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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Die 16-jährige Neuseeländerin Lorde ist das schlaue Gegengift zur stumpfen Miley. Warum? Lesen Sie hier. Außerdem: Warum man Paul McCartneys neues Album wie eine Rap-Platte rezensieren muss, warum es die Wave Pictures eigentlich gar nicht gibt und was Tim Hecker mit Bach zu tun hat.

Lorde - "Pure Heroine"
(Universal, ab 25. Oktober)

Stellen Sie sich schon mal darauf ein, dass in den kommenden Monaten sehr viele sehr junge Mädchen versuchen werden, wie diese 16-jährige Neuseeländerin zu klingen. "Welcome to the age of Lorde", postulierte bereits das US-Branchenblatt "Billboard"; ihr Debütalbum schaffte es bereits in die oberen Regionen der amerikanischen Charts. Allerdings immer noch kurz hinter Miley Cyrus, was ungerecht ist, denn gegen ihre immerhin vier Jahre ältere Kollegin wirkt Lorde wie eine welterfahrene, reife Erwachsene. Ihre mittlerweile auch hierzulande bekannte Single "Royals" und das nicht minder clevere "Tennis Court" wirken wie nüchterne Spiegelbilder zu Mileys stumpfer Ermächtigungshymne "We Can't Stop".

Während Cyrus verspätet versucht, die Unbeschwertheit einer Adoleszenz nachzuerleben, die sie nie gehabt hat, weiß Lorde um die bittersüße Beschränktheit des Teenager-Daseins. Zumal sie nicht in Pop-Prominenz hineingeboren wurde, sondern in einem Normalo-Vorort von Auckland aufwuchs. "We'll never be royals, we're driving Cadillacs in our dreams", singt sie mit einer frech abgeklärten, sonoren Lana-Del-Rey-Stimme - und ist sich bewusst, dass all das Bling in den Musikvideos, "Crystal, Maybach, Diamonds on your timepiece, Jet planes, Islands", nur Katzengold ist. Sie ist auf eine andere Art von "Lux" aus, eine weniger von Statussymbolen abhängige Hegemonie, deren "Queen Bee" sie gerne wäre: "Let me be your ruler, let me live that fantasy".

Das könnte schon klappen, denn das auf der Bühne sympathisch linkische Lockenmähnen-Mädchen bekam vom Neuseelänger Produzenten Joel Little eine zeitgemäße (und angemessen aufregende) Elektro-Pop-Basis, irgendwo zwischen The xx, Burial, James Blake, Glitch-Pop und Post-HipHop, auf der sich ihre lakonischen Betrachtungen effektvoll entfalten können: "It's a new art form showing people how little we care", singt Lorde in "Tennis Court" und beschwört ihre Gemeinschaft der Unscheinbaren, der Vielen abseits der Scheinwerfer und Blitzlichter: "We live in cities you'll never see on screen/ Not very pretty, but we sure know how to run free/ Living in ruins of the palace within my dreams/ And you know, we're on each other's team" ("Team").

Wie lange das noch so bleibt, angesichts ihres Über-Nacht-Erfolgs? In "Still sane" markiert sie wie eine HipHop-Prinzessin ihr Revier: "I'm little, but I'm coming for the crown". Sie antizipiert aber bereits die Schattenseiten des Ruhms: "Hey, it's all cool, I still like hotels, but I think that'll change/ Still like hotels, and my newfound fame/ Hey, promise I can stay good."

Faszinierend ist ja: Lorde sieht aus wie eines dieser zarten, schüchternen Emo-Girlies, die auf YouTube Coverversionen trällern, doch unter der lieblichen Hülle schlägt das street-smarte Herz eines Rap-Großmauls. "I'm kind of over getting told to throw my hands up in the air/So there", singt sie grandios gelangweilt in "Team". Sie könnte eine moderne Teenage-Superheldin für Mädchen werden, die "Girls" gucken, Kate Bishop für den besseren "Hawkguy" halten und Comics von Gail Simone lesen. Ihre Herrschaft beginnt jetzt. And the "e" is silent, motherfucker. (8.2) Andreas Borcholte

