Abgehört - neue Musik Kampflieder für den Alltag

Das ist sie wieder, die nölende Niedlichstimme: Warum Christiane Rösingers neues Album schrullig, aber schön ist. Außerdem: Dirty Projectors, Sun Kil Moon und eine Pharrell-Entdeckung.

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Christiane Rösinger - "Lieder ohne Leiden"
(Staatsakt, ab 24. Februar)

Deutsche Popmusik ist eigenartig. Dass sich irgendwann Jüngere vordrängeln und sich Plätze erkämpfen, darauf wartet man nun schon lange, sehr lange. Und dann kommt eine Sängerin, die nochmal locker ein Jahrzehnt mehr auf dem Buckel hat als man selbst - und zettelt die Revolution aus der Quasi-Frührente an: "Manche Dinge, die versteht Ihr nie/ Diversity und Gendertheorie/ Andere nehmen Eure Plätze ein/ Sie werden nicht so weiß und männlich sein", singt Christiane Rösinger in "Was jetzt kommt", einem Song auf ihrem neuen Album "Lieder ohne Leiden". Und weiter: "So wie früher wird es nie mehr sein/ Nehmt es wie ein Mann und sagt Goodbye". Rumms.

Rösingers musikalischer Direktor seit ihrer ersten Solo-Platte "Songs Of L. And Hate", die vor sechs Jahren erschien, ist erneut der sehr viel jüngere Musiker und Gitarrist Andreas Spechtl (u.a. Ja Panik), der immer wieder lustige Dinge anklingen lässt, in "Was jetzt kommt" mischte er in den Hintergund des grandiosen Pop-Refrains ein rockistisches Gitarrenriff, das zusätzlichen Hohn über die Altmänner-Dogmen und -Fetische sprenkelt, um die es im Text geht. Rösinger, die sich den Begriff "Grande Dame" verbittet, bis sie 70 ist, wie sie gerade in einem Interview sagte, singt derart Ätzendes mit immer noch mit jener vordergründig gelangweilten Niedlichstimme, die bereits bei den Lassie Singers und später bei Britta ihr Erkennungszeichen war.

Die Stimme, einerseits, aber eben auch die zwischen lebensmüde und rabiat schwankenden Lieder selbst, mit ihren pointierten, lakonisch vorgetragenen Sottisen über das Kleinklein und das große Ganze. Rösinger schreibt Kampflieder für den Alltag, Durchhalteparolen für alle, die an den Absurditäten des Großstadtlebens an den Rand der Hysterie getrieben werden und diesen postmodernen Schwebezustand gleichermaßen grauenhaft und geil finden.

Diejenigen, die diese schon sehr speziellen Berlin-Chansons einer Ex-Badenserin genießen und feiern, treffen sich regelmäßig im Südblock am Kottbusser Tor, wo Rösinger ihren Club "Flittchenbar" betreibt. "Lieder ohne Leiden", das ist natürlich auch so ein Witz, eine doppelte Ironie, die Udo Jürgens ("Liebe ohne Leiden") evoziert und Leichtigkeit suggeriert, wo mal wieder schönste Melancholie regiert. Der Mittelfinger auf dem stilisierten Lou-Reed-Coverbild ist ja nicht umsonst so aufreizend emporgereckt.

Ihre auch mit Mitte Fünfzig noch prekäre Lebenssituation thematisiert die Germanistin Rösinger, die seit zwei Jahren ehrenamtlich Flüchtlinge unterrichtet, in "Lob der stumpfen Arbeit", "nach all den Jahren ist es so weit".

Andreas Borcholtes Playlist KW 8
SPIEGEL ONLINE

1. Christiane Rösinger: Eigentumswohnung

2. Britta: Depressiver Tag

3. Holly Macve: The Corner Of My Mind

4. Sun Kil Moon: God Bless Ohio

5. Jesca Hoop: The Lost Sky

6. Maggie Rogers: Alaska

7. Emma Jensen: Closer

8. Lana Del Rey: Love

9. Balbina: Das Kaputtgehen

10. Larry Coryell: Spaces, Infinite

Aber wer, selbst im Herbst des Lebens angekommen, esoterische Altersmilde hinter Songtiteln wie "Joy of Ageing" vermutet, dem wird statt Solidarität gnadenlos die eigene Zwangsjugendlichkeit ausgebreitet. Die rich kids, die von den Eltern Wohnraum erben oder gekauft bekommen, kriegen im Gassenhauer "Eigentumswohnung" ihr Fett weg. Rösinger singt das Lied frecherweise auch noch aus der Selbstgerechtigkeits-Perspektive der Gentrifizierer - eine nassforsche Antwort auf "Berlin" vom letzten Album. Die Arschlochkinder von damals sind jetzt erwachsen geworden. Und Rösinger, notorisch unarriviert, fühlt sich den Technoleichen, Halbverstrahlten und Druffis halt immer noch mehr verbunden.

