Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Flying Lotus setzt sich mit seinem neuen Album an die Spitze der elektronischen Avantgarde. Susanne Sundfør erzählt eine Schauermär. Die Schweizerin Sophie Hunger bleibt auch in den USA ganz sie selbst. Und Kreidler machen Gebrauchsmusik fürs Arbeitszimmer.

Flying Lotus - "Until The Quiet Comes"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)

Ein HipHopper-Hangout wie den Low End Theory Club in Los Angeles stellt man sich vor wie so einen kleinen, ranzigen Laden für Fantasy-Rollenspielbedarf, vor dem junge Männer mit schlechter Haut und blassem Teint herumhängen, denen man eine Freundin wünscht. Oder zumindest Sex. Steven Ellison und die meisten anderen Super-Nerds, die im Low End Theory Club Platten auflegen oder gleich neue Musik zusammenmixen, ist jedoch ganz und gar kein Troll. Der 28-Jährige Kalifornier ist smart und eloquent, er hat ein sonniges Gemüt und wahrscheinlich in jeder größeren Stadt Amerikas und Europas ein paar blonde Groupies, die an seinen Lippen hängen, mindestens. Und er ist so athletisch gebaut, dass er eine Zweitkarriere als Footballspieler anfangen könnte, wenn es mit der Musik nicht klappt. Danach sieht es allerdings nicht aus. Im Gegenteil, Ellison alias Flying Lotus, gilt als der kommende Mann im Bereich EDM. Das steht für Electronic Dance Music, und da denkt man natürlich zuerst mal mit Ekel an David Guetta. Gemeint ist mit dem Kürzel aber alles, was sich beim besten Willen nicht mehr in die gängigen Kategorien HipHop, R&B, House oder Techno stecken lässt. Also so ziemlich alles, was gerade hip ist, wenn es nicht aus Brooklyn kommt, die machen da was Anderes. Die ersten drei Flying-Lotus-Alben, vor allem "1983" und "Los Angeles", waren noch sehr vom visionären Post-HipHop-Sound des verstorbenen Produzenten J Dilla geprägt: Eigentlich elektronischer Flow, aber noch verankert auf einem klassischen Beat-Gerüst. Mit "Cosmogramma", das vor zwei Jahren erschien, löste er sich von solchen Vorbildern und Genre-Grenzen, um nun mit "Until The Quiet Comes" sein bisher ambitioniertestes und wahrscheinlich bestes Werk vorzulegen. Zu beschreiben ist die Musik von Flying Lotus nur noch schwer, angeblich hätten ihn neopsychedelische Bands wie Portishead, Stereolab und Silver Apples inspiriert. Doch wer genau in die sphärischen, manchmal nur skizzenhaften, im besten Fall ineinanderfließenden Stücke hineinhört, vernimmt eine jetzt selbstbewusstere Akzeptanz der musikalischen Wurzeln Ellisons, namentlich seine Großtante Alice Coltrane. Dem oft ins Kosmische, Traumartige driftenden Jazz seiner verstorbenen, zuletzt im Ashram lebenden Verwandten und ihres einflussreichen Gatten John Coltrane, aber auch den Avantgarde-Ansätzen eines Sun Ras oder Pharoah Sanders verdankt "Until The Quiet Comes" mehr als jede zeitgenössische Musik. Sicher, beatgetriebene, im Dubstep verortete Stücke wie "Getting There" (mit Vocals von Niki Randa) nicken verbindlich der alten Posse zu und üben den Schulterschluss mit angesagten britischen Experimental-Elektronikern. Dabei hilft ein Gastauftritt von Hobby-EDM-DJ Thom Yorke im kunstvoll gelayerten Afrobeat-Derivat "Electric Candyman" - hier spielt Ellison professionell und talentiert auf der Klaviatur der Polyrhythmik und Arhythmik, die gerade in den Musiklabors von Ost-London en vogue sind. Richtig interessant wird es jedoch erst, wenn Ellison in seine Traumwelt aus außerweltlichen Klängen eintaucht, wie im Titelstück und dem darauf folgenden "DMT Song" (Mit Brainfeeder-Labelkollege Thundercat): Hier finden sich plötzlich Elemente aus biederstem Siebziger- und Achtziger-Fusionjazz, den der Hipster normalerweise nicht mal mit einem Naserümpfen bedenken würden. "The Nightcaller" addiert noch eine Portion P-Funk dazu, "Only If You Wanna" verliert sich vollends im Stream of Unconsciousness, den Flying Lotus zu einer faszinierenden, zwischen Jazz- KlingKlang- und manchmal sogar Krautrock-Einflüssen oszillierenden Musik verdichtet. Wie man hört, klopfen die Großen der R&B-Szene schon bei Ellison an, er möge doch ihre kommenden Alben mit seinem Sound veredeln. Aber warum sollte er? "Until The Quiet Comes" ist für EDM vielleicht das, was einst DJ Shadows "Endtroducing" war - eine erneute Öffnung der Doors of Perception von einem Mann, der gerade erst anfängt, richtig gut zu werden. So psychedelisch klingt die Zukunft. (9.1) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Susanne Sundfør - "The Silicone Veil"
(Grönland/Rough Trade, 5. Oktober)

