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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche

Von und

Sorry, wir wären gern origineller und würden was Böses schreiben, aber: Auch wir finden das neue Album von Sleater-Kinney hervorragend. Außerdem: Neues von Mark Ronson, The Decemberists und Soul-Newcomer Curtis Harding.

Liebe Abgehört-LeserInnen,

Jan Wigger macht Pause. Nach sagenhaften 13 Jahren im unermüdlichen Einsatz lässt mein stets hochgeschätzter Mitkolumnist seine Tätigkeit als Abgehört-Kritiker auf eigenen Wunsch ruhen. Bis auf Weiteres lesen Sie daher an dieser Stelle wechselnde Gastbeiträge. Heute von meinem SPIEGEL-ONLINE-Kollegen und "Musikexpress"-Autor Felix Bayer. Herzlich, Ihr Andreas Borcholte

Sleater-Kinney - "No Cities To Love"
(SubPop/Cargo, seit 16. Januar)

"Now is the time to invent", jetzt müsst ihr Euch erfinden, ermahnte Carrie Brownstein ihre Hörerinnen vor 15 Jahren in "#1 Must Have", einem Song, der wie eine bittere Bilanz aus zehn Jahren Riot-Grrrl-Bewegung wirkte. Die Zeile "Watch me make up my mind instead of my face" konstatierte genervt, dass Mädchen-Rockbands auch zur Jahrtausendwende noch immer vorrangig mit männlich-sexistischem Blick als Mädchen betrachtet wurden, nicht so sehr als ernstzunehmende Musiker. Der Rockkritiker Greil Marcus knüpfte wenig später daran an, als er Sleater-Kinney im "Time"-Magazin demonstrativ als "Amerikas beste Rockband" adelte - ohne Geschlechtereinschränkung.

Umso erfreulicher, dass Sleater-Kinneys Comeback-Album nach dem vor zehn Jahren veröffentlichten "The Woods" nun in den meisten Kritiken vor allem als das hochwertige, sehr gut geschriebene und aufregende Rock-Album gefeiert wird, das es ist. Auch wenn in der echten Welt nichts geklärt sein mag in Sachen Gleichberechtigung und Sexismus, zumindest in der hermetischen Blase des Pop-Diskurses hat sich seit Anfang der Neunziger einiges getan, seit 2000 sowieso.

Denn längst sind Frauenrockbands kein seltenes Statement mehr, sondern Alltag, die von Sleater-Kinney postulierte Zeit, sich selbst und die Rockmusik neu zu erfinden, wurde von ihren Epigoninnen durchaus genutzt. So hört, wer etwas jünger ist, aus den Songs der neuen Sleater-Kinney-Platte vielleicht erst einmal zeitgenössischere Künstler heraus, Gossip vielleicht, Savages, Blood Red Shoes oder Pop-Acts wie Haim. Sie und zahllose andere sogenannte female-fronted Bands beziehen sich aber oftmals auf den zwischen muskulösem Classic-Rock und Postpunk austarierten Sound von Sleater-Kinney, die sich wiederum an Vorbildern wie Heart, The Runaways, Slits und Bush Tetras orientierten.

Dort, am sorgsam ausproduzierten Breitwand-Rock, mit dem sich die Band auf "The Woods" vom alten DIY-Punk-Credo verabschiedete, knüpft "No Cities To Love" an: Der Opener "Pricetag" sägt seine antikonsumistische Message mit Gitarrensägen in sehr harte Metallstangen, "Surface Envy" knüppelt so gerade heraus wie eine AC/DC-Hymne, und durch das ohnehin schon gespenstisch-triste Endstück "Fade" geistert das verfremdete Gniedel-Intro von "Sweet Child O' Mine". "Fangless" hingegen ist purer, grobmotorig pumpender Postpunk.

