Abgehört - neue Musik Die Hits der Achtziger, aber nicht zum Mitsingen

Die neue Musik dieser Woche klingt ganz schön altbacken: The War On Drugs versuchen, Bryan Adams cool wirken zu lassen; Queens Of the Stone Age gehen mit Gitarren in die Disko. Zum Glück gibt's Grizzly Bear.

Von und


The War On Drugs - "A Deeper Understanding"
(Atlantic/ Warner, ab 25. August)

Wissen Sie, was ich gemacht habe, als ich vor einigen Wochen von einem Termin zurückkam, bei dem Journalisten das neue Album von The War On Drugs vorgespielt wurde? Ich habe meine Plattenregale nach ein paar abgenutzten Favoriten aus den Achtzigern durchkramt (die ich zum Glück nie zum Höker getragen habe): "Ready or Not" von Lou Gramm, "Tunnel of Love" von Bruce Springsteen, "Full Moon Fever" von Tom Petty, Bob Dylans "Oh Mercy" und natürlich "Reckless" von Bryan Adams.

Vor allem an den krähenden Crooner aus Kanada hatte mich die Stimme von Sänger Adam Granduciel nämlich erinnert, als er einige seiner neuen Songs live und akustisch darbot. Wobei "erinnert" das falsche Wort ist: Granduciel sieht zwar aus wie ein Grunge-Rocker, ein undefiniert wirkender Bruder von Eddie Vedder. Er evoziert auf "A Deeper Understanding" jedoch die letzten wirklich großen Rocksänger und jene Zeit von Mitte der Achtziger bis Anfang der Neunziger, als sie sich mit viel Synthesizer-Bombast, dünnen Drum-Sounds und viel, viel Hall dem artifizieller werdenden Pop-Zeitgeist anpassten - produziert von Klangfetischisten wie Daniel Lanois, Steve Lillywhite oder Jeff Lynne. Es war die Zeit, als die Dire Straits mit U2 um den Rang der besten Band der Welt stritten.

The War On Drugs kopieren diesen stets weit ausatmenden, dann aber im Pathos erstickenden Sound so schamlos und bis ins letzte jubilierende Keyboard, Harmonica- oder Gitarrensolo hinein. So als ob sich der Albumtitel nicht auf die emotionalen Innenwelten des Songwriters Granduciel bezöge, sondern auf die Akzeptanz und das Verständnis, dass die Achtziger in Ästhetik und Gestik wieder en vogue sind. The War On Drugs, in allmählich älter und konservativer werdenden Indie-Kreisen schon seit einiger Zeit als beste Band der Welt geliebt (und auch hier bereits ausführlich für ihre Brillanz gelobt), kommen mit ihrem Majorlabel-Debüt also im Mainstream an: Songs wie "Pain" oder "Knocked Down", in denen Granduciel elegisch-salbungsvoll von sentimentalen Momenten bei Nacht und Regen sinniert, könnten im Formatradio zwischen "Heaven" und "Free Fallin'" laufen, ohne dass es den nebenbei Auto fahrenden Hörer irritieren würde - er kann nur halt leider nicht lauthals mitsingen wie vor 30 Jahren.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Denn so perfektionistisch und akkurat The War On Drugs ihre handwerkliche Könnerschaft in durchschnittlich sechsminütigen Stücken zur Schau stellen, so selten bleibt eine Hook oder ein Refrain hängen: Es gibt nämlich keine. Da kann dann Apple-Music-Impresario und Ex-Superproduzent Jimmy Iovine noch so sehr schwärmen, wie "gigantisch" er die Band findet und sie bereits auf Stadiontournee imaginieren: Wer diesen - schwierigen und anspruchsvollen - Weg in den Wohlklang und die Gefühlszwangsjacke des US-amerikanischen Mainstream-Rockpops beschreitet, kann am Ende nicht doch noch versuchen, in indiegerechter Verweigerungsmanier herumzuwabern oder pseudo-ambitioniert irrlichtern wie in "Thinking of a Place". Dafür gibt es ja bereits Wilco.