In einem unverzeihlichen, nicht sehr lange andauernden Franz-Josef-Wagner-Anfall dachte ich letzten Mittwoch: Zoey Kush würde sogar noch besser aussehen, wenn sie einen "ordentlichen" Beruf hätte, zum Beispiel Studentin der Mathematik oder Fernsehverkäuferin in einem Elektrofachmarkt in Kawailani, Hawaii. Dann aber ein sogenanntes explizites Video von Susanne Sundfør geguckt und nochmal nachgegrübelt: Ja, es geht der Jugend wohl doch nur noch um Sex heutzutage, man muss also entweder Glück oder sehr viel Geld haben oder schreiben können wie Nietzsche, und wenn das alles nicht zutrifft, kann man nur noch in Susanne Sundførs vollkommen zugeschneiten "White Foxes"-Wald fliehen (ziehen sie sich den Kurzfilm im Internet rein!), der ja exakt so aussieht wie der Wald, in dem bei den "Sopranos" der Russe verschwand (was zur Hölle wurde aus dem Russen?). Oder gleich Susannes neue, ungefähr fünfte Platte hören, denn auch an "Rome" und "Can You Feel The Thunder" gibt es nichts mehr zu verbessern. Sundfør erzählt ihre winterkühlen Geschichten im Stile einer Schauermär, sie verwebt mythologische und märchenhafte Momente mit Dingen des Herzens, schätzt aber auch Kraftwerk und Fever Ray, wie das großartige "Diamonds" belegt. Mit dem schicksalsschweren, in Streichern ertrinkenden Instrumental "Meditations In An Emergency" gelingt der herben Norwegerin sogar eine Annäherung an Arvo Pärt. Für sie, liebe Hater, gibt es nun zwei Möglichkeiten: Entweder sie kaufen "The Silicone Veil" und verzichten stattdessen auf die furchtbare neue CD der ehemaligen Sonnengöttin Cat Power. Oder sie denken: Klar, gib' dem Wigger irgendeine jodelnde, jaulende oder quengelnde Schmerzensfrau an die Hand und er feiert sie ab, als gäbe es kein Morgen. Und kaufen die Platte trotzdem. Your fuckin' call. (7.6) Jan Wigger

Susanne Sundfør - "The Silicone Veil"
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Kreidler - "Den"
(Bureau B/Indigo, 5. Oktober)

Franz-Josef-Wagner-Edition Teil II, Arbeitstitel: Jetzt wird's ölig. Die Fragestellung heute: Wie bekommt ein 26-jähriger Indie-Nerd aus Osnabrück eine junge Frau dazu, ihn zu mögen und mit ihm nach Hause zu gehen? Variante 1: Er stellt ihr folgende Frage: "Möchtest du mit in mein WG-Zimmer kommen und gemeinsam mit mir verschiedene Schallplatten der Kölner Rockgruppe Erdmöbel hören? Ich zünde auch eine Kerze an." Variante 2: "Möchtest du mit mir zu einem Freiluftkonzert von Bon Iver gehen? Die Auftritte von Bon Iver sollen sehr emotional sein und im besten Falle einer heiligen Messe gleichen. Ich habe bereits Karten und eine Gut-und-Günstig-Standkerze für danach besorgt." Variante 3: "Ich besitze ein Loft in Gretesch, dessen Küche ich ganz im Stile von Bret Easton Ellis' 'American Psycho' eingerichtet habe. Dort könnten wir zusammen das neue Album der experimentellen Krautrock-Elektronik-Avantgarde-Kapelle Kreidler genießen. Ich habe keine Kerze gekauft und möchte auch nicht reden. Die Platte ist sehr kurz." Sie werden es vielleicht schon von allein erraten haben: Variante 1: Tod aus Scham. Variante 2: Tod aus Langeweile (Bon-Iver-Konzert, freiwillig, remember?). Variante 3: Her damit, 26-jähriger Indie-Nerd aus Osnabrück! Denn "Den" klingt nicht nur nach Arbeitszimmer, sondern ist auch mit ebensolcher Gebrauchsmusik zwischen Tortoise (selten), Cluster (manchmal), Kraftwerk (oft) und Neu! (wenn's denn sein muss) gefüllt. Eine der ganz seltenen Arbeiten aus Düsseldorf, zu denen man sich mit allem und nichts beschäftigen kann, eine gewichts- und geräuschlose Maschine, die Tracks wie "Rote Wüste" und "Deadwringer" ausspuckt, ohne Schweiß, ohne Tränen. Ein angenehm monotones (und musikalisch hinreichend anspruchsvolles) Spiel des Begehrens, mit Schüssen in die Stille ("Winter") und einem Dance-Track aus grauem Marmor ("Moth Race"). Wer die Zeit hat: Unbedingt aufs Schlagzeug achten! (7.1) Jan Wigger

