Abgehört - neue Musik Klappe halten, Liebe machen!

Liebe, wie geht das? Diese Frage stellt sich die britische Postpunk-Band Savages auf ihrem aufregenden zweiten Album. Außerdem in unserer Pop-Kolumne: Neues von Suede und ein Tindersticks-Film im Vorabstream.

Von und Torsten Groß


Savages - "Adore Life"
(Matador/Beggars/Indigo, ab 22. Januar)

Einfach mal die Klappe halten! Das wünscht sich nicht nur Angela Merkel, je hysterischer die öffentliche und mediale Debatte um die Kölner Silvesternacht in Richtung soziale Kälte steuert, das riefen Savages vor zwei Jahren auf ihrem Debüt-Album "Silence Yourself" auch ihrem Publikum zu: "Shut up" hieß der erste Song auf ihrer bemerkenswert ernsthaften Postpunk-Platte, und bei Konzerten machte die Frauenband um Sängerin Jenny Beth Ernst: Handyverbot! Statt in Echtzeit auf Facebook, Twitter oder Instagram unablässig schnatternd eine Simulation von Wirklichkeit zu erschaffen, sollten die Menschen innehalten, zuhören.

"Silence Yourself" war die mit Vehemenz und Lautstärke artikulierte Aufforderung, mal eine Sekunde Ruhe zu halten, nun folgt mit "Adore Life" ein behutsames Forschen danach, womit das Vakuum der Stille gefüllt werden könnte. Die Antwort mag banal klingen: "Love is the answer/ I'll go insane" - wenn Liebe nicht die Lösung ist, drehe ich durch; so formuliert es Beth in der Album-Eröffnung "The Answer". Aber wie liebt man heute, wenn echtes Gefühl zum Herzchen-Emoji geronnen ist? Was war das gleich noch, Liebe?

Die Tonart der Band ist immer noch harsch. Vor allem in der ersten Albumhälfte dominiert erneut ein Überwältigungs-Sound, befeuert aus allerlei Dystopie-Punk, Doom und Gloom der späten Siebziger und frühen Achtziger, doch je mehr sich die Unbehaustheit mit Inhalten und Lösungsansätzen füllt, desto weicher und differenzierter werden Texte und Musik; bis das vorsichtig optimistische "Mechanics" ganz am Ende komplett auf peitschende Gitarren und Bässe verzichtet. Über sich öffnenden Klangsphären allmählich abschmelzender Eiskrusten singt Beth: "I want to learn, the touch of love".

"Adore Life" ist also ein Konzeptalbum, die emotionale Bildungsreise eines Cyborgs, der fremde Dinge wie Romantik, Lust und Liebe erst kennenlernen muss und verwirrt noch ganz am Anfang des Begreifens steht, wie Alicia Vikander in Alex Garlands modernem Frankenstein-Film "Ex Machina". Es beginnt mit dem furiosen Pamphlet-Punk von "Evil", das anschmiegsam und tanzbar gegen den Konformitätszwang rebelliert, und "Sad Person", in dem sich die Protagonistin selbst ermutigen muss, Zwischenmenschliches zuzulassen: "I'm not gonna hurt myself/ Coz I'm flirting with you". "Adore" schließlich nimmt das Tempo zugunsten einer philosophischen Frage raus: "Is it human to adore life?" Sollte das tatsächlich möglich sein, das Leben nicht als jenes stinkende shithole zu betrachten, als das es sich alltäglich präsentiert?

Savages haben sich im Lauf der letzten zwei Jahre vor allem mit ihren energisch-suggestiven Live-Shows einen Ruf als postironische No-Bullshit-Band mit echten Anliegen erarbeitet. Kritiker, so ist der Zeitgeist, machen sich gerne mal über die Humorlosigkeit und den im schwarzen T-Shirt zur Schau getragenen Existenzialismus-Fetisch der Britinnen lustig. Der Evolutionsschritt von "Adore Life" öffnet nun Räume (zu hören in "Slowing Down The World" und "I Need Something New"), in denen sich der bisher kompakte, rohe Retro-Lärm von Savages zu Atmosphäre und Identität ausformen darf. Das erinnert geradezu aufdringlich an U2 vor Eno, Lanois und Pathos. Ein Vergleich mit Schweigefuchs-Imperativ. (8.6) Andreas Borcholte

Savages - "Adore"

Adore von Savages auf tape.tv.

Suede - "Night Thoughts"
(Rhino/Warner, ab 22. Januar)

Keine Frage, mit der britischen Band Suede war zuletzt nicht mehr unbedingt zu rechnen. Auf die Auflösung 2003 folgte 2010 die Wiedervereinigung, es gab, vor allem in England, umjubelte Greatest-Hits-Tourneen sowie ein, nun ja, recht ordentliches Comeback-Album, "Bloodsports". Dabei waren Suede doch eine dieser Bands, von denen man sich gewünscht hätte, dass sie mit einem ganz lauten Knall explodieren.

