Abgehört - neue Musik Mutter Amerika und ihre Kinder

Es herrscht Krieg in Amerikas Städten: Die US-Band Poliça gibt sich auf ihrem dritten Album politisch. Außerdem: Neues von Charli XCX, Protestkitsch von Fatima Al Qadiri - und Archivschätze von Jeff Buckley.

Von und Arne Willander


Poliça - "United Crushers"
(Memphis Industries/Indigo, seit 4. März)

Was möchtest du einmal werden, wenn du erkennst, dass alles scheiße ist?

Mit dieser ernüchternden Frage beginnt eines der hoffnungsvollsten Alben des Frühjahrs. Poliça-Sängerin Channy Leaneagh lässt ihre Stimme für den düsteren Anfang von "Summer Please" tief herunterpitchen, eine falsche Fährte, denn in der Mitte fallen plötzlich alle Gesangsfilter. Die zu Beginn getragene Stimmung weicht einem Funk-Rhythmus.

Alte Fans der Band aus Minneapolis müssen sich umstellen. Der Geräuschvorhang, der bisher über der Musik von Poliça schwebte und alles charmant vernebelte, ist auf ihrem dritten Album gelüftet. Es ist ein souveräner Sound, der sich selbstgewisser als zuvor R&B-Grooves hingibt und mit Klickerklacker zum Tanz animieren will.

Grund für diese neue Dringlichkeit ist die Lebenssituation von Lenneagh, die kürzlich zum zweiten Mal Mutter wurde. An Söhnchen Schwa richtet sich auch jene Frage aus "Summer Please".

Winterliche Überlegungen angesichts eines kommenden Sommers, der wohl ähnlich heiß und gefährlich wird wie der zuvor: Minneapolis, die alte Industriemetropole, leidet unter Armut und Rassismus. Pöbeleien, Schießereien, Hausräumungen. Und dann ist da ja auch noch dieser irre Wahlkampf. Ist das eine Welt, der man Kinder aussetzen möchte?

Politisch wird diese Spiegelung privater Ängste spätestens im Song "Wedding". Darin geht es nicht um den Berliner Ortsteil, sondern um eine ganz in Weiß gehaltene Vermählung von Polizeigewalt und Drogen: "All white wedding barricades and cocaine".

Im Video zu "Wedding" bringt Lenneagh schwarzen Kindern im Sesamstraßen-Stil bei, wie sie sich gegen Polizei-Übergriffe schützen können. Am Ende basteln sie Gasmasken. Es herrscht Krieg in Amerikas Städten.

"All around me fire/ Every voice is like a click/ Trigger after trigger/ We don't even know we're sick/ Leaders we have none", lautet die Bestandsaufnahme, die nicht weit von den Rap-Erzählungen eines Kendrick Lamar entfernt ist; auch wenn sie im Indie-Rock angesiedelt bleibt.

Trotzdem ist nicht alle Hoffnung dahin. Und das ist das Schöne an diesem Album, das so anders klingt als "Give Up The Ghost", das sich mit Herzschmerz befasste, und "Shulamith", auf dem es, schon politischer, um die Rolle der Frau in der Gesellschaft ging. Auf dem Cover von "United Crushers" posiert Lenneagh mit ihrem Babybauch - und blutet aus aufgeschnittenen Handgelenken auf sich selbst. Eine Pietà-Darstellung, mit der sich die Sängerin zur leidenden Mutter der Nation stilisiert.

Doch zum Glück stemmen sich die fast clubtauglichen Tracks ("Baby Sucks") vehement gegen Pathos und Schwermut der Texte. Wie das Graffito, das Autofahrer auf dem Interstate 94 auf dem Weg nach Minneapolis sehen können: "United Crushers" steht dort in großen weißen Buchstaben an einer Reihe seit Jahren zum Abriss freigegebener Getreidesilos.

Der Ausspruch ist längst ein geflügeltes Wort. Er dient als Beschwörung an die Gemeinschaft, an Freunde oder Familie, Negatives und Gewalt mit Liebe zu erdrücken. Es eben zu crushen. Die Ruinen Amerikas stehen noch. Ein Abenteuerspielplatz für die nächste Generation. (8.5) Andreas Borcholte

Poliça - "United Crushers"

Poliça: United Crushers auf tape.tv.