Das alles wird von den drei Ur-Mitgliedern Carrie Brownstein, Janet Weiss und Corin Tucker in einer derartigen Vehemenz gespielt, dass man darüber hinaus glatt vergessen könnte, wie tief vor allem Brownstein dank ihrer Rolle in der erfolgreichen Hipster-TV-Serie "Portlandia" inzwischen im (alternativen) Show-Establishment verwurzelt ist und Freunde wie Andy Samberg, Ellen Page oder Miranda July im Videoclip zum Titelsong auftreten lässt. Andererseits spielte sie zusammen mit Weiss zwischenzeitlich in Mary Timonys kratziger Grrrl-Supergroup Wild Flag. "No Cities To Love" besitzt dieselbe raw power, spielt musikalisch aber in einer anderen Liga.

Es scheint, als stemmten sich Sleater-Kinney mit besonderer Verve gegen die tückische, träge machende Verklärung der eigenen Glorie. Das ganze Album ist eine Akklamation der Gegenwärtigkeit: "I'm not an anthem/ I once was an anthem/ I sang the song of me, but now/ There are no anthems/ And all I can hear is the echo and the ring", zürnt es in "No Anthems" gegen den Nostalgietrend, stattdessen wird immer wieder zur Revolution und konstanten Bewegung aufgefordert: "Let's destroy a room with this love/ We can drain out all the power" ("A New Wave").

Für Atempausen in Form von Balladen oder langsamen Songs bleibt da kein Raum, denn diese kompakte halbe Stunde, die keinen überflüssigen Song enthält, ist wie ein Ringen mit der Zwangsjacke, ein lautes, hemmungslos gieriges Luftschnappen, ein Zwicken bis aufs Blut, als müssten sich die drei Musikerinnen in jedem dringlich gesungenen Ton, jedem Riff-Stakkato, jedem Trommelwirbel neu vergewissern, dass sie leben. "When we leave say goodbye to your old way of life/ I can breathe way up high now it's our turn to fly", heißt es in "Surface Envy", einer schon etwas befreiter atmenden Antwort auf das erstickte "Dig Me Out" von 1997. Beste Rockband Amerikas? Mit Abstand. (9.0) Andreas Borcholte

Mark Ronson - "Uptown Special"
(Columbia/Sony, ab 23. Januar)

Mark Ronson hatte es sich bisher sehr gemütlich eingerichtet in seiner Zwischenexistenz: halb Brite, halb Amerikaner, in London geboren mit den Stones als Nachbarn, in New York aufgewachsen mit einem von Foreigner als Stiefvater - und Sean Lennon als bestem Freund. Sein claim to fame war es, der Engländerin Amy Winehouse den US-Girlgroup-Sound der Sixties auf den Leib zu schneidern. Seine erfolgreichsten Solo-Momente waren Re-Imaginationen von Brit-Pop-Songs als Northern Soul. Und als Hochzeits-DJ wurde er von Tom Cruise wie von Paul McCartney engagiert.

Zuletzt empfand er diese Komfortzone offenbar als Zeichen der Stagnation, und nun will er es wissen, will in die Charts, auch in den USA. Von dort stammen die meisten Einflüsse auf dem dritten Album, das er unter eigenem Namen herausbringt; so zum Beispiel das Achtziger-Funk-Pastiche "Uptown Funk", das in Großbritannien schon seit ewigen fünf Wochen auf Platz eins ist - und nun sind auch die Amerikaner nachgezogen.

Es singt Bruno Mars, auf anderen Albumtracks spielt Stevie Wonder Mundharmonika, rappt Mystical oder singt Kevin Parker von der australischen Psychedelik-Band Tame Impala. Eindeutig: das Durchsuchen von Mark Ronsons Adressbuch-App dürfte ein bisschen dauern.

Die kurioseste Zutat zu diesem "Uptown Special" ist dabei, dass die meisten Texte von Michael Chabon stammen, dem großartigen Autor von Romanen wie "Kavalier & Clay" oder "Telegraph Avenue". Nicht dass man das so arg merken würde. Sicher, es blitzen manchmal kurz schöne Sprachbilder auf, Szenen wie die in einem Casino unter einem gerahmten Porträt von Doris Day, ein Song heißt poetisch-knallig "Leaving Los Feliz". Doch zumeist bleiben die Texte im aufgekratzten, ultra-optimistischen Retro-Sound eher im Hintergrund.

