Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Platte des Jahres! Was, schon wieder? Nein, jetzt erst recht: Das neue Werk von Swans ist ein morbider Rausch, dem nicht zu widerstehen ist. Yeasayer - deren Album hier exklusiv vorab zu hören ist - werden ruhiger. Ariel Pink nicht. Und Kid Kopphausen schrammen am Kleinbürgertum vorbei.

Von und Jan Wigger


Swans - "The Seer"
(Young God Records, nur als Import)

The Seer

The Seer

Wir gingen blutend und betrogen durch zuckerlose Jahre, doch eine Sicherheit, eine Garantie gab es immer: Die Welt endet nicht dann, wenn Nostradamus oder der Maya-Kalender es so wollen. Die Welt endet dann, wenn Michael Gira es befiehlt. Als wir jung waren, hatten wir noch keine Geschichte, also auch nichts zu verlieren, sang der Hohepriester damals in "God Damn The Sun", einem der traurigsten und hoffnungslosesten Songs aller Zeiten: "But then you grew old/ And I lost my ambition/ So I gained an addiction/ To drink and depression/ They are mine/ My only true friends/ And I'll keep them with me/ Until the very end". Alle Swans-Alben der letzten 29 Jahre hatten eines gemein: Man konnte sie nur alleine hören. Kein Nachbar, kein Haustier, keine der Lach-doch-mal-Ex-Freundinnen hätte Verständnis gehabt für die schiere Wucht, den blanken Hass und den grenzenlosen Zerstörungswillen von "Alcohol The Seed", "Cop" oder "Your Property". Die Folk-Songs und Andachten, die vielen pastoralen und gefassten Momente (die dennoch nicht selten von toten Kindern oder der Liebe als illusorische Quick-fix-Zuflucht für leichtgläubige Gemüter handelten), die Gira und Jarboe neben Noise-Rock, zerfetztem Wave und apokalyptischen Sound-Ungetümen auch noch entboten, wurden darüber gern vergessen. Beim Swans-Konzert unlängst im Berliner Berghain war man unter sich: Die sonnenbebrillten Adabeis und Medienfuzzis in den Yeasayer-T-Shirts hatten sich in einer Bar zum Frank-Ocean-Hören verabredet, während Michael Gira den akustisch tadellosen Laden in markerschütternder Lautstärke in Schutt und Asche legte. Die Doppel-LP "The Seer" ist die nackte und vollkommen brillante Essenz aus allem, was die Swans zwischen "Filth" (1983) und "My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky" (2010) gemacht haben: "Lunacy" ist ein märchenhaft schönes Mantra zu Peitschenhieben, das 23-minütige "The Apostate" transzendente Gegenwart (oder auch "Krach", Zitat Testperson 17) und Karen O im herrlichen "Song For A Warrior" eine seelisch instabile Sehnsuchtssängerin, die die phantasielosen Yeah Yeah Yeahs endlich verlassen sollte. Das Titelstück wurde wie ein Taumel aus Sound angelegt, in dem man die Instrumente weder zählen noch unterscheiden kann, das stumme "The Daughter Brings The Water" wallt nicht mehr auf und ab, Gira erklärt - selten genug - in hieratischem Stil die morbid glänzende reine Lehre der Swans: "Neither matter/ Neither taste/ Neither solid/ Neither space". In Sachen Radikalität, Nichtlinearität, Grausamkeit und Anmut ist das bläulich grüne "The Seer" auch ein Pendant zu Lynne Ramsays blutrot durchtränktem Meisterwerk "We Need To Talk About Kevin". Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Platte des Jahres, ihr Würmer! (9.5) Jan Wigger

Ariel Pink's Haunted Graffiti - "Mature Themes"
(4AD/Beggars Group/Indigo, 17. August)

