Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Auf kaum ein Pop-Debüt wartete man gespannter als auf das von Sky Ferreira. In den USA ist es bereits erschienen, hier noch nicht. Lesen Sie trotzdem schon jetzt, wie es geworden ist! Außerdem: Eine triste Liebeserklärung von Milosh, ein Achtel Lorbeerblatt von Reinhard Mey und alles, alles, alles von Cabaret Voltaire.

Von und Jan Wigger


Sky Ferreira - "Night Time, My Time"
(Capitol/EMI/nur Import, seit 29. Oktober)

Liebe Abgehört-Leser, bevor Sie sich empören, dass Sie dieses Album in Deutschland noch nicht einmal als legalen Download kaufen können, sondern auf die Import-Cleverness Ihres Plattenhändlers vertrauen müssen: Verantwortlich ist die merkwürdige Veröffentlichungspolitik der Plattenfirma Universal, die das in den USA vor Wochen erschienene Album gar nicht oder, wie man munkelt, irgendwann im Frühjahr in Deutschland herausbringen will. Wir finden aber, diese Platte gehört in dieses Pop-Jahr. Und deshalb bekommen Sie jetzt und hier die Rezension. Schuld an allem ist sowieso Michael Jackson.

Hä? Genau. Der verstorbene King of Pop war einst ein Arbeitskollege von Sky Ferreiras Großmutter und hing folglich öfter mal bei Ferreiras zuhause in Venice Beach rum. Für die kleine Sky, die schon als Kind gerne sang, war er wahrscheinlich schlicht Onkel Mike. Der nette Onkel mit der komischen Nase gab den Eltern dann aber den Tipp, aus dem Gesangstalent der Tochter etwas zu machen und schlug einen Gospelchor vor. Und so wurde eine richtige Sängerin aus Sky. So weit so gut. Es hätte auch alles wie im Märchen weitergehen können, denn schon mit 15 wurde sie dank MySpace-Aktivität vom Songwriter-Duo Bloodshy & Avant (Miike Snow) entdeckt, bald darauf erhielt sie von EMI einen Plattenvertrag. Das Label wollte die mit Elektro-Sounds experimentierende Newcomerin als neue Britney aufbauen, erste Singles wurden veröffentlicht, ein Album angekündigt. Das ist inzwischen allerdings drei Jahre her. Die Star-Maschine der Musikindustrie geriet ins Stocken, Künstlerin und Label stritten sich über Songs und Image, eine vielversprechende Karriere schien beendet, bevor sie begonnen hatte.

Nun ist die Verzögerung von Debüt-Alben, auf die man zuvor so richtig heiß gemacht wurde, kein neues Phänomen in der Internet-getriebenen Popwelt: Hier ein Video, dort ein Mixtape oder eine Single - fertig ist der Hype. Aber das Album? Puh, ja, wir arbeiten dran. So war es allein in diesem Jahr bei Sängerinnen wie Charli XCX oder der Band Haim, die letztlich mehr oder minder überzeugend ablieferten. Auf die lange erwarteten Debüts von Iggy Azalea, Azealia Banks oder Angel Haze wartet man hingegen auch schon länger als ein Jahr. Dass ausgerechnet Sky Ferreira, die Mutter aller Album-Delays, nun endlich mit ihrer Platte herauskam, grenzt an ein Wunder. Und dann ist die auch noch gut!

Denn Thema dieser zwischen aktuellem Radio-Pop, Glamrock, Riot Grrl und John-Hughes-Soundtracks oszillierenden Platte ist, natürlich, die als ewiges next big thing vergurkte Teenager-Zeit Ferreiras. Sie wurde in der Zwischenzeit zur Medienpersönlichkeit, modelte für Calvin Klein, ließ Videos von Terry Richardson drehen, eroberte die Klatschspalten als Party-Stammgast - und wurde zuletzt, sehr glamourös, auch noch zusammen mit Boyfriend und Sänger Zachary Cole Smith (DIIV) wegen Heroinbesitzes verhaftet. Auf dem Cover von "Night Time, My Time" ist sie nun ganz nackt unter der Dusche zu sehen. Die Fotografie machte Frankreichs Regie-Wilder Gaspar Noe, und sie verströmt trotz nackter Brüste keinerlei Erotik. Im Gegenteil: So erbärmlich sieht hinter der Schminke und Fassade wohl der Mensch aus, der ständig im Licht der Öffentlichkeit steht.

"Nobody Asked Me (If I Was Okay)" heißt der selbstbewusst rotzig vorgetragene Poprock-Song (etwa: Shirley Manson trifft Joan Jett), der die ganze Dramatik auf den Punkt bringt, gefolgt von "I Blame Myself", in dem sich Ferreira sich die Schuld an ihrer Misere letztlich doch allein aufbürdet. Allein diese beiden zwischen Wut und Demut changierenden Songs sind ehrlicher und berührender als die vielen Pseudo-Offenbarungen anderer vom Glamourleben geplagter Pop-Diven, die dieses Jahr zu hören waren, ob von Rihanna, Miley Cyrus, Katy Perry oder Britney Spears.

