Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Nick Cave & The Bad Seeds kommen mit ihrem grandiosen neuen Album in der Gegenwart von Higgs Boson und Miley Cyrus an. Den gefeierten Palma Violets hätte man mehr Zeit gewünscht, Jamie Lidell ist endgültig Prince - und Christopher Owens geht mit einer Yacht auf einen Roadtrip.

Nick Cave & The Bad Seeds - "Push The Sky Away"
(Bad Seed Ltd./Rough Trade, bereits erschienen)

Wer das große Glück hatte, in der vergangenen Woche Zeuge zu sein, wie Nick Cave und die illuster zusammengestellen Bad Seeds (Ed Kuepper!) ihr neues Album im Berliner Admiralspalast in voller Länge aufführten, der bekam eine sehr plastische Vorstellung davon, welchen Weg der 55-jährige Sänger, Songwriter, Literat und Soundtrack-Komponist seit seinen fiebrigen Anfängen mit den Boys Next Door in Melbourne zurückgelegt hat: Im Anschluss an die streng zurückgenommen Songs von "Push The Sky Away" schickte Cave den bis dahin anwesenden Kinderchor mit sardonischem Lächeln von der Bühne: Ihr dürft jetzt nicht mehr mitmachen, aber "hört gut zu… und lernt!". Und dann lehnte sich die Band mit Brachialität in den Bad-Seeds-Klassiker "From Her To Eternity" und ließen einige andere disparate Hymnen aus vergangenen Zeiten folgen.

So mancher dachte ja, spätestens mit dem Weggang seines ältesten Weggefährten, Gitarrist Mick Harvey, hätte sich auch das Konzept Bad Seeds erledigt, einige hatten die Band bereits 2003 abgeschrieben, als Blixa Bargeld ausstieg. Doch "Push The Sky Away", das 15. Album von Nick Cave und den Bad Seeds, bedeutet nicht nur eine triumphale Rückkehr, sondern auch eine musikalische Erneuerung der Bad Seeds. Denn einen entscheidenden Part in der Sound-Gestaltung übernimmt nun ganz offenbar Caves Grinderman- und Soundtrack-Partner Warren Ellis (das ist der kleine Bärtige, der seine Violine so feinfühlig spielt, wie er rabiat die Gitarre bearbeitet). Ellis, ansonsten Chef der verstörend stimmungsvollen Instrumentalband Dirty Three und Australier wie Cave, ist ein Meister darin, mit seiner Musik ein unterschwelliges Unbehagen zu erschaffen, die Erwartung einer gewaltigen Eskalation zu schüren, die dann aber doch enervierend vorenthalten wird. Also eigentlich etwas, was den monströsen, lustvollen Entladungen der früheren Bad Seeds diametral entgegensteht. Das neue Album lässt sich in eine Reihe mit gemäßigteren Werken wie "The Boatman's Call" stellen, aber in Wahrheit liegen zwischen blutigen Mörderballaden wie "Stagger Lee", dem furiosen Abschluss des Berliner Konzerts, und der neuen, geisterhaften Single "We Know Who U R" Welten. Auch an einem Nick Cave geht das Alter eben nicht spurlos vorbei: Der aus Elvis, Bibel und Kriminalgeschichte katalysierte heilige Zorn weicht mehr und mehr einer immer noch gefährlichen, aber viel besinnlicheren, schamanischen Reflexion. Und den Stoff dafür googelte sich Cave dieses Mal aus Internetnachrichten zusammen.