Lorde - "Tennis Court"
Mehr Videos von Lorde gibt es hier auf tape.tv!
"Tennis Court"-Videoclip von Lorde auf tape.tv ansehen

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Paul McCartney - "New"
(Concord/Universal, seit 11. Oktober)

Kann sich irgendjemand vorstellen, wie es ist, über 50 Jahre hinweg berühmt zu sein? It's a drag, isn't it? Man muss Paul McCartney, der ja nichts dafür kann, dass er überlebt hat, den allergrößten Respekt dafür zollen, dass er sich nicht ins Chateau zurückgezogen hat, dass er nicht alle paar Jahre einem vertrauten Journalisten eines dieser altersverbiesterten Interviews gibt, in denen er vom Thron hinab Gift und Galle über die Degeneration der Popmusik, die er ja nun mal miterfunden hat, versprüht.

Im Gegenteil: McCartney lässt jetzt sogar twittern, setzte sich quietschfidel zu Talkshow-Anarcho Howard Stern und ließ sich tapfer von Jimmy Kimmel die immer gleiche Frage nach dem Zwist über Yoko Ono stellen ("We just thought it was a guy thing"). Schockierten Londonern gab er letzte Woche ein spontanes Mittagspausenständchen in Covent Garden ("Good afternoon!"). Und natürlich nimmt er auch weiterhin fleißig Platten auf. Manches ist recht anregend, wie seine Elektro-Kollaboration als The Fireman mit Youth, anderes liebenswert senil, wie das im letzten Jahr veröffentlichte Popstandards-Album "Kisses on the Bottom".

Am besten ist McCartney aber, wenn er Alben wie "New" macht, an denen natürlich erstmal gar nichts "new" ist, es sei denn, man zieht in Betracht, dass man good old Macca jetzt wie einen Rapper rezensieren muss, denn "New" ist vor allem ein Album, das die verschiedenen Einflüsse verschiedener Produzenten kenntlich macht, wie beim HipHop oder R&B seit langem üblich. Knapp die Hälfte der neuen Songs wurde von Giles Martin produziert. Der Sohn des legendären Beatles-Impresarios George Martin ist natürlich Traditionalist, seine Beiträge gehören folglich zu den eher langweiligeren: "On my Way to Work", "Everybody Out There", "I Can Bet", und vor allem das verkrampft modernistische Gewurbel "Appreciate", klingen ungefähr so, wie man sich das Alterswerk eines 71-Jährigen Hipsters vorstellt: nicht schlecht, aber ganz schön schlimm.

Zum Glück waren auch Ethan Johns (Ryan Adams), Paul Epworth (Adele) und Mark Ronson (Amy Winehouse) am Album beteiligt. Unter ihrer Ägide gelangen McCartney einige der besten Songs seiner Solokarriere: "Alligator", "Save Us", "Queenie Eye" und "New" sind zeitgemäße Poprock-Gassenhauer, die nach vorne drängen, sich aber gleichzeitig ihres mächtigen Erbes bewusst sind: Hier mal eine lustig wabernde "Lucy in the Sky"-Orgel, dort mal ein "Penny Lane"-Zitat oder ein "Walrus"-Stampfen - für Connaisseure ein Fest. "Hosanna" obendrein, von Ethan Johns produziert, ist ein brütendes akustisches Folkstück, das all das Wunderliche, was bei McCartney immer mitschwingt, mit frommer Schratigkeit zelebriert.

Doch nicht nur musikalisch macht "New" Spaß, auch textlich lässt sich McCartney nicht kampflos ins Altersheim rollen. Am schönsten kommt das im wunderbar brüchig vorgetragenen Folksong "Early Days", dem Höhepunkt des Albums, zum Tragen: "Everybody seems to have their own opinions/ Of who did this and who did that, but as for me, I don't see how they can remember/ When they weren't where it was at", trotzt er allen Exegeten, die meinen, besser über die Beatles Bescheid zu wissen als die, die dabei waren, viele sind's ja nicht mehr.