Ist erst ein paar Jahre her, dass Ariel Pink im Video zu "Life in L.A." mit nacktem Oberkörper durch die Straßen seiner Heimatstadt stolperte und Passanten belästigte wie eine (bartlose) Hommage an Nick Nolte in Paul Mazurskys böser Komödie "Down And Out in Beverly Hills". Seinen Status als wahlweise enfant terrible oder Pausenclown des Indierocks hat sich Pink, der eigentlich Rosenburg heißt, bewahrt, auch wenn er seine selbstgebastelten Homerecording-Tapes inzwischen für einen So-gut-wie-Major-Vertrag beim Renommier-Label 4AD und tiptop sauber produzierten Sound eingetauscht hat. Wer also erwartet hatte, dass Pink nach dem weltweiten Szene-Erfolg seines letzten Albums "Before Today" zum integren Teil der Clique werden würde, wird an "Mature Themes" reichlich zu würgen haben. Denn gezähmt gibt sich der "Menopause Man" in textlich sehr obskuren Songs wie "Kinski Assassin" oder der zappaesken Gaga-Hymne "Schnitzel-Boogie" wahrlich nicht. "I wanted to be good", ich wollte brav sein, flötet er als Pseudo-Unschuld im Titelsong, aber tja, hat nicht geklappt. Umso besser, denn so bleibt seine aus New Wave, Byrds-Harmonien, Goth-Pop, Psychedelic-Rock und fröhlichem Indie-Geschunkel zusammengekloppte, sehr entspannt wirkende Musik so aufregend, wahnwitzig und unberechenbar und Anti-Brooklyn, wie man es gehofft hat. Ursprünglich wollte er das Album analog zum gleichnamigen Song "Farewell American Primitive" nennen. Aber dann hätte man ihn im Wahlkampf-Jahr 2012 womöglich noch für einen politischen Songwriter gehalten. Das wäre ein viel zu enges Konzept für einen wie Pink, der spielend vom sphärischen, über siebenminütigen Psychotrip "Nostradamus Me" zur klassischen Retro-Soulnummer "Baby" überleitet, Schuwapschuwap-Chöre inklusive. Wenn Sie also das nächste mal auf dem Sunset Boulevard einem langhaarigen Blonden mit seligem Lächeln im Gesicht begegnen, der zum Soundtrack seines Hirns Luftsprünge macht, dann ist das nicht Axl Rose kurz vor dem Kollaps, sondern ein Genie bei der Arbeit. Mal ganz davon abgesehen, dass die da drüben an der Westküste doch eh alle einen Knall haben, oder? I need a Schnitzel! (7.5) Andreas Borcholte

Yeasayer - "Fragrant World"
(Mute/Goodtogo, 17. August)

Man fragt sich angesichts des Albumtitels ja schon, wonach die Welt duftet, in der Yeasayer leben. Etwa nach Ronald Reagans Skelett, das im gleichnamigen Song im Mondschein modert? Oder verdorben nach "Damaged Goods"? Oder doch schlicht nur nach den frappierenden Kaffee-Spezialitäten, Bubble Teas und organisch-vegetarischen Snacks, deren Verkauf die Piazzi und Straßen in Yeasayers durchgentrifiziertem Heimatbezirk Brooklyn gleichschaltet? Ist ja auch egal. Mit ihrem zweiten Album "Odd Blood" schafften es Chris Keating, Ira Wolf-Tuton und Anand Wilder vor zwei Jahren in die meisten Jahres-Bestenlisten. Ihre Musik klang, wie Indie-Musik zu jener Zeit klingen musste: Zerbrechlich, aber doch so handfest, dass man dazu tanzen kann. Rockig, aber doch so elektronisch, dass es cool wirkt. Und diesem Konzept bleiben Yeasayer auch auf "Fragrant World" treu. Sie machen aber nicht mehr den Fehler, jede Idee zu verwenden, alles, was da ist, in jeden einzelnen Song zu stopfen, und siehe da: Es kommen echte, klare Pop-Melodien zum Vorschein.

