Purity Ring - "Shrines"
(4AD/Beggars/Indigo, bereits erschienen)
"Twilight", "Tribute von Panem" und jetzt "Shades Of Grey" - wie neulich sehr treffend in der "Zeit" zu lesen war, hat der Puritanismus die amerikanische Popkultur so vollständig durchdrungen, dass es für ein normales Teenager-Mädchen schon fast Pflicht ist, einen sogenannten Purity Ring, einen Keuschheitsring, am Finger zu tragen. Man hebt sich halt auf für den Richtigen, und Sex gibt's erst nach der Hochzeit, dann werden alle Triebe entfesselt. Was an pseudo-erotischer Sublimierungslyrik entstehen kann, wenn man körperliche Gelüste mutwillig unterdrückt, das beschreibt die Kanadierin Megan James mit niedlicher Mädchenstimme in ihren beunruhigenden Texten: "There's a cult, there's a cult inside of me" singt sie in "Obedear". Was für ein blutiger Kult da sein Unwesen treibt, wird in "Fineshrine" deutlich, wenn sie imaginiert, wie ihr Lover sie förmlich aufbricht, um sie sexuell zu verzehren. "Get a little closer, let's fold/ Cut open my sternum and pull/ My little ribs around you" singsangt sie im schönsten Poesiealbum-Duktus; "Clean my sparkling teeth/ Brush down my sparkling sides/ Thy nervous blood will become undone/ From impiety as pounding ideas", geht es in "Amenamy" weiter. Wuselndes Getier, kochendes Wasser, das aus Schenkeln hervorbricht, ein Himmel, der vor Lust erzittert, das sind Metaphern, mit denen James verstörende, faszinierende Gegenentwürfe zu der Eindeutigkeit liefert, mit der in modernen R&B-Songs zum Rammeln gebeten wird. Die Musik dazu macht Corin Roddick, der auf der Bühne mit selbstgebastelten Apparaturen aus Lichtorgeln und Instrumenten hantiert. Roddick bremst die Popmelodien, die James vor sich hin flötet, immer wieder brutal aus, stoppt die Beats und Samples im Sekundentakt, lässt die Musik klingen, als würde sie rückwärts abgespielt. Eiskalte, kristallklare Synthesizer, die aus den Achtzigern importiert wurden, akzentuieren gängige, aber eben zerhackte HipHop- und R&B-Rhythmen. Man kann dieses erstaunlich popfähige Album Karin Dreijer Anderssons ähnlich körpermythischen Elektro-Projekt Fever Ray ebenso zuordnen wie dem Mini-Genre Chillwave, zu dem auch der New Yorker Washed Out mit seinen Kuschelsex-Soundtracks gehört. Purity Ring allerdings praktizieren ihre Doktorspiele außerhalb eines flauschigen Kokons im grellen Licht, kühl und kontrolliert, wie es nur echte Puritaner können. They've got the fire down below.
(7.9) Andreas Borcholte
Grasscut - "Unearth
"
(Ninja Tune/Rough Trade, bereits erschienen)
Eines vorab: Bitte schickt mir keine Gaslight-Anthem-Alben mehr und erkundigt euch auch nicht, ob ich das neue Gaslight-Anthem-Album rezensieren werde. Ich verabscheue diesen jämmerlichen, erbärmlichen Springsteen-Rip-Off für ganzkörpertätowierte Vorschulkinder zutiefst - auch wenn ich Brian Fallon mag, denn der ist bekanntermaßen Kreationist und möchte zu dieser Privatsache vollkommen zu Recht nicht mehr befragt werden. Grasscut glauben eher nicht an Gott (dafür sind sie zu schlau), sie schwanken zwischen angenehm chilliger, selten belangloser Besserverdiener-Musik, schwächlich funkelnder Elektronik und schlecht belichteten Ärmelkanal-Fotos. Grasscut-Drahtzieher Andrew Phillips zitiert Philip Larkin und T.S. Eliot, er testet für euch, wie feucht die Wiese ist, bevor ihr sie betretet. Haben muss man dieses Album vor allem wegen des phantastischen "Richardson Road", für das Grasscut die Assistenz des stillen Gesamtgenies Robert Wyatt gewinnen konnten: "Every time I walk down Richardson Road/ I see the life you could have had there if you'd wanted/ The early sun that catches shop windows/ In the mist makes mirrors/ In the list of errors/ Are suburban pleasures/ Are suburban pleasures". Eine der besten und gerechtesten Hypnosen im Seuchenjahr 2012
. I'm Huey Lewis and you just heard the news.
