Abgehört - neue Musik Genau so klingt politische Musik

Und alle singen so: Asyl! Das neue Album der Rapperin Ebow aus München ist ein Sittengemälde Deutschlands Ende 2017. Außerdem: Charlotte Gainsbourg trauert, Peter Broderick spielt für alle, und Kamaiyah sortiert Samples.

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Ebow - "Komplexität"
(Problembär Records/Rough Trade, seit 17. November)

Unter Kritikern beschwert man sich ja gerne darüber, dass Pop heutzutage nichts mehr zu melden hätte. Zu unpolitisch, zu saturiert, zu angepasst, zu filterblasig: Die Liste der Vorwürfe ist lang - und auf einzelne Künstler bezogen sicher diskutabel. Doch auf Pop als Ganzes gemünzt? Ziemlicher Unsinn. Der ist heute nämlich schlicht politischer und haltungsreicher als vor zehn oder 20 Jahren.

Das gilt schon allein für deutschen Hip-Hop: Zugezogen Maskulin, Eko Fresh, Sookee, die Antilopen Gang, Celo & Abdi, Ali As oder OK Kid geigten der Bundesrepublik in den letzten beiden Jahren wirkungsvoll die Meinung. Über die jeweilige Qualität lässt sich natürlich streiten. Wichtiger aber: Die Genannten sind nur die offensichtlichsten Beispiele für eine neue Generation von Musikern, die sich ihre Kunst nicht mehr ohne Haltung vorstellen können.

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Das neueste Beispiel für diese Entwicklung kommt aus München. Ebru Düzgün alias Ebow nahm in ihrer Karriere zwar schon ein selbst betiteltes Album, ein solides Video-Mixtape und einige unverschämt selbstbewusst groovende Singles auf, einem breiteren Publikum wurde sie jedoch erst durch ihre im Februar veröffentlichte Single "Asyl" bekannt. Darin rechnet sie wortreich - und leider auch leicht hüftsteif - Wutbürgern und Obergrenzen-Liebhabern die eigene Bigotterie vor: "Und alle singen so: Asyl!", lautete der Refrain.

Der Track findet sich nun auch auf "Komplexität" wieder, dem neuen Album der alevitischen Deutschtürkin - und ist einer der Schwächeren der 13 Songs, die sich größtenteils zwischen Conscious Rap und etwas abgedroschenem Culture Clash im Stile M.I.A.s bewegen. Denn leicht verständliche Slogans wie "Asyl" hat die Rapperin gar nicht nötig. Ihre Gesellschaftskritik zündet noch besser, wenn sie von ihrem Kampf gegen Vorurteile und Gleichmacherei erzählt.

In "Paradise" zum Beispiel: "Denn sie können's nicht verstehn/ Die Art wie wir leben", singt Düzgün darin zu sedierten Beats. Oder mit emanzipatorischem Geist wie im starken "Punani Power": "Wenn ich will, trag ich 'n Kopftuch/ Wenn ich will, trag ich zehn übereinander/ Wenn ich will, trag ich nen Minirock/ Und zeig' jedem den Tanga".

Genau so klingt politische Musik. "Komplexität" ist ein persönliches, tanzbares und kämpferisches Sittengemälde Deutschlands im Jahr 2017. Einem Land, in dem Teile der Politik nach dem AfD-Erfolg nach rechts eifern, in dem die Flüchtlingsaufnahme von 2015 als Betriebsunfall verkauft wird und man Einwanderern und ihren Kindern immer noch mit einer Mischung aus Fremdeln und (gutmeinender) Bevormundung begegnet. Oder in Düzgüns Worten: "Diese Kanakin (...)/ Sieht zu gut aus/ Ist zu gebildet/ Das sprengt eure Kästen muslimischer Frauen". Wer oder was genau hat also nichts mehr zu melden? (8.0) Dennis Pohl

Charlotte Gainsbourg - "Rest"
(Because Music/Warner, seit 17. November)

Mit Geistern kennt Charlotte Gainsbourg sich aus. Wie ein Spuk verfolgt sie der Ruhm und der Verlust ihres Vaters Serge, einer Überfigur des französischen Pop. Dass sie sich überhaupt traute, neben der Schauspielerei auch eine Karriere als Sängerin zu starten, war mutig. Auf ihrem vierten Album "Rest" findet sie nun erstmals eine eigene Sprache, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Nachdem ihr Debüt von 1986 ausschließlich Songs von und Duette mit Serge enthielt, Jarvis Cocker ihr die Songs für "5:55" (2006) schrieb und Beck für Texte und Musik auf "IRM" (2009) verantwortlich war, gibt es nun erstmals Gainsbourgs eigene Lyrics zu hören - fast ausschließlich auf Französisch, da sie sich im Englischen nicht sicher genug fühlte.

