Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche
Der Almöhi in uns allen: Paddy McAloon hat sich eine neue Prefab-Sprout-Platte abgerungen. Wie wir sie finden, lesen Sie hier. Außerdem: warum ein neues Album von Justin Timberlake gereicht hätte, warum wir Mazzy Star immer noch lieben, warum MGMT nicht ganz dicht sind - und was Drake depressiv macht.
Prefab Sprout - "Crimson/Red"
(Embassy of Music/Warner, ab 4. Oktober)
Dass es wirklich wieder Musik des begnadeten Schwärmers geben soll, sprach sich unter Eingeweihten schnell herum: Mal hieß es, die Stücke, die, so wurde gemunkelt, unter dem Arbeitstitel "The Devil Came A-Calling" zusammengefasst werden sollten, seien neu, später einigten sich viele fälschlicherweise darauf, dass "Grief Built The Taj Mahal", "The Old Magician" oder "The List Of Impossible Things" wohl in den Jahren 2004 und 2005 entstanden sein könnten. Das Label korrigiert: "Written and conceived over the last eighteen months by McAloon himself"! Nun, geduldige Stammleser von "Abgehört" (2000 gestartet und noch immer nicht als Buch erhältlich) werden sich kaum wundern, wenn ich "Crimson/Red" als Meisterwerk bezeichne.
Paddy ist der Träumer, der Enthusiast und Romantiker geblieben, dem das Alter nichts mehr anhaben kann. Köstlich, wie McAloon über sein Treffen mit dem Teufel erzählt: "The devil came a-calling, all smiles and flattery/ In his hands a contract, exclusively for me/ When the fifty years are over, I asked what happens then/ He pretended not to hear me, but he offered me his pen/ He showed me a house, it was as big as a star/ He said to me 'Patrick, what d'you think so far?'" Im gloriosen "The Songs Of Danny Galway" trifft McAloon Jimmy Webb, in "The List Of Impossible Things" Francis Hoboken und im äußerst "Jordan: The Comeback"-mäßigen "The Best Jewel Thief In The World" den unübertroffenen Meisterdieb, der - wie der Künstler selbst - dabei zusieht, wie sein Ruf wächst und gedeiht: "Watch your legend grow / The rooftops are for dreamers / You strike and then return Lucerne - Heathrow / The best jewel thief in the world."
Paddys Welt ist ein Königreich jenseits der Tränen, kryptisch, trügerisch, smart, ein Psalm, eine Hymne und ein Gedicht. "Death is untrue, I'm merely sleeping/ I'm waiting for you in a world way beyond weeping/ Join me there soon, until you're mine/ Build me a marble valentine." Als Nächstes hebt er den Schatz der Sierra Madre. (9.1) Jan Wigger
Justin Timberlake - "The 20/20 Experience 2 of 2"
(RCA/Sony, seit 27. September)
Aber schon bei diesem mit 9:33 Minuten epischem Song stellt sich die Frage, warum eigentlich jedes Stück (mit einer Ausnahme) teilweise weit über fünf Minuten lang sein muss? Weil auf iPod-Speichern sowieso genug Platz ist? Weil Musiker mit der Abschaffung des physischen Tonträgers eine Lizenz zum stundenlangen Anöden erhalten haben? Warum kann eine total okaye Ballade wie "Amnesia" nicht nach fünf Minuten einfach enden, sondern muss noch zwei Minuten in anderer Tonalität und Rhythmik weitergehen? Das nervte schon auf der ersten "Experience", doch jetzt, mit noch schwächeren Songs, wird dieses Mätzchen, das sich Timberlake gemeinsam mit Produzent Timbaland ausgedacht hat, zur Tortur.
Gemessen an der Spielzeit der beiden Alben (rund zweieinhalb Stunden), fiel den beiden nicht mehr viel Aufregendes ein: "Take Back The Night", der schamlose Jackson-Rip-off, ist noch eines der stärksten Stücke. "Murder" (mit Jay-Z) bringt wenigstens ein bisschen modernen Standard in die insgesamt eher rückwärtsgewandte Bandbreite der auf traditionellem Soul und Funk aufbauenden Musik. Tiefpunkt des Albums ist jedoch das Countrysoul-Schunkelstück "Drink You Away" auf einem Gitarrenloop, den Kid Rock wohl "knackig" nennen würde.
