Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Rock'n'Roll ist tot. Naja, noch nicht ganz. Spoon sorgen dafür, dass er noch ein bisschen weiterlebt. Blues Pills dagegen tragen ihn zu Grabe. Außerdem: Yes sind gar nicht lahmarschig! Und ein Klassiker aus den Achtzigern.

Von und Jan Wigger


Spoon - "They Want My Soul"
(Anti-/Epitaph/Indigo, ab 1. August)

Was soll ein armer Junge schon machen, außer in einer Rock'n'Roll-Band zu singen? Richtig, Sie Popquiz-Nerd, das ist eine holprig ins Deutsche übersetzte Zeile aus dem Refrain von "Street Fighting Man", neben "Heartbreaker" und "Gimme Shelter" der vielleicht politischste Song der Stones. Und einer der abgenudeltsten (Sorry, Martin Scorsese!). Es gehört also Chuzpe dazu, ausgerechnet mit dem prägnanten, nur leicht geerdeten und verlangsamten Gitarren-Riff dieses Songs ein Album zu eröffnen. Oh, die Implikationen! "Rent I Pay" heißt das Stück, mit dem das achte Spoon-Album beginnt. Und darin geht es nicht um das den Studentenunruhen von '68 gegenüber gleichgültige sleepy London, sondern um das Seelenheil von Spoon-Sänger Britt Daniel, den seine Rolle als Indierock-Ikone offenbar um den Schlaf bringt: "Out amongst the stars and the stones/Every kinda fortune gets old/ Every kinda line is gonna come back to me", singt er, das sei halt der Preis, den er bezahle. Das Politische ist eben nur noch privat. Aber so ganz ist der Kampfgeist noch nicht entwichen: "Everybody knows just where you been going/ Everybody knows the faces you been showing/ And if that's your answer/ No I ain't your dancer".

Spoon stehen nun schon so lange gerade noch so im Schatten des Rampenlichts, dass es angenehm egal geworden ist, ob sie tanzen, soll heißen: noch mal ganz groß rauskommen. Weil die Frage ohnehin ist, was das heute überhaupt noch heißt. Daniel und seine kürzlich 20 Jahre alt gewordene Band haben sich im Verbund der letzten großen, sogenannten alternativen US-Rockbands bequem hinter Wilco eingeordnet. Nach dem von Kritikern einhellig bejubelten Album "Ga Ga Ga Ga Ga" und diversen Soundtrack-Beteiligungen für teenie-gerechte TV-Serien und Hipster-Filme wäre mehr drin gewesen. Aber dann folgte mit "Transference" eine äußerst charmante Verweigerungsplatte. Seitdem sind vier Jahre vergangen. Inzwischen haben die Black Keys sich im Mainstream breit gemacht, und Jack White schnitzt in seiner Telefonzelle in Nashville weiter an Gitarrenbauteilen. Alle anderen, die sich noch trauen, ihre Musik Rock'n'Roll zu nennen, kopieren das, was schon mal da war, machen möglichst obskuren, kunstvoll verkratzten Garagenrock oder suchen Heil in sphärisch verhallten Elektroklängen.

Spoon scheinen von solchen Trendbewegungen, man könnte es auch letzte Zuckungen nennen, unberührt zu bleiben. Gut, es gibt wieder mehr Synthesizer-Sounds auf "They Want My Soul", aber die haben, so klingt es zumindest, weniger mit dem Zeitgeist zu tun als mit der frühen Beeinflussung der Band durch deutschen Krautrock, dabei kommt dann so ein schwebender Disco-Tune wie "Outlier" heraus. Auffällig ist der kompakter und geschlossener wirkende Sound des Albums gegenüber den beiden Vorgängern. Das mag an der erstmaligen Beteiligung eines Produzenten liegen: Begonnen wurden die Sessions von Joe Chiccarelli (u.a. Morrissey), beendet von David Fridmann (Flaming Lips), das Ergebnis ist eine merkbare klangliche Verdichtung, böse Zungen mögen es Professionalisierung nennen, die alte Fans irritieren könnte. Ebenso wie der trunkene Blues von "I don't understand", einer alten Ann-Margret-Nummer. Man vermisst die Brüchigkeit, die Offenheit von "Transference" und die lustigen Bläser von "Ga Ga Ga Ga Ga", vielleicht auch ein bisschen die Anarchie.

