Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Sie haben immer noch nicht mitgekriegt, dass es ein neues Album von My Bloody Valentine gibt? Wir haben bereits die zweite Rezension zu dieser Wahnsinnsplatte! Außerdem fiebriger Südstaaten-Soul von Matthew E. White, modernisierter Tolstoi von Apparat und Winterliches von Amatorski.

My Bloody Valentine - "mbv"
(erhältlich über www.mybloodyvalentine.org)

Nein, man wird Spätgeborenen heute vermutlich nicht mehr erklären können, warum My Bloody Valentine einmal eine eigene Sprache erfunden haben, warum man sie live gesehen haben muss, warum "Loveless" damals eben nicht klang wie ein kaputtes Küchengerät, sondern wie Gottes Rasenmäher, ein Geisterflugzeug im Landeanflug, ein Haus ohne Hüter, ein Schneesturm im Nordosten, ein dünnes, bleiches Mädchen aus Nishinomiya, oder wie ein im Nachtzug nach Minsk zurückgelassenes, altes Transistorradio mit leicht beschädigten Boxen und krummer, langsam verrostender Antenne. Andererseits wurde "mbv" auf YouTube in ausführlichster Länge kennerhaft von einem etwa 12-jährigen Kind besprochen, nachdem die bandeigene Website unter dem Ansturm auf diese halbdurchsichtige, nur noch mit einem Fuß im Nebel stehende Platte zusammensackte. "mbv" beginnt mittendrin, mit "She Found Now", einem gefährlich lodernden "Loveless"-Nachhall, und ein Wahnsinn ist die zweite Hälfte von "Only Tomorrow", das Kevin Shields ganz müde und stoisch nach Hause schleift - die Gitarre als geweihtes Instrument, so weit entfernt, so nah am Herzen. "If I Am" leiert und dreht sich lieblich, Bilinda Butcher haucht körperlos dazwischen: Fast ein Cocteau-Twins-Stück, sekündlich vom Aussterben bedroht, kurz vor dem Verschwinden. Das eigentlich Sensationelle an "mbv" ist aber, dass My Bloody Valentine nach 22 Jahren mit drei absolut unglaublichen letzten Songs zurückkehren: "In Another Way", "Nothing Is" (hier als Journalist bitte unbedingt mit Kriegsmetaphern operieren) und das äußerst hubschraubermäßige "Wonder 2" begraben eine Welt, die es in dieser Form gar nicht mehr geben dürfte, unter Seen aus Sound. Man kann es sehen, man kann es fühlen. Catch the breeze. (9.0) Jan Wigger

Matthew E. White - "Big Inner"
(Spacebomb/Domino/Goodtogo, bereits erschienen)