Ein Lied, das klanglich wie kompositorisch entsprechend fehlplatziert wirkende "Songbird in a Cage", überließ ihr Paul McCartney; die Musik komponierte der französische DJ und Produzent SebastiAN von Ed Banger Records, der auch schon mit Frank Ocean arbeitete. Der Titelsong wurde von Daft Punks Guy-Manuel de Homem-Christo arrangiert.

Andreas Borcholtes Playlist KW 47
SPIEGEL ONLINE

1. Ebow: Das Wetter

2. Kamaiyah: Me Against Myself

3. Lil Peep: Kiss

4. Charlotte Gainsbourg: Deadly Valentine

5. Mopo: Tökkö

6. Nadah El Shazly: Koala

7. Björk: Blissing Me

8. Sharon Jones: These Tears (Are No Longer For You)

9. Bob Seger: Democracy

10. Sigrid: Everybody Knows

Nach dem elektronischen French Pop dieser beiden Szene-Stars klingen dann auch weite Teile von "Rest": Es ist ein schwelgender, immer wieder in zupackende Disco-Beats ausufernder Sound, der verblüffend wenig mit aktueller Popmusik zu tun hat, er erinnert an die ewige Blaupause dieses Stils, Airs bald 20 Jahre altes Debütalbum "Moon Safari". Auf dem Schwarzweiß-Cover herrscht, passend nostalgisch, die Ästhetik der Achtzigerjahremusik.

Fair enough, denn es geht ja um Spuren und Artefakte der Vergangenheit, allen voran natürlich um den 1991 verstorbenen Serge, aber auch Gainsbourgs Schwester Kate Barry, die 2013 durch Selbstmord ums Leben kam. "Reste avec moi" ruft Charlotte vermutlich beiden im Titelstück zu, die Doppelbedeutung zwischen Englisch und Französisch, den beiden Sprachwelten, in denen Gainsbourg als Tochter der Britin Jane Birkin aufwuchs, ist schön und treffend: Sie will mit dem Kummer und der Trauer aufräumen, sie verarbeiten und verstauen (put it to rest), gleichzeitig umwehen sie die Erinnerungen wie ewgie Schatten oder Flüche (rester = bleiben, verharren).

Wenn man des Französischen mächtig ist, gibt es berührend verletzliche Zeilen auf diesem sehr privaten Album zu entdecken, das ein "Magic And Loss" oder ein "Electro-Shock Blues" hätte werden können - wenn die Musik mit ihrer Opulenz und kühl polierten Schönheit den Hörer nicht ständig auf Abstand halten würde. So entsteht ein artifizieller Effekt, der zwischen dem Kinderreim "Ring-A-Ring O'Roses" zu Beginn, dem gothic-romantischen "Deadly Valentine" und dem Alle-meine-Entchen-Hidden-Track am Schluss von "Les Oxalis" die morbide Creepyness eines Tim-Burton-Films erzeugt.

Die einzelnen Ästhetiken, Atmosphären und Inhalte sind aufregend und Zeugnis der interessanten und vielschichtigen Künstlerpersönlichkeit Charlotte Gainsbourg. Als Summe ergeben sie aber leider kein greifbares Bild. So ist das halt mit den Geistern: Sie bleiben immer ephemer. (7.0) Andreas Borcholte

Peter Broderick - "All Together Again"
(Erased Tapes, seit 17. November)

Seit zehn Jahren nimmt der US-Musiker Peter Broderick konzeptionell eigenwillige Platten auf, alle sehr unterschiedlich und doch aufeinander abgestimmt. "I love all music", behauptet der Multiinstrumentalist auf seiner Website und fabriziert, als wäre es nichts, fortlaufend schiere Fülle: Kammermusikstücke, akustische LoFi-Recordings, Soundinstallationen, Singer/Songwriter-Sachen, Soundtracks, zuletzt eine John-Cage-Hommage, ein Violinen-Kontrabass-Duo und das ozeanische Pop-Album "Colours Of The Night" - ein Meer von Musik. Und wenn jemand Broderick bittet, ihm ein Stück zu schreiben, dann macht er das offenbar auch - für die Hochzeit, den Jahrestag oder zur Vertonung einer Bootsfahrt.

"All Together Again" versammelt nun diese über die Jahre im Alleingang eingespielten Auftragsarbeiten. Es ist trotzdem ein homogenes Album geworden. Zentrum ist das siebzehnminütige "A Ride on the Bosphorus": Xylophon-Klänge, im Hintergrund pluckert es erwartungsfroh, dann setzt ein zarter, Neu!-artiger Beat ein, und von da an verbinden sich die bezauberndsten Töne miteinander. Nach einer Viertelstunde wacht man wieder auf, und alles ist milder geworden.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Überhaupt sind die langen Stücke die gelungensten. "If I Were A Runaway Model" beispielsweise spielt eine der lakonisch-trockenen Klaviermelodien durch, die außer Nils Frahm (mit dem Broderick das Label teilt und vor sechs Jahren als Oliveray ein Duo-Album aufgenommen hat) zurzeit niemand so stringent hinbekommt. Etwas gefällig ist "All Together Now" entsprechend auch, zumindest passagenweise.

