Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche
Brooklyns Topstars Grizzly Bear lassen auf ihrem neuen Album das Sonnenlicht zwischen den Zweigen scheinen, die Pet Shop Boys steuern den Herbst der Karriere an, The xx machen eigentlich alles wie beim ersten Mal - und Bob Dylan, der alte Fuchs, grinst der Apokalypse entgegen.
Grizzly Bear - "Shields"
(Warp/Rough Trade, 14. September)
Ihrem grundsätzlich melancholischen "Baumhaus-Folk" (nochmal Wigger, sorry) sind sie zwar treu geblieben, dennoch haben sich Tonart und Instrumentierung verschoben, klingen Songs wie "Gun-Shy", "Speak In Rounds" und "Yet Again", gleichzeitig drei Höhepunkte des Albums, aggressiver, weniger introvertiert, ersetzen die ätherische Zartheit und gemächliche Beach-Boys-Seligkeit von "Veckatimest" mit handfestem Gitarren-Schrammeln, schnellen Drum-Figuren mit dringlicher, nach Holz und Handwerk duftender Betriebsamkeit, wie man sie zurzeit nur von traditionelleren Folkrock-Bands wie Midlake kennt. Grizzy Bear bleiben dennoch Kuratoren, die sich nicht auf ein Genre beschränken wollen (oder können): "A Simple Answer" vereint Glamrock-Gestampfe mit Piano-Honkytonk und Gospel-Feeling; ""What's Wrong" endet in einer atmosphärischen Free-Jazz-Etüde - und im Finale "Sun In Your Eyes" schwankt die Band grandios zwischen der Folk-Psychedelia von Donovan oder Crosby, Stills & Nash, dem jubilierenden American-Songbook-Pop von Burt Bacharach und, klar, Radiohead, den großen Vorbildern. Kein Ton verrutscht ihnen bei diesen musikalischen Spreizungen, hochkonzentriert und virtuos näheren sich Grizzly Bear immer weiter ihrem offensichtlichen Ziel an: Absolute Perfektion, Auflösung in Schönheit, Transzendenz, das Sonnenlicht zwischen den Blättern. Ein paar Hits für Volkswagen lassen sich sicher auch noch finden. (8.5) Andreas Borcholte
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Pet Shop Boys - "Elysium"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)
Bob Dylan - "Tempest"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)
Dylan wandert durch die Stile, die ihm lieb und eigen sind, wie durch ein Ankleidezimmer, probiert hier mal einen Dandy-Hut auf, hier mal einen "Shark-skin suit/ Bow-ties and buttons/ Hi-top boots". Trotz allem Feuilleton-Ballast und Literaturnobelpreis-Gedöns, das auf ihn und sein Werk projiziert wird, ist Dylan am liebsten nur der Hobo, der dem Pfeifen des Güterzugs folgt, der langsam heranrollt und in die Ferne weist. Da sitzt er dann mit seiner Gitarre im Stroh, lässt die Beine hinausbaumeln und singt uns, wie im knapp 14 Minuten langen, schön dahinwalzernden Titelstück, in 45 Versen vom Untergang der "Titanic", der natürlich für die Apokalypse der ganzen Welt steht. Und draußen zieht die Prärie vorbei: Nashville, Memphis, Austin vielleicht. Und in einer dieser im Abendrot leuchtenden "Scarlet Towns" steigt er ab und streunt durch die "Long Narrow Roads" wie ein Gangster, ein Pimp mit zwielichtigem Gefolge, wie im Videoclip zu "Duquesne Whistle", ein verschlagenes Lächeln im Gesicht: "I pay in blood/ But not my own", singt er und weiß genau um seine Unsterblichkeit: "The more I die/ The more I live". Umso rührender, dass "Tempest" mit einer balladesken Hommage an John Lennon endet, zu Lebzeiten nicht unbedingt Dylans größter Fan war: "Roll on, John". Ab auf die Straße, ob nun zur Erlösung oder Verdammnis, who cares! Noch schnell seinen Frieden machen und den Hut etwas kecker nach hinten tippen, bevor der große Sturm uns alle hinwegfegt. Roll on, Bob. (8.0) Andreas Borcholte
The xx - "Coexist"
(Young Turks/Beggars/Indigo, bereits erschienen)
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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- Dienstag, 11.09.2012 – 16:11 Uhr
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- Die SPIEGEL-ONLINE-Musikkolumnisten legen auf: Jan Wigger bittet zum Tanz mit Indie, Pop und Electro an jedem dritten Samstag im Monat ("Pretty Things" im Grünen Jäger, Hamburg), Andreas Borcholte legt jeden ersten Samstag im Monat in der Kleinraumdisko Hamburg ("Bored to Death") auf und Thorsten Dörting ebenfalls in der Kleinraumdisko ("Fossils and Rituals, Metals and Monuments" (neu, alle zwei Monate am dritten Samstag des Monats; das nächste Mal am 17. August)).
Corbis
SPIEGEL ONLINE1. Anna Aaron: Dogs In Spirit
2. Grizzly Bear: Shields
3. Chilly Gonzales: Solo Piano
4. The 2 Bears: Bear Hug (Track)
5. The xx: Tides (Track)
6. Chelsea Light Moving: Groovy & Linda (Track)
7. Saint Lou Lou: Maybe You (Track)
8. Amanda Mair: Amanda Mair
9. Rodriguez: Cold Fact
10. Sophie Hunger: The Danger Of Light
SPIEGEL ONLINE1. Greta Gerwig: Gesamtwerk
2. Udo Jürgens: Mein Freund, der Clown (Track)
3. Laibach: NATO
3. Meat Loaf: Midnight At The Lost And Found
4. Christa DeLuzio: Female Adolescence In American Scientific Thoughts
5. A Tribe Called Quest: The Low End Theory
6. J. Jack Halberstam: Gaga Feminism: Sex, Gender, And The End Of Normal
7. Van Halen: 5150
8. Kris Kross: Totally Krossed Out
9. Genesis P-Orridge: When I Was Young
10. Falco: Einzelhaft
Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.
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