Songs schrieb Jackson allerdings erneut allein. Und in denen geht es wiederum um Zwischenmenschliches, die Tonlage allerdings hat sich eklatant verändert: "The palm trees make it feel like it's paradise/ But without you here there's nothing nice", kinderreimt es in "Paradise Is You". Im aufregend betitelten "Sexotheque" geht es um einen unwürdigen Kerl, der seine Lust bei leichten Damen befriedigt, statt bei der Protagonistin des Songs.

Vieles von der Direktheit des Debüts hat sich in eine verkünstelte Innerlichkeit verkehrt; Songs wie "The Feeling" oder "Cruel Sexuality" spielen in einer Traumwelt, "Kiss And Not Tell" handelt von unausgesprochenen Geheimnissen. Aus der lebenshungrigen jungen Frau von damals, so scheint es, ist eine empfindliche, reifere Person geworden, der Liebe dann doch wichtiger als Lust ist. Statt eines ruppigen "Lass' meine Hand los!" bittet sie den Partner heute in einer romantischen Ballade darum, sie, wenn es schon sein muss, möglichst sanft fallen zu lassen ("Let Me Down Gently"). Das kann man öde finden, aber im Grunde sind diese ungeschützten Einblicke ins emotionale Tagebuch ziemlich aufregend und intim. Selbst Jacksons Pumuckl-Frisur wurde der neuen Weiblichkeit ihrer Trägerin angepasst: Statt cocky nach oben zu deuten, schmiegt sich die rotblonde Tolle nun schützend über ihr Gesicht.

Auch bei der Musik wurden die schroffesten Kanten zugunsten einer neuen Slick- und Smoothness abgeschliffen, ansonsten dominiert noch immer der direkt aus den Achtzigern importierte Elektropop, der schon das Debüt definierte: "Uptight Downtown", laut Jackson eine Aufforderung, einen "Riot" zu starten, fusioniert Daft Punks neues Disco-Gefühl mit David Bowies "Let's Dance"; "Silent Partner" ist "Billie Jean", gepaart mit "Like A Virgin" und dem "Batman"-Thema auf Speed. "Kiss And Not Tell", "Sexotheque", "Cruel Sexuality" und das vielleicht etwas zu dreist an "Get Lucky" lehnende "Tropical Chancer" flirren mit tropischen Soundmalereien zwischen Ronettes und Bananarama, alles schön blue-eyed und bittersweet also. Beeindruckend: Fast jeder der erwähnten Songs ist ein potenzieller Radio-Hit. Und im letzten Stück, der mit ein bisschen Dubstep radikalisierten Traumfantasie "The Feeling", kippt Elly Jacksons Stimme dann doch noch einmal schön hysterisch um. What's not to love? (7.8) Andreas Borcholte

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Cerebral Ballzy - "Jaded & Faded"
(Cult Records/AL!VE, ab 18. Juli)

Klingt es zu Paul-Sahner-mäßig, wenn ich an dieser Stelle konstatiere, Julian Casablancas immer als ausgesprochen netten, intelligenten und mitteilsamen Gesprächspartner erlebt zu haben? Das Hirnzentrum der Strokes hat Cerebral Ballzy mit ihrer zweiten LP "Jaded & Faded" auf seinem Label Cult Records unter Vertrag genommen und ist entflammt, als wäre es 1977: "Probably the coolest band in the world at the moment, a truly legit modern hardcore/punk band and by far my favourite."

Und wie kann eine Platte mit Songtiteln wie "Fake I.D.", "Better In Leather", "Parade Of Idiots" und "Fast Food" schlecht sein? Dazu kommt ein Gütesiegel per Sticker: "Still hated by Pitchfork". Die amerikanische Popkritik-Website fand das Debüt vor drei Jahren zwar ganz okay, unterstellte Cerebral Ballzy aber, möglichst kalkuliert und ausgefallen provozieren zu wollen, ohne dabei so gutes Material wie Off! oder Double Negative zu haben.

Aber provoziert der Bandname (Jaja, wir kennen Cerebral Palsy, vor allem durch Jeffrey Dahmers Nachahmungen und Imitationen in Schule und Einkaufszentrum) im Post-Anal-Cunt-Zeitalter wirklich noch irgendwen? Auf "Jaded & Faded" holzen Cerebral Ballzy zwar keine zwölf Tracks in 19 Minuten mehr runter, aber es ist ein klasse Punk/Hardcore/Rock-Album geworden, mit fuzz, den näselnden, grippekranken Vocals von Honor Titus und einer, sagen wir mal: "echten" Produktion von David Sitek. "Look at that girl/ There goes that girl/ There's this girl/ You might've seen around/ That the little girl/ Wants to be down/ The city's got a hold of her now." Eigentlich viel zu einfach, aber wetten, auch Mike Muir würde durchdrehen? (7.4) Jan Wigger

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The Acid - "Liminal"
(Infectious/Pias/Cooperative, seit 4. Juli)

Ich sehe ja viel zu viel fern und bin meistens zu faul umzuschalten, wenn Werbung kommt. Also kam mir die Stimme auf "Liminal" gleich bekannt vor. Der australische Sänger Ry X hatte vor zwei Jahren mit "Berlin" einen kleinen Szene-Hit, weil der ätherische, also gänzlich unberlinische Post-Dubstep-Song im dösigen Falsettgesang als Soundtrack eines Spots für einen neuen Sony-Fernseher diente. Schnell wieder vergessen. Irgendwann danach traf Ry X auf einer Party in Los Angeles (wo sonst?) den britischen DJ Adam Freeland und den US-Produzenten Steve Nalepa, und zusammen gründeten die Drei The Acid. Geblieben ist, logischerweise, der träge Falsettgesang, ein lethargisches, heiseres und brüchiges Klagen, das wie sehr feines Schleifpapier am Verstand zu raspeln beginnt, je länger man den Songs des Debüts "Liminal" zuhört.