So kommt es, dass im großen, fast achtminütigen Herzstück des Albums, dem "Higgs Boson Blues", ein Bogen von der christlichen Missionierung über die Erfindung des teuflischen Rock'n'Rolls durch Robert Johnson bis hin zum Tod des Pop-Sternchens Miley Cyrus geschlagen wird. Jene als "Hannah Montana" bekannt gewordene Sängerin, nach Avril Lavigne anscheinend die neueste Girlie-Obsession Caves, kommt gleich mehrmals in diesem Delirium einer Autofahrt nach Genf (wo das Higgs-Boson entdeckt wurde) vor. "Who cares what the future brings", fragt Cave, und endet mit der vielleicht sogar erleichterten Feststellung: "Can't remember anything at all." Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen negiert - die Bad Seeds geben sich ganz im Jetzt verortet. So erklärt sich auch, dass die auf einem langsam anschwellenden "Hey Joe"-Riff basierende Hurenmord-Hymne "Jubilee Street", übrigens der einzige Song, der auf Gitarre aufbaut, von Cave noch einmal in beinahe gleicher Länge von "Finishing Jubilee Street" erklärt wird, einem Spoken-Word-Rant, der wie ein Artikel- oder Blog-Kommentar im Internet wirkt. Das Titelstück schließlich zeigt, wie alles vielleicht doch weitergehen könnte: indem man nie aufhört, "den Himmel beiseite zu schieben", um wieder, ja was zu sehen? Die Sterne? die Erlösung? Das Gesicht von Jesus? "Some people say it's just Rock'n'Roll/ Oh, but it gets you/ Right down to your soul." In der Mördergrube ist noch Licht. (9.0) Andreas Borcholte

Nick Cave "Jubilee Street"
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Palma Violets - "180"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 22. Februar)

Die können einem echt leidtun: Im vergangenen Herbst wurden Palma Violets vom wichtigsten Alarmblatt der britischen Musikpresse zur besten Band Englands ausgerufen, da war die vor gerade mal einem Jahr gegründete Band aus London noch dabei, genug Material für ihr nun erscheinendes Debütalbum zusammenzuklauben. Die vorab veröffentlichte Single "Best Of Friends" rüpelte und rumpelte jedoch charmant vor sich hin - und kam dem "NME", der sich seit Monaten vergeblich bemüht, das Comeback des Indie-Rocks zu beweisen, gerade recht. "Best Of Friends" ist ein in seiner Simplizität großartiger Song: Polternde Drums, Reverb und weißer Lärm galore, ein markantes, armschwingendes Gitarrenriff - das erinnerte viele Kritiker schon an die letzten großen Indie-Hoffnungen, The Strokes, The Libertines und die Arctic Monkeys. Dazu ein Text, der dem fast schon reaktionären Traditionalismus und der obsessiven Sixties-Hymnenhaftigkeit der Musik Hohn spricht: Sänger Chili Jesson konterkariert sämtliche Macho-Mucker-Rollenklischees, das ewige Sehnen und Werben der Rock'n'Roller um das richtige Mädchen mit einer zeitgeistigen Ansage: "I wanna be your best friend/ I don't want you to be my girl". Keusch ist das neue Cool. Leider aber ist "Best Of Friends", an einem Tag geschrieben und aufgenommen, der mit Abstand beste Song auf "180". Gute Ideen gibt es zwar genug, zum Beispiel die im Hintergrund lustig wabernde Stranglers-Orgel in "All The Garden Birds" oder "Chicken Dippers", das von feinem New-Order-Pop in einen lärmenden Pubrock-Refrain wankt. Auch "Step Up For The Cool Cats" und "Last Of The Summer Vine" haben die sogenannten Hooks, die nach einmaligem Hören im Gedächtnis bleiben. Dennoch hätte man der Band mehr Zeit gewünscht, um sich abseits von Medienaufmerksamkeit und Erfolgsdruck entwickeln zu können. Vieles in den 40 Minuten von "180" wirkt wie ein - durchaus elanvoll betriebenes - Trial-and-Error-Spiel, das für eine so junge und unerfahrene Band ja auch normal ist: Einfach mal hier ein Kinks-Riff ausprobieren, dort mal das Spannungsfeld zwischen Farfisa-Gurgeln und Punk-Gebrüll ausreizen - richtig viel Originalität entsteht dabei jedoch nicht. "180" ist ein interessantes, zuweilen aufregendes Debüt einer sympathischen, noch etwas desorientierten neuen Band, die hoffentlich trotz Hype ihren Stil finden wird. (6.5) Andreas Borcholte