Wenn Sie sich neulich beim Auflegen alter Hits in der Kneipe nebenan mal wieder gefragt haben, was um Himmels Willen man bloß nach Primal Screams "Movin' On Up" spielen soll, dann hat Matthew E. White eine für alle Zeiten gültige Lösung parat, nämlich "Big Love", den zweiten Song seines famosen Debüt-Albums "Big Inner", eine schwülstige, auf dringlichem Piano-Groove voran treibende Nummer, die, wenn sie erst einmal im richtigen Gospel-Swing angekommen ist, die Briten als die sympathischen Nachahmer entlarvt, die sie sind und waren. Denn White, ein aus Virginia stammender Sohn christlicher Missionare, bekam die Gottesfurcht in die Wiege gelegt und begibt sich in seinen Liedern seelensuchend auf die Spuren großer Südstaaten-Soulmänner und Country-Soul-Legenden wie Jackie DeShannon, die er besonders liebt. Da er jedoch kein ausgewiesener Sänger oder auch nur Songwriter ist, sondern Session-Musiker und Arrangeur, verfügt er nicht über das Crooning-fähige Organ eines Al Green, sondern erinnert mit seinem spröden, verhuscht-sonoren Gesang in seinen besten Momenten an Shuggie Otis oder Tony Joe White. Oder an eine bibelfeste Ausgabe von Bill Callahan, besonders, wenn er, wie in "Big Love", Zeilen wie diese vor sich hinsinniert: "I'm a Barracuda, I am a Hurricane". Großer, nach Mississippi-Schlamm riechender Spaß das. Er habe qua Herkunft so seine Probleme mit Spiritualität, sagte er in einem Interview, aber die besten Soul-Alben waren ja ohnehin immer die, auf denen sich der Sänger mit Gottes Ungerechtigkeit auseinandersetzt, so wie White in "Gone Away", einer todtraurigen Moritat über den Verlust seiner erst vierjährigen Cousine, die bei einem Autounfall starb: "I don't want to live a minute longer than you/So let's meet the Lord together". Das Ganze gipfelt in dem knapp zehnminütigen Fieberwahn von "Brazos", relativ offensichtlich auf "Brothers" von Jorge Ben basierend. Darin geht es um allerlei Abgründe, bis hin zur Sklaverei, von der einen aber der Glaube an Jesus erlösen könne, so zumindest suggeriert es das in den letzten Minuten des Songs vorgetragene, über hypnotischem Hot-buttered-Soul vorgetragene Mantra "Jesus ist your friend, he is our Lord". Ganz schön. Vielleicht aber zu fromm? Ja, jedoch nicht, wenn man das alles in Zusammenhang mit den in Jazz und Psychedelik ausufernden Meditationen von Isaac Hayes setzt. Soul und Gospel ohne Gott und Jesus - undenkbar. Und Matthew E. White, der mit Bart und Hipster-Brille als weißestes aller Weißbrote daherkommt, übersetzt diese alte Tradition nonchalant in einen alternativen Pop-Kontext, wie es einst Kurt Wagner mit Lambchop getan hat. Das Album sei eigentlich aber auch ein musikalischer Showcase für das Studio, das sich White mit einigen erlesenen Leuten in Richmond eingerichtet hat: Neun Bläser, acht Streicher, dreiteilige Rhythmus-Sektion und ein Chor sorgen für einen Country-Soul-Sound, der leicht alles wegblasen könnte, von White aber immer wieder songdienlich auf Verhaltenheit und Subtilität gedrosselt wird. Und genau da pulsiert es, das lustvoll unterdrückte "big inner", das dieser ungewöhnliche Southern Man ganz lässig aus sich herausschwitzt. Groovy gravy. (8.5) Andreas Borcholte

Matthew E. White "Big Love"
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Amatorski - "TBC"
(Crammed Discs/Indigo, bereits erschienen)

Vielleicht ist es der tief in die Magengrube drückende Bass am Anfang von "Soldier", der Kritiker die Portishead-Vergleiche ziehen lässt. Spätestens, wenn Sängerin Inne Eysermans mit brüchigem, aber vernehmlichen Klagen etwas vom Winter fleht und ein hallendes E-Piano verlorene Klänge in die Tristesse tupft, denkt man an die herzerwärmende Kälte der Klassiker aus Bristol. Amatorski, die sich zwar nach dem polnischen Wort für "Amateur" benannten, aber aus Belgien kommen, können jedoch mehr, als altbekannte TripHop-Themen zu variieren. In Stücken wie "22 Februar" wird transparent, wie die in der französischen Rockpresse bereits hochgelobte Band ihren beeindruckend eigenständigen Klang auch aus Jazz-Arrangements und Postrock zusammensetzt. Klar, die Patinnen für Eysermans' zugedröhnte Kleinmädchenstimme sind Legion, von Stina Nordenstam bis Hanne Hukkelberg. Songs wie "Peaceful" oder das nach einem besinnlichen Angang in einem Noise-Orkan mündende "8 November" sind eher Rockmusik als Elektronik, dennoch ist dieses Debüt-Album eben stilistisch nicht zu fassen, changiert stetig zwischen dem leisen Klirren von Eiskristallen und dem Krachen abgehender Lawinen. Dass Amatorski auch Folk- und Pop-Miniaturen können, entnimmt man der praktischerweise im deutschen Album enthaltenen EP "Stars We Shared". Diese winterliche Musik wird bei den kommenden Sommerfestivals wohlig frösteln lassen, so viel dürfte sicher sein. (6.0) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Apparat - "Krieg und Frieden (Music For Theatre)"
(Mute/Goodtogo, 15. Februar)

