Abgehört - neue Musik Für die einsamen Stunden im Kanzleramt

Es geht um Liebe, aber es ist kompliziert: Die neue Platte des Mannheimer Melancholikers Get Well Soon ist das Popalbum der Stunde - hören Sie hier "Love" im exklusiven Vorab-Stream! Außerdem: endlich Neues von Sia.

Von und


Get Well Soon - "Love"
(Caroline Records/Universal, ab 29. Januar)

"It's love… and I can't get rid of it", singt Konstantin Gropper alias Get Well Soon in einem der besten, ausschweifendsten, sehnsüchtigsten und spannendsten Songs auf seinem vierten Album. Im zugehörigen Video gibt Udo Kier den prototypischen deutschen Musterbürger - der im Keller seines schmucken Einfamilienhauses eine junge Frau gefangen hält. Ach ja, die Liebe ist ein Wechselbalg, mal zum Niederknien edel und schön, mal ein Monster mit Hackfresse.

Um die Auslotung dessen, was zwischen diesen Extremen passiert und wie man damit als 33-Jähriger (oder 33-Jährige, im gleichnamigen Song) umgeht, geht es auf "Love". Was ist Liebe? "It's a Mess", "It's a Catalogue", "It's a Tender Maze", "It's an Airlift", "It's a Fog", betitelt Gropper seine neuen Songs, oder halt schlicht "It's Love"; die persönliche und zugleich universelle Bestandsaufnahme eines der bemerkenswertesten Musiker und Songschreiber, die Deutschland zu bieten hat.

Groppers im besten Sinne cineastischer Breitwand-Sound kann auf internationaler Ebene nicht nur mit den Tindersticks oder britischen Lakonikern wie Paddy McAloon mithalten, wenn es darum geht, mit melancholisch aufseufzender Geste zu illustrieren, dass in jeder Wonne immer auch ein Weh wohnt.

Zugleich bleibt er dabei dann doch so deutsch wie der mit Laubsauger im Vorgarten stehende Spießbürger, den Gropper im "It's Love"-Video verkörpert: Die Schwermut des Mannheimers bleibt auf unnahbare Weise akademisch und ein bisschen zu kontrolliert, so als würde man sie nur durch eine schützende Folie oder unter Aufsicht von Fachpersonal betrachten dürfen.

Dazu passt auch das Cover mit dem Biedermanngemälde von Friedrich Gauermann: Der vornehme Spießbürger triumphiert über die Gefühlsanarchie des wilden Romantikers und flüchtet vor den Wirren der Zeit in Restauration und die Ästhetik des Musealen. Doch die Bärenszene ist nur vordergründig ein Naturidyll. Und Groppers wie immer opulent und klassisch instrumentiertes Album ist nur auf den ersten Blick ein Anbiedern an den neobürgerlichen Hobbykoch- und Kunstauskenner-Zeitgeist der überlegen schmunzelnden Schulz-und-Böhmermann-Fangemeinde (für deren Sendung Gropper den Titelsong komponierte).

"Love" ist kein Rückzug ins Private, sondern eine Erforschung im Sinne der Aufklärung. Gropper horcht und sinniert und tastet sich durch dieses schattenreiche Milieu wie ein Film des französischen Altmeisters Claude Chabrol. "Love" ist der Soundtrack zur schwierigen Stunde, eine nach dem Humanismus der deutschen Seele suchende Pop-Platte, die sich Angela Merkel zum Trost im einsam gewordenen Kanzleramt auflegen wird: Liebe ist doch alles, was wir haben, auch wenn es manchmal kompliziert ist. (8.7) Andreas Borcholte

Get Well Soon - "Love" (Albumstream)

Get Well Soon: Love (Albumstream) auf tape.tv.

Sia - "This Is Acting"
(RCA/Sony, ab 29. Januar)

Müsste man ein Organigramm der modernen Popwelt zeichnen, würden so viele Pfeile auf den Namen Sia Furler zeigen, dass sich drumherum ein hässlicher schwarzer Fleck bilden würde. Sie hat unter anderem mit Christina Aguilera, Beyoncé, Flo Rida, Rihanna, The Weeknd und David Guetta gearbeitet. Mit ihrem siebten Album "This Is Acting" kommen noch Adele, Tobias Jesso Jr., Jack Antonoff und Kanye West dazu.

Das Problem, wenn alle mit allen arbeiten, ist natürlich, dass dann alle wie alle klingen. Genau das Problem hat Sia oft genug bei ihren Soloprojekten. Ob sie einen eigenen Song singt oder von David Guetta gefeatured wird, macht soundtechnisch keinen Unterschied. Und im Zweifelsfall greifen die Leute eher zum Guetta-Album.

Reichlich verwechselbar startet denn auch "This Is Acting". "Bird Set Free", "Alive" und "Unstoppable" sind die Art von EDM-Selbstermächtigungs-Hymnen, die mit großer Geste erklären, sich gegen alle Widerstände durchgesetzt zu haben; ohne sagen zu können, worin genau das Problem bestand. Im aktuellen Pop scheinen alle Frauen irgendwie ein "Survivor", "Fighter" oder ganz generell "Anti" zu sein.

