Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Frühling der großen Gefühlsausbrüche: Nach Sufjan Stevens zeigt sich nun Villagers-Sänger Conor O'Brien ganz zerbrechlich. Außerdem: Footwork-Revolutionärin Jlin! Texmex-Rentner Calexico! Gastkritiker Maurice Summen über Holger Czukay!

Von und Maurice Summen


Villagers - "Darling Arithmetic"
(Domino/Goodtogo, seit 10. April)

Achtung, Songwriter im Konfessionsmodus: "Do you really want to know about these lines on my face?/Well, each and every one is testament/To all the mistakes I've had to make/To find courage", singt Conor O'Brien im ersten Song seines dritten Villagers-Albums. Man könnte denken, der Mann ist im besten alkohol-, krisen- und wettergegerbten Johnny-Cash-Alter. Ist er aber nicht. O'Brien ist zarte 30 Jahre alt und sieht um einiges jünger aus, was er zurzeit mit einem dieser buschigen Holzfäller-Bärte zu tarnen weiß.

Dazu passt, dass er sich fürs dritte Album ganz Bon-Iver-mäßig in die einsame Blockhütte zurückgezogen hat, um seine, wie heißt es immer so schön: bisher persönlichste Platte aufzunehmen. Keine Band, keine Verzierungen, kein weirder Orchester-Folk, kein Verstecken mehr hinter komplizierten, manchmal grenzprätentiösen Arrangements wie auf "Becoming a Jackal" und "{Awayland}", die O'Brien Kritikerlob und Mercury-Prize-Nominierungen einbrachten. "Darling Arithmetic" ist ein "Break-up"-Album, das sich von verflossenen Affären und Lieben freimacht, es ist aber auch ein "Coming-out"-Album, denn O'Brien macht kein Hehl mehr aus seiner Homosexualität und den Narben, die es hinterlassen hat, sich zu verleugnen, sich zur Wahrheit zu überwinden und schließlich zu sich zu stehen. Dafür braucht es den im Anfangssong beschriebenen Mut. Deswegen fühlt er sich älter, als er in Wahrheit ist.

Mutig ist es natürlich auch als musikalische Unternehmung, denn mit intimen, bare-all Gefühlsbeichten wie diesen misst man sich, auch ohne es zu wollen, mit den neueren Klassikern dieses Genres, von Becks "Sea Change", Rufus Wainwrights "Poses", Antonys "I Am a Bird Now", John Grants "Pale Green Ghosts" und, ganz aktuell, Sufjan Stevens' "Carrie & Lowell". In diese Reihe gestellt, verblasst "Darling Arithmetic" mit seinen vielleicht zu sanften, zu wenig Emotionalität aufschäumenden, zu kunstvoll gehemmten Liedern. O'Briens Songs packen nicht an der Gurgel oder boxen in den Bauch, sie erzeugen eine Klangsphäre, in der man sich dem Erzähler annähern kann, aber nicht muss.

Konkret wird es selten, in "Hot Scary Summer" zum Beispiel, wenn sich O'Brien so ängstlich wie lustvoll von "all the pretty young homophobes/Looking out for a fight" aus seiner Jugend erinnert. Seinen Frieden mit den Homo-Hassern macht er in "Little Bigot", indem er Liebe über alles breitet: "Love is me, love is you, love is all". Am Ende nimmt er, ein bisschen messianisch, die Last doch auf die eigenen Schultern ("No One Else To Blame"), weil wir alle im kosmischen Gefüge ja doch nur kleine Rädchen sind ("So Naïve"). Hach!

Vielleicht, da können Songs wie "Everything I Am Is Yours" oder "Dawning on Me" noch so sehr auf Nick Drake, Cat Stevens oder Jeff-Tweedy machen und sich mit geübter Lakonie einschmeicheln, war O'Brien schon ein ganz klein wenig zu abgeklärt, als er diese Songs schrieb. Sie sind schön, und sie strahlen hell, aber der Furor der Dringlichkeit fehlt. (7.0) Andreas Borcholte

Holger Czukay - "On the Way to the Peak of Normal", "Hit Flop", "Eleven Years Innerspace" (Re-Issues)
(Grönland/Rough Trade)

Ob Holger Czukay Musik-Kritiken liest? Sicher nicht. Er wird Musikkritiken eher verachten. Ob die Musikkritik jemals wichtig für ihn oder sein Werk war? Oder für das seiner Gruppe Can?