(6.8) Jan Wigger
Best Of "Abgehört"
Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist
The Smashing Pumpkins - "Oceania"
(EMI, bereits erschienen)
"Ja, nee, mach du mal!", sagte ich damals zu Borcholte, als jemand "Zeitgeist" besprechen sollte. "Ja, nee, mach du mal!" sagte Borcholte vor zwei Wochen zu mir, als jemand "Oceania" besprechen sollte. Was der geschätzte Kollege nicht weiß (oder bereits wieder vergessen hat), ist die Tatsache, dass ich Billy Corgan ungefähr so sympathisch finde wie Damon Albarn oder Dave Mustaine - höchst sympathisch nämlich! Zwischen zwei Mondfahrten, einer Jazz-Suite für Cello, einer Operette, der Veröffentlichung von 141 Konzept-EPs über die Kelvin-Helmholtz-Kontraktion und seiner kommenden Herbstdepression schiebt Corgan mal eben die schönste Smashing-Pumpkins-Platte seit "Adore" dazwischen. Von den etwas stumpfen Bemühungen, lückenlos an die Wucht und den Furor von "Siamese Dream" und "Gish" anzuknüpfen ("Quasar", "The Chimera") abgesehen, ist alles auf "Oceania" so leichtblütig, so einfach und gewichtlos: Das grünlich schimmernde "My Love Is Winter", das wundervolle "One Diamond, One Heart", die Windräder und Wildblumen, die Corgans Kinderseele nun ohne D'arcy, James Iha und Jimmy Chamberlin allein umschließt, die Träume und Schreckbilder, die Zweifel, die kalten Nächte in kargen Lumpen, ohne Pelze, ohne Hoffnung, und schließlich: der Aufstieg zur Sonne. Das Tröstlichste an Stücken wie dem neunminütigen, großartigen "Oceania" ist vielleicht, dass sie nichts wollen, nichts begehren und letztlich nirgendwo hinführen. "Love the way/ Love the way and learn."
Amen to that.
(7.1) Jan Wigger
Punch Brothers - "Who's Feeling Young Now?"
(Nonesuch/Warner, erscheint am 27. Juli)
"Scottish bagpipes and ole-time fiddlin'. It's blues and jazz, and it has a high lonesome sound", so beschrieb Bill Monroe einmal das Genre, das er definierte: Bluegrass, eine aus den Appalachen stammenden Spielart amerikanischer Folk- und Country-Musik. Was die in New York ansässigen Punch Brothers mit dieser uralten Musik machen, ist allerdings keineswegs "ole-time", sondern verknüpft Tradition mit moderner Pop- und Rockmusik, Klassik und Avantgarde-Jazz. Ziemlich beeindruckend zeigt sich das auf dem zweiten Album der Band in einer Instrumental-Version des Radiohead-Songs "Kid A", die dem sphärischen Geläute und Gebimmel des Originals die Wärme und Transparenz einer Kammermusik-Darbietung verleiht. Mandolinist und Ober-Punch-Brother Chris Thile hat seine Songwriting-Skills in den vergangenen zwei Jahren seit "Antifogmatic" hörbar verfeinert, so dass Herzschmerz-Songs wie "This Girl", "Patchwork Girlfriend" oder "Clara" mit fröhlichen Beach-Boys- und Beatles-Melodien spielen, während "No Concern Of Yours" einer der besseren Coldplay-Hits sein könnte; das Titelstück und "Hundred Dollars" sind wiederum lustige Hommagen an den R&B-Pop von Maroon 5. Bei allem spürbaren Pop-Willen bleiben die Punch Brothers aber zu jeder Zeit ihrem Genre treu: Der Standbass wummert durchaus heavy, das Banjo klappert und pluckert im Hintergrund, die Fiddle jammert und jault hinreißend sehnsüchtig. Eine weitere instrumentale Cover-Version, von den schwedischen Folkern Väsen, beweist, dass es noch weitaus aufregender und virtuoser geht: "Flippen (The Flip)" ist ein antreibender Bluegrass-Schunkler, dessen unterschwellig gefährliche Atmosphäre an den "Sorcerer" der Eagles erinnert. Damit hätten die Punch Brothers dann ihr Land von Ost nach West überquert und fast alle
frontiers bewältigt. Aufgenommen wurde "Who's Feeling Young Now?" natürlich in Nashville.
(6.6) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)