Die eventuell etwas zu offensichtlich am "Ziggy"-Bowie orientierten Londoner brachten in den frühen Neunzigern Cross-Dressing, sexuelle Uneindeutigkeit, Glamour und eine gute Portion Drama ins ansonsten überwiegend von ladkulturigen Biertrinkern und Fußballfans bevölkerte Britpop-Game. Und sie hatten Hits! "So Young", "New Generation", "Trash", Animal Nitrate" - alles gut gealtert. Nach den tollen ersten beiden Alben kam der Bruch mit Hauptsongschreiber Bernard Butler, der später, als Produzent, unter anderem Duffy und die Libertines betreute. Rückkehr: ausgeschlossen.

Und nun also "Night Thoughts". Als kleines Cool-Britannia-Souvenir hatte Anderson eine handfeste Heroinabhängigkeit ins neue Jahrtausend herübergerettet, inzwischen ist er seit Jahren clean, treibt Sport, hat eine Familie. Und beschäftigt sich mit den Dingen, mit denen sich Familienväter um die 50 nun einmal beschäftigen: Angst vor dem Tod, vor der Zukunft, Sorge um die Kinder, die Welt, den Schlaf. Gedanken, die in durchwachten Stunden schwerer wiegen als am Tag - und die nun die Grundlage für ein sogenanntes Konzeptalbum bilden.

Es ist Suede hoch anzurechnen, dass sie gar nicht erst den Versuch unternehmen, eine berufsjugendliche Neuauflage ihrer Neunziger-Version abzuliefern. "Night Thoughts" ist eine im besten Sinne erwachsene Platte. Das Drama und der hohe Aufregungsgrad der frühen Jahre sind einer elegisch-substanziellen Betrachtungsweise gewichen, die ein periodisch aufflackerndes Pathos-Gewitter ebenso gut verträgt wie die dunkelmelancholische Grundierung beinahe aller Songs.

Drei Jahre haben Suede an "Night Thoughts" gearbeitet, was vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass die Musiker das Album als ganzheitliches Werk und nicht als eine Sammlung von Songs komponierten: Dialogische Schnipsel, sphärische Schlieren und angedeutete Melodien verbinden zentrale Songs wie "Outsiders", das famose "Like Kids" oder das melodramatische "I Don't Know How To Reach You". Insofern ist es zwar möglich, einzelne Songs aus diesem Album isoliert zu hören, aber vollkommen sinnlos. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb es keine traditionellen Musikvideos gibt, sondern einen begleitenden Film, der wiederum ein die Themen des Albums illustrierender Endlos-Clip ist.

Brett Anderson singt über plötzlichen Kindstod, das Drama des eigenen Alterns, die Zyklen des Lebens. Er tut das so eindringlich und vehement, so verletzlich und zugleich trotzig, dass es einem den Atem raubt. Beste Suede-Platte seit "Dog Man Star", gar kein Zweifel! (8.5) Torsten Groß

Suede - "Night Toughts"

Suede: Night Thoughts auf tape.tv.

Tindersticks - "The Waiting Room"
(City Slang/Universal, ab 22. Januar)

Ein Wartezimmer, das ist ein kongeniales Bild für die Musik der Tindersticks. In den mit berührend brüchiger Stimme vorgetragenen Texten des in Frankreich lebenden Briten Stuart A. Staples geht es oft ums Kontemplieren, ums Schweifenlassen der Gedanken und ums genüssliche oder auch qualvolle Ausbaden von Gefühlen, nostalgischen wie aktuellen. Die Musik der seit einiger Zeit in neuer Besetzung reformierten Band, 1991 in Nottingham gegründet, ist cineastisch im besten Sinne: Sie erschafft emotionale Assoziationsräume, in denen die Zeit stillzustehen scheint: Jede Träne fließt in Zeitlupe, Staubpartikel und einsame Frauen tanzen träge im Zwielicht, gebettet auf warme, fließende, melancholische Orchester-Klänge. Traurige Männer sitzen an Holztischen und trinken Rotwein, viel Rotwein.

