Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Brooklyns Topstars Grizzly Bear lassen auf ihrem neuen Album das Sonnenlicht zwischen den Zweigen scheinen, die Pet Shop Boys steuern den Herbst der Karriere an, The xx machen eigentlich alles wie beim ersten Mal - und Bob Dylan, der alte Fuchs, grinst der Apokalypse entgegen.

Grizzly Bear - "Shields"
(Warp/Rough Trade, 14. September)

Woran merkt man, dass das, was wir immer noch irrigerweise "Indie" oder "Alternative" nennen, Mainstream geworden ist? Wenn ein "verwehter Doo-Wop" (Wigger) wie "Two Weeks" beim Superbowl vor Millionen Zuschauern in einem Volkswagen-Werbespot zu hören ist. Das ist jetzt zwei Jahre her, in denen es dankenswerterweise ruhig war um Grizzly Bear, die, natürlich, aus Brooklyn kommen. Dankenswerterweise deshalb, weil sich die Band um Edward Droste und Daniel Rossen Zeit genommen hat, ihre erstaunliche Berühmtheit und den Sound ihres allseits gefeierten Albums "Veckatimest" in Ruhe zu überdenken. "Shields" ist daher also nicht der erwartbare Nachfolger der Hit-Platte, sondern ein in vielerlei Hinsicht neues Spiel. Erneut verließen die vier New Yorker ihren Hipster-Borough, um die Songs zu schreiben. Neben der Ostküsten- Peninsula Cape Cod, wo auch "Veckatimest" entstand, diente Texas als temporäres Domizil, und diese Flucht ins Ländliche hört man "Shields" an. Einen Abstecher nach Colorado haben sie dann wohl auch noch gemacht, dort findet sich nämlich der wie ein liegender Häuptling wirkende Berg, der dem Song "Sleeping Ute" seinen Namen gab.

Ihrem grundsätzlich melancholischen "Baumhaus-Folk" (nochmal Wigger, sorry) sind sie zwar treu geblieben, dennoch haben sich Tonart und Instrumentierung verschoben, klingen Songs wie "Gun-Shy", "Speak In Rounds" und "Yet Again", gleichzeitig drei Höhepunkte des Albums, aggressiver, weniger introvertiert, ersetzen die ätherische Zartheit und gemächliche Beach-Boys-Seligkeit von "Veckatimest" mit handfestem Gitarren-Schrammeln, schnellen Drum-Figuren mit dringlicher, nach Holz und Handwerk duftender Betriebsamkeit, wie man sie zurzeit nur von traditionelleren Folkrock-Bands wie Midlake kennt. Grizzy Bear bleiben dennoch Kuratoren, die sich nicht auf ein Genre beschränken wollen (oder können): "A Simple Answer" vereint Glamrock-Gestampfe mit Piano-Honkytonk und Gospel-Feeling; ""What's Wrong" endet in einer atmosphärischen Free-Jazz-Etüde - und im Finale "Sun In Your Eyes" schwankt die Band grandios zwischen der Folk-Psychedelia von Donovan oder Crosby, Stills & Nash, dem jubilierenden American-Songbook-Pop von Burt Bacharach und, klar, Radiohead, den großen Vorbildern. Kein Ton verrutscht ihnen bei diesen musikalischen Spreizungen, hochkonzentriert und virtuos näheren sich Grizzly Bear immer weiter ihrem offensichtlichen Ziel an: Absolute Perfektion, Auflösung in Schönheit, Transzendenz, das Sonnenlicht zwischen den Blättern. Ein paar Hits für Volkswagen lassen sich sicher auch noch finden. (8.5) Andreas Borcholte

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Pet Shop Boys - "Elysium"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)

Nichts ändern, nichts bereuen, kein Blick zurück im Zorn: "Yes" zeigte die geliebten Hut-und-Brillenträger vor dreieinhalb Jahren auf der Höhe ihrer Kunst: "Building A Wall", "Beautiful People", "Vulnerable" und "The Way It Used To Be", das ja so hoffnungslos elegisch und brillant war wie fast nichts mehr seit "Behaviour" - alles Klassiker, die zukünftige Lebensformen auch dann noch besingen sollten, wenn die Popmusik, wie wir sie kannten, nicht mehr existiert. Auf "Elysium" zieht es die Pet Shop Boys ins Tiefland: Erst sterben die Eltern, dann stirbt die Liebe, dann wir alle, und am Schluss, im Abgesang "Requiem In Denim And Leopardskin", die gute Freundin. Man denkt an Joseph L. Mankiewicz' "All About Eve", an Billy Wilders "Sunset Boulevard" und Nicholas Rays "In A Lonely Place", aber auch an die Ralph-Lauren-Boxershorts, den Faire-Isle-Sweater und das St. Rémy-Weinglas aus "American Psycho", je nachdem mit welchen Farben, mit welchen Gegenständen die Pet Shop Boys hier die leeren, mittelhellen Räume schmücken. In "Ego Music" wird der eitle Schwafler porträtiert, den man, wenn man "It Couldn't Happen Here" und "Being Boring" geschrieben hat, auf Empfängen und Festlichkeiten trifft: "There's a real purity to my work/ A childish innocence/ But I'm also smart and sophisticated/ I mean I grew up on the street/ Sometimes I Think I'm a simple folksinger/ Other times a scary witch diva/ What can I tell you?/ I'm an artist." Dead on target! "Hold On" aber ist Weihnachtskitsch der grausamsten Sorte, und "Face Like That" ("A tropical storm was passing through/ And so was you", ziemlich Eddie-Money-mäßig, wenn Sie mich fragen) für ein tendenziell ernstes Spätwerk wie "Elysium" zu flach. Die distanzierte Wehmut im Herbst der Karriere durchströmt eher die verwunschenen, winterlichen Stücke: "Invisible", "Breathing Space", "Everything Means Something". Vergeude die Zeit nicht, sie ist der Grundstoff des Lebens. (7.5) Jan Wigger