Kreidler - "Rote Wüste"
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Sophie Hunger - "The Danger Of Light"
(Two Gentlemen/Rough Trade, 5. Oktober)

Die Welt ist kompliziert, und für Sophie Hunger ist sie noch ein bisschen komplizierter geworden. Spätestens seit ihrem sehnsüchtig in die Kindheit zurückblickenden Album "1983" ging es für die Schweizerin, die längst nicht mehr auf ihre exotische Herkunft reduziert werden muss, immer weiter nach vorne. Für "The Danger Of Light" hat sie den europäischen Schutzraum verlassen, um sich von Warpaint-Produzent Adam Samuels auf neue Ideen bringen zu lassen. Erste Aufnahmen fanden in Frankreich mit Hungers erprobter Live- und Studioband statt, dann ging es nach Los Angeles, wo unter anderem Samuels' alter Kumpel, der neue Gitarrist der Red Hot Chilli Peppers, Josh Klinghoffer, mit Sophie spielte. Der Blick über den Tellerrand und die Berührung mit amerikanischer Produktionsweise, man könnte auch sagen: Die Flucht aus der Stephan-Eicher-Gediegenheits-Falle, schlägt sich in bisher unbekannter Kompaktheit der Hunger-Songs nieder: Nur knapp 40 Minuten braucht sie, um ihre elf Geschichten zu erzählen, die Arrangements sind sparsam und transparent, lassen immer noch viel Luft für traurige Posaunen-Soli - und verfügen doch über eine erstaunliche, bis dato fehlende Effizienz. Auch in ihren Texten scheint Hunger neue Klarheit gefunden zu haben. Ihre Themen sind geprägt von den globalen Unsicherheiten, die den Nachrichtenstrom bestimmen: "Rererevolution" erzählt von einer Revolutionärin, die sich nicht traut, die Initiative zu ergreifen, "Perpetrator" versetzt sich mit beunruhigend ruhig schunkelndem Rhythmus in die kataklysmische Gedankenwelt einer Amokläuferin, "Souldier", der vielleicht schwächste, weil konventionellste Song des Albums, ist eine kurz-vor-kitschige Piano-Powerballade über einen Irakkriegs-Heimkehrer. "Das Neue" schließlich listet auf, wie sich Paradigmen im Snippet-und Soundbyte-Zeitalter so schnell ändern, bis keine Gewissheit übrig bleibt: "30 ist das neue 20, der Mann ist die neue Frau, Freiheit ist das neue Gefängnis, reich ist das neue schlau/ Zuckerberg ist der neue Kolumbus, der Bankmann die neue Aristokratie, Gesundheit der neue Exorzismus". Zentrales Stück auf "The Danger Of Light" ist das hochkonzentrierte, von Klinghoffer zauberhaft begleitete "Can You See me?", das die Frage nach der Wichtigkeit von Identität mit einem zeitgemäßen Achselzucken beantwortet: "How much do I really care?". Das Schöne an Sophie Hunger ist, dass sie der Schwermut über all das in keiner Zeile, in keinem Song verlässt. (6.9) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
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1. optional
bewchacca 02.10.2012
Schwermut ist übrigens feminin. ;)
2. Ihr habt da was vergessen
gartenstrauch 02.10.2012
Die neue Platte von seeed ist der Hammer!
3. Until The Quiet Comes...
systembolaget 02.10.2012
... Polyrhythmik, ja ja, das knirzt und knattert aber eher so, als könne der fliegende Lotos seine sequencer software eher schlecht als recht bedienen. Bis hier endlich die Stille kommt, hat der Höhrer im schlimmsten Fall bereits Ohrenkrebs erlitten.
4. Genau wo ist...
__Chris__ 02.10.2012
SEEED? Kann "gartenstrauch" nur zustimmen, SEEED sind zurück mit einem wirklichen Hammeralbum! Höre ich rauf und runter im "Augenbling" :-)
5. Journalistisches Niveau ?
Ein Troll? 02.10.2012
"Steven Ellison und die meisten anderen Super-Nerds, die im Low End Theory Club Platten auflegen oder gleich neue Musik zusammenmixen, ist jedoch ganz und gar kein Troll." 1. Seit wann sind die Begriffe Nerd und Troll gleichzusetzen ? Oder wurde hier einfach unreflektiert und unqualifiziert mit ein paar Wörtern dieser "Internetsprache" um sich geworfen ? 2. Werden im ersten Teil des Satzes mehrere Personen genannt, korrekterweise sollte dieser daher auch im Plural fortgesetzt werden. Danach habe ich die Lust am weiterlesen verloren .....
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 40
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Flying Lotus: Until The Quiet Comes

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    5. Seeed: Augenbling (Single)

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    7. Anna Aaron: Dogs In Spirit

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Jan Wiggers Playlist KW 40
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    1. Three Mile Pilot: The Chief Assassin To The Sinister

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Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.