Offenbar weiß Sia aber, dass das Unsinn ist, und hört nach "Unstoppable" mit dem Quatsch auf: "Cheap Thrills" ironisiert hübsch die Bling-Blingisierung von Dance-Musik textlich ("I don't need money/ As long I can feel the beat"), aber auch akustisch mit sanftem Dancehall-Einschlag. Der gemütlich gezupfte Bass der Kanye-West-Koop "Reaper" erdet Sias sich schnell in dramatischste Höhen schraubende Stimme aufs Angenehmste. Die Midtempo-Power-Ballade "House of Fire" hätte nicht ganz zufällig auch auf dem letzten Grimes-Album Platz finden können; hier hat Jack Antonoff, der an Grimes' Hit "Realiti" beteiligt war, mitgeschrieben. Und zum zuckenden Funk-Breakbeat von "Sweet Design" lässt sich prima alles schütteln, was einem die Mutter gegeben hat.

Was sich sonst noch alles mit Sias Ausnahmeorgan anstellen lässt, beweist der letzte Song "Space Between". Ihre voluminöse Stimme und eine hallige Gitarre treiben sich darin gegenseitig an, ohne in einen Überbietungswettbewerb zu treten. Klanglich öffnet sich so ein weiter emotionaler Raum, der durch einen wunderbar analogen Sound zusätzlich gewärmt wird. Ebenso gediegen wie reduziert. In "Space Between" ist Sia nun wirklich das, was sie vorher nur vorgab zu sein: unaufhaltbar. (7.0) Hannah Pilarczyk

Sia - "This is Action"

Sia: This is Acting auf tape.tv.

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Eleanor Friedberger - "New View"
(Frenchkiss Records/Membran, seit 22. Januar)

Nach knapp 15 Jahren, die Eleanor Friedberger in Brooklyn verbrachte, zog die aus Illinois stammende Sängerin und Songwriterin vor Kurzem raus aufs Land. Sie hätte nicht das Gefühl, es in New York zu etwas gebracht zu haben, sagte sie in einem Interview.

Das ist natürlich relativ, denn zunächst feierte sie zusammen mit ihrem Bruder Matthew Achtungserfolge mit der Band Fiery Furnaces, war mit Indie-Promis wie Britt Daniel (Spoon) und Alex Kapranos (Franz Ferdinand) zusammen - und ließ sich zuletzt von Pop-Kritikern für ihr lakonisches Anekdoten-Album "Personal Record" feiern.

"New View" ist also nicht nur im Titel Programm, sondern entstand auch im Umzugsprozess zwischen Stadtleben und einem beschaulicherem Dasein upstate New York. Friedberger, die dieses Jahr 40 wird, wohnt nun quasi auf heiligem Grund der Rockgeschichte: Nicht weit entfernt, in Stone Ridge, lebte einst David Bowie, Todd Rundgren und Warren Zevon trieben sich auch dort herum, und in Woodstock hauste bekanntlich Bob Dylan, in dessen Keller sich dann The Band formte.

Das ist vielleicht auch total irrelevant für Eleanor Friedberger, die nun ein weiteres Album mit manchmal melancholischen und sarkastischen Popsongs aufgenommen hat, von denen die meisten in Los Angeles zusammen mit ihrer hervorragenden Studio-Band arrangiert wurden. Instant-Hits wie "He Didn't Mention His Mother", "Sweetest Girl" oder die an Crosby, Stills & Nash erinnernde Ballade "Never Is a Long Time" stammen eindeutig aus einem urbanen Indie-Umfeld und wissen von Pavement ebenso zu erzählen wie von den Pretenders.

Doch in Wahrheit ist es mit Friedberger wie mit Wilco: Ihre klassisch arrangierten Songs klingen mit all den vertrauten Orgeltönen und Gitarrenakkorden warm und altmodisch nach Siebzigerjahre-Rock, aber trotzdem kantig und modern. Leichtsinnig und erwachsen zugleich. Diese Songs werden, je gelassener der Blick auf die City und den ganzen oberflächlichen Trubel, immer besser. (8.0) Andreas Borcholte

Eleanor Friedberger – "He Didn’t Mention His Mother"

He Didn't Mention His Mother von Eleanor Friedberger auf tape.tv.

Ty Segall - "Emotional Mugger"
(Drag City/Rough Trade, seit 22. Januar)

Schon wieder ein neues Album von Ty Segall? Ich höre Sie, lieber regelmäßiger Leser dieser Kolumne, lauthals gähnen: Den habt Ihr doch schon gefühlte dreißigmal besprochen, also eigentlich immer dann, wenn er mal wieder einen Furz gelassen hat. Ha! Mitnichten, könnte ich jetzt einwenden, denn gerade die beiden Alben, die Segall mit seinem, äh, Power-Trio Fuzz aufgenommen hat - das letzte erschien 2015 - haben wir mal weg gelassen.

