Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Sebastian Zabel

Das neue Album von Phoenix heißt "Bankrupt!" - eine gute Selbstbeschreibung der Franzosen, sie sollten's lassen und lieber Inneneinrichter werden. Außerdem: Wattebällchen von Iron & Wine, Wüsten-Blues von Bombino und Kampftrinker-Hymnen von Frank Turner.

Liebe Abgehört-Gemeinde,

Kollege Jan Wigger nimmt sich eine verdiente Auszeit. Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Diese Woche: Sebastian Zabel, Chefredakteur des Musikmagazins "Rolling Stone".

Phoenix - Bankrupt!
(Atlantic/Warner, ab 19. April)

Das Leben der Reichen und Schönen, wie muss man sich das vorstellen? Etwa so: "Crystal or Bamboo/ Voyageur Canoe", heißt es auf diesem Album und "when tired you're no fun/ when idols are boredom for everyone". Ein zarter Windhauch kräuselt das Wasser im azurblauen Pool, während die Band im Garten ein wenig zu hektisch rockt. "S.O.S. in Bel Air" funken Phoenix, aber Mitleid hat man nicht mit ihnen, weil ganz andere Sorgen. Phoenix waren mal ein sehr gute Popband. Zur Jahrtausendwende veröffentlichten sie ein Debüt-Album, das klang, als habe jemand den uncoolen Keyboard-Pop der mittleren siebziger Jahre mit Testosteron und Dopamin aufgeladen, als seien Supertramp, 10cc und ELO in einen Hipness-Brunnen geplumpst. Später gingen die vier smarten, versnobten Franzosen nach Berlin und wollten eine Gitarrenband sein, was nicht mehr wirklich aufregend war. Denn davon gab es ja genug. Vor vier Jahren kriegten Phoenix dann noch mal die Kurve mit dem pompösen "Wolfgang Amadeus Phoenix"-Album: Ein bisschen größenwahnsinnig, ein bisschen beknackt trieben sie das Modell Keyboard-Pop auf irre Spitzen - die Band hatte bei ihrer Reise durch die Klangwelt der Siebziger und Achtziger Jeff Lynne überholt und sich an Rick Wakemans Hermelin geheftet.

Und nun? Wissen sie selber nicht so richtig. "Bankrupt!" startet mit einer Art Rabauken-Version von David Bowies "China Girl", und auch die folgenden Songs sind von einer alarmierten Aufgeregtheit geprägt, einem sinnlosen Zuviel an Klangkleister, bevor mit "Trying To Be Cool" endlich mal ein runder, hübsch daher groovender Popsong an die Klasse ihrer Anfangstage erinnert. Aber nur kurz. Das schier endlose Intro des siebenminütigen Titelsongs weiß auch wieder nicht so recht, was es eigentlich soll, ein bisschen elektronisch zirpen halt, mit digitalem Knacken, als habe die Platte einen Sprung. Im Song selbst geht es um "people in fashion" und "caledonian rich and young", denen ist öde, weiß der Himmel warum, und man ahnt, dass auch der Band ein wenig öde ist. Eine luxuriöse Gelangweiltheit durchweht ihr nunmehr fünftes Album, Überdruss, ein bisschen Depression. Hach! Ist der Veuve endlich kalt? Natürlich gelingen der Band um Thomas Mars (übrigens liiert mit der in schönem Überdruss recht bewanderten Regisseurin Sofia Coppola und verwandt mit dem lebemännischen Literaturkritiker Hellmuth Karasek) ein paar schöne Momente: wenn etwa die Melodie elegant heranschleicht wie in "Chloroform" oder der Sound entschlackt wie bei "Dakkar Noir", so dass Songs sichtbar werden und nicht bloß Überproduktion. Vielleicht sollten die Herren auf Inneneinrichter umschulen. (3.5) Sebastian Zabel

Phoenix - "Entertainment"
Mehr Videos von Phoenix gibt es hier auf tape.tv!
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Iron & Wine - "Ghost On Ghost"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 12. April)