Ich bin damals über einen Hardcore-Kiffer in der westfälischen Provinz zu Can und somit auch zu Holger Czukays Solowerk gekommen. Auf der A-Seite eines 90-Minuten-Tapes, das mir der Typ damals zum Kopieren auslieh, befand sich das Can-Album "Ege Bamyasi". Auf der B-Seite hatte er die LP "On the Way to the Peak of Normal" aufgenommen, die Holger Czukay 1981 zum Teil mit den Kraut-Post-Punkern von S.Y.P.H. aufgenommen hatte. Das habe ich aber erst viele, viele Jahre später erfahren. Und der Sachverhalt wäre mir damals auch ziemlich schnuppe gewesen.

Denn Holger Czukay war für mich immer schon ein bewundertes Hyperindividuum in Sound. Das deutsche Pendent zu anderen kosmischen, humorvollen Soundvisionären: Wie der frühe Joe Meek, oder der mittlere George Clinton oder der ewige Lee "Scratch" Perry. Was der psychedelische Rheinländer Czukay allein mit Waldhorn und Diktaphon anstellte, bleibt für immer unerreicht. Sicher hatte auch der große, zu früh verstorbene Toningenieur Conny Plank einen großen Anteil an der Klangqualität dieser Studio-Aufnahmen, aber die musikalische Handschrift ist und war für mich immer unverkennbar: Holger Czukay.

Herbert Grönemeyer und sein Label Grönland, schon als Wiederveröffentlichungsunternehmen des NEU!-Katalogs in gewissen Kreisen zu mehr Ruhm gekommen als mit seinem kompletten eigenen Backkatalog, bringen seit Ende letzten Jahres in unregelmäßigen Abständen Versatzstücke aus Czukays Solokatalog neu heraus. Meist zunächst in liebevollen, streng limitierten 10"-Vinyl-Editionen, dann wenig später aber immer auch als reguläre Veröffentlichungen.

Aktuell gibt es eine Art Best-Of-Czukay-Solo mit dem Titel "Eleven Years of Innerspace", die dem Czukay-Experten spanisch vorkommen wird, weil man sich den Spaß gemacht hat, einfach alle Titel neu zu benennen. Darüber hinaus die Hit-Single-Sammlung "Hit Flop" - beide als limitierte Doppel-10". Und auch das eingangs erwähnte "On the Way to the Peak of Normal" gibt es nun endlich auch als Otto-Normal-Version zu erwerben. Als Compact Disc zum Beispiel, wenn die noch jemand benutzt.

Wer also nachhören will, wie man vor der Erfindung von Musik-Software wie Logic-Pro oder Abbleton-Live eine geräuschhafte, psychedelische, funky Musik in monatelanger Arbeit an der Bandmaschine editierte, der kommt an Holger Czukays Soloplatten nicht vorbei: Hier trifft das Ende der guten Zeit des Krautrocks auf die Blütezeit des Postpunks und nimmt handwerklich in mühevoller Kleinarbeit das vorweg, womit sich in den Neunzigerjahren eine ganze Generation von Headz zwischen Bristol, Paris und Tokyo an den Samplern vergnügen und berauschen wird: dem Sound-Schnipsel als kompositorische Idee in Wiederholung und Variation.

Das Geräusch im eiernden Loop als neuer state of mind. Alle Czukay-Alben und -EPs werden folgerichtig mit 3.14159265358979323846264338327... bewertet: Der Zahl Pi. Unendlich gut. Maurice Summen

Maurice Summen ist Musiker, Autor und Journalist. Er betreibt das Label Staatsakt (Ja, Panik, Jens Friebe) und ist Sänger der Rockband Die Türen.