Alles zu lieben, über die Musik hinaus, das ist nicht wenig: "I love all living things from donkeys to dandelions and I also love things in which life is sometimes not so apparent to us humans like stones and mountains", sagt Broderick, der früher bei der Neo-Folkband Efterklang spielte. Auch in den schwächeren Stücken von Peter Broderick (hier etwa das pompöse "Robbie's Song") schwingt eine anrührende Weltzugewandtheit mit.

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Eine Freundlichkeit, die im Nachdenken über Sound ja als Kategorie nur selten eine Rolle spielt. Sie scheint eine bewusste Distanzierung als Voraussetzung zu haben, eine Entrücktheit, die nicht in Eskapismus mündet, sondern in Präsenz und Genauigkeit der Beschreibung. (7.5) Benjamin Moldenhauer

Kamaiyah - "Before I Wake" (Mixtape)
(Eigenveröffentlichung, Stream auf https://soundcloud.com/kamaiyah)

"Don't fuck it up, girl", warnte ihr erfahrener Kollege YG noch auf Kamaiyahs erstem Mixtape "A Good Night in the Ghetto". Das war vor eineinhalb Jahren. Seitdem hörte man trotz ausbaufähigem Hype nichts mehr von der jungen Rapperin aus Oakland, die von US-Medien bereits euphorisch als Nachfolgerin von Missy Elliott gefeiert wurde. Der Grund: Wie jeder aufkommende Hip-Hop-Star ergriff auch Kamaiyah Jamesha Johnson die Gelegenheit, bei einem Majorlabel anzuheuern (Interscope), die fertigen Tracks für ihr reguläres Debüt-Album liegen aber schon seit Monaten auf Eis, weil es offenbar Probleme mit der Klärung einiger Samples gibt.

Damit sie nicht ganz in Vergessenheit gerät, veröffentlichte Kamaiyah nun das erste von zwei geplanten Interims-Mixtapes. Trotz Stress wirkt sie darauf entspannt wie eh und je. "Which one of ya'll gonna stop me? 'Cause ain't nobody standing in my way", rappt sie in "The Wave"; "Dope Bitch" knüpft nahtlos an ihre Hits "Out the Bottle" und "How Does It Feel" an.

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Allerdings gehen die Inhalte anderer Tracks weit über den launigen Rundum-Diss und die Blockparty-Atmosphäre von "A Good Night in the Ghetto" hinaus: "Me Against Myself" und "Therapy" lassen erstmals Rückschlüsse auf eine derangierte Gemütsverfassung und eine bereits vermutete Historie mit reichlich substance abuse zu. Entsprechend gedimmter ist die Stimmung auf dem gesamten Tape. Als "the coldest bitch" bezeichnet sie sich in einem Track, aber unter der behaupteten Coolness simmert es explosiv.

Kamaiyahs Sound ist dabei ein gleichbleibend hochwertiger, jetzt noch präziser in Szene gesetzter Old-School-Beat mit Verweisen auf Neunzigerjahre-G-Funk, Swingbeat und R&B. Die Samples dieser unauffällig lässigen, aber spektakulär detaillierten und charakterstarken Rap-Musik sind offenbar tatsächlich elementar, sie bilden in manchen Tracks einen komplementären oder ergänzenden Dialog zu den Inhalten: durch das emanzipatorische "Leave em" geistert zum Beispiel TLCs "Creep". Umso neugieriger macht dieses Interludium auf Kamaiyahs Album im Wartestand. (7.2) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
ambulans 21.11.2017
1. na ja,
ob "politische musik" nun so klingt, wies der autor oben so beschwörend vermitteln will - daran darf durchaus gezweifelt werden, gabs da doch mal sowas wie "the last poets" ('ne art soundtrack zu den black panthers) oder "gil scott heron" (the revolution will not be televised) mit begleitend-kontrastierender literatur zu den themen black pride/black lives matter/blaxploitation, ziemlich viel "free jazz" (albert ayler, sun ra, etc.); unter den "weißbroten" vielleicht "mc 5", "john sinclair","devo", et al. oder vielleicht "mikis theodorakis" mit nerudas vertonung des "großen gesangs". dann gibts auch noch klassischen "rebetiko" aus dem griechenland der jahre um 1922 - heimatvertriebene, nur mit glück am leben gebliebene, entwurzelte, opfer von drogen, usw. oder songs aus mittel- und südamerika, die über korruption, die lasten des alltags, aussichten aufs leben "besingen" - ein trip nach kuba würde hier dem verständnis ziemlich helfen ...
Japhyryder 02.12.2017
2. A Ride on the Bospherus
Wahnsinn! Ein fantastisches Musikstück. Dachte sofort an Michael Rothers "Hallogallo" mit Steve Shelley an den Drums.
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