Abgehört - neue Musik Ab in den Gefühls-Prozessor!

R&B-Stars freuen sich schon lange über seine Emo-Beats, jetzt erscheint das spektakuläre Debüt des Briten Sampha. Außerdem: ein krummer Mittelfinger, ein besorgter Rapper und eine lärmende "Abbey Road"-Hommage.

Von , Christoph Leiner und Hendrik Otremba


Sampha - "Process"
(Young Turks/Beggars, ab 3. Februar)

"Ich bin ein Instrument", sagte Sampha Sisay letztes Jahr in einem Interview, "aber ich bin ein Instrument mit einem eigenen Prozessor. Man spielt eine Note in mich hinein und ich verarbeite sie". Das klingt so viel kälter und technischer als das, was am Ende dieser Prozesse steht: der wärmste und berührendste R&B-Sound, den man seit langem in der modernen, beatsbasierten Spielart dieses Genres gehört hat.

Understatement gehört zu den Markenzeichen des britischen Sängers und Produzenten, der mit "Process" nun ein ungleich spektakuläres Debüt-Album veröffentlicht. Schon seit Sisay 2011 mit seinem kehligen Falsett das Debüt von Aaron Jeromes Post-Dubstep-Projekt SBTRKT zu einem Ereignis machte, wartete man darauf, dass sich das Versprechen dieser Stimme in eigenem Material manifestieren möge, doch Sampha ließ sich Zeit. Oder besser gesagt: Er hatte kaum Zeit. Denn wann immer HipHop- und R&B-Prominenz in den Folgejahren nach der gewissen Deepness suchte, wurde der Sampha-Prozessor angeheuert. Sisay sang, schrieb und co-produzierte für Beyoncé und Solange, für Kanye West und Frank Ocean, für FKA Twigs und Jessie Ware.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Als es dann endlich so weit war, sich um eigene Songs zu kümmern, erkrankte seine Mutter an Krebs. Sisay zog bis zu ihrem Tod zu ihr und legte alle Aktivitäten auf Eis. Aus der Trauer und der Verarbeitung des Verlusts, aus dem Ringen mit Sterblichkeit, der elterlichen wie der eigenen, flossen Tracks wie "Plastic 100 °C", in denen Sisay förmlich in der Hitze seiner Emotionen zu zerschmelzen droht wie ein orientierungsloser Körper im All, der beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu verglühen droht: "Houston, can-can-can you here me now?"

Video: Sampha - "Blood On Me"

Jedes Harfen-Zirpen (von Entdeckung Kelsey Lu, jedes Klirren und Zischen, jedes kolorierende "Ohh-Oh" in diesem eröffnenden Track ist behutsam orchestriert und setzt den Ton für das Album, dessen fragile Musik selbst in den wenigen schnelleren Stücken ("Blood On Me", "Under") als sanft kühlende Filter-Membran zwischen den rohen Gefühlen wird, die in den Texten lodern. Sampha verfügt über eine Stimme, die schon nach dem ersten Ton den Raum beherrscht. Michael McDonald, Sade, Seal und natürlich Anohni verfügen über ähnliche Vokal-Autorität.

Mit ihr werden auch die sentimentaleren, produktionstechnisch simpleren Songs des Albums zu Höhepunkten: das selbstzweifelnde "What Shouldn't I Be", das wie ein pulverisierter Hall & Oates-Schunkler wirkende "Incomplete Kisses", und die Piano-Ballade "No One Knows Me Like The Piano", in der sich der aus Sierra Leone stammende Sampha an das Klavier erinnert, das ihm seine Eltern schenkten, als er drei Jahre alt war: "You would show me I have something some people call a soul", singt er darin mit derart entwaffnender Direktheit und Überzeugungskraft, dass man glatt übersieht, wie cheesy das Klavier-Klimpern darunter an Bruce Hornsby erinnert. That's just the way it is. (9.0) Andreas Borcholte

Mile Me Deaf - "Alien Age"
(Siluh/Cargo, ab 3. Februar)

Als sich Wolfgang Möstl den Mittelfinger brach. Wie genau es auch geschehen sein mag, man sollte diesem Ereignis wohl in tiefster Demut gedenken. Der Hauptprotagonist des Wiener Slackpacks, der durch unzählige Bands und Produktionen im Dunstkreis des Wiener Post-Grunge bekannt wurde, konnte keine Gitarre mehr spielen! Der Fingerbruch geriet mit dem ungezügelten Wille zum kreativen Output in Konflikt, dem der charmante, zwischen Graz und Wien pendelnde Musiker nun schon seit über zehn Jahren folgt.