Und im Britrock-Schunkler "Alligator" stilisiert er sich selbstironisch zur alten Pop-Echse, die er nun mal ist: "Everybody's busy doing better than me/ And I can see why it is/ They got someone setting them free/ Someone breaking the chains/ Someone letting them be". Manche der unzähligen jungen Epigonen da draußen geben sich auf ihren Debüts um einiges sentimentaler und nostalgischer als dieser Unermüdliche auf seiner 24. Solo-Platte. Vielleicht kommt ihm der allgemeine Retro-Zeitgeist zugute, vielleicht ist die Art, wie McCartney Songs schreibt, aber tatsächlich zeitlos. Die Legende lebt. Goo goo g'joob! (7.2) Andreas Borcholte

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The Wave Pictures - "City Forgiveness"
(Moshi Moshi/Pias, seit 18. Oktober)

Dass ich in die Wave Pictures als Idee nicht ganz so verschossen bin wie andere Musikjournalisten oder diverse Schrammel-Pop-Aficionados und Poesie-Freaks aus meinem Bekanntenkreis, liegt an genau zwei Dingen: Erstens halte ich die Existenz des Wave-Pictures-Sängers (und die seines Namens - David Tattersall) für eine Erfindung: Auch die Doppel-LP "City Forgiveness" wurde wieder von Gordon Gano (Violent Femmes) und Darren Hayman (Hefner) eingeknödelt. Zweitens schüchtern mich die Fertigkeiten dieser auf eine sehr eigenwillige Art und Weise unzeitgemäßen Band ein wenig ein: Allein der knappe Text des delikaten "Better to be Loved" ist nicht weniger als ein Gedicht: "I keep remembering the horses, the horses/ I keep remembering the moon, the moon/ My body is a broken TV/ Endlessly playing a flickering picture of the boy I used to be/ It is better to have loved/ I keep remembering the little apple in your hand/ I keep remembering the sand". Mit den herzigen Allo Darlin' fuhren die Wave Pictures im letzten Jahr sechs Wochen lang durch Amerika. Aus verstreuten Notizen vom Grund seiner Tragetasche machte Tattersall - und hier verlässt jeden einzelnen von uns jeglicher Mut - in nur einer Woche zwanzig Songs. Bereits in "All my Friends" wird die elektrische Gitarre gezerrt, gequält und gequetscht, "Before this Day" ist "Graceland"-Paul Simon (oder die Talking Heads in der Calypso-Phase), anderes erinnert entfernt an die Feelies. "Like Smoke", gemächlich, fast kammermusikalisch, beschreibt die Ruhe nach dem Sturm: "With the weight of the world on your shoulders, you float/ We will rise above the city like smoke." Because they can. (7.6) Jan Wigger

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Tim Hecker - "Virgins"
(Kranky/Cargo, seit 18. Oktober)

"I've seen another world. Sometimes I think it was just my imagination", sagt Private Witt in Terrence Malicks "The Thin Red Line", während der Wind mit heiligem Heulen durch hohe Gräser rauscht. Um imaginäre Welten geht es auch in der Musik des Kanadiers Tim Hecker, die von derselben Ehrfurcht vor Natur und Schöpfung geprägt ist wie die Filme des großen Kino-Naiven Malick, in denen der Mensch oft verloren wirkt vor der Mystik und Rätselhaftigkeit der Natur. Schon sein 2011 erschienenes Album "Ravedeath, 1972", das in einer isländischen Kirche aufgenommen wurde, und das gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Daniel Lopatin bestrittene "Instrumental Tourist" (2012) schürften tief nach Ur-Sounds und tektonischen Verwerfungsklängen; ein Schaben, Seufzen und Zischen, als hörte man dem eigenen Körper von innen bei seiner Überlebensarbeit zu.

"Virgins" führt diese Suche nach dem Organischen innerhalb elektronisch erzeugter Töne weiter, quasi die Rückkopplung des Künstlichen ins Naturalistische. Wiederum suchte Hecker die direkte Konfrontation mit der wundersamsten Natur, die man sich vorstellen kann, und ging mit einigen Orchestermusikern sowie einer Handvoll Komponisten und Produzenten (darunter Ambient-Enigma Ben Frost und Lopatin-Intimus Paul Corley) in die Greenhouse Studios in Reykjavik, um jene "Live Room"-Atmosphäre zu erschaffen, die gleich zwei Stücken des Albums ihren Namen gab.