Palma Violets - "Step up for the cool cats"
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Christopher Owens - "Lysandre"
(Turnstile / PIAS / Rough Trade)

"Ich könnte mich nicht erinnern" (Rest in Peace, Helmut Koerschgen!), dass in der deutschen Ausgabe des "Rolling Stone" jemals die Chris-de-Burgh-Platte "At The End Of A Perfect Day" erwähnt wurde. Bis jetzt! Vollkommen zu Recht stellte Maik Brüggemeyer die enge Verwandtschaft zwischen Christopher Owens' erster Solo-Platte "Lysandre" und de Burghs bis heute bester Leistung heraus. Zudem fiel der Name Gilbert O'Sullivan, ein Schlüsselreiz, dem ich hiermit noch ein paar weitere Namen, nämlich Dan Fogelberg, Kenny Rankin, Al Stewart und Gerry Rafferty hinterherschicken möchte. An diesen Soft-Rock-Kolossen für die Ewigkeit scheint Owens' Roadmovie (Mann reist einmal quer durch die Vereinigten Staaten, nur um am Ende ganz woanders zu landen und sich in ein Mädchen zu verlieben, das Lysandre heißt - am Schluss geht alles in die Binsen) angelehnt, weshalb die luftige, Yacht-Rock-artige Musik auf "Lysandre" noch etwas effeminierter, verzärtelter wirkt als einige Stücke seiner ehemaligen Band Girls, die mir mit dem Wissen von heute wohl doch noch gefallen muss. "Here We Go" ist der tollste Song, und wenn Owens "Listen to me sing, New York City/ And if your heart is broken/ You will find fellowship with me" haucht, wird dieser herrliche Kitsch (think: John Grants "Queen Of Denmark") natürlich von Flöten umrankt, oder später, in"New York City", von einem schwarz-goldenen Saxofon on the loose. Wer "Lysandre" grausam findet (und grausam finden muss), weiß man jetzt schon sehr genau. Mit dem Rest treffe ich mich ab Mitte April gern auf ein Glas Ginger Ale mit Rum. (7.4) Jan Wigger

Best Of "Abgehört"

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Jamie Lidell - "Jamie Lidell"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)

"I got into 'Rhythm Nation' and 'Control' and thought 'these are amazing songs, why don't they make them like this anymore? I want to make them like that!' So that's what kicked it off for me.", sagte Jamie Lidell unlängst dem "Independent". Der Brite, der neun Jahre in Berlin lebte und zusammen mit Christian Vogel das Techno-Projekt Super Collider betrieb, hat von den eisigen Elektronik-Landschaften früherer Zeiten eine weite Reise zurückgelegt: Seine neue Heimat ist das unter US-Musikern wie den Black Keys gerade sehr beliebte Nashville, wo Lidell ein neues Studio bezogen hat und vor sechs Monaten heiratete. Entsprechend warm und positiv klingt sein fünftes Album. Was 2010 auf "Compass" schon mitschwang, formuliert Lidell nun ohne Hemmungen aus: Sein Soul-Gesang wird hier nicht mehr kunstvoll elektronisch zerhackt, sondern anheimelnd nostalgisch durch den Vocoder gefiltert, was Lidell endgültig wie sein großes Vorbild Prince klingen lässt. Musikalisch standen vor allem die Ex-Time-Mitglieder Jimmy Jam und Terry Lewis Pate, die in den Achtzigern nicht nur die frühen Funk-Alben von Prince prägten, sondern später einige der erfolgreichsten R&B-Platten produzierten, darunter eben auch Janet Jacksons "Control" und "Rhythm Nation". Auch P-Funk-Pioniere wie George Clinton und Larry Blackmon hatten großen Einfluss auf Lidells jetzt von jeglichem Indiepop befreiten neuen Sound. Lidell begnügt sich aber zum Glück nicht auf ganzer Linie damit, die wiederentdeckten Alexander-O'Neal- und SOS-Band-Platten mit "Dirty Mind" zu kreuzen, sondern setzt immer wieder modernistische Akzente, zum Beispiel in der Liebeserklärung "You Naked" oder den Dubstep-R&B-Crossovern "What A Shame" und "Why Ya Why". Genuin neue Impulse wie zuletzt The Weeknd und Frank Ocean gibt er dem Genre jedoch nicht, die Platte ist wohl vor allem als sehr persönliches Liebhaberprojekt zu verstehen, mit dem ein versierter Musiker und Sänger im Rückgriff auf die Helden seiner Kindheit seine neue Lebensharmonie feiert. Kurios: Mittvierziger, die den alten Prince vermissen, könnten diese Platte ebenso umarmen wie junge Hipster, die den Eighties-Funk als neue Retro-Avantgarde begreifen. Wird Jamie Lidell am Ende doch noch den Mainstream erobern? Party like it's 1982. (7.0) Andreas Borcholte