Also musste ein wenig improvisiert werden. Für das "Alien Age" seines Projekts Mile Me Deaf verband Möstl nicht nur seinen Mittelfinger, sondern auch sein begeistertes Dasein als Archivar des Auditiven mit einem Sampler. So ist ein Album entstanden, das sich aus unzähligen Einzelteilen zusammensetzt und diese durch den schöpferischen Über-Blick seines Erschaffers zu einer eigenen Soundwelt auserzählt.

Video: Mile Me Deaf - "Blowout"

In Referenzen gesprochenen, paart Möstl die Stilsicherheit von Deerhunters Bradford Cox mit der technischen Versiertheit von Rapper und Produzent Madlib: Die Welt der Klänge wird zum Archiv, der Archivar zum Erzähler. Und der erzählt eine abenteuerliche Dystopie, zeichnet eine unterhaltsame Apokalypse, der politische Schrecken der Gegenwart trifft auf die Romantisierung des imaginären Fluchtpunkts, in der Fantasie offenbart sich die Gegenwart.

Genau wie das 3D-Stereogramm-Cover - hier erscheint ein verzerrter Totenkopf - erfordert "Alien Age" nämlich einen genauen Blick, um zwischen aller fragmentierten Verspieltheit sein politisches Bewusstsein offenbaren zu können. Ein energisches Kopfschütteln mag dieses kaum repräsentieren.

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Womit wir wieder beim Knochenbruch wären: Würde sich angesichts der globalen, politischen Stimmung eher ein konfrontatives "Fuck You!" aufdrängen, liegt das Potential der großen Kunst hier eben in Möstls kluger Beobachtungsgabe. So zeigt er uns eben nicht seinen - schiefen - Mittelfinger - sondern tippt mit der gesunden Hand auf eine Akai MPC 1000. Denn gerade, wenn etwas gebrochen ist, geht es doch um's Weitermachen. (8.0) Hendrik Otremba


Hendrik Otremba ist Autor und Journalist, bildender Künstler und Sänger und Songwriter der Band Messer. Am 28. Februar erscheint sein Debüt-Roman "Über uns der Schaum".


Ty Segall - "Ty Segall"
(Drag City, seit 27. Januar)

"Oh Baby, break a guitar, I want you to be a big star": Wenn einer nicht vergessen hat, worum es im Rock'n'Roll geht, dann Ty Segall. Der Kalifornier, groß geworden in der Bay Area und inzwischen wie so viele andere Musiker nach L.A. umgezogen, weil's günstiger ist, veröffentlichte innerhalb der vergangenen zehn Jahre allein unter seinem eigenen Namen 14 Alben, dazu kamen diverse Neben- und Spaßprojekte wie die Proto-Metalband Fuzz oder das Hardcore-Experiment GØGGS.

"Ty Segall", das zweite Album nach 2008, das er nur nach sich selbst benennt, hat sich weit entfernt vom kruden, weiß rauschenden Garagenpunk der frühen Jahre. Mit den herausragenden Veröffentlichungen "Twins", "Manipulator" und zuletzt "Emotional Mugger" bewies Segall, 1987 geboren, dass er nahezu alle Retro-Spielarten virtous beherrscht, von Bluesrock bis Glam, von Psychedelic bis Folk, am Ende wurde es sogar ein bisschen gesellschaftskritisch.

