Abgehört - neue Musik Im Land der letzten Dinge

Ist es sein letztes Album? Leonard Cohen führt auf "You Want It Darker" sein Zwiegespräch mit Gott und sich selbst fort. Das kann gerne noch ewig so gehen. Außerdem: Glam-Pop aus New York und Retro-Beats von NxWorries.

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Leonard Cohen - "You Want It Darker"
(Columbia/Sony, ab 21. Oktober)

"Hineni, hineni - I'm ready my Lord", singt Leonard Cohen im Titelsong seines neuen Albums. "Hineni" ist Hebräisch und bedeutet "Hier bin ich", es ist das Wort, das Religions-Urvater Abraham einst zu Gott sagte, als dieser ihn zu sich zitierte und von ihm verlangte, seinen Sohn Isaak zu opfern. "I'm ready my Lord", das klingt, zumal aus dem Mund eines 82-Jährigen, zunächst einmal wie die Bereitschaft, sich dem Jenseits zu überantworten. Nicht nur das: "I'm ready to die" hatte Cohen, der in Los Angeles lebt und seinen maladen Rücken gerne in einem speziellen medizinisch geformten Stuhl ausruht, dem "New Yorker"-Chefredakteur David Remnick gesagt, der das Zitat in seinem großen Porträt in der aktuellen Ausgabe des Magazins brachte.

Doch ganz so lebensmüde wollte Cohen dann doch nicht verstanden werden. "Das war übertrieben", sagte er vor einigen Tagen gutgelaunt bei einer Listening-Session des Albums, ebenfalls in L.A., "ich neige ja schon immer zur Selbstdramatisierung." In Wahrheit, so Cohen, beabsichtige er, ewig zu leben. 120 wolle er werden, mindestens.

"You Want It Darker" ist also vielleicht nicht das letzte Album, das Leonard Cohen veröffentlicht, vielleicht hat er noch Zeit für ein weiteres. Vielleicht aber auch nicht. "I'm ready my Lord", das kann im ewigen, seit Dekaden andauernden Dialog zwischen ihm und seinem Schöpfer auch lediglich heißen: "Ich bin bereit für den nächsten Test" - wenn man akzeptiert, dass sich der Kabbalistiker Cohen inzwischen altersgerecht mit biblischen Figuren gleichsetzt - mal Abraham, mal Hiob, auch mit Jesus identifiziert er sich ganz gern. Hört man Cohens lakonischen Monologen zu, glaubt man ohnehin nicht, dass dieses Zwiegespräch enden wird, wenn Cohen die Himmelspforten passiert haben wird. Nur ein Ortswechsel. Und die Knochen tun nicht mehr so weh.

Es empfiehlt sich durchaus, "You Want It Darker" mit dieser Art Humor zu begegnen, denn als verfrühtes Requiem funktioniert es nicht, dafür ist es viel zu vital, selbst wenn es immer wieder von den letzten Dingen zu handeln scheint. Aber wann handelten Leonard Cohens Song einmal nicht von den letzten Dingen? Es scheint lange her.

Das Titelstück, mit dem das Album beginnt, nimmt die pümpelnde Bassfigur von "Nevermind" wieder auf, dem sinisteren Höhepunkt des letzten Albums "Popular Problems". T-Bone Burnett, der es als Titelthema für die zweite Staffel der Noir-Serie "True Detective" verwendete, bezeichnete es unlängst als "Song dieses Jahrhunderts". Hinzu kommt bei "You Want It Darker" ein dramatischer Rabbinerchor live aus der Synagoge. "Du willst es dunkler haben?", fragt Cohen kokett - dann löschen wir doch mal das Licht: "We kill the flame", lautet die furchtlose Antwort.

Nein, das Ringen mit Gottes Glorie sowie der eigenen Scham und Sünde ist noch lange nicht vorbei, allerdings nimmt "Treaty", der stärkste Song des Albums, ein altes Cohen-Motiv wieder auf. Müde und verärgert sei er die ganze Zeit, singt er darin, und es sei ihm egal, wer die nächste kleine Schlacht um den nächsten verdammten Hügel gewinne, er wünsche, es gäbe einen Friedensvertrag, "a treaty between your love and mine".

Versöhnlich gibt sich Cohen auch im nächsten Song, dem Gospel "On The Level", in dem er sich vorstellt, wie sein Herz eine Medaille verliehen bekommt, weil es sich vom Teufel losgesagt hat, der zugleich ein Engel war - so kompliziert sind diese verflixten Liebesdinge, immer noch. "I'm leaving the table, I'm out of the game", seufzt Cohen resigniert in "Leaving The Table" - aber lange bleibt er ihm vermutlich nicht fern, dem gamble with god.