Was die Breite des Projekts betrifft, die Ambition und das Streben nach Welterfolg, ist "Uptown Special" wohl am ehesten mit "Random Access Memories" von Daft Punk vergleichbar. Aber in diesem Vergleich zieht Ronson den Kürzeren, was daran liegt, dass ihm jegliche zweite Ebene fehlt, für die bei den Franzosen allein schon Giorgio Moroders Monolog sorgte. Bei Mark Ronson geht's um satte gute Laune, und die verbreitet er äußerst mitreißend. Was war noch mal der Einwand? (7.1) Felix Bayer

Mark Ronson - "Uptown Special"

tape.tv: Mark Ronson - Uptown Special auf tape.tv.

Curtis Harding - "Soul Power"
(Anti-/Indigo, seit 16. Januar)

Wenn Background-Sänger, die ihr bisheriges Bühnenleben zwangsläufig 20 feet from stardom (sehr guter Film übrigens) verbracht haben, das Rampenlicht suchen, wird's oft ein bisschen krampfig. Das konnte man schon des Öfteren bei Casting-Shows wie "X-Factor" beobachten, wenn dann der verwitterte Crooner aus der zweiten Reihe kurz vor Karriere-Schluss oder mitten in der Midlife-Crisis nochmal nach vorne drängelt: Das ganze Elend fragiler Musikerseelen, gebündelt in drei, vier Minuten Sendezeit, sehr betrüblich das.

Curtis Harding war lange Background-Sänger von Cee-Lo Green, sein Vorteil ist allerdings, dass er ein junger Bursche ist und noch am Anfang seiner Karriere steht, man denke: Hendrix nach seinem Abschied bei den Isleys, auch wenn Harding natürlich nicht halb das Genie ist, das Hendrix war. Aber er hat die richtigen, die coolen Freunde: Jack White nahm den Sohn einer evangelikalen Gospelsängerin mit auf Tournee und preist ihn seitdem an, wo er kann. Außerdem ist Harding ein Kumpel von Black-Lips-Gitarrist Cole Alexander, der auch auf dem einen oder anderen Song auf "Soul Power" zu hören ist. Alexander wiederum ist ein Kumpel von Black-Keys-Drummer Pat Carney - Einflüsse, die Songs wie "I Don't Wanna Go Home", "Drive My Car" oder "Surf" mal in Richtung Garagenrock-Lärm, mal nach Psychedelia-Verspultheit klingen lassen.

So ist Hardings stilvoll gestaltetes Debüt kein gediegenes, glatt poliertes und an gesetzteres Publikum gerichtetes Soul-Juwel, wie man es aus diesem Genre leider gewohnt ist, sondern ein schroffes, schwieliges Stück R&B, das alles mit Dreck- und Schmutzkrümeln vollsaut. Man lasse sich also nicht vom Opener "Next Time" abschrecken, einem schönen Soul-Blues, der allerdings in Sachen Hipness so etwa 1986 bei Robert Cray steckengeblieben ist. Danach aber, wenn Harding Garage, Postpunk, Gospel, Blues und Disc ("Heaven's On The Other Side") zu einem sehr aktuellen Gebräu verdichtet, zeigt sich seine originäre "Soul Power". Beim nächsten Album sollte er sich dann aber entweder auf eine Stilrichtung festlegen oder noch stärkere Songs schreiben. Sonst geht's doch wieder mit Cee-Lo auf Tour. (7.3) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

The Decemberists - "What A Terrible World, What A Beautiful World"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, seit 16. Januar)

Decemberists-Sänger Colin Meloy wurde vom Visionär Jan Wigger ja schon vor zehn Jahren zu den "erstaunlichsten Songwritern Amerikas" gezählt. 2011, nach einer bemerkenswerten Häutung bis auf die bloßen Folkrock-Wurzeln, kam dann zum Kritikerlob auch noch der kommerzielle Erfolg: Die Decemberists landeten mit ihrem Album "The King Is Dead" auf Platz eins der Billboard-Charts, was für eine kontemporäre Rockband schon mal ungewöhnlich ist, für einen versponnen Haufen Nerds wie Mittelalter-Freak und Poesie-Fanatiker Meloy und seine Kollegen sowieso. Aber hey.

