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19. Juni 2012, 15:14 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Mit Fiona Apple möchte man stumm am Strand stehen. Mark Kozelek lässt seine Fans näher ran als je zuvor. Die Peaking Lights bieten elektronische Hippie-Sounds für Kleinkind-Eltern - und Buster Shuffle erinnern an die allerbeste Zeit von Madness.

Fiona Apple - "The Idler Wheel Is Wiser Than The Driver Of The Screw And Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Do"
(Epic/Sony Music, bereits erschienen)

Um Fiona Apple zu verstehen, versuche ich mir vorzustellen, wie das wohl so ist, mit ihr nach Coney Island zu fahren. Ein romantischer Tag am Strand, zwei Verliebte, Meeresrauschen, ein alter Rollercoaster. Doch das Mädchen ist nervös und verschlossen, wirkt ängstlich, fühlt sich bedroht von den offenen Räumen, erdrückt vom strahlend blauen Himmel. Du willst sie fragen, was los ist, aber du weißt es besser. Sie würde dir nichts erzählen, dich nur mit großen Augen verletzt ansehen und sich noch mehr in sich zurückziehen. Also nimmst du ihre kleine, knochige Hand in deine. Und schweigst. Und alles ist gut. "Kiss me while I calculate/ and calibrate, and heaven's sake/ Don't make me explain/ Just tolerate my little fist/ Tugging on your forest chest", so beschreibt Fiona Apple diese Szene in dem Song "Jonathan", der ihrem letzten Boyfriend Jonathan Ames gewidmet ist, dem Schriftsteller und Schöpfer der TV-Serie "Bored To Death". "I don't want to talk about anything, Jonathan, anything", heißt es weiter. Denn das Erklären, die Einblicke in ihr verwirrtes und verwirrendes Seelenleben, das hebt sich die 34-jährige Sängerin für ihre Musik auf.

Nach sieben Jahren ist mal wieder ein Album von ihr erschienen, das vierte seit 1996. Trotz, vielleicht auch aufgrund dieser Verknappung gehört Fiona Apple zu den großen Künstlerpersönlichkeiten der USA, nicht nur, weil sie für Songs wie "Criminal" oder Alben mit unfassbar langen Titeln Grammys gewonnen hat, sondern weil sie die im Jazz, Vaudeville und Musical wurzelnde Tradition des Great American Songbook in die Neuzeit fortschreibt, ohne je Teil der Kommerz-, Medien- und Verwertungsgesellschaft geworden zu sein. Immer gab es nur sie selbst und ihre Pein, umkreiste sie ihren eigenen kleinen Kosmos, was einmal spektakulär dazu führte, dass sie 1997 bei der Entgegennahme ihres MTV Video Music Awards vor Millionenpublikum dazu aufrief, sich bloß nicht Künstler oder Popstars zum Vorbild zu nehmen. Nachvollziehbar, denn Fiona Apples Alltag muss man sich wie einen ständigen Kampf vorstellen: "Every single night is a fight with my brain", singt sie in "Every Single Night", in dessen Videoclip sie in auf einem schmutzigen Bettlaken, mit Schnecken überhäuft, zu sehen ist. Insofern gibt es nicht viel Neues über den Inhalt dieser Songs zu berichten, sie folgen der Seelenauslotung eines Menschen, der in der Lage ist, sich komplett in seine Gefühlswelt zu versenken, aber auch fähig, das, was er in sich entdeckt, in wunderbaren, oft verstörenden, musikalisch aber erlösenden Liedern wiederzugeben - auch wenn das manchmal den Eindruck erweckt, man lausche den Erinnerungen aus einer Gummizelle. "But I am out of white doves' feathers/ To soak up the hot piss that comes from your mouth/ Every time you adress me", ist der wohl brutalste und psychopathischste Refrain, den je ein Song ("Regret") von Fiona Apple hatte; ihre ansonsten spöttisch-kühlen Contralto-Stimme brüllt sich dabei heiser vor lauter Hass.

