Abgehört - neue Musik Super, diese Boys

Comedian Oliver Polak wollte schon immer ein Pet Shop Boy sein: Logisch, dass nur er für uns "Super", das neue Album des Duos besprechen konnte. Außerdem: schunkelnde Großraumklubmusik von Moderat und plüschige Rock'n'Roll-Attitüde von den Last Shadow Puppets.

Von , Jens Balzer und Oliver Polak


Pet Shop Boys - "Super"
(X2 Recordings/Rough Trade, ab 1. April)

Eine Welt ohne Coca Cola, Die Simpsons, E.T., Facebook, Mc Rib und ohne Pet Shop Boys - unvorstellbar. Irgendwie waren die immer da, wie zwei ausgeflippte, sehr klare, coole Onkel, zwei Verwandte. Der eine mit seiner beruhigenden Stimme und der andere als Vorreiter von Mode, Trends und Sounds. Als die Pet Shop Boys schon Elektronik produzierten, sind die Jungs von Kompakt in Köln als Kids noch nackt mit dem Holzgewehr um den Weihnachtsbaum gerannt.

Viele lieben die Pet Shop Boys, andere waren oft genervt von ihnen, und ich war noch öfter genervt von den Anderen, die so oft genervt waren. Ich wollte immer so sein wie die Pet Shop Boys. Ok, wer sollte man auch sonst sein wollen? Mark Knopfler? Bono? Peter Gabriel? Warum?

Die Musik der Pet Shop Boys… naja, eigentlich haben sie seit Jahren immer wieder dasselbe Album gemacht. Aber es klang immer wieder anders, neu und aufregend. Und jetzt kommt "Super", das 14. Album in 30 Jahren.

"Happiness", der erste Track, erinnert an den wunderbaren Justus Köhncke: minimalistisch, beweglich, hoffnungsvoll. Beim zweiten Song, der Single "The Pop Kids", kriecht dann auch schon die Popkatze aus dem Sack. Es ist eine Pophymne an sich selbst, an die eigene Biografie mit viele Nostalgie und Emotions - es ist auch eine Liebeserklärung von Neil Tennant an Chris Lowe und alle Menschen, die die Pet Shop Boys mögen: "They called us the pop kids/ Cause we loved the pop hits/ And quoted the best bits/ So we were the pop kids/ I loved you/ I loved you". Am Ende werden sogar noch die Kuhglocken aus Barry Manilows "Copacabana"-Extended-Mix eingebaut: Ding, Ding, Ding, Düng, Düng , Ding, Ding, Ding Düng Düng - Ding, Ding, Ding, Düng, Düng , Ding, Ding, Ding Düng Düng."

Danach wird die Platte mit "Groovy" fast schon ein wenig Erasure-haft, bevor sie dann komplett in einen Club-Soundtrack umbricht, deep und trancig. Ohne dass ich es bemerkt hätte, finde ich mich zwischen Robinson "Ficki Ficki" Club und Berghain-Von-Schwänzen-umzingelt-Sounds wieder. Ich mag das.

"Sad Robot World" bremst die Platte mit einem an Falcos "Jeannie" erinnernden Beat und Konsolen-Geräuschen im Hintergrund sachte ab, die Mood so eher 10cc, "I'm not in love". Eighties-housig, man denke: "Theme from S Express", wird's dann zum Abschluss der Platte mit "Into thin Air". Dünne Luft. Auch wenn diese Platte nicht so mögen würde, ich würd's Euch nicht verraten. "It's Because" I want to be a Pet Shop Boy. (7.5) Oliver Polak

Zum Autor
Oliver Polak ist Comedian und Schriftsteller. Auch in seinem letzten Buch "Der jüdische Patient" spielte Jochen Distelmeyer eine signifikante Rolle; zuletzt war Polak mit seinem Solo-Programm "Supersad" auf Tournee. Seine gleichnamige Kolumne erscheint in der "Welt". Polak lebt in Berlin.