Wie bei stilistisch ähnlichen aktuellen Alben von Dirty Projectors, Purity Ring, Hot Chip und meinetwegen Twin Shadow hinterlässt jedoch jeder vordergründig fröhliche Song einen Schatten des nicht näher beschreibbaren Unbehagens. Keatings Stimme wurde im Studio verzerrt und verschraubt, bis sie sich an der Musik reibt wie Sandpapier. Unverkennbar ist erneut der Einfluss von Achtziger-Jahre-Elektropop und -R&B, Songs wie "Henrietta" oder besagter "Reagan's Skeleton" klingen, als hätte Keating in den letzten Monaten seine alten Alben von Freur, Talk Talk, Scritti Politti und The Beloved noch mal ganz genau gehört und geliebt. Das postmoderne Element bei dieser im Grunde zutiefst retrospektiven Musik ist das konsequente Auseinanderschieben und ineinander Verdrehen der einzelnen Teile: Auf Alben wie "Fragrant World" passt kein Groove auf eine Melodie, kein Gesang auf eine Hook - und dennoch harmoniert am Ende alles miteinander. So wie wir ja auch jeden Tag aus der Info-Kakophonie aus Twitter-Nachrichten, Facebook-Posts, News-Flashs, Mails und Text-Messages irgendwie noch einen roten Lebensfaden ziehen. Meistens jedenfalls. Yeasayer werfen solche Info-Schlaglichter durchs "Glass Of The Miscroscope" auf eine Vielzahl kurioser Geschichten. Und wie riecht das nun? Der Duft der großen, absurden Welt (6.4) Andreas Borcholte

Mit mobilem Endgerät geht es zum Pre-Listening hier entlang.

Kid Kopphausen - "I"
(Trocadero/ Indigo, 24. August)

Die Ausgangssituation bleibt optimal: Da ich weder mit 40 Plattenfirmen-Promotern noch mit 20 Musikern auf Facebook befreundet bin und auch sonst keinen Kontakt zur "Szene" pflege, kann ich frei und unbelastet meine Meinung äußern. Außer natürlich, Nils Koppruch hätte sich in den letzten drei Jahren vom Spitzentypen zum Schlägertypen gewandelt - und würde mir für die untenstehende Wertung die Fresse polieren, wenn wir uns das nächste Mal in Untersuchungshaft begegnen. Also: Während es am Genie des hochempfindlichen Gisbert zu Knyphausen und am kargen, bedrückten Kaurismäki-Folk Koppruchs nichts zu bekritteln gibt, funktioniert das erste Album unter Brüdern nur bedingt. Mal rockt es krachledern, mal ist ein Blumfeld-Moment allzu offensichtlich ("Ich hör' eine engelsgleiche Stimme und viele mehr, die mitsingen/ Sie singen: 'Never mind the darkness, baby, you will be saved by rock 'n' roll'"), mal kippt ein Song wie "Jeden Montag" ins Sesamstraßenhafte. Und ganz im Gegensatz zu Knyphausens letzter, schmerzlich wahrhaftiger LP "Hurra! Hurra! So nicht", nach der man nur noch schweigen oder Gott anrufen konnte, zähle ich auf "I" auch drei, vier kleinbürgerlich-altbackene Momente. Am schönsten ist es noch, wenn die Kälte des Herbstes schon in der Luft liegt, wenn Koppruch und Knyphausen einander Geschichten aus ihrem Leben erzählen: "Wenn ich dich gefunden hab", "Im Westen nichts Neues", "Haus voller Lerchen". Zwei Wanderschauspieler auf dem Weg ins Licht. (5.7) Jan Wigger

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insgesamt 2 Beiträge
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Pat-Riot 14.08.2012
1. Netter Versuch
Zitat von sysopPlatte des Jahres! Was, schon wieder? Nein, jetzt erst recht: Das neue Werk von Swans ist ein morbider Rausch, dem nicht zu widerstehen ist. Yeasayer - deren Album hier exklusiv vorab zu hören ist - werden ruhiger. Ariel Pink nicht. Und Kid Kopphausen schrammen am Kleinbürgertum vorbei. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,849955,00.html
der Pluralbildung: "Piazzi". Singular müsste dann wohl Piazzo sein. Ich rede hier ausschließlich über Italienisch-Kenntnisse. Von solchen über Musik kann ich nichts sagen, ich habe noch keine entdeckt.
robert_et_lee 18.08.2012
2. Swans...
Die Mucke um sich von der Klippe zu stürzen. Das wichtigste Album dieser Woche stammt von Lynyrd Skynyrd "Last Of a Dyin' Breed"! Music zum überleben! http://beta.musicradar.com/news/guitars/video-lynyrd-skynyrd-on-new-song-something-to-live-for-555844
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