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Jlin - "Dark Energy"
(Planet Mu/Cargo, seit 27. März)

Footwork oder Juke ist ein Musikstil, über den Sie an dieser Stelle noch so ziemlich nichts gelesen haben, daher zunächst eine Mini-Einführung. Das Genre entstand in den Achtzigern in Chicago und ist eine extreme Form des House-Sounds. Juke (wie in Jukebox) wird Footwork auch genannt, weil die Tracks auf zahllosen Samples beruhen, die zu einem meist hysterisch bis hektischen Rhythmus zusammengemixt werden, zu dem ebenso ekstatisch getanzt wird - Fußarbeit halt. Zu den Pionieren des auch "Ghetto House" oder "Ghettotech" genannten Stils gehören R. P. Boo und Traxman, populär wurde Footwork in den letzten Jahren durch den früh verstorbenen DJ Rashad, der das Gezappel auch in internationale Clubs und in die Modeszene trug.

Jlin ist ebenfalls schon ein paar Jährchen in der Szene unterwegs. 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Track "Erotic Heat", der nun auf ihrem Debütalbum "Dark Energy" enthalten ist. Fünf Jahre hat die DJane aus Gary, Indiana für ihren originären Sound gebraucht; wenn sie nicht in den lokalen Clubs auflegte, arbeitete sie Schicht um Schicht in einem Stahlwerk der ehemaligen Industriemetropole. Anders als sämtliche Footwork-Vorbilder und -Pioniere verwendet Jlin ausschließlich selbst hergestellte Sounds, keine Samples. Die Ausnahme bilden Voice-Schnipsel oder die dem Horrorfilm "Ringu" entliehenen Schreie in "Guantanamo". Ist das dann überhaupt noch Footwork - oder längst etwas anderes, das noch keinen Namen hat?

Müßige Überlegung. Wie immer man Jlins Sound nennen will, er fasziniert durch eine kühle, industrielle Technohaftigkeit, während er sich gleichzeitig immer wieder in Tribal-Rhythmen verfängt und die Brücke zum HipHop und Dubstep schlägt: Beat-Triplets wie im Jungle oder im Trap gehören zu den widerkehrenden Mustern ihrer Musik, die ansonsten auf synthetischen, zischenden, schrillen Geräuschen aufbaut, die von tiefen Sub-Bässen geerdet werden - ein fremdartig, retro-futuristisch wirkender Klangkosmos, der afrikanische Tanzrituale im klinisch weißen Techno-Ambiente an Bord der "Discovery One" in Kubricks "2001" evoziert. Mit HAL 9000 als DJ.

Zur klanglichen Exotik kommt trotz Absenz von Gesang eine eindeutig politische Komponente, die noch einmal verdeutlicht, warum Jlin in Interviews davon spricht, das "Unhappyness" die Triebfeder ihrer Musik sei: "Guantanamo" hat nicht nur Horrorfilm-Elemente, das Stück über die US-Folter-Kolonie strahlt auch eine klangliche Brutalität und Gewalt aus. "Black Diamond", das auf malischen Tänzen basierende "Mansa Musa" und "Black Ballet" beschäftigen sich offensichtlich mit jenen aktuellen Rasseproblemen und -spannungen, die Jlin selbst, im hauptsächlich afroamerikanisch geprägten Gary, alltäglich erleben dürfte.

"Dark Energy" ist daher nicht nur der handwerklich wegweisende Meilenstein eines Genres, das noch nach Definition und Trennschärfe sucht, es ist auch das clubmusikalische Pendant zu anderen aktuellen Black-Consciousness-Alben wie Kendrick Lamars "To Pimp A Butterfly" oder D'Angelos "Black Messiah". Ob Funk, Footwork, HipHop oder Jazz: There's a riot goin' on. (8.3) Andreas Borcholte

Calexico - "Edge of the Sun"
(City Slang/Universal, seit 10. April)

Das Schönste an der neuen Calexico-Platte ist ein Foto im Booklet: Joey Burns und John Convertino, bescheiden im Hintergrund, davor zwei in Würde gealterte Citroëns DS, die Göttinnen des französischen Fahrzeugbaus. Tolle Autos, tolles Foto, tolles Vintage-Flair, schade, dass diese Schönheit nicht auch auf den Rest des Albums abstrahlt.