Ansonsten wirbeln Spoon mal wieder Genres und Stile mit Bedacht durcheinander, was sich letztlich zu einem sehr postmodernen Rock'n'Roll wieder zusammenfügt: Post-Punk, Americana, College-Rock, "My Sharona" und "China Girl", T-Rex, Julian Cope, und, ja, Billy Joel. Das Erstaunliche und letztlich Begeisternde an Spoon sind nicht nur zu nachhaltigen Hits wachsende Songs, diesmal sind es "Rent I Pay", "Do You", "Rainy Taxi" und das lässig ans Ende geworfene "New York Kiss"; was wirklich verblüfft, ist einmal mehr die "Sexyness" (Wigger) und der Hüftschwung, mit der Spoon ihre akribisch ausgeklügelten Kompositionen darbieten. Die ganz großen Kopf-Themen - Physik! Existenzialismus! Glaube! - werden hier auf Bauchnabelhöhe verhandelt, aber nicht trivialisiert. Die konzentrierte Strenge von "I Turn My Camera On" oder die Sehnsuchtstiefe von "The Mystery Zone" werden Spoon vielleicht nie mehr erreichen, aber einiges auf "They Want My Soul" kommt diesen Ewigkeits-Songs immerhin tröstlich nah. Für die Miete wird's allemal reichen. (7.9) Andreas Borcholte

Yes - "Heaven & Earth"
(Frontiers Records/Soulfood, seit 18. Juli)

Um das Wichtigste gleich vorwegzunehmen: Benjamin Blümchen hat in seiner langen Karriere einmal einen ähnlich guten Lauf gehabt wie Yes. Sprich: Kaum ein Schwachpunkt auf den ersten fünfundzwanzig, dreißig MCs, und auch Otto hat stets verlässlich abgeliefert. Nehmt dies, "Babyblaue Seiten"! Dort, bei den grau gewordenen Gralshütern des Prog, beklagte man sich schon frühzeitig bitterlich über die neue Yes-LP "Heaven & Earth": "Benjamin-Blümchen-Melodien", "Quietschekeyboards", "Kinderliedchen", "haarsträubender Sound", "peinliche Veröffentlichung", "in nahezu jeglicher Hinsicht eine Katastrophe". Denn merke: "Prog ist kompliziert, und er macht halt ein bisschen mehr Arbeit als einfache Popliedchen"! Nur das abschließende "Subway Walls" und Steve Howe im Allgemeinen finden noch Gnade bei den Altvorderen, der Rest ist KEIN PROG MEHR (!) und gehört vermutlich in die gleiche Mülltonne, in der bereits das geniale "Balance Of Power" von ELO oder die letzten Asia-Platten gelandet sind.

Mein bester Freund sagt immer: "Asia ist Musik für dumme Menschen". Als Dozent muss er es wissen, dann kann ich es auch zugeben: Ich bin dumm. Ein halbes Leben lang alles gehört, was der Progressive Rock so hergab, nur um jetzt, auf dem Altenteil, die ach so miesen Spätphasen von Yes und Asia abzufeiern. Ja, genau, ihr Azzlacks da draußen: Ich finde "Heaven & Earth" zu zwei Dritteln richtig gut, und dem "lahmarschigen" ("Babyblaue Seiten") "To Ascend" gehört in diesem Jahr - unumstritten - der Balladenthron. Auch "Believe Again" und das bittersüße "It Was All We Knew" lassen die Herzen von uns einfachen Menschen nun mal höher schlagen, und ach, objektiv und aus "Muckersicht" betrachtet ist "Subway Walls" vielleicht wirklich der hellste Lichtblick, aber die ganze schöne Platte aus dem Frodo-Beutlin-Ohrensessel heraus und im Spock's-Beard-T-Shirt zu verdammen, nur weil die "Close To The Edge"-Zeiten nunmal nicht wiederkommen, ist doch auch albern. Ja, "The Piper At The Gates Of Dawn", "Moving Pictures" und "The Lamb Lies Down On Broadway" waren besser (hüstel), aber wer sich wie ich wöchentlich durch das übliche Laptop-Gewinsel ohne Songs (Ben Khan) und Schützenfeste (Ursprung Buam, Die Apokalyptischen Reiter, Emil Bulls, Troglauer Buam) quälen muss, weiß "Heaven & Earth" schon sehr zu schätzen. (7.2) Jan Wigger