Jeff Buckley - "You And I"
(Columbia/Sony, ab 11. März)

Im Herbst 1994 trat ein junger, sehr talentierter Amerikaner in Deutschland auf. Er war der Sohn von Tim Buckley, einem großen Songschreiber der Sechzigerjahre, der sich verbrauchte, bis er ausgebrannt war und an Heroin starb. Jeff Buckley sah ihm sehr ähnlich, und auch er brannte an beiden Enden.

Er hatte im New Yorker Greenwich Village in Cafés gespielt, daraus war eine EP entstanden. Im Sommer 1994 erschien dann Buckleys Debütalbum "Grace", das zwischen dem Blues-Hardrock von Led Zeppelin und theatralischen Balladen oszillierte. Jeff Buckley sah ephebenhaft aus. Er sang wie ein junger Gott. Er war eine Hoffnung, wie man so sagt.

An einem Abend im Mai 1997 watete Buckley in den Wolf River bei Memphis, während am Ufer "Whole Lotta Love" von Led Zeppelin aus einem Radio erklang. Buckley sang mit. Dann wurde er von der Bugwelle eines Schiffes unter Wasser gezogen und ertrank. Es gab und gibt keine Erklärung.

Buckleys Mutter Mary Guibert veröffentlichte ein Jahr später Aufnahmen aus dem Nachlass, "Sketches For My Sweetheart The Drunk". Songs, die Buckley für sein zweites Album vorgesehen hatte, aber auch Stücke, die offenbar unfertig waren. Seitdem erschienen viele Live-Aufnahmen und Anthologien.

Fast 20 Jahre nach Buckleys Tod wird nun "You And I" veröffentlicht, eine Sammlung von Demos mit einfacher Gitarrenbegleitung. Das sind vor allem Coverversionen, die Buckley noch vor seiner ersten Platte aufgenommen hatte.

Buckley ist hier ganz Eklektiker und Anverwandler. Nur zwei der zehn Stücke stammen von ihm. Zwei von den Smiths, "The Boy With The Thorn In His Side" und "I Know It's Over", beide von deren Album "The Queen Is Dead".

Buckley war ein Kind der Achtziger. Er singt auch "Just Like A Woman" von Bob Dylan, "Night Flight" von Led Zeppelin und den rohen Blues "Poor Boy Long Way From Home". In der Improvisation "Dream Of You And I" erzählt der Sänger in einer wunderbaren Passage zu seinem beiläufigen Gitarrenspiel von sich selbst und seinem Songschreiben, und das klingt genauso magisch, wie Bruce Springsteen einst seine Geschichten auf der Bühne erzählte.

Jeff Buckley stilisierte sich als Sensualist. Halb Hobo, halb Opernsänger. Er war aber am besten, wenn er nicht kunstvoll sein wollte. (6.2) Arne Willander

Arne Willander ist stellvertretender Chefredakteur des deutschen "Rolling Stone"-Magazins, wo er regelmäßig sein Album der Woche vorstellt.

Jeff Buckley: "You And I"

Jeff Buckley: You and I auf tape.tv.

Charli XCX - "Vroom Vroom"
(Vroom Vroom Records/seit 26. Februar)

Ein besseres Bild als einen lilafarbenen Lamborghini kann man wohl nicht finden, um die Denkströmung des sogenannten #Akzelerationismus - nur echt mit Hashtag - zu illustrieren.

Mein Kollege Georg Diez hat schon vor einiger Zeit erklärt, was es damit auf sich hat. Die Kurzfassung: Es geht um die Zerstörung des Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln; extrem beschleunigt, damit es schneller geht. Entstanden ist diese Philosophie einst in den Techno-Laboren von London, daher widmet sich auch vorrangig das dort ansässige Label PC Music der musikalischen Umsetzung.

Prominentester assoziierter Vertreter von PC Music ist der DJ Sophie, dessen Debüt-Album wir kürzlich hier besprochen haben. Mit ihm tat sich nun Charli XCX, eine der Hoffnungsträgerinnen des Mainstream-Pop zusammen, um eine neue Facette zu demonstrieren und ihr eigenes Label für experimentelle Klubmusik zu launchen: Vroom Vroom Records.