Fiona Apple lebt zurückgezogen mit ihrem Hund in Los Angeles. Wenn sie überhaupt das Haus verlässt, dann lässt sie sich von ihrem Bruder zum Musikclub "Largo" fahren, wo sie manchmal allein, manchmal begleitet von ihrem langjährigen Kumpel Jon Brion, auftritt, Piano spielt und diese wahnsinnigen Songs verschüchtert darbietet. Das Piano ist auch das einzige Instrument, das auf "The Idler Wheel..." zu hören ist, neben sehr vordergründiger, eigenwilliger Perkussion, einiger mühsam gesampelter, streitender Kinder in "Werewolf" sowie sehr sparsam eingestreuten Gitarren- und Bass-Figuren. Die Essenz der auf kranke Weise betörenden Platte aber sind Fiona Apples Texte und Melodien, die sie in einem Interview mit "Pitchfork" unlängst als "shit" bezeichnete: "This is the stuff that I really needed to get out, this is the excrement of my life, the excrement I was trying to exorcise out of me." Und trotzdem würde man jederzeit mit ihr nach Coney Island fahren und stumm ihre Hand halten. (9) Andreas Borcholte

Sun Kil Moon - "Among The Leaves"
(Caldo Verde/Cargo Records, bereits erschienen)

Vor einigen Monaten reiste ich nach Kalifornien, mit dem einzigen Ziel, mir all die Orte, von denen mir Mark Kozelek in den letzten zwei Jahrzehnten mit den Red House Painters, allein und mit Sun Kil Moon erzählt hatte, selbst anzusehen. Der Grace Cathedral Park war ebenso unspektakulär und verwaist wie San Geronimo, das Sam Wong Hotel hatte sich in SW Hotel umbenannt, der Ocean Beach erzitterte einsam und hundekalt, die Priest Alley in Nob Hill beschritt ich fast jeden Tag, bevor ich mich abends vor dem altehrwürdigen Lumiere Theatre (das Kozelek seltsamerweise nie besungen hat) mit zwei Obdachlosen (Jacob und Juliana) zum Essen traf. Wenn in Chicago die Sonne scheint, muss Kozelek an seinen Vater denken, und über die Produktionsbedingungen seines oft als einsam imaginierten Lebens als Songschreiber erfährt man auf "Among The Leaves" mehr als jemals zuvor: Ein Lied aufzuzeichnen ist Arbeit, auch schmerzt der Rücken und die Einsicht, dass selbst die Erlebnisse nach den Konzerten (für die Mark so ungern wie selten die amerikanische Heimat verlässt) nicht mehr das sind, was sie damals waren: "My band played here a lot in the nineties when we had lots of female fans/ And fuck, they all were cute/ Now I just sign posters for guys in tennis shoes." Neu an "Among The Leaves" sind die abgedruckten Texte und die urplötzlich wahnsinnig langen Songtitel ("I Know It's Pathetic, But That Was The Greatest Night Of My Life", "The Moderately Talented Yet Attractive Young Woman vs. The Exceptionally Talented Yet Not So Attractive Middle Aged Man") und eine gefährliche Sichtweite zum Verfasser: So nah wie hier kam man Kozelek, der jegliche Promotion für seine Alben ablehnt und kaum jemals Interviews gibt, zuletzt nur in der phantastischen Dokumentation "On Tour". Heute sitzt der Solitär in karg eingerichteten Hotelzimmern, spielt Gitarre wie Bert Jansch oder Nick Drake und freundet sich im anbetungswürdigen "Track Number 8" mit vier streunenden Katzen an: "They're the highlights of my songwriting days/ They're happy to see me/ We sit and we play/ This is a song I worked on last night/ I've beat it to death, but I can't get it right/ Songwriting's lonely, songwriting hurts." Von Springsteen mal abgesehen habe ich keine Stimme in meinem Leben öfter gehört als diese. Dass Elliott Smith im Booklet - wieder einmal - falsch geschrieben wurde, ist trotzdem unverzeihlich. (8) Jan Wigger

Peaking Lights - "Lucifer"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)