Ob Cohen nun mit Gott, sich selbst oder einer verzwickten, versagten Liebe Zwiesprache hält, es macht ebenso viel Vergnügen wie bei den zuvor in schneller Folge veröffentlichten Spätwerken "Old Ideas" und "Popular Problems". "You Want It Darker", erneut von Langzeitkomponist Pat Leonard betreut, stellt zu einer auf wenige Basis-Elemente reduzierten Musik die gleichen Lebensfragen, erhält durch die Produktion von Cohen-Sohn Adam diesmal aber noch mehr Wärme.

Country-Gitarren und sanfte Streicher betten Cohens sonor-süffisanten Gesang und seine wie immer kurzen, spartanischen Verse in weiche organische Klänge ein. "If I Didn't Have Your Love" beginnt mit einer andächtigen Orgel-Exposition fast wie eine Kirchenhymne. All das verstärkt vielleicht den Eindruck, dass es sich letztlich doch um ein elegisches Abschiedsalbum handeln könnte - das auch noch mit einer schmalzigen Streicher-Reprise endet. Uff.

Aber der Schelm Leonard Cohen weiß natürlich, dass seine Flamme nur um so heller strahlt, je dunkler es um ihn herum wird. Schafft er es, sie noch ein wenig brennen zu lassen? Hineni, waiting for the miracle. (9.0) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 42
SPIEGEL ONLINE

1. Leonard Cohen: You Want It Darker

2. Leonard Cohen: Nevermind

3. Bob Dylan: Everything Is Broken

4. The Lemon Twigs: These Words

5. Todd Rundgren: It Wouldn't Have Made Any Difference

6. NxWorries: Lyk Dis

7. Sevdaliza: Time

8. Solange feat. Sampha: Don't Touch My Hair

9. Danny Brown feat. Kelela: From The Ground

The Lemon Twigs - "Do Hollywood"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 14. Oktober)

Kiez-Club zum Toben gebracht? Check. Beatles auf Deutsch gesungen, "komm' gib mir deine Hand"?. Check. Einer Masse verblüffter Menschen den Schweiß und das große Staunen ins Gesicht getrieben? Check. Keine Frage: The Lemon Twigs, die ihr charmant verrumpeltes Deutschland-Debüt vor einigen Wochen beim Reeperbahn-Festival in Hamburg absolvierten, sind eine der liebenswertesten neuen Bands. Live haben die beiden Brüder Brian und Michael D'Addario, 17 und 19 Jahre alt, noch eine entzückend backfischige Bassistin und einen scheinbar geradewegs aus "Fame" (dem Originalfilm) entsprungenen Keyboarder mit Afro und Herbie-Hancock-Riesenbrille dabei. Ihr Debütalbum schrieben die beiden Hänflinge aus Long Island jedoch ganz allein, produziert wurde das Ganze dann von Foxygens Jonathan Rado, einem ausgewiesenen Retro-Spezialisten.

Und eine Retro-Show ist es allemal, was die Lemon Twigs auf "Do Hollywood" abseits jeder Trendyness und Aktualität fabriziert haben: So mancher Kritikerkollege bekam beim Auftritt der Band im Hamburger Molotow leuchtende Augen und fühlte sich an Todd Rundgrens barocken Pomp-Pop erinnert. Aber auch Bolan, Bowie, Beatles und Beach Boys ("How Lucky I Am") schwirren in den ausladenden, burlesken Zirkusmanegensongs herum. Das Faible für zuckrige Pianomelodien, Harmoniegesänge, Glamrock-Pathos und Siebzigerjahre-Seifenoper-Theatralik bekamen die Brüder bereits in die Wiege gelegt, denn Daddy Ronnie D'Addario versuchte sich einst mit exakt demselben Sound als Singer-Songwriter, blieb allerdings erfolglos.