Die 23-jährige Charlotte Aitchison, die für Icona Pop einst den Über-Hit "I Love It" schrieb, hat eine Vorliebe für Kawaii-Images und Hyperrealismus, gepaart mit Gothic- und Darkwave-Melodrama. (Unser Porträt lesen Sie hier.) Auf dem Major Warner hat sie bisher zwei Alben mit kernigem Bubblegum-Pop veröffentlicht und trat im Vorprogramm von Katy Perry auf.

Doch Aitchison will und kann mehr, was sie jetzt mit "Vroom Vroom" andeutet: "Lavender Lamborghini, roll up in a blue bikini/ Bitches on the beaches, lookin' super cute and freaky/ All my friends are princesses, we keep it whipped and creamy", rappt die Kumpanin von Exotinnen wie Iggy Azalea und Brooke Candy und formuliert über den kreuz und quer schlagenden Beats von Sophie ihr Manifest: "Beep, beep. Bitches know they can't catch me. So let's ride."

Die vier Tracks sind vor allem eine hinreißende Albernheit, die zwischen Verträumtheit und Übermut schwanken. In "Paradise" geht es um imaginierte Höhenflüge, und man stellt sich vor, man sitze auf dem Rücken des Zauberdrachens Fuchur. "Trophy" erobert kühn alle Insignien des hedonistischen Pop-Mainstreams, wie sie so gerne in Hip-Hop-Videos ausgestellt werden: Goldketten, dicke Autos, eingeölte Traumkörper. "I want that trophy", stellt sie klar und lässt dazu Kuhglocken bimmeln.

Bester Track ist jedoch das kunstvoll ausgebremste "Secret (Shh)", in dem sich Charli wieder als verruchte Romantikerin inszeniert. Wenn sie ihr Geheimnis offenbart, dann nur und exklusiv für uns. Schon klar. Anleitung zum Vollgas geben. (8.0) Andreas Borcholte

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Fatima Al Qadiri - "Brute"
(Hyperdub/Cargo, seit 4. März)

Kommt Protest ohne Parolen aus? Die senegalesisch-kuwaitische Musikerin und Konzeptkünstlerin Fatima Al Qadiri arrangiert auf ihrem zweiten Album "Brute" eine klangliche Versuchsanordnung, die genau das beantworten will. Das Thema wird auf dem Cover gesetzt: Ein Teletubby glotzt aus kalten Roboteraugen und trägt eine martialische Swat-Team-Unifom, gar nicht niedlich, nuh-uh! Zu Beginn vom ersten Track "Endzone" gibt es Sprachfetzen von Demonstrationen und Nachrichtensendungen zu hören. "Battery" heißt ein anderes Stück, wie der Park in Al Qadiris Wahlheimat New York, in dem die Occupy-Proteste begannen. Es geht also um Polizeigewalt und Kapitalismuskritik, ein Aufbegehren gegen den totalitären, mit blinder Gewalt verteidigten Neoliberalismus.

Das muss man sich allerdings dazu denken, wenn man "Brute" hört, denn Al Qadiri bedient sich erneut ihrer Lieblingstechnik, flächige Elektro-Sounds und gesampelte Gesänge wie Choräle wirken zu lassen, die dann aber nicht Worte formulieren, sondern Stimmungen. Auf "Asiatisch", ihrem Debüt von 2014, funktionierte das gut, weil sie westliche Techno-Traditionen mit Sino-Grime und anderen nicht-westlichen Stilen kollidieren ließ. Eine vor allem ästhetisch wirkungsvolle Methode, die von der Kritik bejubelt wurde.

Mit politischen Inhalten tut sich Fatima Al Qadiri jedoch schwerer. Manchmal, in "Breach", rattert ein Hubschrauber durch die apokalyptisch dräuende Klangsphäre, ab und zu sind auch Polizeisirenen zu hören ("Curfew"), was allerdings in seiner Direktheit platt und prätentiös wirkt. Fast, als würde sie ihrer Kunst, also der Herstellung konkreter emotionaler Inhaltszusammenhänge mittels abstrakter elektronischer Klänge, am Ende doch nicht genug vertrauen. Man möchte es nicht Protest-Kitsch nennen. Aber man könnte. (5.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

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