Abgehört - neue Musik Battle-Rap vom Biedermeier-Sofa

Im Westen nichts Neues? Biedermeier-Rapper Prinz Pi richtet sich etwas zu bequem im Befindlichkeitszeitgeist ein. Außerdem in unserer Pop-Kolumne: Megadeth - die große Abrechnung. Und noch mehr neue Musik!

Von , und Tex Rubinowitz


Prinz Pi - "Im Westen Nix Neues"
(Keine Liebe Records/Groove Attack, ab 5. Februar)

"Wir brennen hell, und dann sind wir verschwunden": Das ist eine Zeile aus der leider nur schwer erträglichen neuen Single von Friedrich Kautz alias Prinz Pi, deren Refrain vom Berliner Schluffisänger Philipp Dittberner gesungen wird, ein Name, den man sich hoffentlich nicht merken muss, weil ja das ewig Rotierende, das Hellbrennen und dann wieder Schnellverschwinden in der Popmusik auch manchmal etwas Erlösendes hat. Für den Künstler natürlich (meistens) nicht, aber für uns.

Kautz verschwindet so schnell nicht, dafür hat er hart gearbeitet, erst als rotziger Prinz Porno, dann als rechtschaffener Prinz Pi. Vor zwei Jahren etablierte er mit seinem wirklich sehr guten Nummer-eins-Album "Kompass ohne Norden" einen neuen Charakter in der deutschen Hip-Hop-Posse, den Rap-Spießer. Der inzwischen 36-Jährige rappt gerne über seine Jugend als uncooler Außenseiter auf dem gettofernen Gymnasium in Steglitz; auf seiner neuen Platte gesellt sich zur Schmerzensnostalgie des auf dem Schulhof Gehänselten nun der Stolz des zweifachen Vaters ("Im Westen nix Neues/Tochter", "Strahlen von Gold/Sohn").

Die berechtigt rotbackige Freude über Charterfolge (=gesicherte Existenz), Nachwuchs und Altbaugemütlichkeit im gentrifizierten Kreuzberg clasht dann aber doch irgendwie gewaltig mit dem kulturpessimistischen Motto des Albums (Achtung: bildungsbürgerliche Remarque-Referenz!), denn der zum Knuddeln sympathische Kautz, dessen Reimer- und Songwriter-Qualitäten zumindest hier nicht in Frage stehen, unterliegt dem ewigen Dilemma des Salondiskutanten: Vom Biedermeier-Sofa aus, Barolo-Glas in der Hand, macht sich das Kopfschütteln über den Zustand der Welt gleich noch mal so gut. Aber am End', wie ein guter Freund aus Wiesbaden immer sagt, am End' ist man halt "Rebell ohne Grund", wie Kautz es ganz richtig im Album-Opener erkennt.

Die beschwörenden "Früher war alles besser"-Zeilen aus "Im Jetzt ist Chaos (Funkeln)" bekommen daher trotz ständiger Selbsthinterfragung einen unfreiwillig konservativen Gestus, den dann auch ein interessanter Battle-Track wie "Weiße Tapete/Minimum" oder das an Casper gelehnte "Schwermetall" nicht mehr aufwiegen. "Werden ja sehen, wohin der Kurs uns bringt", heißt es darin: Im Moment dürfte der Zeitgeist, der große Rückzug ins Befindliche, noch mit ihm und seiner versiert artikulierten Unentschiedenheit sein. Aber gerade im Westen, da rumort gerade was. (6.7) Andreas Borcholte

Prinz Pi - "Im Westen nix Neues"

Prinz Pi: Im Westen Nix Neues auf tape.tv.

Junior Boys - "Big Black Coat"
(City Slang/Universal, ab 5. Februar)

In Anbetracht der schieren Größe, der unendlichen Vielfalt und der nicht nachlassenden Anziehungskraft der elektronischen Tanzmusik ist es ziemlich verwunderlich, dass es nicht mehr Bands gibt wie das kanadische Duo Junior Boys. Synthiepop hieß das in den Achtzigern einmal, was der Sänger Jeremy Greenspan und der Produzent Matt Didemus seit nunmehr zwölf Jahren machen. Es war der großartige Versuch, sich bei der (damals noch ziemlich neuen) elektronischen Tanzmusik bestimmte Sounds abzugucken, und diese dann von der der Tanzfläche wegzudrehen.