Wie die titelgebenden "Virgins" erforschten die Musiker primäre menschliche Reaktionen auf Naturgewalten und stoßen dabei auch in aktuelle soziopolitische Abgründe vor, wie im kurzen, sphärischen Intermezzo "Incense at Abu Ghraib". Nicht umsonst spielt Hecker seine Musik gerne in Kirchen, das Sakrale ist fester Bestandteil seines Klangkosmos, ob im unheimlichen, zittrigen Zweiteiler "Stigmata" oder in den schreienden Spektralfarben von "Prism". Hier scheint es um nichts weniger zu gehen als um Transzendenz, die Manifestation des göttlichen Funkens durch Klang. Da ist Hecker dann ganz nah bei Bach. Und Jahrhunderte, musikalische Stile und technische Möglichkeiten schrumpfen auf die Sensation des Staunens zusammen. To the wonder. (7.0) Andreas Borcholte

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kiwi
papene 22.10.2013
Neulich. Soviel Einigkeit war nie. Und natürlich kann man aus einem fahrenden Auto vernünftigerweise schlecht fliehen. Andererseits jedoch, wenn sich der Alte, der Neun- und die 25-Jährige quasi problemlos auf Frau Ellas Soundcloud-Paket verständigen können, ist das dann noch, naja, schräg - im Sinne von 'grad so eben cool für heute' - oder bereits der Anfang vom Ende des Pop als generationsspezifisch diskriminierendem Einstellungsitem bla-und-blub? Laßt uns den Moment geniessen. Doch keine vorschnelle Idylle. Für Sohn könnte es manchmal "irgendwie wilder" sein und Tochter mahnt mangelndes Stilbewusstsein an und verhuschte Pseudo-Coolness. Und die Haare gehen gar nicht. Nun ja. Aber wann saßen knapp hundert kumulierte Jahre Leben und drei Paralleluniveren zusammen, um sich 25 Minuten gemeinsam einzulassen, und das nicht nur, weil man aus einem fahrenden Auto vernünftigerweise schlecht fliehen kann. Weswegen sich der alte Esel auch den Vortrag darüber verkneift, warum ihm brillanterweise zu Frau Ellas 'Love Club' das von den Kids regelmäßig verschmähte 'I Want to Break Free' des unterschätzten John Deacon einfällt, aus Gründen, die dem Phänomen 'Pop' immanent sind und für deren Erkenntnis man tatsächlich Jugend, Haare und Coolness auf dem Altar der Göttin der Weisheit ... streiche dies, setze: 'Zeit' ... opfern muss. Nix, was die Kids zur Zeit tangieren muss. Und doch, ich liebe ihn, den ebenso hinterhältigen wie schlauen Dreckskerl Pop.
2. optional
Kathar 23.10.2013
Ich muss jetzt Jan Wigger leider sehr enttäuschen: Ich sah David Tattersall gestern im Priatclub in Berlin leibhaftig, und es passte alles zusammen: Stimme, Songs, Wave Pictures. Und mehr noch, nicht nur, dass Texte und Song-raus-hau-Potenzial einschüchternd sind, er und die anderen beiden haben es auch noch live mehr als drauf (Glückerzeugung) und sind zu allem Überfluss dermaßen sympathisch, dass man ganz vergisst, eingeschüchtert zu sein.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 43
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Lorde: Pure Heroine

    2. Matt Fraction, David Aja: Hawkeye

    3. Gail Simone, Freddie Williams II: The Movement

    4. Bill Callahan: Dream River

    5. Colleen Green: Sock It To Me

    6. Tindersticks: Across Six Leap Years

    7. Midlake: Antiphon

    8. Earth: Pentastar: In The Style Of Demons

    9. Poliça: Shulamith

    10. Linda Perhacs: Parallelograms


Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.



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