Weniger ruppig als zuvor ist die Musik auf "Lieder ohne Leiden" geraten. Spechtl umgarnt Rösingers fröhliches Lamento mit allerlei Gitarrenhall und -Gelichter, es gibt Saxofon ("Kleines Lied"), Akkordeon, Piano-Klimpern, bis die ja eigentlich simplen Kompositionen Komplexität behaupten, die lediglich ganz am Schluss im Wabern und Lärmen von "Das gewölbte Tor" eingelöst wird. Eigenartig, aber toll. (8.0) Andreas Borcholte

Video: Christiane Rösinger "Eigentumswohnung"

Dirty Projectors - Dirty Projectors
(Domino, ab 24. Februar)

Was macht der gemeine New Yorker Indie-Musiker, wenn ihm das Leben unterm Hintern wegbricht? Er zieht nach Kalifornien, lässt sich einen Bart wachsen und hört Rap. Und wenn man so talentiert ist wie Dirty-Projectors-Kopf David Longstreth? Legt man gleich noch ein Album nach, das klingt, als hätten J Cole, Childish Gambino oder Drake statt der angeblichen Straßensozialisation den Abschluss an einer Ivy-League-Uni nachgeholt.

Dabei ist das mittlerweile siebte Album der Band- und Solo-Spielwiese Longstreths ein astreines Trennungsalbum. Nach Jahren, in denen Dirty Projectors mit einem Sound zwischen afrikanischer Rhythmik und Sehnenscheidenentzündung beachtliche Szeneerfolge feierten, implodierte 2012 zuerst die Band und wenig später auch die Beziehung von Longstreth und Bandkollegin Amber Coffman.

"Dirty Projectors" reibt sich nun an sämtlichen Stadien der zerbrochenen Beziehung auf. Longstreth scheint als Solokünstler aber auch mit den tradierten Mustern der Indie-Welt abzuschließen. Statt auf lonely -sad-guy-Folkismen und Streicher aus der Dose zu setzen, nutzt er Beat und Soul, um seinem Kummer Luft zu machen. Ausdrucksweisen also, die er in seiner Rolle als Co-Produzent von Solanges "A Seat At The Table" gelernt hat.

Die wichtigste Neuerung jedoch findet auf textlicher Ebene statt: Statt verklausulierter Trennungslyrik bemüht Longstreth jene unvermittelte Ansprache, die kontemporärer R&B in den vergangenen Jahren in ein universales Gefühlskino verwandelt hat - radikal subjektiv und maximal nachfühlbar, statt aus dem örtlichen Ontologie-Grundkurs geklaut. "Dirty Projectors" ist Longstreths Art zu sagen: Indie ist tot, zumindest vorläufig. (8.2) Dennis Pohl

Video: Dirty Projectors "Little Bubble"

Sun Kil Moon - Common As Light And Love Are Red Valleys of Blood
(Rough Trade, seit 17. Februar)

Ein melancholischer Mann mit Akustik-Gitarre, der auf seinen Platten überwiegend von sich selbst singt: Gemeinhin drohen bei solchen Unternehmungen Lamenti über Probleme, die andere gerne hätten. Mark Kozelek allerdings gelingt es auf den Platten, die er unter dem Namen Sun Kil Moon veröffentlicht, von banal Alltäglichem wie auch von niederschmetternden Lebenskatastrophen zu erzählen, ohne in Authentizitätsgehuber abzugleiten.

Erstaunlich genug. Die bei Sun Kil Moon - mehr ein loser Zusammenhang als eine feste Band - immer schon sehr offen gedachte Songstruktur franst auf den 16 Stücken des neuen Doppelalbums "Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood" endgültig aus. Ex-Sonic-Youth-Schlagzeuger Steve Shelley trommelt variantenarm, Bass und Gitarre laufen primär funktionsorientiert mit, kaum ein Stück bleibt unter sieben Minuten Laufzeit.

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Über diese minimalistische Musik singt und spricht Kozelek dezent vernuschelt ausufernde Texte. Am Opener "God Bless Ohio" lässt sich schön zeigen, warum das alles glückt: Kozelek suggeriert, dass hier einer schlicht alles weitgehend unverdaut raushaut, was er sieht, hört und ihm widerfahren ist. Kozelek erzählt von seiner Kindheit, vom "old Mansfield prison where 'Shawshank Redemption' was filmed", dem "abandoned Molly Stark Hospital" und dem "horrible nursing home", in dem sein Großvater gestorben ist.

In der assoziativen Reihung von Orten, Begebenheiten und Beschreibungen alltäglicher Schönheit ("The beautiful children of my sister/And the blue herons gliding across the pond") wird die Idee, es gebe so etwas wie einen authentischen musikalischen Ausdruck, vom Fluch des Kitsches befreit. Es geht nicht um hervorgekehrte Empfindsamkeit, es geht um Weltwahrnehmung, gefiltert durch eine störrisch-radikale Subjektivität, die Trauer, aber auch Peinliches nicht ausschließt ("I burp too much").

