Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Die Frage der Woche lautet: Übertreffen sich The Notwist mit ihrem neuen Werk selbst? Finden Sie es heraus - "Close to the Glass" gibt's bei uns komplett vorab im Stream. Außerdem machen die Wild Beasts jetzt Pop, Fast-James-Blake Lo-Fang covert Boy, und Nationalgalerie bleiben frisch.

Von und Jan Wigger


The Notwist - "Close to the Glass"
(City Slang, ab 21. Februar)

Seit "Neon Golden" nicht zwangsläufig unter Fans, aber unter Kritikern als das Meisterwerk der Band The Notwist gilt, veröffentlichen "die Weilheimer" (eingetragenes Warenzeichen) gemütlich alle sechs Jahre eine neue LP. Man merkt diese Zeit aber nicht, auch Kantes "Die Tiere sind unruhig" wird im kommenden Dezember genau 100 Monate alt, und trotzdem ist "Die Hitze dauert an" noch in unseren Köpfen, als sei es gestern gewesen. Als "Close to the Glass" nahte, hörte ich wieder einmal alle Notwist-Platten und dachte mir: Faszinierend, wie diese ganze Geschichte, von "Is it Fear?" bis "Follow Me", absoluten Sinn ergibt, wie sich alles zusammenfügt und die Gebrüder Acher instinktiv immer die richtige Ausfahrt nahmen, Entscheidungen trafen, die stets so wirkten, als habe man vorher unendlich lange darüber nachgedacht. "The Devil, You + Me" (2008) war ein gedämpftes, gebändigtes, wunderbares Album, "Close to the Glass" könnte man, wäre man dumm, als sogenannte "Verweigerungsplatte" bezeichnen, weil "Signals" erstmal nur andeutet, mögliche Wege aufzeigt und "Lineri" ein sehr langes, sehr unkommerzielles und dabei sehr schönes Instrumental ist. Von "Kong", dem sogenannten "Hit", führt eine Linie direkt zu "One Dark Love Poem" (1992) zurück, "Into another Tune" wirkt wie der stille Nachhall zu Portisheads "The Rip", also einem der besten Tracks der letzten zwanzig Jahre. "From one Wrong Place to the Next" und "Run Run Run" verhandeln - nicht zum ersten Mal - Minimal Techno und Ambient, in "7-Hour-Drive" ehrt man My Bloody Valentine. "Steppin' In" ist unfassbar, "Casino" macht mich furchtbar traurig, weil es eines der schlimmsten Gefühle überhaupt ("There's something wrong / You don't tell me / There's something wrong / With me") ins Gedächtnis ruft, und absichtslos an die leeren Blicke der Omis in Las Vegas erinnert, die morgens um fünf, den Plastikbecher mit Geld in der Hand, vor den Spielautomaten auf die drei Kirschen warten. Doch ist das nicht auch ein Leben? "See the dice roll into nothing / See the dice roll just like me / And when the stars fall off the ceiling / They roll into the sea." Ohne The Notwist wären wir nicht hier. (8.7) Jan Wigger

Exklusives Prelistening: The Notwist - "Close to the Glass"

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Wild Beasts - "Present Tense"
(Domino/Goodtogo, ab 21. Februar)

