Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Nach zwei Stunden im psychedelischen Noise-Orkan von Swans hat man entweder den Verstand verloren oder ist ein neuer, seelisch gereinigter Mensch. Beides super. Lily Allen hingegen kann sich zwischen Baby-Glück und Bitchyness nicht recht entscheiden. Außerdem: Roddy Frame! Tori Amos!

Von und Jan Wigger


Swans - "To Be Kind"
(Mute/Goodtogo, ab 9. Mai)

Und dann, nach 18 Minuten, plötzlich Pferdegetrappel und Gewieher, dazu nadelnde, irrlichternde Geräusche, ein anschwellender Irrsinnslärm. Die ungefähre Mitte des insgesamt 34 Minuten langen Herzstücks von "To Be Kind" ist ein kakophonischer Abgrund, wie man ihn von einer Band wie Swans erwartet. "Bring The Sun/Toussaint L'Ouverture" heißt dieses auftosende Monument, und man ist sich nicht sicher, ob der stets Cowboyhut tragende Swans-Chef Michael Gira bei den Aufnahmesessions auf einer Ranch bei El Paso nicht einfach ein paar Field Recordings aus dem Reitstall nebenan eingeschmuggelt hat, so aus Spaß. Denn den Humorgehalt einer Swans-Platte darf man bei aller eindrucksvoll zur Schau getragenen und lustvoll auf zwei Stunden Spielzeit ausgedehnten Düsternis nie unterschätzen. Doch zurück zum Pferdegetrappel.

Toussaint L'Ouverture war der Revolutionsführer Haitis, der sich im späten 17. Jahrhundert gegen die Besatzungsmacht der Franzosen stemmte und die Sklaverei abschaffte. Dafür wurde er 1802 verhaftet und nach Frankreich ins Chateau de Joux verbracht, einer Kerkerfestung im Jura-Gebirge. Dort starb L'Ouverture nach nur acht Monaten. Nun kann man sich kaum einen größeren Grad der Exilierung und Entfremdung vorstellen: Der Mann aus der Karibik im kalten Gebirge Mitteleuropas, eine Art umgekehrte Papillon-Erfahrung: Allein die Reise, wochenlang auf der Fregatte, dann tagelang in der Kutsche durch dunkle Wälder, muss dem Haitianer vom anderen Ende der Welt wie eine Fahrt ins Herz der Finsternis vorgekommen sein. Und das von draußen in die Droschke dringende Hufgestampf und Schnauben der Wächter und ihrer Pferde wird zum nervenzerrenden Lärm infernalischer Monster. Nirgendwo in Sicht: das wärmende Licht der Freiheit.

Eine Geschichte also, die so ziemlich alle klassischen, stets kontrastierenden Swans-Themen zusammenfasst: Melancholie und Misanthropie, religiöser Wahn und kühle Lakonie, Ideologie und Nihilismus, Liebe und Hass, Zuckerbrot und Peitsche. So knüpft "To Be Kind" da an, wo das nicht minder machtvolle Meisterwerk "The Seer" vor zwei Jahren aufhörte.

Allerdings, und das mag jeder Fan auslegen wie er mag, sind die 10 Stücke des 13. Swans-Albums tatsächlich weniger okkult-schamanisch verfranst, sondern folgen zuweilen sogar veritablen Melodien, was zunächst größere Zugänglichkeit vorgaukelt. "Screen Shot" eröffnet die Platte mit einem treibenden, apokalyptischen Tribal-Groove aus Blechdosen-Geklöppel und Bass, über den Gira ein Mantra absoluter Auslöschung abzählt: "No pain, no death, no fear, no hate, no time, no suffering, no touch, no loss, no end, no sins, no lust, no hurt, no hands to reach, no need no will, no speech"… und so weiter, bis der Zuhörer sich nach acht Minuten im Zustand komfortabler Narkose wiederfindet. "Love now! Breathe Now!" fordert Gira dann am Ende: Willkommen in der Swans-Ekstase.

Danach folgt der in Zeitlupe dahintaumelnde Blues "Just A Little Boy (For Chester Burnett)", der natürlich Howlin' Wolf gewidmet ist und klingt wie eine Stonerrock-Variante des Doors-Klassiker "The End". Alles also etwas erdiger, inhärent freundlicher diesmal, auch wenn der Noise-Orkan jeden Augenblick losbrechen kann. Zum Beispiel im immer weiter außer Kontrolle und Hörbarkeit geratenden "A Little God In My Hands" oder im rauschhaften Finale des Titelstücks.