Pet Shop Boys - "Winner"
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Bob Dylan - "Tempest"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)

71 Jahre, 34 Alben, zu viele Exegeten, zu viel Mythos. Ja, ich weiß, das ist nur eine aktualisierte Version meines Einstiegs von 2009, aber ganz ehrlich: Es hat sich seitdem nicht viel verändert. Vor allem nicht bei Bob Dylan, der sich unlängst bei seinem Gastspiel in Berlin recht rüstig gab und allem Raunen, "Tempest" könnte sein letztes Album sein, Hohn sprach. Zeitungsseite um Zeitungsseite wurde schon wieder vollgeschrieben über dieses gelungene, sehr entspannte Spätwerk, als wenn nicht auch die letzten drei Spätwerke schon sehr entspannt (gelungen sowieso) gewesen wären. Aber ach, die biblischen Bilder! (Gab es die nicht schon auf "Slow Train Coming" und "Saved"?), die Shakespeare-Hinweise! (War der nicht schon 1966 zusammen mit Dylan "stuck inside of Mobile with the Memphis Blues"?) Ein religiöses Album habe er machen wollen, sagte Dylan dem US-"Rolling Stone", aber ihm habe die Zeit gefehlt. Der Fuchs! Religiöser als auf "Tempest" geht es kaum, und mit über einer Stunde Spielzeit gehört es zu den längsten Dylan-Alben aller Zeiten. Keine Zeit, pah! Die Kargheit des Plattencovers (keine Texte, keine Liner Notes) spottet zudem den geschraubten Ausarbeitungen der Dylanologen, als wollte er sagen: Hier gibt's doch nichts zu Erklären, hört doch einfach mal zu, verdammt! Lasst Euch auf die Musik ein! Die ist es nämlich, die von Dylan auf "Tempest" noch einmal mit aller Inbrunst seiner geschundenen Stimme zelebriert wird, im launigen Depressions-Swing "Duquesne Whistle" ebenso wie im muskulösen Stones-Zitat "Pay In Blood" oder im "Mannish Boy"-Riff von "Early Roman Kings".

Dylan wandert durch die Stile, die ihm lieb und eigen sind, wie durch ein Ankleidezimmer, probiert hier mal einen Dandy-Hut auf, hier mal einen "Shark-skin suit/ Bow-ties and buttons/ Hi-top boots". Trotz allem Feuilleton-Ballast und Literaturnobelpreis-Gedöns, das auf ihn und sein Werk projiziert wird, ist Dylan am liebsten nur der Hobo, der dem Pfeifen des Güterzugs folgt, der langsam heranrollt und in die Ferne weist. Da sitzt er dann mit seiner Gitarre im Stroh, lässt die Beine hinausbaumeln und singt uns, wie im knapp 14 Minuten langen, schön dahinwalzernden Titelstück, in 45 Versen vom Untergang der "Titanic", der natürlich für die Apokalypse der ganzen Welt steht. Und draußen zieht die Prärie vorbei: Nashville, Memphis, Austin vielleicht. Und in einer dieser im Abendrot leuchtenden "Scarlet Towns" steigt er ab und streunt durch die "Long Narrow Roads" wie ein Gangster, ein Pimp mit zwielichtigem Gefolge, wie im Videoclip zu "Duquesne Whistle", ein verschlagenes Lächeln im Gesicht: "I pay in blood/ But not my own", singt er und weiß genau um seine Unsterblichkeit: "The more I die/ The more I live". Umso rührender, dass "Tempest" mit einer balladesken Hommage an John Lennon endet, zu Lebzeiten nicht unbedingt Dylans größter Fan war: "Roll on, John". Ab auf die Straße, ob nun zur Erlösung oder Verdammnis, who cares! Noch schnell seinen Frieden machen und den Hut etwas kecker nach hinten tippen, bevor der große Sturm uns alle hinwegfegt. Roll on, Bob. (8.0) Andreas Borcholte