Muss schwierig sein, nach einem nahezu perfekten Album wie "Smother" einen Ansatz zu finden, weiterzumachen, neue Songs zu schreiben. Es wird daher nicht umsonst fast drei Jahre gedauert haben, bis die aus dem nordenglischen Kendal stammenden Wild Beasts "Present Tense" fertig hatten. Der Titel ist dann auch Programm: Lieber nicht zu sehr im Vergangenen wühlen, sondern nachsehen, was jetzt ist. Und das ist nicht wenig. "Wanderlust", im Übrigen ein schönes, deutschromantisches Wort, das unter britischen Kreativen gerade Hochkonjunktur zu haben scheint, es begegnet einem allerorten, eröffnet das Album mit fast schockierender Aufgeregtheit: "Where does the world feel voluptuous?", fragt Sänger Hayden Thorpe im heiseren Falsett. Und stellt klar, dass man die sakral-seriöse Sinnlichkeit von "Smother" nicht falsch verstanden haben sollte: "Don't confuse me with someone who gives a fuck". Wild Beasts bleiben also in der Grundhaltung so lüstern und promiskuitiv, wie man sie schon früh zu schätzen gelernt hat. Und dann kommen tatsächlich einige der besten, weil ausgereiftesten Songs ihrer bisherigen Karriere: "Nature Boy" erzählt mit Tom Flemings dunklerer Stimmlage schön sinister vom sexuellen Suchen. An dieser Stelle schon erinnert "Present Tense" mehr als je zuvor an die zwischen Heiligkeit und Hitze verklemmten Lustweisen von Depeche Mode, nur dass die so etwas bekanntlich seit den frühen Neunzigern nicht mehr hinkriegen. "Sweet Spot", ebenfalls von Fleming gesungen, verortet die Wild Beasts mit bedrohlich klimpernder Gitarre und dumpfem Elektrobeat im Limbo zwischen ekstatischer Phantasie und ernüchternder Realität: "There is a godless state, where the real and the dream consummate". Es folgt der geisterhaft bimmelnde Rasselkettenwehgesang "Daughters", der düster brütende, sehnsuchtsvolle Kulminationspunkt von "Present Tense". "Pregnant Pause", dann wieder mit Thorpe am Gesang, führt in die etwas hellere, optimistischere zweite Hälfte, die mit "A Simple Beautiful Truth" den ersten echten Popsong der Band enthält, irgendwo zwischen Pet Shop Boys, Antony & The Johnsons, frühen ABC und Hot Chip. War "Smother" das heiße Glühen, ist "Present Tense" das helle Leuchten. Der erste, lustvoll kontrollierte Orgasmus des neuen Musikjahres. (8.1) Andreas Borcholte

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Lo-Fang - "Blue Film"
(4AD/Beggars/Indigo, ab 21. Februar)

Probleme mit seiner Sexualität, hetero oder homo oder sonstwie, hat Matthew Hemerlein alias Lo-Fang schon mal nicht. Der in jungen Jahren schon weitgereiste Produzent aus Kalifornien covert auf seinem Debüt-Mixtape/Album "Blue Film" nämlich den ebenfalls sehr schönen (und bösen) Song "Boris" der deutschen Band Boy, für die man sich deswegen freuen darf. In "Boris" geht es aber bekanntlich um eine dieser klischeeisierten, aber nicht minder wahren Macho-Anmachen, unter denen vor allem junge Frauen zu Beginn ihrer Karriere im Musikbusiness zu leiden haben. Hemerlein addiert allerlei Klopfgeräusche und einen gehauchten Nicht-ganz-James-Blake-aber-fast-Gesang dazu, lässt aber die geschlechtsspezifischen Verse wie sie sind: "I heard your boyfriend is out of town", sagt also der blöde Boris auch weiterhin - und der Newcomer Hemerlein outet sich als Harassment-Opfer. Warum ich darauf so ausführlich eingehe? "Boris" ist leider, neben einer gekonnt ins Verschüchterte dekonstruierten Version des grellen "Grease"-Klassikers "You're the One that I Want" und einigen recht gelungenen Eigenkompositionen ("#88", "When we're Fine", "Animal Urges") schon fast der Höhepunkt des Albums. Hemerlein hat ein Händchen für die Produktion eines zeitgemäßen Sounds, verpopptes Elektrogehämmer, atmosphärische Glitch- und Witch-House-Leerstellen, gebremster R&B... klingt alles super. Und täuscht beim ersten Hören darüber hinweg, dass dann am Ende doch kein Track wirklich haften bleibt, von den eher banalen Texten über die Unentschiedenheit eines Sensibelchens in allen Liebes- und Lebensdingen mal ganz abgesehen. Während sich beim offensichtlichen Vorbild Blake in jeder bewusst gesetzten Kunstpause Gefühlsabgründe auftun, verflüchtigt sich die aufgesetzte Emotionalität Hemerleins beim Lüften ganz und gar im Seichten. Aber ist ja nicht schlimm, der Mann will das Richtige, da kann schon noch was kommen. (5.9) Andreas Borcholte

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Nationalgalerie - "Alles"
(Rakete Medien, seit 24. Januar)