Dazwischen gibt es mit "Oxygen" eine extrem hitzige, aber sehr geradlinige Funkrock-Nummer, in der Gira mittendrin anfängt, ausgelassen zu bellen, während um ihn herum Bläser Walross-Geräusche machen. In "Some Things We Do" zählt er dann wieder heiser auf, die Dinge, die mensch halt so macht: "We see, we feel, we need, we fight, we sin, we cut, we seek, we love, we grow, we take, we break, we hunt, we hurt, we seize, we kneel, we heal, we fuck, we pray, we hate, we reach, we touch, we lose, we taste, we learn, we lie…" Sie ahnen: Es geht so weiter, wobei dieses Stück mit knapp über fünf Minuten das Kürzeste ist. "To Be Kind" ist psychedelisch, wahnhaft, verspult und kathartisch, wütend und euphorisch - und kann den unvorbereiteten Hörer mit seinem heiligen, kreiselnden Beschwörerlärm um den Verstand und den letzten Nerv bringen. Kurzum: Es ist so gut wie perfekt. (9.3) Andreas Borcholte

Tori Amos - "Unrepentant Geraldines"
(Mercury Classics/Universal, ab 9. Mai)

Alle zwei Monate erscheint das neue "Breakout"-Magazin und jedes Mal ist die Versuchung da, Plattenrezensionen generell und ab sofort nur noch so zu schreiben: "Der Opener 'Hell Inside My Head' lässt sämtliche Osterhühner fast vier Minuten lang headbangend ordentlich Körner picken!", "Das Silberscheibchen geht ab wie die Sau, mal wieder feinstes Stöffche aus dem Hause Beth Hart", "Die neuesten Tracks lassen so dermaßen fett den Gummi auf der Straße liegen, uneingeschränkte Kaufempfehlung!".

Eine Einschätzung des aktuellen Tori-Amos-Albums wird man dort leider erst ab 27. Juni lesen können, sie müssen also nolens volens auf den bemühten "Abgehört"-Studenten-Style zurückgreifen. "Unrepentant Geraldines" beginnt mit "America", einem der schönsten Songs, die Tori Amos in ihrer gesamten Karriere verfasst hat: "Because we all lay down/ To sleep through the now/ And if we all lay down/ She'll be waiting for us.": Das andere Amerika grüßt knöchern aus dem Halbdunkel, Tori aber steigt bergauf: Kate-Bush-Niveau, nicht weniger. Auf "Wild Way" ("I hate you/ I hate you/ I do"), "Weatherman" und dem wundervollen "Wedding Day" besucht Amos die Gespenster, Wiedergänger und Tausendfüßler ihrer Vergangenheit, immer weiter durch den dichten, blassen Schnee, Julie Christie wartet, und die Kunst ist ein wärmender Mantel aus Samt: "Before you drop another verbal bomb/ Can I arm myself with Cezanne's '16 Shades Of Blue'".

Gerade die erste Hälfte, aber auch das Ende von "Unrepentant Geraldines" sind dermaßen gut, dass hier höchstens eine Diskussion darüber entstehen dürfte, ob es Toris beste Platte seit "Scarlet's Walk" (2002) oder "From The Choirgirl Hotel" (1998) ist, was auch bedeutet, dass an "Under The Pink" (in allen Farben und Lichtern betrachtet das wohl erschütterndste Album der neunziger Jahre) niemals wieder gekratzt werden kann. Ich mag die Monotonie von Broken Twin, aber sie spielt bloß brav This Mortal Coil nach und wird 2019 längst vergessen sein, während in der Amos alles steckt: Mehr akustische Halluzinationen ("Invisible Boy"), späte Beatles ("Giant's Rolling Pin"), rubinrote Hausschuhe. Früher FSK 18 (Limited Edition mit Rasierklinge), heute immer noch gefährlich: Die triumphale Rückkehr der Gebieterin. (8.6) Jan Wigger

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Lily Allen - "Sheezus"
(Warner, seit 3. Mai)

Einer der schönsten Momente von "Sheezus" kommt kurz vor Schluss: Auf einem fröhlichen Afrobeat, der musikalisch eher an den Talking-Heads-Klassiker "(Nothing But) Flowers" als an frühe Vampire Weekend erinnert, beschreibt Lily Allen ihren Alltag als Mutter zweier kleiner Töchter: Auch nicht immer rosig, so mit Babybrei überall, und für eine Midlife Crisis sei es mit 28 irgendwie noch zu früh, aber: "This is the life for me". So weit, so gut. Und eigentlich wäre es ganz lustig gewesen, wenn Allen, eine der smartesten und schärfsten Texterinnen, die Großbritannien zu bieten hat, das ganze Album über die Widrigkeiten im Leben einer jungen, durchaus feministisch engagierten Doppelmami im ewig weiblichen Konflikt zwischen Fremd- und Selbstbestimmung erzählen würde, so wie im ebenfalls reizenden Ehemann-Loblied "L8 Cmmr".