Im Hintergrund wie auf besagtem Bild halten sich Burns und Convertino auch in den meisten ihrer neuen Songs. Und damit meine ich nicht nur, dass sie einer ganzen Reihe Kumpels und Kumpelinen beim Gesang den Vortritt lassen, darunter Sam "Iron & Wine" Beam, Neko Case und Ben "Band Of Horses" Bridwell sowie die Latino-Newcomer Gaby Moreno und Ampáro Sanchez. Damit meine ich explizit auch, dass es sich die beiden Texmex-Troubadoure, wenn man sie so nennen will, mit ihrem 13. Studio-Album etwas zu einfach machen.

Da mag die geneigte Fachpresse noch so gnädig vom bisher "poppigsten" Album sprechen ("Musikexpress") oder vom ausgewogenen "Calexico-Kopfkino" fabulieren: Schon "Algiers" und "Carried to Dust", die letzten beiden Alben, waren keine Meisterwerke mehr; und "Edge of the Sun" wirkt nun wie der Vorruhestand.

Best-of "Abgehört"

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Große Teile des Albums entstanden in Coyoacán, dem historischen Viertel von Mexiko-Stadt, sicher ein malerisches Fleckchen, an dem sich Burns und Convertino nach 20 Jahren Maloche im Musikgeschäft zur Ruhe setzen könnten - die Arbeit kann man ja den geladenen Gästen überlassen. Ich meine das gar nicht böse! Calexico haben Großartiges geleistet: "Superstition Highway"! "Fake Fur"! "Service And Repair"! "Feast Of Wire"! Aber eine illustre Freundesschar ersetzt leider nicht das gute Songwriting. Es seiert, es labbert, es lahmt und gefallsüchtelt an jeder Stelle, bis selbst die knalligste Farbe aus den bunten Blusen, Röcken und Mariachi-Kostümen gesickert, gefaded, ist. Hier wird nicht mehr energisch zum Beat auf den Boden gestampft, hier wird nur noch zu gediegenem Adult-Rock mit den Puschen geschlurft.

Mal ehrlich, wer braucht ein "poppiges" Calexico-Album? Ambient im aufregendsten Sinne war Calexicos atmosphärischer Tijuana-Country immer schon, dass die Band auch mexikanisch behauchte Fahrstuhlmusik kann, war mir neu. Aber hey, jeder muss an die Altersvorsorge denken, und so eine DS, die braucht intensive Pflege, selbst im Wüstenklima. Die Hydraulik, die den alten Damen den Hintern, pardon, das Chassis anhebt, soll da sehr anfällig sein. (4.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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rob_anybody 14.04.2015
1. In der Tat ..
Ein poppiges Calexico-Album ist nicht das, was ich von der Band erwarte. Wäre es von einer anderen Band, fände ich es vielleicht gar nicht so schlecht, aber an Calexico-Massstäben gemessen, fällt es leider durch. Aber zu einem ganz anderen Problem: wo bekomme ich denn Superstition Highway her? Das Album hatte ich bisher gar nicht auf dem Radar, selbst Calexico verschweigen das auf ihrer Homepage, ebenso wie der englische Wikipedia Artikel.
horseoncowboy 15.04.2015
2. calexico - vielleicht nicht ein ganz tolles album
aber ein sehr gutes. da der wahrnehmung-horizont in sachen musik in deutschland leider beschränkt ist empfehle ich den herrn kritiker eine autofahrt mit ein wenig radiohören auf der i10 west am besten zwischen el paso und tuson. vielleicht trifft er ja dann an der bar des hotel congress mr burns und kann ihm die lamentierenden gemeinheiten bei einen margarita direkt an den kopf werfen...
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