Seinem Nachwuchs könnte es nun durchaus besser ergehen, denn trotz ihres zarten Alters verfügen die beiden bereits über so viel sprudelndes Talent, dass Songs wie "Haroomata", "Hi Lo" oder das siebenminütige "The Great Snake" schlicht auseinanderzuplatzen drohen, während mehrfach Tempo und Stilistik gewechselt werden und wildeste Ideen - Fanfaren, Chöre, Phantom-der-Oper-Motive - nur so übereinderstolpern. Höhepunkt ist "These Words", ein Track, der ein kleines bisschen weniger vollgestopft wirkt und einen Refrain enthält, für den Ben Folds morden würde. Vor 40 Jahren wäre das ein sicherer AOR-Radiohit gewesen. Heute taugt's zumindest schon mal für Indie-Hipster-Fame. (7.5) Andreas Borcholte

NxWorries - "Yes Lawd!"
(Stones Throw/Groove Attack, ab 21. Oktober)

Seit der kalifornische Sänger Anderson .Paak nicht nur in seinem Namen einen Punkt gemacht hat, sondern, Pardon, auch mit seinem hervorragenden Debütalbum, wartet die dem R&B und Soul zugeneigte Welt gespannt auf seinen nächsten Schritt. Als Sidestep könnte man "Yes Lawd!" bezeichnen, das erste Album, das Anderson nun zusammen mit seinem Partner Knxwledge unter dem ebenso unaussprechlichen Namen NxWorries veröffentlicht.

Knxwledge, der mit bürgerlichem Namen Glen Earle Boothe heißt, kann auf seiner Bandcamp-Seite mehr als 60 selbstproduzierte Alben vorweisen. Seine Beats gefielen Kendrick Lamar so gut, dass er Boothe als Produzenten für den Track "Momma" auf seinem Blockbuster-Album "To Pimp A Butterfly" anheuerte. Anderson wiederum kann bereits acht Features auf Dr. Dres "Compton"-Album vorweisen und wird nicht zuletzt wegen seiner sanft raspelnden Soulstimme immer wieder gerne als Gastsänger gebucht, zuletzt von Kendrick-Kumpel Schoolboy Q auf "Blank Face".

Man könnte Anderson und Boothe also als Speerspitze der nächsten Westcoast-Generation bezeichnen. Und was machen diese beiden Nachwuchs-Genies? Erstmal einen kräftigen Schritt zurück. "Yes Lawd!" ist eine kunstvoll futurisierte Hommage an die großen Blaxploitation-Soundtracks und den Schlafzimmer-Soul der Siebziger. Marvin Gaye und Barry White werden explizit erwähnt.

Anderson fällt es nicht schwer, auf Tracks wie "Livvin" oder "Kutless" wie ein Curtis Mayfield auf "Superfly" zu klingen, Boothe liefert dazu die plüschigen Retro-Samples, prall mit Orgel, Glockenspiel und Streicher-Opulenz gefüllt - und erzeugt mittels cleverer Looping-Technik einen zerhackten, modern verstoppten Groove. Das macht großen Spaß, vor allem beim zwingenden Swingbeat von "Lyk Dis" oder im Yacht-Rock-Ambiente von "Best Love".

Auf Albumlänge wird die Masche dann jedoch schnell langweilig, zumal sich Anderson auch in den Texten den Machos von einst anpasst und lustvoll-sexistisch den Pimp gibt, der über big butts ("WNGS"), big tits und seine bitches ("Suede") rappt. Gehört alles zum Genre, aber puh.

Als Skills-Showcase und nostalgisch-romantische Flucht ins 20. Jahrhundert funktioniert "Yes Lawd!" ziemlich gut, aber von zwei so prominenten Genre-Hoffnungsträgern kann man durchaus auch inhaltlich etwas mehr Gegenwärtigkeit erwarten. (7.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

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helgevalk 19.10.2016
1. Who knows the way to Andromeda
Ich wünsche Leonard Cohen nicht den Aufenthalt "im Land der letzten Dinge", und eigentlich ist dass auch kein Aufenthaltsort für Poeten & Sänger, dort würd' ich noch nichtmal Urlaub machen wollen. "Suzanne" war damals wirklich ein Wellenbrecher, für meinen akustischen Geschmack jedoch a little bit to much consolationsearcher (Trostsucher), was sich in meinem Gehör relativierte, wenn seine Songs von anderen Interpreten adaptiert wurden. Trotzdem, wenn Bob Dylan, dann hat auch Leonard Cohen den Nobelpreis verdient. Winterschlafmusik vertragen nur sehr viele Leute nicht nur nicht, sondern sie entwickeln dagegen Allergien die aus deren parasympathischen Nervenkostüm zu kommen scheinen. Tja was kann man Leonard Cohen wünschen? Ich würde sagen schau dir doch etwas von Neil Diamond ab, der hat deinen berühmten Suzanne-Song auch etwas blumiger 'rüber bekommen.
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