Jamie Lidell - "You Naked"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1. jamie lidell
demon_box 20.02.2013
netter gedankengang, berlin, techno, gefühlskalte eisigkeit... zu dumm nur, dass ausgerechnet das im artikel erwähnte super_collider projekt mit cristian (ohne h) vogel so rein gar nichts mit techno zu tun hatte, sondern pop galore bot, zu krumm für die charts, aber es klang damals schon wie prince heute klingen sollte und war "dementsprechend warm und positiv"... auch ohne hochzeit vor 6 monaten....
2. jamie lidell
drlawrencejacoby 25.02.2013
Dem Vorredner kann ich mich nur anschließen. Gegen die Zeit mit Super_Collider ist die neue Lidell allerdings leider nur ein nicht ganz frisch lackierter Totalschaden. Der Mann kann mehr. Aber immerhin besser als seine unsäglich muffigen Kaffeehaussoulplatten.
3. Nick Cave is alive!
hirnverbrannt 03.04.2013
Spot on review zum neuen Album, Herr Borcholte! Herr Wigger hätte wahrscheinlich über Einkaufswagenchips referiert und im letzten Absatz eine Aussage über das Album getroffen. Gottlob macht der Pause! Das Album ist schön gediegen und atmosphärisch. Den Titelsong habe ich in Dauerschleife laufen lassen. Man kommt in geradezu spirituelle Stimmung! Und das als Atheist...
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 08
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Nick Cave & The Bad Seeds: Higgs Boson Blues (Track)

    2. Tocotronic: Warm und grau (Track)

    3. The Who: Love Reign O'er Me (Track)

    4. The 13th Floor Elevators: Slip Inside This House

    5. Rodriguez: Street Boy (Track)

    6. John Lee Hooker: House Rent Blues (Track)

    7. Matthew E. White: Big Love (Track)

    8. Jamie Lidell: Jamie Lidell

    9. Howard Hewett: Stay (Track)

    10. Alexander O'Neal: Fake (Track)


Jan Wiggers Playlist KW 08
  • Jens Ressing

    1. Fleetwood Mac: Fleetwood Mac

    2. Fleetwood Mac: Tusk

    3. Fleetwood Mac: Rumours

    4. Fleetwood Mac: Mirage

    5. Fleetwood Mac: Tango In The Night

    6. Stevie Nicks & Lindsey Buckingham: Buckingham Nicks

    7. Stevie Nicks: Bella Donna

    8. Stevie Nicks: The Other Side Of The Mirror

    9. Comet Gain: City Fallen Leaves

    10. Voivod: Rrröööaaarrr


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