"I remember people kept telling me I was difficult, like not the people I worked with, but record label people. They thought I was crazy and difficult when I wasn't. I just didn't want to completely sell-out. I wasn't willing to do everything they wanted me to do because that wasn't me and I didn't want to lie and fake something for the rest of my life. Once you do that, there's no turning back", sagte Ferreira unlängst in einem Interview. Mit "Night Time, My Time", das hauptsächlich von In-Produzent Ariel Rechtshaid (Haim, Vampire Weekend, Solange) betreut wurde, gießt sie das Unrecht und Unglück, das ihr widerfahren ist, in kühle, rachsüchtige, aber eben nicht larmoyante Songs, deren Inhalt direkt aus einem Sofia-Coppola-Skript stammen könnte: Die Probleme reicher Glitzerkinder eben.

Manches ist etwas awkward ("Heavy Metal Heart", "Omanko"), wenig reicht an die große Soul-Traurigkeit der hier nicht enthaltenen Single "Everything Is Embarrassing" heran, ihren bisher vielleicht größten Pop-Moment. Dafür begeistert "24 Hours" als große Hommage an "Breakfast Club" und Belinda Carlisles Achtziger-Pop, "Love In Stereo" durch betörende Lakonie und der abschließende Titelsong als verruchter TripHop-Bolero. Damit dürfte sich Ferreiras größter Wunsch erfüllt haben: dass man sie nicht mehr nur als It-Girl wahrnimmt, sondern als Musikerin, die ihre eigenen Ideen letztlich wohl durchgesetzt hat - und immer noch ihren Majorvertrag besitzt. Ab hier ist alles offen, kann Sky Ferreira alles werden. Nur keine neue Britney. Gut so. (7.9) Andreas Borcholte

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Milosh - "Jetlag"
(Deadly/Groove Attack, ab 13. Dezember)

Jetlag ist dieses unvergleichlich schöne Gefühl, wenn sich Übermüdung und Desorientierung zu einer tiefgreifenden Melancholie verdichten. Man sitzt dann in charakterlosen Hotelzimmern oder nüchternen Airport-Wartebereichen herum und betrachtet aus dieser Tristesse heraus alles und jeden mit Schwermut und Sentimentalität. Alles ist zum Heulen, alles fasst einen irgendwie an, und selbst die Erinnerungen an einen gerade eben frisch verliebt verbrachten Urlaub überziehen sich mit grauen Schleiern: Wie lange wird das Glück wohl währen? Werden wir nochmal so ausgelassen durch europäische Altstädte turteln? Geht es von hieran bergab?

"Come on, hold me in this space, before I lose this feeling", singt Michael Milosh in "Hold Me", einem der Songs, die er für sein Album "Jetlag" schrieb. Es ist nicht sein Debüt, wie man denken könnte, wenn man Milosh nur als Sänger des in diesem Jahr bei Kritikern erfolgreichen kanadischen Duos Rhye kennt. Der Mann, zwischenzeitlich in Berlin lebend, heute in L.A., macht schon seit Jahren schön karge Moodmusik und minimal-elektronischen Soul, irgendwas zwischen Brian Eno, Talk Talk, Washed Out und Radioheads "Amnesiac", was also gar nichts mit dem lasziven R&B-Derivat von Rhye zu tun hat. Während er dort als Sänger oft wie eine dieser Quiet-Storm-Diven klingt, also Sade oder Sia Furler, ist sein Auftritt als Solist nüchterner, wirkt eher verloren statt verführend. Manchmal singt Milosh gar keine Wörter, sondern lässt den Nachklang einzelner Gesangstöne einfach nur ins Unendliche ausklingen, bis sie sich mit den fragilen E-Piano-Melodien oder ambienten Synthie-Flächen zu einer ätherischen Sehnsuchtsmusik verbinden. Dabei ist "Jetlag" eigentlich eine Liebeserklärung an seine Ehefrau, die hinreißend niedliche US-Schauspielerin Alexa Nikolas (u.a. "The Walking Dead"), die auch in den Video-Clips zu "Slow Down" und "This Time" die Hauptrollen spielt. Letzteres ist ein Urlaubsvideo vom letzten Europa-Trip des Pärchens, dessen Ausgelassenheit extrem mit den Moll-Akkorden der Musik kollidiert. Im Clip zu "Slow Down" sieht man Nikolas weinend am Steuer eines Autos, Destination unbekannt. Je flüchtiger die Freude, desto mehr sollte man sie feiern, davon erzählt diese zugleich traurige und tröstende Musik für Transitreisende. (7.0) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

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Reinhard Mey - "Jahreszeiten (1967-2013)" (Box-Set)
(Odeon/Universal, ab 20. Dezember)

Erst letzte Woche, im Wartezimmer des Internisten, durften wir sie wieder begrüßen, die alte Diskussion: Was wäre unverzeihlicher bei einem äußerst wichtigen ersten Date? 1. Nach der lieblosen Bestellung beim Pizzadienst führt man die Frau zu seinem Auto und zeigt ihr gnädig folgenden Heckaufkleber: "Bitte nicht hupen - Fahrer träumt von Dashboard Confessional." 2. Man schenkt nach, säuselt wie von Sinnen "Ich hätte da auch noch was ganz Feines für dich!" und legt "Menschenjunges" von Reinhard Mey auf. "Menschenjunges, dies ist dein Planet/ Hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket/ Freundliches Bündel, willkommen, herein/ Möge das Leben hier gut zu dir sein/ Da liegst du nun also endlich fertig in der Wiege/ Du bist noch ganz frisch und neu …", etc..