Ähnlich lagerfeuergemütlich wird es am Ende nochmal mit "Pair Of Wings", einem Hidden Track, der dankenswerterweise mehr nach Nick Drake als nach Ugly Kid Joe klingt. Ein Folk-Album, das wäre doch, nach Timberlakes Mini-Rolle im grandiosen "Inside Llewyn Davis" der Coen-Brüder, der logische nächste Schritt. Aber bitte ohne Timbaland. Und nicht länger als 33 Minuten. Dann gibt's auch wieder Liebe. (4.9) Andreas Borcholte
Mazzy Star - "Seasons Of Your Day"
(Rhymes Of An Hour/Rough Trade, seit 27. September)
Drake - "Nothing Was The Same"
(Cash Money/Universal, seit 27. September)
Die Karrieren von Aubrey Graham und Kanye West sind sich in ihrem Verlauf nicht unähnlich, beide stehen auf dem Zenit ihres Ruhms und reflektieren, was das alles gebracht hat und vor allem wie es jetzt weitergehen könnte. Der Kanadier Drake war von diesen beiden extremen Rap-Persönlichkeiten immer der Sanftere, weniger Paranoide. Doch auf "Nothing Was The Same", seinem bisher besten Album, zeigt er sich von einer so zynischen, depressiven Seite, dass ein radikaler Lebens- oder Karrierewechsel unmittelbar bevorzustehen scheint.
Die Beats von Leib- und Magenproduzent Noah "40" Shebib sind noch ambienter und sparsamer, die Beats tropfen in Zeitlupe, wenn es sie überhaupt gibt, denn manchmal ist es nur eine geisternde Hi-Hat, die einen Track zentimeterweise vorwärtsdrückt, das einzig treibende Element bleibt Drakes nüchtern vorgetragener, desillusioniert klingender Rap. "I'm on my worst behaviour", warnt er im gleichnamigen Stück, und entschuldigte sich unlängst in Jimmy Kimmels Show bei seiner Familie, bevor er "Too Much" darbot, eine recht gnadenlose Abrechnung mit seiner Mutter: "I hate the fact that my mom cooped up in the apartment, telling herself that she's too sick to get dressed up and go do shit like that's true shit", heißt es darin. In "Furthest Thing" knöpft er sich mit berührender Hassliebe seinen Vater vor und geißelt dessen Alkoholismus: "When he put that bottle down, girl, that nigga's amazing."
Drakes öffentliche Beefs und Battles mit Verflossenen oder Rivalen sind legendär, auch seine unberechenbare Redseligkeit, ob in seinen Tracks oder auf Twitter, teilt er mit Kanye West. Während man aber beim Hit-Album "Take Care" noch das Gefühl hatte, Drake fühle sich als Teil einer Community, spricht aus den Texten des neuen Albums zunehmende Verlorenheit. "Started from the bottom, now I'm here", rappt er im zweiten Track über ein irrlichterndes Horrorfilm-Keyboard-Sample: Trostloser war es auf dem Gipfel des Erfolgs wohl noch nie.
Achso, na ja, ein paar Radio-Hits sind dann natürlich schon vorhanden, so ganz verweigern will sich Drake dann doch (noch) nicht: "Hold On, We're Going Home" zum Beispiel, aber selbst in diesem vordergründig fröhlichen Liebesreigen gerinnt jede Farbe zu Grau. "Don't talk to me like I'm famous, I'm just trying to connect to something", klagt er müde in "Connect". Hilferufe aus der Festung der Einsamkeit. (7.9) Andreas Borcholte
MGMT - "MGMT"
(Columbia/Sony, seit 13. September)
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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- Die SPIEGEL-ONLINE-Musikkolumnisten legen auf: Andreas Borcholte jeden ersten Samstag im Monat in der Kleinraumdisko Hamburg ("Bored to Death"), Thorsten Dörting ebenfalls in der Kleinraumdisko ("Fossils and Rituals, Metals and Monuments" (alle zwei Monate am dritten Samstag des Monats; das nächste Mal am 19. Oktober)). Jan Wigger ist ebenfalls wieder am Start: Jeden dritten Samstag im Monat bringt er im Grünen Jäger zu Hamburg Indie, Electro und Verwandtes zu Gehör.
Corbis
SPIEGEL ONLINE1. MGMT: Your Life Is A Lie (Track)
2. Drake: Nothing Was The Same
3. Prefab Sprout: Crimson/Red
4. Sleigh Bells: Bitter Rivals
5. Darkside: Psychic
6. Factory Floor: Factory Floor
7. Poliça: Shulamith
8. Midlake: Antiphon
9. Tony Joe White: Black And White
10. Breaking Bad: Felina
Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.

Volker Hage:
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