The Last Shadow Puppets - "Everything You've Come To Expect"
(Domino/Goodtogo, ab 1. April)

Die unterhaltsamste Bromance des Britpops ist zurück! Alex Turner und Miles Kane, Buddys aus Sheffield, die mittlerweile beide nach Los Angeles umgesiedelt sind, veröffentlichten vor inzwischen acht Jahren ihr Debüt-Album "The Age Of The Understatement". Die Platte, mit plüschig-opulenten Streicher-Arrangements von Owen Pallett garniert, war ein Insider-Witz, eine Hommage an Scott Walker und Burt Bacharach und den melancholisch aufwallenden Orchesterpop der Sechziger. Turner, hauptberuflich Sänger und Songschreiber der Arctic Monkeys, konnte damals beweisen, dass er kompositorisch und melodisch weitaus mehr drauf hat, als ein paar freche Rocknummern. Und Kumpel Kane baute eine eigene Solo-Karriere auf dem Erfolg er Shadow Puppets auf, mit mäßigem Erfolg bei Kritikern.

Unwahrscheinlicherweise haben die beiden nun eine zweite Platte aufgenommen, was man nach so langer Zeit gar nicht mehr erwartet hatte. Insofern ist der Titel des Albums ebenso tongue-in-cheek zu verstehen, wie die eindeutigen Avancen und Come-ons, die eine Kollegin des amerikanischen "Spin"-Magazins von Kane im Interview erdulden musste. Ohne ungebührliches, sexistisches Verhalten verharmlosen zu wollen: Die Vermutung, dass hier Pressetag-Fatigue unglücklich mit kulturellen Humor-Unterschieden zwischen Britanniens Ladism und politischer Correctness amerikanischer Ausprägung korrellierte, liegt schon sehr nah. Dennoch entschuldigte sich Kane brav mit einem Brief bei der angwiderten Kollegin. Er und Turner träumen sich anscheinend nicht nur musikalisch (und in den teils deftigen Texten) in eine libertärere Zeit vor 40, 50 Jahren, sie kleiden sich auch wie Yacht-Rock-Salonlöwen und benehmen sich auch ebenso schmierig - ein in diesem Fall fatales Rollenspiel, vom PR-Standpunkt aus gesehen. Oder vielleicht auch nicht: Früher war mehr Rock'n'Roll? You bet.

Mag der Seventies-Habitus im echten Leben nicht mehr verfangen, musikalisch gibt es wenig auszusetzen: Erneut ist Streicher-Arrangeur Pallett der heimliche Star dieser Zusammenarbeit, seine lyuxuriösen Ausstattungsdetails erheben ohnehin schon gelungende Popsongs wie "Miracle Aligner", "Dracula's Teeth", "Pattern" oder das schwelgerische Titelstück über aktuelle Trends hinaus und lassen sie jeden Zeitzusammenhang transzendieren. Denn Kane und Turner, älter und weiser, begnügen sich diesmal nicht mehr damit, möglichst nah ans verehrte (Walker)-Original heranzukommen wie noch im Opener "Aviation", vor allem Turners inzwischen immer unverkennbarere Handschrift scheint immer wieder zwischen Posen und Possen hindurch, ob im schnellen "Bad Habits" oder im süßlichen "Sweet Dreams TN" oder in "She Does The Woods", das mit anderer Instrumentierung auch auf einem Arctic-Monkeys-Album bestehen könnte.

"Everything You've Come To Expect" ist, in all seinem Barock, wahrscheinlich das mit Abstand relevanteste britische Indierock-Album des Jahres. Und wenn man's, wie seine Protagonisten, nicht allzu ernst nimmt, macht's noch mehr Spaß. (8.0) Andreas Borcholte

The Last Shadow Puppets - "Everything You've Come To Expect"

The Last Shadow Puppets: Everything You've Come to Expect auf tape.tv.