Man kann diese Zeilen, diesen Song, der ja vollkommen cringeworthy ist und den man bedauerlicherweise noch aus Kindertagen kennt, einfach nicht ertragen: In "Menschenjunges" killt Meys allzu betulicher, gönnerhafter Vortrag die eigentlich empathische Botschaft. Einer der vielen, vielen Ausreißer nach oben dagegen bleibt "Hauptbahnhof Hamm", das der Künstler Mitte der sechziger Jahre schrieb, nachdem er einmal spätabends mit dem Zug von Bergkamen nach Hamm fuhr. Die wunderbare Bildersprache, der Geruch von verwelkenden Blumen, der kleine Kiosk als Basar, das letzte Glas im Wartesaal und Mey mittendrin, ein seltsamer Reisender, ein brillanter Texter. Auch "Komm, gieß mein Glas noch einmal ein" war in warmen Sommernächten ein Klassiker, so anregend und lebenssatt wie das ausführliche Mahl am langen griechischen Tisch in Richard Linklaters "Before Midnight". Abschiede, Neubeginne, das stille Vor- und Zurückblicken, das Leben mit sich selbst und nicht zuletzt die Familie blieben große Themen in Meys Werk, das mit dem unschuldigen "Ich wollte wie Orpheus singen" begann und noch immer ("Dann mach's gut") fortgeführt wird. Weil die herkömmlichen Best-of-Kopplungen nicht ausreichen, gibt es nun "Jahreszeiten": alle 26 Studioalben, entweder als Deluxe-Ausgabe (Kunstdruck, 100-seitiges Begleitbuch, TV-Porträts und Auftritte, von Mey interpretierte Stücke anderer Liedermacher) oder in den vier Dekaden-Boxen (1967-1977, 1978-1988, 1989-1999 und 2000-2013). Sein Achtel Lorbeerblatt vom Leben. (7.6) Jan Wigger

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Cabaret Voltaire - "#8385 (Collected Works 1983-1985)"
(Mute/Goodtogo, seit 1. November)

Ich meine mich zu erinnern, dass es "Musikexpress"-Redakteur Oliver Götz war, der mir damals die herausragende Eve-Wood-Dokumentation "Made In Sheffield" empfahl. Während ich "Penthouse And Pavement" (Heaven 17), "Dare" (The Human League) und "The Lexicon Of Love" (ABC) bereits liebte, waren Cabaret Voltaire immer ein blinder Fleck, ein von mir warum auch immer stiefmütterlich behandelter Nebenschauplatz geblieben. Durch den Film änderte sich alles, ich hörte monatelang nur noch Cabaret Voltaire und behauptete auf einer der wenigen Geburtstagsfeiern, auf die man mich noch einlud, todesverachtend, dass es vollkommen egal sei, welche Cabaret-Voltaire-LP zwischen "Mix-Up" (1979) und "The Covenant, The Sword And The Arm Of The Lord" (1985) man auch kaufe (damals kaufte man noch Platten, d. h., man betrat persönlich einen sogenannten Plattenladen, tauschte sich mit dem Verkäufer aus und ging mit mindestens einem Album nach Hause, das man eigentlich auf gar keinen Fall hatte erstehen wollen), sie seien alle gleich toll. Cabaret Voltaire waren: kalt, entblättert, kahl, versteppt, herausfordernd, unbeeindruckt, visionär, warm, gütig, stoisch, unter Hypnose, ätzend, inspirierend, abweisend, gefühllos und voller Gefühl. Müsste ich mich zwischen Fad Gadget, The Normal, Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire entscheiden - ich wählte immer Mallinder, Kirk und Watson. An dieser Stelle wäre es richtig dumm, Ihnen mitzuteilen, dass die "Collected Works 1983-1985", die nun im schweren Vinyl-Karton (6 CDs, 2 DVDs, 40-seitiges Buch) erschienen ist, "nur was für Spezialisten" sei. Nein, die Studioalben, zwischen 1983 und 1985 veröffentlicht, eignen sich perfekt sowohl für den Novizen als auch für einen Bekannten von mir, der And One (!) für die Krone der Schöpfung hält. (8.6) Jan Wigger

"Sensoria"-Videoclip von Cabaret Voltaire auf tape.tv ansehen

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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