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Blues Pills - "Blues Pills"
(Nuclear Blast/Warner, ab 25. Juli)

Neulich beim Fernsehen auf Tele 5 oder so blieb ich bei "Road House" hängen, einem Film von 1989 mit Patrick Swayze und seiner schönsten Vokuhila-Frisur. Sagenhaft schlecht. Aber: In der Spelunke, in der Swayze als Aufräumer und genereller Checker anheuert, gibt es einen Hausmusiker, den jungen, blinden Blues-Gitarristen Jeff Healey, der inzwischen leider früh verstorben ist. Damals aber, daran erinnere ich mich noch gut, wurde er zu den kommenden Superstars gezählt. Ja, liebe Kinder, damals galten Blues-Gitarristen noch als bankable, kaum zu glauben, was?

Naja, aus Healeys Weltkarriere wurde dann doch nichts. Man weiß nicht, ob's am Auftritt in "Road House" lag, vielleicht aber auch einfach daran, dass Healey grandios spielen konnte, aber auf seinem Stühlchen sitzend immer ein wenig unglamourös wirkte. Es begann mit den Neunzigern dann eben doch das Jahrzehnt der Oberflächlichkeiten. Aber auch die Zeit der letzten musikalischen Erneuerungen durch HipHop und Techno.

Der junge französische Blues-Gitarrist Dorian Sorriaux packt seine Karriere deutlich kompetenter an. Der 18-Jährige kompensiert seine im Vergleich zu Healey natürlich harmlosen Handicaps - Blues-Gitarrist (uncool), Franzose (keine Blues-Tradition) - damit, sich im Hintergrund zu halten und die Bühne zwei kernigen Jungs aus Iowa sowie einer sehr attraktiven Blondine aus Schweden zu überlassen. So klappt's dann ganz schnell mit den Jubelarien in der sogenannten Fachpresse. Und natürlich kommt ihm der nostalgische Zeitgeist entgegen. Beim "Metal Hammer" galten Blues Pills schon vor einem Jahr als "Helden von Morgen", im Presse-Info wird die "unvergleichliche Kraft aus unvorstellbarer Energie, Intensität und Frische" gelobt. Und Sängerin Elin Larsson könne es locker mit Janis Joplin und Aretha Franklin aufnehmen. Was natürlich alles umso komischer wirkt, wenn man das Debüt-Album dieses multinationalen Wunder-Quartetts anhört, das vermeintlich den Rock'n'Roll retten soll.

Denn darauf finden sich zehn Songs, die wirklich so gar nichts mit heutiger Rockmusik zu tun haben, ja noch nicht einmal in diesem Jahrhundert mitspielen wollen. Ja, schon gut, Sorriaux ist eine Entdeckung als Gitarrist, und Larsson singt mindestens so gut wie Joss Stone oder die unterschätzte Österreicherin Saint Lu. Und live sind Blues Pills bestimmt eine Bank.

Aber jetzt mal im Ernst: Zitieren gehört zum Pop-Geschäft, Imitieren aber, zumal ohne adäquate Songwriting-Skills, war immer schon langweilig. Und was der ohnehin schon sieche Rock'n'Roll ganz sicher nicht braucht, ist eine weitere Band, die versucht, ihre Vorbilder (Zeppelin, Airplane, etc.) von vor vierzig Jahren originalgetreu nachzuspielen. Mal ganz abgesehen davon, dass man so dreiste "Stairway To Heaven"-Harmonien (im Song "Little Sun") jetzt echt nicht mehr bringen kann, dafür wurden ja sogar schon Page und Plant verklagt. Früher, dachte ich, als ich von "Road House" dann doch ziemlich schnell zu einer neuen Folge von "1000 Wege, ins Gras zu beißen" zappte, war echt nicht alles besser. Und die blaue Pille, liebe Freunde, bedeutet Kapitulation. (3.0) Andreas Borcholte

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

The The - "Soul Mining (30th Anniversary Deluxe Edition)"
(Epic/Sony, seit 27. Juni)

Doch, doch: Schon wieder Chris de Burgh statt Die Sterne gehört und aus Versehen die Wohnungstür offen gelassen - kein Wunder, dass mich im Treppenhaus nicht mal mehr Martina Hergenröther grüßt. Es war aber auch so eine mirakulöse Restwoche, selbst die "Bachelorette" ist mir sympathisch, es ist alles so einfach, so klar: "Ich mach' Musicals!" (Bachelorette) - "Dann kannste mir ja mal was vorsingen!" (Tommy) - "Tommy ist ein wahnsinnig interessanter Mann!" (Bachelorette). Dieser Glanz der Freude in den kleinen Augen (#searchingwithmygoodeyeclosed), diese so endlos selbstverständlichen Ich-geh-nicht-auf-die-Party-ich-bin-die-Party-Dämlack-Lebensentwürfe - wie viel mehr hätten wir damit erreichen können? Wären wir heute "in einer Beziehung"? Wären wir verheiratet? Hätten wir Kinder? Hätten wir Geld?