Aber es stimmt schon: Was sollte nach dem wuchtigen Meisterwerk "Manipulator" noch Relevantes kommen von dem Garagenpunk-Guru aus San Francisco? Zum Beispiel "Emotional Mugger", das Segall mit einem komplett neuen Team aufgenommen hat (neben den alten Kumpels Mikal Cronin und Charles Moothart sind auch King Tuffs Kyle Thomas, Cory Hanson und Evan Burrows von Wand sowie No-Age-Produzent F. Bermudez dabei).

Erstmals formuliert Segall auf einem Album so etwas wie eine Meta-Erzählung. Es geht um die Reizüberflutung durch das Internet und den Kommunikations-Overload: "American Nightmare/ Guilty generation/ Fingers on the pulse of their parents' alienation/ From the history of Western civilization", doziert er leiernd in "California Hills"; ganz im Sinne des alten Hippie-Kulturpessimismus seiner Heimatstadt.

Den allgemeinen Gesellschafts-Fuckup, die im Titel annoncierte Gefühlsvergewaltigung, illustriert Segall mit Geschichten über Junkies, Petzen ("Squealer") und andere vermurkste Existenzen. Die Musik klingt entsprechend zerhackt, am deutlichsten im großartig verstotterten "Mandy Cream", das gegen Ende zusammenbricht und in einen neuen Groove taumelt. Segalls Gitarre kratzt so nadelstichig und brutal, dass sie im Ohr schmerzt.

Der Sound ist unbarmherzig und kalt, uncomfortably numb: ein verstörender Sound aus Velvet-Underground-Smugness und, ja, Marilyn Manson. Dessen Namensvetter Charlie würde wohl vor allem der im wahrsten Sinne pfiffige Kindermitschnack-Song "Candy Sam" gefallen. Selbst das eigentlich optimistische Anti-ADHS-Statement "Diversion" der Equals verzerrt sich hier zum Hospitalismus-Horrorschocker. Helter Skelter, Baby. (7.9) Andreas Borcholte

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
event.staller 26.01.2016
1. Für einsame Stunden?
Wie haben Sie das gemeint? Aufmunternd ist dieses Musik-Angebot ja nicht. Selbst für gemeinsame Stunden taugen diese Werke nicht - zumindest nicht für meinen Geschmack. Wenn schon Melancholie, dann lieber gekonnt von Adele - Hello?
la-ge 26.01.2016
2. Melancholie
Bei Melancholie sich lieber an Adele halten als zum Beispiel an Get Well Soon? Also bei mir steigt die Vorfreude auf das (vierte) Get Well Soon Album nach gelesenem und gehörtem gerade extrem. Und ich liebe Melancholie.
AliceAyres 26.01.2016
3.
Ich hatte ja gehofft, dass das neue Get Well Soon-Album besprochen wird. :-) Ich habe Gropper im Unterschied zu vielen anderen deutschen Musikern bzw. Bands nie als besonders akademisch und kontrolliert empfunden. Im Gegenteil, seine Musik hatte auf früheren Alben teilweise etwas selbstverloren Ekstatisches. Ich würde mir von ihm mal die Musik zu einem großen Film wünschen, nicht nur einzelne Songs, wie bei 'Oh Boy'. Und bitte auch kein Wenders-Film. Den Bezug zu Paddy McAloon hatte ich für mich noch gar nicht hergestellt, aber er leuchtet unmittelbar ein. Ich hoffe sehr, dass von Prefab Sprout trotz McAloons schwindender Gesundheit noch mal ein Album kommt. 'Crimson/Red' fand ich zum Niederknien schön. Wenn man sich diesen fast tauben Zausel anschaut, kann man gar nicht glauben, dass auf dem letzten Album seine Stimme zu hören ist. Er klingt immer noch wie ein 20-jähriger und ist von einer Lebendigkeit, die sprachlos macht. Gropper mit ihm zu vergleichen ist insofern ein bisschen unfair.
dresdnerdanny 27.01.2016
4. Noch 2 Tage
Also ich bin ja schon richtig gespannt auf das komplette Album von Sia, die bisherigen Auskopplungen gefallen mir bis jetzt schon richtig gut. Besonders "Reaper" hats mir sehr angetan. Auch gespannt bin ich auf das neue Studio Album von Miss Gaga. Mal schauen welche Überraschungen mich da erwarten, Kanns auf jeden Fall kaum noch erwarten. Adele ist für mich zu eintönig. Bis jetzt gefallen mir von ihr nur "Set fire to the rain" und "someone like you" ales andere gefällt mir garnicht. Mal schauen wann Lana Del rey was neues bringt. Ach ja Pink könnte ruhig auch mal was neues abliefern
steppenrocker 27.01.2016
5. Get Well Soon ...
... mit Paddy McAloon oder den Tindersticks zu vergleichen ist nicht nur unfair, das ist schlicht mindestens eine Nummer zu groß. Mit denen kann der sicherlich wirklich gute Herr Gropper im Leben nicht mithalten. Er ist eher in einer Liga mit Naked Lunch oder Miles.
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