Es ist aufschlussreich und sagt etwas über die Großartigkeit dieser hoffentlich noch nicht ganz vergessenen Gruppe aus, dass man auch beim Wiederhören der alten Platten keinen einzigen Song der Nationalgalerie letztgültig zum besten erklären kann. Ist es "Rot"? "Zombies hungrig"? "Kann diese Stimme lügen"? "In Wien"? Man hat die Zerquältheit, das Zerfledderte und Zerrissene von "Meskalin" (1995) noch gut im Ohr, doch wie man in Phil Friederichs famoser Dokumentation "Von einem der Momente" sehen kann, reichte dem Herrn L. von der Plattenfirma das nicht aus, das könne man schließlich nicht bringen, was für Gestalten solle diese Musik denn ansprechen, wer soll das kaufen. Später mochte Herr L. die Platte doch, man änderte ein paar Dinge, doch Zeitplan und Ansehen der Band waren beschädigt, man sprach sich immer seltener, die Nationalgalerie machte den Laden dicht - die Schweinerocker von Selig hatten ohnehin schon rechts überholt. Friederichs beinahe zweistündige Arbeit zeigt auf, wie Freunde sich finden, sich entfremden, und am Ende wieder Freunde werden; er gibt aber auch Auskunft über eine viel zu selten beleuchtete Zeit im deutschsprachigen Pop-Rock. Heute ist es amüsant, dass "Allein zuhaus" beginnt wie ein Song von "L.A. Woman" und man den Refrain von "Tränen in mein Herz" Jahre später in Blumfelds "Armer Irrer" wiederzuerkennen glaubte. Das schmale, graue, erschwingliche Box-Set "Alles" enthält eben dies, die vier Studioalben, Rares, ein Live-Konzert aus dem Sehnsuchtsort Bloomington, Indiana und den Film. "Und das Blau fällt vom Himmel / Wir beide haben die Wahl / Das Blaue vom Himmel / Liebe Liebe Liebe / Oder bla bla bla." (8.0) Jan Wigger

Nationalgalerie - Oben auf'm Dach (Live in Bloomington)

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
melnibone 18.02.2014
1. Kenne mich natürlich nicht aus.
Die ´Tips´ ... Dünne Musik mich dünnen Stimmchen. Interessanter in meinem Sinne die Playlist von Herrn Wigger. Da ist unverwechselbare Musikgeschichte dabei. Z.B. Doors, Laibach ... ´selbst´ Andre Heller schwer von dünnen Sachen zu kopieren. Warum Musikredakteure ihr ´dasein´( oder Dasein) auf Notwist reduzieren, lässt auch mindestens einen ´Kopfschüttler´ zu!
blackjackilluminist 19.02.2014
2. dünne stimmchen..
.. vs. professionelle, voll klingende, technisch einwandfreie, perfekte stimmen. ich entscheide mich fuer ersteres. nichts langweilt mehr als stimmen, die auch noch danach klingen, als stünden hunderte stunden stimmtraining dahinter - dieses geröhre nervt in den meisten fällen gewaltig. und gerade solche hansels und hanselinen ähneln sich wie ein abziehbild dem anderen. duenne, sich nicht in den vordergrund spielende ("boah, kann der/die geil singen" - "schnarch...") stimmen fühlen sich viel realer an, zumindest wenn es nicht um fuer die Massen produzierte Musik geht. die Masse will natürlich glanz und gloria, plastische chirurgie fuer die stimmbänder. es geht um die songs als ganzes, nicht nur um eine stimme, die alles wegschreit oder in klinischer perfektion ersäuft.
melnibone 26.02.2014
3. Auch eine ´Sichtweise´ auf Musik.
Zitat von blackjackilluminist.. vs. professionelle, voll klingende, technisch einwandfreie, perfekte stimmen. ich entscheide mich fuer ersteres. nichts langweilt mehr als stimmen, die auch noch danach klingen, als stünden hunderte stunden stimmtraining dahinter - dieses geröhre nervt in den meisten fällen gewaltig. und gerade solche hansels und hanselinen ähneln sich wie ein abziehbild dem anderen. duenne, sich nicht in den vordergrund spielende ("boah, kann der/die geil singen" - "schnarch...") stimmen fühlen sich viel realer an, zumindest wenn es nicht um fuer die Massen produzierte Musik geht. die Masse will natürlich glanz und gloria, plastische chirurgie fuer die stimmbänder. es geht um die songs als ganzes, nicht nur um eine stimme, die alles wegschreit oder in klinischer perfektion ersäuft.
Mir fallen sofort Bands ein: die nichts mit Mainstream zu tun haben. Bands mit ´Wiedererkennungswert´. Da und vielleicht dort, gibt es eine unverwechselbare Stimme und einen unverwechselbaren Sound ... wenn mir dann der Text noch nach zigmaligem Anhören ins Gehirn schwirrt ... ist dass ein schöner Nebeneffekt. Wenn ich zwischen 10 Optionen erstmal meine verstaubten Erinnerungen durchforsten muss, ´wer´ könnte das jetzt sein ... ist bei mir bereits der ´Ansatz verlustig gegangen´. Trotzdem wünsche ich viel Spaß beim Hören!
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