Nach einer selbstverordneten Pause kehrt die im Mainstream derart angekommene Band nun mit dem ersten post success album zurück. Das geht selten gut. Und tatsächlich ist gleich der erste Song so ein Stück, das anderen, weniger fest in Fankreisen verankerten Bands das Genick brechen könnte. In "The Singer Addresses His Audience" geschieht genau das: Meloy wendet sich direkt an sein Publikum und erzählt erst mal, warum sich die Band verändern musste: "We know, we know, we belong to ya/ We know you grew your arms around us/ And the hopes we wouldn't change/ But we had to change some/ You know, to belong to you", salbadert er und fantasiert in seiner manchmal enervierenden, von Fans aber als wahnsinnig "camp" empfundenen Proto-Lyrik von Deo-Werbeclips: So when your bridal processional/ Is a televised confessional/ To the benefits of Axe shampoo/ And we did it for you". Schon alles sehr meta. Und sehr selbstbezogen wichtigtuerisch. Und sehr blabla. Aber wie das bei Rockbands von diesem Kaliber so ist, ich rede hier von der Kategorie Dave Matthews Band, Phish oder The Tragically Hip, also die mit den Grateful-Dead-artigem Gefolge, wird genau dieser Song wahrscheinlich zur neuen Hymne bei den Konzerten, bei der sich dann alle wissend angrinsen. Lost me there, guys.

Aufregenderes gibt es über diese Platte mit dem langen (und langatmigen) Titel eigentlich nicht zu sagen: Ähnlich wie auf "The King Is Dead" gibt es einige sehr schöne, berührende Songs, die mal an James Taylor erinnern ("Lake Song", "Carolina Low"), mal an sämtliche College-Rockbands seit "Murmur" ("The Wrong Year", "Make You Better") oder an Spaßkapellen wie die Barenaked Ladies ("Philomena", "Cavalry Captain"), nur lyrischer, versteht sich. In "12/17/12" wird zu Uncle-Tupelo-hafter Mundharmonika-Innigkeit des Schulmassakers von Newtown gedacht. Und der Rest des Albums ist auch nicht so miserabel, dass es auffallen würde. Alles tiptop also, aber in seiner behäbigen, ausufernden, Wohlfeilheit auch ganz schön egal. (6.5) Andreas Borcholte

Decemberists - "What A Terrible World, What A Beautiful World"

Make You Better von The Decemberists auf tape.tv.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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1. Goodbye Mr. Wigger!
hirnverbrannt 20.01.2015
And dieser Stelle ein herzliches Tschüss an Herrn Wigger. Habe seinen Geschmack schon als sensationell gut empfunden, aber seine Rezensionen waren so sehr mit persönlichem Geschwafel durchsetzt, dass ich mich oftmals geärgert habe. Teilweise ein ganzer Absatz über Metaquatsch oder Insiderkram, den evtl. nur er versteht, nur um die eigentliche Platte in ein, zwei Sätzen abzufertigen. Kein guter musikjournalistischer Stil. Ich werde ihn nicht vermissen, wünsche ihm aber alles Gute. Und freue mich auf weitere, sehr gute Rezensionen von Hernn Borcholte. Auch wenn ich ihm bei der neuen Decemberists doch gerne widersprechen möchte. Hat mich erstmals angefixt und ich höre mich durch den Backkatalog. Tolles Album!
2. Alles Gute...
infinitejest 20.01.2015
...an Jan Wigger! 13 Jahre wichtigste Musik, Du warst der Beste.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 4
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Sleater-Kinney: No Cities To Love

    2. Sleater-Kinney: Dig Me Out

    3. Sleater-Kinney: All Hands On The Bad One

    4. Cerrone: Cerrone 3: Supernature

    5. Fatima Al Qadiri: Asiatisch

    6. Curtis Harding: Soul Power

    7. Death Grips: Fashion Week

    8. The The: Mind Bomb

    9. Howard Jones: Human's Lib

    10. Schwesta Ewa: Kurwa


Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.




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