Moderat - "III"
(Monkeytown/Rough Trade, ab 1. April)

"Warum muss ich mich im Wald meines Bewusstseins verbergen?", fragt Sascha Ring sich zu Beginn der neuen Moderat-Platte "III": "Ich käme so gern aus dem Gehölz heraus!" Dazu ruft aus den sacht rauschenden Wipfeln der Innerlichkeit ein Kuckuck leise "Kuckuck", und ein wie auf morschen Stämmen geklöppelter Beat macht Gnuckel-di-unk-und-gnuckel-di-unk.

Bäume, Büsche, Tiere und deren Töne sind wiederkehrende Motive auf dem dritten Werk des Berliner Elektropoptrios Moderat. Neben dem auch unter dem Namen Apparat musizierenden Ring gehört dazu noch das ansonsten eher im Fach des forschen Gebollers bekannt gewordene Duo Modeselektor, Gernot Bronsert und Sebastian Szary. Schon auf ihren ersten Platten "I" und "II" haben Moderat sich an einer mitsumm- und schunkelfreudigen Großevent-Variante aller nur denkbaren Clubmusikstile versucht, unter besonderer Berücksichtigung des sogenannten Post-Dub- oder auch Jammer-Step.

So ist es auch auf ihrem neuen Werk: Kompetent zerknickertes Synkopengeklicker und gebärmutterhaft wohlig brummende Bässe cremen sie mit dickem Stadionpop-Pathos ein, dazu singt Sascha Ring zumeist im froschhaft gestopften Selbstzweifelstil des mittleren Chris Martin; wird es dramatisch, fällt er derart konsequent in die Kopfstimme, als quetsche ihm eine kräftige Hand an den Hoden herum.

Das zweite Stück, "Running", entfaltet sich über vocoderisierten und dann noch kunstvoll zerbeulten Stimmsplittern, wie sie zuletzt der österreichische Jammer-Step-Barde SOHN als Signature-Sound nutzte. Im dritten Stück "Finder" werden geisterhaft zerstäubende Gewinselfetzen à la James Blake mit einem stimmungsvoll hoppelnden House-Beat versehen; in jedem sechzehnten Takt - das ist der Clou - drehen Moderat die Bässe heraus und die Höhen hinein. Tempo und Temperatur lassen sich durchweg als mittel bezeichnen, die Dramaturgien folgen dem alteuropäisch-bewährten Erst-ist-es-leise-dann-wird-es-lauter-Prinzip.

Besonders gut gefällt mir das vorletzte Stück "Animal Trails". Hier wird das hektische Klappern und Klöppeln nicht nur von rückwärts abgespieltem Glöckchengeklingel und halb grummelnden, halb pupsenden Bässen begleitet, sondern auch von einem jener artifiziellen Nutztiergeräusche, die man - ältere Leser werden sich erinnern - insbesondere in den Siebzigerjahren sehr gern durch das Umdrehen von kleinen Dosen erzeugte, in denen alsdann ein langsam herrunterrutschender Kolben die Luft aus einer Reihe von Löchern drückte, wodurch je nach deren Größe, Anordnung und Zahl wahlweise eine Schaf- oder Kuhstimme ertönte. Diese Dosen werden daher auch als Mäh- oder Muhdosen bezeichnet. Unter den Elektropoptrios der Gegenwart haben Moderat zu einer individuellen Stimme gefunden; im Genre der massenbegeisternden Mäh-oder-Muhdosenmusik sind sie ohne Frage künstlerisch führend. (4.3) Jens Balzer

Zum Autor
Jens Balzer ist Popredakteur und stellvertretender Feuilletonchef bei der "Berliner Zeitung". Demächst erscheint sein Buch "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt Berlin)
Moderat - "III"

Reminder von Moderat auf tape.tv.

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Kaitlyn Aurelia Smith - "Ears"
(Western Vinyl/Cargo, ab 1. April)

Als Kaitlyn Aurelia Smith einst ihren Buchla Music Easle bekam, war sie binnen kurzer Zeit so absorbiert von der elktronischen "Musik-Staffelei", dass sie glatt vergaß, ein weiteres Album mit ihrer Indie-Folkband Ever Isles aufzunehmen. Wer wollte schon schnöden Indie-Folk machen, wenn es so viele neue Geräusche und Töne zu entdecken gab! "Ears" ist nach dem vielfach bejubelten "Euclid", das erst letztes Jahr erschien, Smiths zweites Album mit wundersamer, naturverliebter Ambientmusik. Es gibt noch ein drittes Album, "Tides", das ursprünglich für Yoga-Zwecke komponiert wurde, daher zählen wir das hier mal nicht mit. Halt, nicht aufhören zu lesen, nur weil ich Yoga geschrieben habe! Es kommen gleich noch Wale!