Macht sie aber nicht. Stattdessen arbeitet sie sich an Celebrity-Gewächsen wie Cara Delevigne und Rita Ora ab, die nichts geleistet hätten, Instagram vollspammen und es nur aufs Geld abgesehen haben ("Insincerely Yours"). Den männlichen Bloggern, die sie für ihren angeblichen Rassismus im Video zum Single-Hit "Hard Out Here" kritisiert haben, würgt sie Ignoranz und Misogynie rein ("URL Badman") und beschwert sich über die Tabloids, die immer wieder auf ihrer privilegierten Upperclass-Herkunft herumreiten ("Silver Spoon"). Im Titelstück schließlich wirft sie sich todesmutig in eine Wagschale mit Pop-Schwergewichten wie Lady Gaga, Rihanna oder der erfolgreichen Newcomerin Lorde: "I'll take the hits, roll with the punches."

Vier Jahre selbstverordnete Abstinenz vom Pop-Geschehen liegen hinter Lily Allen, aber statt entspannt ihr eigenes Ding zu machen, will sie leider lieber erstmal ein paar offene Rechnungen begleichen. Das hat durchaus große Momente, wie die Zeile in "Sheezus", in dem es um die berechtigte, aber letztlich auch müßige Frage geht, warum weibliche Popstars in den Medien immer gegeneinander ausgespielt werden und dann auch noch selbst dabei mitmachen: "It makes me angry, I'm serious, but then again I'm just about to get my period/ Periods, we all get periods/ It's human nature, yo, that's what the theory is". Wann wurden Monatsblutungen eigentlich schon mal so offensiv in einem Popsong verewigt?

So wie Kanye West sich zum HipHop-Erlöser "Yeezus" stilisiert, will Allen gerne das weibliche Pendant sein, "Sheezus", die "Queen Bee" all jener Popfrauen, die während ihrer Abwesenheit emporkamen. Das wird aber, wiederum leider, nicht klappen, denn dafür hätte sich Allen einen anderen Produzenten als ihren gewohnten Kollaborateur Greg Kurstin (Pink, Shakira, etc.) suchen müssen, jemanden, der ihr auch musikalisch eine brachial-größenwahnsinnige Radikalität wie Wests verordnet hätte. Denn nicht nur verliert sich Allens Punch und Furor immer wieder in den süßlichen Beschreibungen ihrer privaten Glückseligkeit ("Air Balloon"), auch stilistisch verläppert das Album im harmlos-generischen R&B-Pop-Radiomainstream.

In Interviews sagte Allen, sie habe einige Entscheidungen und Anordnungen ihres Labels fragwürdig gefunden und würde am liebsten sehr schnell aus ihrem Vertrag entlassen werden. Nach einem doch eher halbgaren Comeback wie diesem stellt sich die Frage, ob sie es nicht auf einen offenen Bruch mit der Plattenfirma hätte ankommen lassen sollen. Wie man Songs im Internet auf eigene Faust veröffentlicht, damit kennt sich der einstige MySpace-Star doch eigentlich gut aus. (6.0) Andreas Borcholte

Lily Allen – Sheezus

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Roddy Frame - "Seven Dials"
(AED/Rough Trade, ab 9. Mai)

OMFG - Deutschland hat ein paar Wochen vor der Fußball-WM bemerkt, dass es doch nicht Weltmeister werden kann! Was wird nun aus Thomas "Wir sind alle Deutsche" Müller, Wolff-Christoph Fuss ("Bock auf 90 Minuten Rock'n Roll?"), Thomas Helmer ("Ich verfolge die Primera Division nicht so genau"), der "BamS" ("Gibt's jetzt kein Sambamärchen?") und dem deutschen Einzelhandel ("Pfeife, Rassel, Trommel, Ratsche, 9,90 Euro!")?

Nun, Schottland ist nicht einmal dabei, aber das Label Postcard Records (Orange Juice, Josef K, Aztec Camera etc.) gab es so sicher wie Aztec Camera, die stetig hervorragende Alben veröffentlichten, ohne je die rotwangige Tiefe ihres Debüts "High Land, Hard Rain" zu erreichen ("Frestonia" war eine eigene Dimension und Kategorie, es fällt schwer, sie ins Werk einzuordnen). "Seven Dials" ist Roddy Frames erste LP seit acht Jahren, und fürwahr: Diese Stimme klingt auch im Mai der Jetztzeit noch verdammt jung, höflich und seltsam unbelastet. Das beseelte, mustergültige "Into The Sun" wäre auf jeder Aztec-Camera-Platte ein Höhepunkt gewesen, ebenso das vollblütige "Forty Days Of Rain", beinahe ein Travis-Song.

Wenn das Glück verschwindet, und die Wolken sich zeigen, ist Frame, dieser Chronist der Liebe und der Jahreszeiten, nach wie vor am stärksten: "It hurts to know it and it hurts to doubt it/ But there is nothing I can do about it/ I guess we're gonna have to live without it." Nicht verzichten müssen Sie auf diese stellenweise äußerst rührende Zwischenbilanz, die im Studio von Edwyn Collins entstand. Achten sie auf das Gitarrensolo in "The Other Side"! (7.6) Jan Wigger

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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