Wer aus dieser Sackgasse heraus und nicht für die nächsten zehn Jahre Headliner für die Alternativrock-Rentner beim "Rolling Stone Weekender" spielen will, muss fürs nächste Album dringend ein paar zupackende Hits schreiben, ein "Run to You", ein "Boys of Summer" oder ein "Brilliant Disguise". Oder, was soll's, einfach Bryan Adams als Gastsänger einladen. Fällt gar nicht auf, wetten? (5.0) Andreas Borcholte

Queens Of The Stone Age - "Villains"
(Matador/Beggars/Indigo, ab 25. August)

Die Queens Of The Stone Age sind wohl die letzte halbwegs relevante Band, bei der man über Gitarrenverstärker reden muss. Denn diese ließen die Band gute 21 Jahre lang mit Songs wie "Feel Good Hit of The Summer" durchkommen. Im Opener des zweiten Bandalbums "Rated R" deklinierte Frontmann Josh Homme genau zwei Minuten und 43 Sekunden lang seine Lieblingsdrogen durch. So richtig viel hatte Homme halt noch nie zu sagen.

Musste er aber auch nicht. Denn er hatte ja diesen Sound. Hommes humorlose Riffs krochen so trocken aus den Lautsprechern, dass sie auch eine Gebrauchsanweisung zu großem Rock gemacht hätten. In ihrer schmierigen Breitbeinigkeit evozierten sie substanzinduzierten Schweiß auf den Handflächen ebenso wie hitzeflimmernden Wüstenstaub und amerikanische Straßenkreuzer jenseits von 20 Liter Durchschnittsverbrauch. Dass das schon vor zehn Jahren völlig aus der Zeit gefallen war? Teil des Reizes. QOTSA lieferten den perfekten Rock-Anachronismus.

Für ihr siebtes Album "Villains" setzte die Band nun allerdings den britischen Starproduzenten Mark Ronson (Amy Winehouse, Lady Gaga, u.a.) an die Studioregler. Mit einer Frischzellenkur aus Soul und Disco sollte er nichts Geringeres leisten, als "den Sound der Band grundlegend zu erneuern", wie Homme es ausdrückt.

Das geht natürlich schief. Zwar wirken Songs wie das rasante "Head Like a Haunted House" mit seinen Fifties-Anleihen durchaus erfrischend. Doch gleich die erste Single "The Way We Used to Do" klingt, als hätten T.Rex "Down in the Past" von Mando Diao gecovert - und dabei klassischen Disco-Sound mit der Indiedisko Jahrgang 2006 verwechselt. Auch "The Evil Has Landed" rockt ziel- und substanzlos vor sich hin, und das überforderte "Fortress" kann sich nicht entscheiden, was es sein will: Ballade für gefühlskalte Millennials oder Material für die Stadiontour. Verstärker, Gitarren, Hommes Sound? Klingen weiterhin stark - aber retten können sie "Villains" diesmal nicht. (4.0) Dennis Pohl

Grizzly Bear - "Painted Ruins"
(RCA/Sony, seit 18. August)

TRX250, treuer Freund! So weit ist es mit Rockbands also schon gekommen, dass sie Liebeslieder an ihre All-Terrain-Vehikel singen. Jedenfalls dreht sich der erste Song des neuen Albums von Grizzly Bear darum, dass Sänger und Keyboarder Daniel Rossen im Wald upstate New York mit seinem Honda-Quad Feuerholz zu seiner Hütte karrt. Der Hund rennt auch noch irgendwo herum, eigentlich eine besinnliche Szene, die von innerer Einkehr und Einsiedelei erzählt. Was bleibt einem auch sonst noch, wenn man die Nachrichten liest?