Ob bei der Human League, Gary Numan, Depeche Mode oder den Pet Shop Boys: Synthiepop war fast immer melancholische Musik, die einem diffusen Gefühl der Entfremdung Raum gab. Wozu die Maschinensounds natürlich prima passten, so fühlte sich das an, als diese Geräte neu und ihre Klänge noch ungewohnt waren.

Auch die Junior Boys sind große Melancholiker, auf "Big Black Coat", ihrem mittlerweile fünften Album, genauso wie auf den letzten vier. Ihre Melancholie speist sich musikalisch aber aus einem anderen Gefühl - dem nostalgischen Bedauern, zu spät zu kommen, ewige Nachzügler der heroischen Jahre des Pop zu sein, was sich in ihrem Fall vor allem auf die Achtzigerjahre bezieht. Wahrscheinlich deshalb hat Greenspan auch schon mit dem House-Produzenten Morgan Geist zusammengearbeitet, der einen Hälfte des Duos Metro Area: auch der ein großer Eighties-Nostalgiker.

Nun also "Big Black Coat". Elf Songs, die von Sehnsucht und Verlangen handeln, von Lust und Begehren. Dies ist keine Musik, die nach draußen in die Welt schaut, es ist Musik der Introspektion. Aber dabei äußerst stilisiert, Musik über die Gefühle der plastic people. Nachdem ihre letzten beiden Platten manchmal etwas zu kompliziert waren, zu durchdacht, haben sie jetzt wieder zu der überwältigenden Direktheit und Simplizität von "So This Is Goodbye" zurückgefunden, einer der schönsten Platten der Nullerjahre. (8.2) Tobias Rapp

Junior Boys - "Over It"

Over It von Junior Boys auf tape.tv.

The Prettiots - "Funs Cool"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, ab 5. Februar)

Wenn Du mich küsst, werde ich zum Psycho und drehe total durch, singt die blonde Sängerin mit dem entzückend ausgedachten Namen Kay Kasparhauser in "Kiss Me Kinski" - und spielt dabei Skiffleboard und Ukulele. Herrlich!

Vor den Prettiots aus New York muss jedoch weder Werner Herzog noch irgendjemand sonst Angst haben, es sei denn man gehört zu den "Boys that I Dated in High School", die Kasparhauser im gleichnamigen Song genüsslich Revue passieren lässt: "He wouldn't dump his girlfriend/ He said she gave such good head/ And since her grandpa was dead/ He couldn't dump her just yet", heißt es da entlarvend über einen der zahlreichen Verflossenen, ein anderer war nur gut im SMS-Schreiben, sonst aber zu nicht viel zu gebrauchen: "These are the boys that I dated in High School, they weren't very nice and they weren't very cool", stellt die walkürenhafte Blondine fest, als wäre sie gerade von einem Treffen mit Lena Dunham und den anderen "Girls" zurückgekommen, bei dem es darum ging, wer die Queen Bee der sarkastischsten Lästereien ist.

Kasparhausers Kameradin ist die Bassistin Lulu Prat, die wie eine große und massige Schwester von Amy Winehouse aussieht. Zusammen waren die beiden ein Highlight des letztjährigen Branchenschaulaufens beim SXSW-Festival in Austin. Rough-Trade-Legende Geoff Travis, immerhin einst Entdecker der Smiths, nahm die Mädels sofort unter Vertrag.