Smith wuchs nämlich an der nördlichen Westküste der USA auf einer Insel auf, von der man prima Orca-Watching betreiben kann. Außerdem ist die Region bekanntlich wegen der Redwood-Regenwälder sehr diesig und neblig, so dass sich schnell naturmystische Gefühle einstellen. War "Euclid" noch bemüht, das Abdriften in urtümliche Waldgeister-Gefühle mit harter Physik (und einigen schön hämmernden Tracks) zu grundieren, so hebt "Ears" jetzt letztgültig ab.

Die Buchla-Konsole (Synthesizer darf man's nicht nennen, weil Erfinder Don Buchla, in steter Konkurrenz zu Widersacher Robert Moog, darauf bestand, dass man damit nicht nur natürliche Geräusche synthetisch imitieren, sondern gänzlich neue erschaffen kann) ist dabei erneut hilfreich. Zu den sphärischen Modulationen und Oszillationen addiert Smith flatternde, flirrende Holzbläser und einen zwischen Pharoah Sanders und Steve Reich schwingenden, meditativ-gospelnden Jazz-Vibe. Darüber singt Smith mit einer Stimme, die in den besten Momenten ("Wetlands", "Rare Things Grow") an Karin Dreijer Anderson (Fever Ray, The Knife) erinnert, in den blödesten ("Arthropoda") an Enya.

Inspiriert sei sie stark von den Filmen des japanischen Anime-Meisters Hayao Miyazaki, insbesondere von "Nausicaä" von 1984, in dem ein post-apokalyptischer Pilzwald die Erde bedeckt. Auf eine Reise durch einen solchen Urwald neuer, futuristischer Formen und Klänge will "Ears" entführen. Klingt erstmal ganz schön esoterisch, klar, aber wenn man es schafft, sich in Stücke wie "Envelop" zu versenken, die einen, repetitiv und berückend, tatsächlich in einen wärmenden, nach Meersalz duftenden Blätterkokon zu umhüllen vermögen, werden solche Ressentiments auf einmal ganz egal.Für die Urlaubsreife. (7.2) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
JHLND 29.03.2016
1. Moderate, froschhaft gestopfte Selbstzweifel
Nun, ich meine: Wer den mittleren vom mittelspäten (und erst recht dem halbmittelfrühen) Chris Martin nicht unterscheiden kann, hat in dieser Kolumne ja nun wirklich nichts verloren.
enn.jott 29.03.2016
2. Wenn man elektronische Musik
nicht mag, kann das entweder klar ausformulieren oder peinlichst herunterspielen. Das ist nicht mal eine Meinung, schade!
3-plus-1 30.03.2016
3. Pet-Shop-Boys-Fever steckt alle an!
Geht es nur mir so, oder erinnert das Cover des neuen Albums der Pet Shop Boys nicht frappierend an einen Reklameaufkleber, den Commodore in etwa zum Start der bislang 30-jährigen Karriere der zwei herausgegeben hat? http://insertmoin.de/wp-content/uploads/2015/12/amigafever.png
twe1 31.03.2016
4. Lieber Oliver,
2x alte Helden-Platten mit Würde und Kenntnis beurteilt. Ich habe mir das PSB Album auch ohne Vorhören runtergeladen. Ich möchte gerne häufiger Plattenkritiken von dir lesen! Wir sehen uns bei Motorpsycho!
kusso 17.05.2016
5. Moderat
Lieber Jens Balzer, liebe Leser. Ich empfehle die Rezension des geschätzten Kollegen Albert Koch vom musikexpress..
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