"Liminal", das hat vom Wort her was mit Schwellen zu tun. Das ist durchaus metaphysisch verstehen, als Übertritt in eine andere Dimension oder einen anderen Zustand, denn genau das ist es, was The Acid mit ihrem auf Minimal-Elektro, Dubstep und Post-R&B fußenden Ambient-Sound erreichen wollen. Die Auslotung des Triebs in "Animal" mündet mit "Veda" in einen veritablen Yoga-Chant. Immer wieder, am schönsten im Psychokiller-Schlaflied "Creeper", kommt es zu diesem lustvollen Spiel zwischen Kontrolle und Erlösung. "Coming up for air", wiederholt Ry X flehentlich in "Basic Instinct", und darauf folgt der einzige Moment des Loslassens in einer Transparenz nur vortäuschenden Klangumgebung.

Das musikalische Spektrum reicht von kuscheligen Popsongs, durch die gefällige Akustikgitarren und gedämpfte Pianotöne auf harten Subbässen dahingleiten, bis zu unheimlichen, mit Dschungelgeräuschen, Oszillatorgedröhn und Gruselgebimmel illustrierten Beklemmungen wie "Tumbling Lights". "Liminal" ist das überraschende, beunruhigend intime, aus dem Nichts kommende Album, das ein gehypter Act wie SOHN versprach, aber nicht ablieferte. Eine zwischen Laszivität und Luschigkeit taumelnde, sich zwischen How To Dress Well und James Blake behauptende, betörend-betäubende Gummizellen-Musik. Das passt dann auch wieder zum Werbung gucken. (7.6) Andreas Borcholte

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Heintje - "Seine größten Hits"
(Telamo/Sony, seit 27. Juni)

"Nie war Deutschsein so schön und so leicht wie heute", so das Zweite Deutsche Fernsehen in der Reportage "Deutschland feiert Fußball". Zitat einer etwa 19-jährigen, zwar unverdächtigen, aber auf einem Auge blöden Kellnerin in einem zünftgen Biagoatn: "Man ist doch immer stolz auf sein Land, nicht nur zur Weltmeisterschaft, oder?" Doch alles in allem stellt sich nach dem bis zum letzten Atemzug absolut ungenießbar kommentierten WM-Finale in der ARD zuvorderst die Frage: Ist vielleicht doch TV-Kommentator Tom Bartels (und nicht etwa Markus Lanz, Alexander Bommes oder Mario Barth) der lästigste Deutsche?

Hendrik Nikolaas Theodoor Simons wurde 1955 im niederländischen Bleijerheide geboren, doch er machte almost exclusively deutsche Mütter und Großmütter glücklich. Wenn die weihnachtlich hallende Glockenstimme Heintjes erklang, wurde es rasch warm in den Herzen und Kaminen, denn Heintje liebte die Verwandtschaft, und die Verwandtschaft liebte ihn. "Mama", "Oma so lieb", "Du sollst nicht weinen", "Ich denk' an dich", "Omas Lieblinge" und "Nicht traurig sein": War der Bub im Haus, sollten alle eine gute Zeit haben ("Oh, wie ist das Leben schön/ Wenn sich alle gut verstehen"), und diesen Auftrag erfüllte Heintje, gesegnet mit den treuen Augen eines Alejandro Sabella, stets bescheiden, beharrlich und zur Zufriedenheit aller Beteiligten.

Wenn der Abend sich aufs Tal zubewegte, zwei kleine Sterne am Himmel erschienen oder ein Abschied nahte, wurde Hein Simons aber auch mal bang ums Herz. Vielen Heintje-Liedern - und damit meine ich ausdrücklich die Zeit vor dem Stimmbruch - wohnt eine besondere Melancholie inne, selbstlos, dunkel und scharf geschnitten. Natürlich war vieles Kitsch, doch fehlte auch nicht der kleine, genaue Blick auf große Probleme: "Will man einmal Fußball spielen geh'n/ Muss man lernen, und das ist nicht schön/ Wird's am Abend gerade richtig nett/ Muss man immer gerade dann ins Bett [...] Hat zu Haus' man eine Eisenbahn/ Sitzt bestimmt der Vati immer dran/ Stellt die Weichen, drückt auf jeden Knopf/ Und du stehst dabei als armer Tropf". 40 Songs, acht davon bislang unveröffentlichte Ausgrabungen. Ersguterjunge. So, jetzt aber erstmal einen italienischen Magenbitter und "Cocoon II - Die Rückkehr". (6.66) Jan Wigger

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Best-of "Abgehört"

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


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waldbaer! 18.07.2014
1. Woll!
Das mit Heintje war längst überfällig! Und bitte endlich die 60's Remaster-Box von Heino mit "Schwarzbraun ist die Haselnuss", "Jenseits des Tales", "Schlesierland mein Heimatland" und allen drei Strophen des Deutschlandlieds. Und dann vielleicht noch die Bear Family-Edition von Tony Marshall. Was damals Kriegerwitwen tröstete, Heimatvertriebene aufrichtete und Spätheimkehrer betäubte, kann so schlecht nicht gewesen sein! Die Alternative: Dem bayerischen Staat die Rechte übertragen. Der verhindert dann 70 Jahre lang jede Neuauflage und verklagt danach jeden, ders trotzdem veröffentlicht, wegen Volksverhetzung!
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