Man sagt ja so einiges über Eltern von Neugeborenen, aber im seltensten Fall fällt dabei das Wort "entspannt". Bei Aaron Coyes und Indra Dunis ist das anders. Das musizierende Ehepaar hat zwischen zwei Alben einen Sohn bekommen - und sah sich genötigt, das freudige Ereignis zu vertonen. "Beautiful Son" heißt eines dieser Stücke, und es schwebt noch ein bisschen verträumter, losgelöster und psychedelisch-krautrockender vor sich hin wie alles andere auf dieser Platte, fast so, als seien nächtliches Geschrei und vollgekackte Windeln Hirngespinste von Menschen, die einfach nicht die richtigen Vibes spüren. Vielleicht schläft der Kleine aber auch besonders gut durch, wenn ihm diese Art Trance-Musik vorgespielt wird. Mag sein, dass die relative Abgeschiedenheit von Madison, Wisconsin zu diesem Gleichmut führt, aber wahrscheinlich sind Coyes und Dunis nur waschechte Hippies, für die alles, was im Leben passiert, nur eine aufregende neue Spektralfarbe im ewigen Kaleidoskop der Ereignisse ist. Denn auch "Lucifer", der Albumtitel, deutet nicht auf einen besonders boshaften Kosenamen für das Balg hin, sondern bezieht sich auf die frühchristliche Bedeutung des später verteufelten Namens: Lichtbringer nämlich, oder auch "Morning Star". Atmosphärisch noch verdichteter als das Vorgängeralbum "936", das im vergangenen Jahr erschien, wird "Lucifer" so zum wahrhaft hypnotischen (Pardon!) Trip durch eine lange uterale Nacht, an deren Ende die Geburt steht, der blinzelnde Tritt in den Tag. Dazu passt, dass Indra Dunis mehr als einmal über Herzschläge singt, die sie fühlen kann, und "LO HI" sich mit Sicherheit nicht auf etwas so technisch Schnödes wie ein Klimaanlage bezieht, sondern auf das Auf und Ab von Atmung oder Puls. Wem das alles zu esoterisch (früher sagte man far out) ist, kann sich der Musik hingeben: Träger, sehr gelassen dahinfließender Elektro-Sound, ab und zu unterbrochen von einem Dub-Beat oder einem schnelleren Rhythmus. Aber bloß nicht zu oft, sonst wacht der kleine Satan auf! (7) Andreas Borcholte

Buster Shuffle - "Do Nothing"
(People Like You Records/EMI)

Ich kann über diese Platte gar nicht viel sagen, außer dass sie große Freude bereitet und mir eine Woche versüsste, in der ich ausschließlich Doku-Soaps auf RTL 2 guckte, in denen meist mehrere befreundete Rentner (beliebte Bildunterschrift: Horst, 56, hat gerne Spaß) auf Kosten des Privatsenders nach Thailand flogen, um sich qua Zeichensprache mit jungen Mädchen anzufreunden. Ebenso geil: Eigentlich gute, aber wie üblich miserabel synchronisierte Spielfilme wie David Gordon Greens "Your Highness" absichtlich auf Deutsch (Titel hier natürlich: "Schwerter, Joints und heiße Bräute") gucken und in den Werbepausen Rummelsnuff hören. Doch zurück zu Buster Shuffle: Diese britischen Schlingel erinnern mich fatal an die beste Phase von Madness (1981 - 1984), an Ballonhosen, die Bad Manners, komische Brillen, "The Inbetweeners", prank calls, plötzliche Kotzanfälle, im strömenden Regen verlorene Liebchen, die niemals wiederkommen, und die Sehnsucht danach, endlich wieder 15 zu sein. "So Such Of Much", "Brothers And Sisters", "Elvis vs. Wag" und "English Way" haben den Schmiss, den Antrieb und die unstillbare Melancholie von "Embarassment" und "Tomorrow's Just Another Day", aber auch die Chuzpe, die Größten kopieren zu wollen, ohne an ihnen zu scheitern. Und weil ich die Broilers (aus Düsseldorf!) mag, ist die Tatsache, dass Buster Shuffle dort im Vorprogramm spielen mussten, nicht mal halb so lachhaft wie Rufus Wainwright als Support von Keane (2005, ich war dabei) oder Franz Ferdinand als "Anheizer" (haha!) der Sportfreunde Stiller (2004, ebenfalls ulkig). (7) Jan Wigger

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