Video: Ty Segall - "Orange Color Queen"

Hier ist nun zumindest vordergründig wieder purer Spaß Programm: Das brachialriffende "Break A Guitar" setzte den jovialen Ton für einen brillanten Showcase der Segallschen Songwriting-Power. Unverschämt, wie es seine Art ist, klotzt er gleich an die dritte Stelle das zehnminütige "Warm Hands (Freedom Returns)", eine mehrteilige Krachorgie, die im simmernden Mittelpart Echos aus der ganz großen Rockhistorie produziert: T-Rex, natürlich, The Who, Dr. Feelgood, "Tobacco Road", "I Want You (She's So Heavy)"

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Überhaupt Beatles, überhaupt "Abbey Road": Man muss sich Ty Segall als glücklichen Menschen vorstellen, der in der Lage ist, sich in eine Paralleldimension zu rocken, in der auf ewig 1969 ist; ein befreiender Lärm, der noch in alle Richtungen zieht, der so bösartig und gemein sein kann wie "Thank You Mr. K.", aber auch so lieblich, peaceful und poppig wie das grandiose Folk-Triple am Ende dieser irren Platte: Allein für die leichtfertige Melodieseligkeit und die lyrische Crazyness von "Orange Color Queen", "Papers" und "Take Care (To Comb Your Hair)" muss man diesen Mann lieben. Dream on. (7.9) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 5
SPIEGEL ONLINE

1. Thundercat feat. Michael McDonald & Kenny Loggins: Show You The Way

2. Sampha: Blood On Me

3. Lemur: Ballast

4. Bonobo: Kerala

5. CocoRosie feat. Anohni: Smoke 'em Out

6. Nadia Rose: Skwod

7. Alpines: Take Me To The Water

8. Kehlani: Gangsta

9. Lisa Who: Keine Rettung

10. Ty Segall: Orange Color Queen

Lemur - "Die Rache der Tiere"
(Kreismusik, seit 27. Januar)

Seine Vergangenheit im Duo Herr von Grau scheint dem Rapper Benny alias Lemur immer noch nicht ganz verarbeitet zu haben. Disste er seinen ehemaligen Kollegen Kraatz schon auf seinem Solo-Debüt "Geräusche" (2015) in einer "kleinen Hassmusik" aufs Allerderbste, lässt er auch auf seinem zweiten Album nicht locker und feiert im gleichnamigen Track seine Befreiung vom "Ballast": "Gestern ist tot und kriegt kein bisschen Mitleid".

Der Niedersachse ist weiterhin nicht auf der Welt, um sich Freunde zu machen. Sein Vertrauen in Religion, Politik oder gar ein System geht nachdrücklich gegen Null. Sein Plan: "kein Rädchen zu sein, das langsam verschleißt, sondern die Miene, die den Panzer zerreißt" ("Nichtdazugehirn"). Sein Hass, rappt er, "ist extraterrestrisch, er ist so geladen, er braucht 20 Kilo Schokolade für einen Prozentpunkt weniger auf seiner Wutskala" ("MMV").

Video: Lemur- "MMV/Ballast"

Schon seit über zehn Jahren ist der 35-Jährige beruflich mit Reimen und Beats unterwegs. Er ist ein Meister der dunklen Bässe und der düster schimmernden Klangteppiche, sein Sound ist wütend und hart, durchzogen von Galgenhumor - und manchmal so phantasievoll-bizarr wie ein Comic von Neil Gaiman. Auf "Die Rache der Tiere" spielt er seine rhetorische "Stalinorgel" und hört Stimmen, die ihm einflüstern, die Menschheit vernichten zu müssen ("MMV").

Dabei will er doch nur ein friedlicher Mensch sein! Es gibt aber so viele Fragen, die ihn treiben, so viele Beobachtungen, die er macht, und so viele Dinge, die er einfach nicht versteht, dass "Die Rache der Tiere" zum Hilfeschrei in Richtung unserer Gesellschaft wird: Was zum Teufel ist hier eigentlich los?

Die Themen, die er verhandelt, sind topaktuell: Intransparenz in Politik und Wirtschaft, Konsequenzen des Social-Media-Booms, Religionskriege, Spaltung und Misstrauen. Ton Steine Scherben zu zitieren ist da zwar nicht originell, aber schon fast eine Notwendigkeit: "Ich mach' kaputt, was mich kaputt gemacht hat", rappt Lemur in "Batterie". Aus seinem Herzen macht er dabei keine Mördergrube: "Wenn ich schon was erzähle, dann will ich auch meine Seele zur Ader lassen!", heißt es in "Geld". Das Album als Therapiestunde - allerdings nicht nur für den Künstler, auch für uns. (8.0) Christoph Leiner


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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