Nicht zuletzt ist "Common As Light..." die dunkelste Sun-Kil-Moon-Platte bislang. Wenn es nicht um die eigene Geschichte geht, geht es um Amokläufe, Serienmörder und Donald Trump. Die alles bündelnde Textzeile findet sich in dem ansonsten eher lustig daherkommenden "Vague Rock Song": "All of a sudden the world got gray/ So quit dancing for at least today/ One minute there's life and love/ Next minute, red valleys of blood". (7.0) Benjamin Moldenhauer

Maggie Rogers - "Now That The Light Is Fading" (EP)
(Capitol/Universal, seit 17. Februar)

Man muss sich dieses Video einfach immer wieder ansehen: Das Gesicht von Pharrell Williams, als er bei einer Master Class Session an der New York University zum ersten Mal "Alaska" hört, den tatsächlich umwerfend fragilen und zugleich sanft groovenden Song der Studentin Maggie Rogers: Unglaube und Überraschung gehen auf seinem Gesicht über in echte Rührung und Faszination. Der Mann ist den Tränen nahe und vergleicht Rogers "singulären" Sound später mit der Einzigartigkeit des Wu-Tang Clans und Stevie Wonders. Wow, sagt er, nachdem der Song vorbei ist. Ja, in der Tat.

Best-of "Abgehört"

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Der Rest ist neuere Pop-Geschichte: Das Internet drehte durch, Millionen Klicks landeten auf dem Video und Rogers früheren Bandcamp-Veröffentlichungen, dann kam "Alaska" noch einmal im Selbstverlag als fertig gemischte Single heraus - und nun veröffentlicht die 23-Jährige ihre erste EP beim Majorlabel Capitol. Wow? Nun ja.

"Alaska" bleibt ein großer Wurf, eine im ärgsten Frost einer verlorenen Liebeshitze nachsinnende Ballade, in der sich Ellie Goulding und Lorde die Hand geben und uralte Folk-Motive auf neuesten R&B und Pop treffen. Ursprünglich war Rogers an die NYU gekommen, um Banjo zu spielen, das Instrument, mit dem sie den Großteil ihrer frühen Veröffentlichungen bestritten hatte. Zum von Joni Mitchell beeinflussten Folk gesellte sich bei dem Talent aus dem ländlichen Maryland ein Gefühl für postmoderne Beats und Grooves.

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Und für Charts-Pop, offenbar. Die fünf Songs auf ihrer EP seien von einigen Monaten Clubbing in Europa inspiriert, sagt Rogers, das verdirbt natürlich den Charakter, Pharrells Segen hin oder her. So bleibt der fast a cappella zu Vogelzirpen gesungene "Color Song" neben "Alaska" das überzeugendste Stück, während die zweite Single "Dog Years" in Softrockismen vertändelt und "On And Off" ebenso wie "Better" zu wenige originäre Akzente setzen (ein Gitarren-Füllsel und ein verdrehter Beat hier, ein quäkendes Moog-Motiv dort), um aus dem Radio-Einerlei herauszustechen. Soll es vielleicht auch gar nicht. Schade, aber nachvollziehbar nach dem ganzen Hype. Fürs Debüt-Album wünscht man sich wieder etwas mehr Wow. (5.5) Andreas Borcholte

Video: Maggie Rogers "Alaska"

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
grabenkaempfer 22.02.2017
1.
es ist schon erstaunlich, das man ca. 90% von dem was hier vorgestellt wird nirgendwo anders hört oder etwas davon ließt. Andererseits bin ich da auch nicht traurig drüber.
aborcholte 22.02.2017
2.
Zitat von grabenkaempferes ist schon erstaunlich, das man ca. 90% von dem was hier vorgestellt wird nirgendwo anders hört oder etwas davon ließt. Andererseits bin ich da auch nicht traurig drüber.
@grabenkaempfer Vielen Dank, ein schöneres Kompliment hätten Sie mir und meiner Kolumne nicht machen können.
germ, 22.02.2017
3. Christiane Rösinger
Interessante Stimme und Texte. Ein Erfolg damit wäre ihr zu wünschen!
freddykrüger, 22.02.2017
4. @aborcholte
Und aus diesen Grund den der Forist angeführt hat, les ich die Kolumne sehr gern, auch wenn vieles nicht meinen persönlichen Geschmack entspricht. Aber einfach mal über den Tellerrand schauen, es gibt immer noch viel zu entdecken.
.patou 22.02.2017
5.
Zitat von grabenkaempferes ist schon erstaunlich, das man ca. 90% von dem was hier vorgestellt wird nirgendwo anders hört oder etwas davon ließt. Andererseits bin ich da auch nicht traurig drüber.
Dann sollten Sie vielleicht nicht die Apotheken Umschau konsultieren. Im aktuellen Musikexpress gibt es ein Interview mit Christiane Rösinger samt Rezension des Albums, einen langen Artikel zu den letzte Woche hier besprochenen Bilderbuch, und Dirty Projectors ist Album des Monats. Ich kann mich freddykrüger nur anschließen. Abgehört ist die einzige SPON-Kolumne, die ich seit vielen Jahren jede Woche lese.
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