Mal ehrlich: "Krieg und Frieden"? Die Schwarte liegt schon so lange auf dem Stapel der Klassiker, die man unbedingt nochmal vor dem Exitus lesen muss, dass sie ganz gilb ist und sich die Buchdeckel des billig auf eBay erworbenen Mass-Market-Paperbacks flehentlich nach oben biegen: Nimm mich! Lies mich! Nö. Später. Sascha Ring konnte dann letztes Jahr aber nicht mehr anders. Er nahm Tolstois Pathos-Epos über den Wandel der Zeit vor napoleonischer Kulisse ausgerechnet mit nach Thailand, um dort eine Idee zu bekommen, wie er das 1500 Seiten umfassende, mehrfach verfilmte Werk der Weltliteratur für eine Theaterinszenierung adaptieren könnte. Regisseur Sebastian Hartmann hatte ihn gebeten, seine Inszenierung für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen mit Musik zu versorgen, und zumindest hatte Ring, seit gut zehn Jahren ebenso anerkanntes wie rastloses Mitglied der deutschen Elektronik-Szene, eine solide Vorstellung vom modernen Regie-Theater: "Da wird ein Raum geschaffen, in dem ein Haufen von Freaks freidrehen kann." Davon infiziert, erinnert der Teil der sodann erschaffenen Bühnen-Klänge, die nun als Album erscheinen, rein gar nicht mehr an das melancholisch-vermuffte Historiendrama, das man gemeinhin mit "Krieg und Frieden" assoziiert. Ring gelang es vielmehr, die teutonische Schwere, die seinen Kompositionen irgendwie immer schon innewohnte, mit einer weit offenen, tief einatmenden Atmosphäre von sinnlicher Traurigkeit zu vermählen. Was er für die Bühne mit 30-köpfigem Orchester live darbot, verdichtet er auf Platte zu elektronischen Etüden, die mal als klassische Kammerstücke ("44") daherkommen, mal als zittrige, von entfernten Hörnern durchwehte Verhuschungen ("PV") oder als bedrohlich übereinander geschichtete, zeitlupenartige Gletscher-Bewegungen wie "Tod" oder, die Noise-Version von "44" und das geisterhafte knurpselnde "Blank Page". Mit dem Pop-Ansatz seines letzten Albums "The Devil's Walk" hat dieses Apparat-Werk erwartbar wenig zu tun, der Quedlinburger, der als Moderat zurzeit auch wieder mit dem EDM-Projekt Modeselektor zusammenarbeitet, fügt seinem bisherigen Schaffen mit seiner furcht- aber nicht respektlosen Theatermusik mutig eine weitere Facette hinzu. Aber Vorsicht: Wer durch Rings modernistischen Ansatz dann doch Lust bekommt, die Schwarte in die Hand zu nehmen, könnte mit tödlicher Langeweile belohnt werden. (6.7) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Falscher Fehler
Tom_Taler 12.02.2013
Also von Amatorski gibt es ein Lied, das heißt "22 Februar". Und dann noch eins, das heißt "8 November". Eins das "22 November" heißt, gibt es jedoch nicht. Ergibt dann eine Wertung von 1.8 für den Rezensenten, oder so. Mal lieber wieder auf das Wesentliche konzentrieren, anstatt sich einen abzureviewen ; )
2. weitere Fehler
bob0071 13.02.2013
der zweite von mbv vorgestellte song heißt nicht "hot toddies" (siehe matthew e. white) sondern "new you". der dritte von mbv vorgestellte song ist "nothing is". ging wohl heute einiges drunter und drüber. anyway.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 07
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Matthew E. White: "Big Love" (Track)

    2. Charli XCX: You (Ha Ha Ha) (Track)

    3. Tocotronic: Wie wir leben wollen

    4. Tegan and Sara: "Heartthrob"

    5. Foxygen: "No Destruction" (Track)

    6. Kurt Vile: KV Crimes (Track)

    7. Sinkane: Runnin' (Track)

    8. Eels: Wonderful, Glorious

    9. Phosphorescent: Muchacho

    10. Haim: Falling (Track)


Jan Wiggers Playlist KW 07
  • Jens Ressing

    1. Béla Tarr: Werckmeister Harmonies

    2. Béla Tarr: Sátántangó

    3. Dissection: Storm Of The Light's Bane

    4. Dissection: Reinkaos

    5. The Devil's Blood: The Time Of No Time Evermore

    6. The Devil's Blood: The Thousandfold Epicentre

    7. The Devil's Blood: Come, Reap

    8. Laibach: Macbeth

    9. NON: Easy Listening For Iron Youth

    10. Chris de Burgh: Flying Colours