Mit den Smiths haben die Prettiots gemein, dass sie mindestens so fröhlich übers Sterben singen können wie die hymnisch-misanthropischen Briten: "I know that if I got hit by an 18 wheeler, I'd hope that I'd look up to find that you're the driver", heißt es in "Wheeler", und "Suicide Hotline" enthält die schönen Zeilen "On a scale of one to Plath I'm like a four/ My head's not in the oven, but I can't get off the floor", weil ja auf keinem Mädchenpop-Album eine Sylvia-Plath-Reverenz fehlen darf.

"Funs Cool" macht sehr großen Spaß, wenn man den immer auch selbstbezichtigenden Humor von Jonathan Richman, Moldy Peaches oder den zu Unrecht vergessenen Waitresses mag, vertont mit dem zuckersüßen Sixties-Charme der Shangri-Las. Und verloren für die Männerwelt sind die Prettiots auch (noch) nicht, man muss nur ein so smarter und zivilisierter Problemlöser/Beschützer sein wie der in "Stabler" besungene Serienheld aus "Law & Order: Special Victims Unit". Das lassen wir mal so stehen. (7.6) Andreas Borcholte

The Prettiots - "Boom, Boom, Boom, Boom"

Boom, Boom, Boom, Boom (Rough Trade Session) von The Prettiots auf tape.tv.

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Megadeth - "Dystopia"
(T-Boy Records/Universal, seit 29. Januar)

Metal als Formel ist ja im Prinzip ganz einfach: Alles ist kontrollierte Überraschung, zu der zunächst kokett der Zugang verweigert wird. Aber wenn man mal drin ist, wird man Teil der Zerstörung, das ist das Kapital, und dann bekommt man die Lösung (Katharsis) angeboten, sozusagen als Zinsen. Witz hat beim Metal genauso wenig verloren wie Kreativität. Bier gibt's auch noch, auch nicht gerade das witzigste Getränk, deswegen schmeckt's ja auch so gut. Dann könnte man noch über Toleranz reden, in Wacken sicher, ist ja auch ein Massenkuschelfestival, sonst aber eher nicht so.

Als Dave Mustaine bei Metallica rausflog, bekam er nicht mal Geld für den Rückflug von New York zurück nach L.A., sondern musste mit seinem letzten Taschengeld im Bus zurückfahren, weinend. Er war also plötzlich nicht mehr drin. Und dann begann seine Zeit, die beleidigte Trotzkarriere mit Megadeth.

Metallica waren aber trotzdem immer besser und größer, auch wenn sie sich intern natürlich aufführten wie die letzten Terroraffen, inzwischen sind sie nahezu bedeutungslos, sie haben sich zerrieben wie Parmesan.

Mustaine hingegen wurde immer wunderlicher: Das viele Bier, dann die Sache mit seinem Arm, der ihm ertaubte, weil er zu lange über der Sessellehne hing, während er ausnüchterte oder masturbierte, die Faktenlage ist in diesem Punkt etwas unklar. Dann die daraus folgende Entsagung vom Alkohol und Hinwendung zum Christentum, Mustaine war paradoxerweise eine verlorene Seele geworden, die vor Auftritten betet.

Um das Gespött darüber zu kompensieren, wurde er eine jähzornige, trumpeske Rassistenmaschine ("Wenn ich mir vorstelle, dass wir Arschlöcher in diesem Land haben, die Scheißmexikaner reinlassen. Wer braucht diesen Scheiß?"), der sicher willkommen beim montäglichen Karnevalsumzug in Dresden wäre, aber man weiß ja nicht, was die da so hören, Randfichten? Mustaine warf Barack Obama vor, die Amokläufe in den USA inszeniert zu haben, um Schusswaffen zu verbieten. Der Präsident lege es darauf an, Amerika in einen "Nazi-Staat" zu verwandeln. Vielleicht fiele Mustaine zu Dresden nur ein, es abermals zu bombardieren, er bringt ja gerne Sachen durcheinander.

"Dystopia" ist Megadeths 15. Album. Ist es gut? Braucht man es, braucht man etwas von so einem? Oder macht Mustaines Polyphrasie als Ausschlusstaktik eines kranken Distinktionsgehirns das Unternehmen wieder attraktiv? Aber für wen? Erniedrigte Dreizehnjährige mit Burzum-Hoodies?