Nur folgerichtig also (und mega im Trend, siehe Suede-Rezension), dass es erstmals einen Begleitfilm zu einem Tindersticks-Album gibt (den Sie sich am Ende der Rezension ansehen können!). Entstanden ist er in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Kurzfilm-Festival in Clermont-Ferrand und enthält unter anderem Segmente von Staples selbst sowie der Regisseurin Claire Denis, deren Filmsoundtracks regelmäßig von der Band erarbeitet werden. Es fügen sich also die visuellen und auralen Aspekte des Projekts Tindersticks endlich zusammen. Das ist schön, nimmt aber auch etwas von der Magie, die immer auch dadurch entstanden ist, sich zu Staples' Gesang eigene Assoziativgemälde zu entwerfen.

"The Waiting Room" ist erst das dritte Album mit neuen Songs seit sich die Gründungsmitglieder Staples, Neil Fraser und David Boulter 2009 nach längerer Pause zu einer neuen Version der Tindersticks zusammenfanden. Ein durchgängig dringliches Werk wie "The Something Rain" (2012) ist es nicht, dafür gibt es überraschende Duette (mit Savages-Sängerin Jenny Beth und der verstorbenen französischen Chanteuse Lhasa de Sela) sowie eine instrumentale Adaption des Liebesgesangs "Follow Me" von Bronislau Kaper und Paul Francis Webster aus dem Abenteuerfilm "Meuterei auf der Bounty" von 1962. Viel Kino, viel Kunst-Anspruch, viel erhabene Schönheit; die Tindersticks sind ganz bei sich angekommen. Vielleicht sogar etwas zu sehr: Im Wartezimmer geht es ja eigentlich immer auch darum, im Transit zu sein. (7.5) Andreas Borcholte

Tindersticks - "The Waiting Room Film Project"
Fat White Family - "Songs For Our Mothers"
(Pias Cooperative/Rough Trade, ab 22. Januar)

Muss man die ernstnehmen? Auf ihrem Debüt "Champagne Holocaust" klang die Fat White Family aus London noch wie eine auf Polit-Provokation gebürstete Brit-Version der notorischen Bloodhound Gang. Sexuell explizite Songs wie "Is It Raining In Your Mouth" oder "Cream Of The Young" wurden auf der Bühne gerne mal mit Masturbationsgesten und dem großzügigen Verteilen diverser Körperflüssigkeiten illustriert. Auf "Songs For Our Mothers" klingt die Band um Sänger Lias Saoudi und Gitarrist Saul Adamczewski nun allein musikalisch etwas weniger pubertär, und auch die Songtexte haben sich politischeren Dingen zugewandt.

Was nicht heißt, dass es weniger saftig zugeht. Im Gegenteil. Im Video zur Single "Whitest Boy On The Beach", das sich mit lässigem Disco-Drive an Pulps "Common People" heranwanzt, eine heilige Reliquie der Pop-Szene, werden kurzgeschorene Nazis mit rohem Fleisch im Darkroom-Bunker gedemütigt. Fascho-Ästhetik hat es der Band angetan, die sich selbst als stramm links bezeichnet, sich aber auf der neuen Platte genüsslich mit suggestiven Songtiteln wie "Duce", "Lebensraum" oder "Goodbye Goebbels" schmückt. Worum es in den Texten genau geht? Das versinkt im zumeist lethargisch-bedröhnten Wabern der Musik, die auch den Gesang hinter einem Schleier aus Hall und White Noise verbirgt. Textblatt oder genaues Hinhören sind also angesagt, wenn man den Inhalten auf die Spur kommen will.

Aber geht es darum wirklich? Und will man über Provo-Textzeilen wie "Sister Tina don't be shy, patience is starting to bruise / Better spread that nutbush wide" wirklich länger nachdenken? Kann man, muss man aber nicht. Im Titel "Songs For Our Mothers" verbirgt sich bereits die rebellische Attitüde, mit der man sich zur Fat White Family verhalten sollte: Das Vexierspiel mit der politischen Unkorrektheit hat Methode und will eher empören als informieren. Mit ihrer Nazi-Koketterie und Songs über brutalistische Sex-Praktiken ("Love Is The Crack") oder den britischen "Dr. Death" Harold Shipman ("When Shipman Decides") werfen sie Biedermännern und Moralwächtern die Tabu-Themen gleich kübelweise zum Fraß vor, charmant unterspielt von einer verführerischen Irrenhausmusik. Spiel' das seiner Mutter vor, und sie wird dich an den Ohren zum Pastor zerren, um den Teufel austreiben zu lassen. Immerhin: So viel Punk war lange nicht. (6.9) Andreas Borcholte

Fat White Family - "Whitest Boy On The Beach"

Whitest Boy On The Beach von Fat White Family auf tape.tv.

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insgesamt 1 Beitrag
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paysdoufs 25.01.2016
1. Zwei Daumen hoch für Suede
Und keine Angst: Die herausragenden (schnelleren) Nummern können trotzdem "standalone" auf mix tape...
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