Selbst Kevin Russell sagt: "Das Leben ist ein Geschenk Gottes." Doch irgendwann stieg Matt Johnson für das "Slow Train To Dawn"-Video auf die Gleise, in Schwarz-Weiß, "Formel Eins", so lernte ich ihn kennen und fürchten - nur vor Grace Jones hatte ich mit 13 noch mehr Angst. Bis zur endgültigen Ankunft von "Infected" durften wir mit "Soul Mining", dem intelligentesten, elegantesten und erlesensten The-The-Album vorlieb nehmen. Johnson, hochbegabt und reflektiert, pulverisierte unser Innenleben: "I'm scared of God and scared of hell/ And I'm caving in upon myself/ How can anyone know me/ When I don't even know myself".

"Soul Mining" war 1983 das letzte Wort und natürlich seiner Zeit voraus: Mit kosmischen Galeerengesängen ("Giant"), dem Jahrhundertstück "Uncertain Smile" (das wie Felt beginnt), dem unablässig hämmernden, bedrückenden "I've Been Waitin' For Tomorrow (All Of My Life)", einem sehnsüchtigen Akkordeon ("This Is The Day") und Jeremy Meeks Bassgitarre im sagenhaften "The Sinking Feeling". Ab Mitte der Neunziger traf Johnson dann ein paar falsche Entscheidungen, doch das ist menschlich. "Soul Mining" erscheint zum dreißigsten (nun ja: eher zum einunddreißigsten) Jubiläum im kiloschweren Box-Set: 2x 180g-Vinyl, alternative Versionen, 12"-Remixe. Kaufen sie "Dusk", "Infected" und "Mind Bomb" gleich mit! (8.7) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
juergensaenger1 22.07.2014
1.
Zitat von sysopRock'n'Roll ist tot. Naja, noch nicht ganz. Spoon sorgen dafür, dass er noch ein bisschen weiterlebt. Blues Pills dagegen tragen ihn zu Grabe. Außerdem: Yes sind gar nicht lahmarschig! Und ein Klassiker aus den Achtzigern. http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-alben-spoon-yes-blues-pills-the-the-a-982190.html
Rock ist tot? Stimmt schon, dass die ElektroScene deutlich wächst, aber nicht auf Kosten des Rock....
bitte_weitergehen 22.07.2014
2. Endlich!
Wurde auch Zeit, dass die Blues Pills korrekt eingestuft werden. Manche Hypes in der Heavy-Szene sind schon kurios.
mikesch0815 22.07.2014
3. Im Zweifel..
..geb ich den Bewertungen der babyblauen Seiten allerdings mehr. Im Falle von Yes sind sie einfach zutreffend. Egal, wie ergraut das erscheinen mag.
angst+money 22.07.2014
4.
Haha. Werden Yes mit ihrer neuen Platte zu einem Indie-Nerd-Geheimtip - wurde ja mal Zeit. Und "The Fist will run - smash Metal to Gun" war ja auch schon immer ein astreiner Gangsta Text. Trotzdem, die neue ... räusper. Blues Pills habe ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal gehört - da kann ich jedes Wort unterstreichen. Eine "The The"-Phase hatte ich auch mal, aber ob die nochmal zurückkommt?
jedernureinkreuz 22.07.2014
5. Immerhin!
Ich finde es richtig gut von Jan Wigger, dass er die Kompetenz der babyblauen Seiten anerkennt. Immerhin scheint es ja für ihn eine wichtige erste Informationsquelle über das neue Yes-Album gewesen zu sein. Das er dann zu einer völlig anderen Bewertung des Albums kommt, ist völlig logisch, da er es ja mit anderen Maßstäben misst. Völlig okay, nur das Kollegen-Bashing lässt Jan Wigger in einem schlechten Licht dastehen.
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