Musikalisch ist die Platte wohltuend überraschungsarm: komplex strukturierter, artiger Thrash, aber ohne Ideen, außer bei "Fatal Illusion", da piepst es in der Mitte wie ein rückwärts einparkender Müllwagen. Dieter Bohlen würde die Platte als "geil abgeliefert" klassifizieren, aber wenn man die geile Virtuosität abzieht, bleibt nicht mehr viel übrig. Außer dass Mustaine immer noch versucht, so zu klingen wie Metallica, als wolle er sich immer noch bewerben. Nur gebricht es ihm eben an allem: Er ist einfach hilflos, und sein Gott kann ihn offenbar auch nicht retten. Die Metallica von heute heißen auch eher Volbeat, und Megadeth? Nichts mehr als ein rückwärts einparkender Müllwagen. (1.0) Tex Rubinowitz

Megadeth - "The Threat Is Real"

The Threat Is Real von Megadeth auf tape.tv.

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insgesamt 6 Beiträge
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elchkritik 02.02.2016
1.
Dass Herr Mustaine - gelinde gesagt - fragwürdige bis dumme politische Ansichten hat: geschenkt. In einer Plattenrezension hätte ich mir aber etwas mehr Differenzierung gewünscht. Über das Maß der musikalischen Qualität des neuen Megadeth-Werkes lesen wir wenig. Mal abgesehen davon, dass jemand, der bei Wikipedia abschreibt, ein vermutlich ambivalentes Verhältnis zum Qualitätsbegriff hat, frage ich mich auch, was Herrn Rubinowitz überhaupt als Musikkritiker qualifiziert. Ach, ich hätte beim Lesen des Namens aufhören sollen.
locke27 02.02.2016
2. sorry aber ....
der artikel ist ziemlich blöd geschrieben.
tim.hofmann 02.02.2016
3. Megatot
Tex? Touché! Für diese feine Megadeth-Rezi, die einfach mal die richtige Perspektive findet, kann man doch einiges verzeihen ;-)
kpdsu 03.02.2016
4.
Richtig gute Rezi, zwei Drittel über politische Ansichten und Lebensgeschichte von Mustaine und dann einen Absatz über das Album. Auf welcher Schreibschule man das wohl lernen mag...
megapeta 05.02.2016
5. Kompensation eigener Unzulänglichkeiten?
Lieber Hr. Rubinowitz, grinsend sitzen Sie an Ihrem Schreibtisch und belächeln die zu erwartenden Proteste der bierseligen Metal Community. Und den Gefallen kann ich Ihnen gerne machen (falls Sie Ihre kostbare Zeit überhaupt auf das Lesen der Reaktionen auf Ihre Megadeth Kritik verschwenden). Ihre Rezi strotzt leider vor triefenden Klischees. Schon lange ist es nicht mehr die Absicht Mustaines, wie Metallica zu klingen; da wäre er auch schön blöd. Wer sich ein wenig mit Metal auskennt, der weiß das. In einer Rezension mal schnell in ein paar verschwurbelten Sätzen (Hauptsache viele Fremdwörter, klingt nach intellektueller Überlegenheit) die gesamte Megadeth Bio unterzubringen, um dann in wenigen Worten auf die eigentlich zu besprechende Veröffentlichung einzugehen, dient keinem. Man muss Megadeth nicht lieben, schon gar nicht die politischen Statements Dave Mustaines. Dass DYSTOPIA ansonsten aber ein erstklassiges Album geworden ist, kann man außer bei Ihnen in sämtlichen Musikgazetten nachlesen, und da schreiben Leute, die WIRKLICH Ahnung haben. Streiten über Geschmack funktioniert ja bekanntlich nicht, aber EINEN Bewertungspunkt zu vergeben, klingt nach Rache, nach reiner Willkür oder einfach nach völliger Ahnungslosigkeit. Wer keinen Metal mag, sollte ihn auch nicht bewerten.
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