Bob Dylan - "Duquesne Whistle"
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The xx - "Coexist"
(Young Turks/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Bislang hat mir die Londoner Band The xx nur Ärger eingebracht, doch dafür können Romy Madley Croft, Oliver Sim und der als DJ, Remixer und Produzent häufig frequentierte Jamie Smith ebenso wenig wie für diverse Berichterstatter, die eilig hinaustrompeteten, auf "Coexist" würden sich wahrlich revolutionäre Dinge ereignen. Als man sich schon mürrisch auf ein zweites Album voller Clubsounds, Dubstep-Versuchsanordnungen und "treibender Beats" (O Graus!) eingestellt hatte, kam das späte Glück mal wieder aus den Wolken: An "Coexist" ist nämlich gar nichts neu, außer man interessiert sich für HiHats, Snaredrums und Beats (die hier manchmal so klingen, als seien sie im Waschkeller aus "Rosemary's Baby" entstanden). Für alle anderen gilt erstens: The xx immer allein oder zu zweit hören, three's a crowd, vor allem wenn jemand das Wort "intim" benutzt, während der Song "Angels" läuft. Zweitens: Wenn es um den "Soundtrack fürs Bett" ("Fit For Fun", Ausgabe 6/2012) geht, haben Marvin Gaye, Al Green, Barry White und Sade Adu ausgedient - nun hört man "Our Song": "All I have / I will give to you / In dark times / When no one wants to / I will give you me / And we'll be / Us." Wie nah kann man sich kommen? Wie genau kann man den anderen kennenlernen? Und sieht man all die Dinge, die plötzlich ihre Bedeutung verloren haben, schon im Augenaufschlag nach der ersten Nacht? Die Fragen, die "Sunset", "Missing" und "Tides" stellen, entstanden im selben kalten, gläsernen Maschinenraum wie damals "Crystalised", "Islands" oder "Stars" - ein dezidiert dürrer Sound, der wie Wachs in den Händen schmilzt und der so - seien wir ehrlich - kein drittes Mal funktionieren wird. Es sei denn, man befindet sich an einem Punkt, der genau diese Musik zwingend erfordert. Being as in love with you as I am. (7.6) Jan Wigger

The XX - "Angels"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Pet Shop Boys -
Herzraser 13.09.2012
Über Herrn Wiggers schräge Rezeption kann ich mich wieder nur wundern, handelt es sich bei "Elysium" doch um ein Album mit der "durchgängigsten warmen Stimmung seit "Behaviour" (Neil Tennant). Daher haben Tennant/Lowe auch ganz bewusst den ersten und letzten Song ("Leaving" und "Requiem in Denim and Leopardskin") als positiv-optimistischen Albums gewählt, obschon beide Stücke ursprünglich für den Vorgänger "Yes" geschrieben worden waren ...
2. optional
pedalsteel 15.09.2012
Dylanologen, schon ein sehr schlimmes Wort an sich, sind einsame Männer, die das Äquivalent zu den zwanghaften Auslegern von Faust. Der Tragödie zweiter Teil betreiben: irgendwie langweiliges Zeug, um Kennerschaft zu demonstrieren. Ich halte mich für keinen von diesen, dennoch möchte ich mich hier äußern: der Ton dieser Rezensionen ist oftmals einfach blöd und fahrig: was, um alles in der Welt ist "launiger Depressionswing". Das Epithteton soll launig klingen, doch es ist vor allem dürftig. Wenn man sich das Stück anhört, lässt sich erkennen, der Herr Rezensent meint "Western-Swing". Jawohl, eine gelungene Adaption dieses Genres, das etwa 1935 bis 1945 seinen Zenit erreicht hatte, aber niemals in dem Umfang den Rhythmus durch das Schlagzeug akzentuieren ließ. Und ebenso ist der Relativsatz zu John Lennon vor allen Dingen ärgerlich schwammig. Was soll das heißen? „zu Lebzeiten nicht unbedingt Dylans größter Fan war“. Ob Lennon es im Januar 1981 war, weiß niemand von uns. Also hätte es auch "niemals" heißen können, aber klingt das nicht ein bisschen zu scharf? Es wäre eine Position. Und nach meinem mittlerweile fast 40 Jahre alten Höreindruck ist "You've got to hide your love away" nicht nur ein wunderschöner Song von Lennon, sondern meines Erachtens zudem eine klangliche Würdigung der Musik Dylans. Ich mag mich täuschen. Aber damit habe ich dann eine klare Position bezogen. Ich habe das Album noch nicht gehört, aber ich finde Dylans Musik allenfalls gut im Hinblick auf sein Gesamtwerk und längst nicht so stark wie Tribal und Locked Down von Dr. John an sich und ebenso im Vergleich zu dessen Standards.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 37
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Anna Aaron: Dogs In Spirit

    2. Grizzly Bear: Shields

    3. Chilly Gonzales: Solo Piano

    4. The 2 Bears: Bear Hug (Track)

    5. The xx: Tides (Track)

    6. Chelsea Light Moving: Groovy & Linda (Track)

    7. Saint Lou Lou: Maybe You (Track)

    8. Amanda Mair: Amanda Mair

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Jan Wiggers Playlist KW 37
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.