Doch der Winter kommt, und der Band gelingt es, die "Wasted Acres", die Rossen in dem Song beschreibt, atmosphärisch und musikalisch, mit Raunen und Schwirren, in den politischen Raum transzendieren zu lassen: Plötzlich steht das Männlein nackt und bloß im Walde - und fragt sich, ob der Stimme der Vernunft, dem verlässlichen Surren der Maschine, überhaupt noch jemand zuhört. Anders als den Fleet Foxes, noch so eine zurückgekehrte Band, die man schon im seligen Freak-, Frickel- und Fusselbart-Folk-Nirwana der Nullerjahre verortet hatte, gelingt es Grizzly Bear, ihre in viele feine Lagen geschichtete Könnerschaft nicht wie Hochstapelei wirken zu lassen. Ihr fünftes Album nach ebenso vielen Jahren Pause seit "Shields" von 2012, ist ein verwunschenes, in sich verschachteltes und vergrabenes Rock-Statement, das nur noch den Vergleich mit Radiohead zulässt: Nichts ist eindeutig, aber vieles implizit.

Andreas Borcholtes Playlist KW 34
SPIEGEL ONLINE

1. Bryan Adams: Heaven

2. The War On Drugs: Pain

3. Bruce Springsteen: Brilliant Disguise

4. John Hiatt: Slow Turning

5. Bob Dylan: What Was It You Wanted

6. Nadine Shah: Holiday Destination

7. Grizzly Bear: Mourning Sound

8. LCD Soundystem: tonite

9. Flash And The Pan: Midnight Man

10. Taco: Puttin' On The Ritz

Wer sich ins Unterholz dieser Musik begibt, trifft auf Steely Dan und Spiritual Jazz ("Glass Hillside", "Cut-Out"), wird mit "Mourning Sound" beruhigt, dass es vielleicht doch noch um Indie-Rock gehen könnte, dann aber mit "Four Cypresses" und "Three Rings" wieder ins Psychedelische, Rauschhafte entführt. Klirrende Synthesizer-Sounds und Sphärisches, leise huschende Beats und flatterhaft karriolende Loops markieren bei aller Waldschratigkeit eine Abkehr von Bodenhaftung: Nichts ist mehr sicher in diesem Sound, nur noch die delirierend hohen Stimmen von Rossen und Ed Droste bieten Erdung - und gegen Ende, wenn, wie immer bei Grizzly Bear, die besten Stücke kommen, auch ungeahnte Wärme.

Es geht um Ermüdungsbrüche, um endende Beziehungen - zu Menschen, Geliebten, vielleicht auch Illusionen, Träumen und Ideen von Nationen. Doch so wie sich die über die ganze USA und bis nach Berlin verstreute Band aus Individualisten dank des beherzten Einsatzes von Produzent und Bassist Chris Taylor doch noch einmal zu einem gemeinschaftlichen Projekt zusammenfand, spendet auch "Painted Ruins" mit seiner im Zweifel nach Halt tastenden Ratlosigkeit, seiner meisterlich vertonten Verzagung ein wenig Hoffnung: das beruhigende Gefühl, wenn man die Hand ans kühle Blech legt und darunter die Hitze des Motors spürt. (8.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
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tcdk 24.08.2017
1. Respekt!
Endlich mal Rezensionen, in denen uns lauwarme Mainstreamsuppe nicht als next big thing oder als Retter der ansonsten sterbenden Rockmusik präsentiert wird! Danke dafür. Trotzdem sei mir die Frage erlaubt: Quotsa + Disco = schlecht; Arcade Fire + Disco = gut?
freddykrüger 24.08.2017
2. Mainstream?
Lau warm sind die hier vorgestellten Alben allemal. QOTSA schießen hier aber den Vogel ab. Ich mag die Band eigentlich sehr, aber dieses Album ist Schrott. Schwülwarm für diese Diskoplörre wäre wohl die treffendere Bezeichnung. Leider wurde mal wieder Steven Wilsons neues und sehr gutes Solo Album ignoriert. Wohl nicht trendy genug. Er hat sich zwar auch den Pop angenähert, aber es ist immer noch Prog.
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