"I love you and you love me and there's new fruit humming in the old fruit tree": Einen schöneren Vers zum lange ersehnten Frühlingsbeginn kann man sich kaum vorstellen. Er stammt von Sam Beam aus "Low Light Buddy Of Mine", einem der besten Songs auf seinem fünften Album unter dem Moniker Iron & Wine. Eigentlich mochte man Beam ja vor allem für seine eher depressiven, kargen Frühwerke, seine grundsätzlich miese Stimmung, die sich aber schon auf seinem beschwingten letzten Album mit dem hygienisch bedenklichen Titel "Kiss Each Other Clean" weitgehend verflüchtigt hatte. Über sein neues Werk sagt Beam nun, es fühle sich an wie eine Belohnung, nachdem sich die "unruhige Anspannung" der letzten Platten gelöst habe. Schön für ihn. Aber auch schön für uns? Erstaunlicherweise ja! Mit besonderer Freude empfehle ich an dieser Stelle ausnahmsweise also mal nicht die neuesten entäußerten Seelenqualen eines Schmerzensmannes, sondern ein vor frühlingshafter Saft-und-Kraftigkeit geradezu sprühendes Album. Mit Hilfe illustrer Musiker, darunter die Band von Bob Dylan und das Tin Hat Trio, wagt Beam hier passend zum melancholischen Schwelgen seiner Texte einen breitwandigen, dabei aber stets transparenten Country-Soul-Sound, der Erinnerungen an die große Zeit des Yacht-Rocks, also die Siebziger, weckt, aber auch an in viel Südstaaten-Gravy gebackene Singer/Songwriter-Alben von Randy Newman bis Lambchop. Das Ganze reichert er mit feinen Jazz-Zutaten an, etwa im oben erwähnten Song, der auf demselben Trommel-und-Bass-Groove wie Odettas Klassiker "Hit Or Miss" beginnt. Der gediegene Flow von "New Mexico's No Breeze" mit seinen hingetupften Piano-Noten könnte auch aus dem Repertoire von Becker/Fagen stammen, und "Lover's Revolution" stampft und steamt wie ein Tom-Waits-Rumpler, nur halt von jeder Knurrig- und Kauzigkeit befreit. Gerade in Songs wie diesen, aber auch im wunderbar funkigen "Singers And The Endless Song" zeigt sich Beam als versierter Geschichtenerzähler, der, entspannt und lebensfroh wie er gerade zu sein scheint, vom Geschmack der frisch gepressten Zitronenlimonade, dem Geruch des im Fenster kühlenden Apfelkuchens und der nostalgisch verblichenen Instagram-Welt erzählt, aus der auch seine sonnendurchflutete Musik stammt. Ein metaphorisches Kriechen durch Dornenbüsche (Englisch: Briars) zieht sich als roter Faden durch die Songs des Albums. Für die Wunden, die man sich dabei zuzieht, bietet "Ghost On Ghost" kuschelweiche Cottonballs der Linderung. Oder, wie ein britischer Kollege in seiner Kritik boshaft meinte: Perfekter Radio-Pop für den Roadtrip durch Amerikas Natur. Egal: Genau das, was wir jetzt brauchen. (7.3) Andreas Borcholte

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Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist


Bombino - "Nomad"
(Nonesuch/Warner, seit 12. April)

Zwickmühle: Soll man über das neue Album von Bombino berichten, trotz oder gerade weil es von Black-Keys-Sänger und -Gitarrist Dan Auerbach produziert wurde? Kenner des Wüsten-Blues aus Mali und Niger rümpfen wahrscheinlich die Nase ob dieses Versuchs kulturimperialistischer Umarmung, sie lauschen schließlich schon seit Jahren den Tuareg-Weisen von beispielsweise Tinariwen. Diese Musik existiert und verbreitet sich auch ohne Einpflegung in den westlichen Kulturkanon. Auerbach jedoch, der den jungen Tuareg Omara "Bombino" Moctar samt Band zu sich ins Studio nach Nashville einlud, wo das Album aufgenommen wurde, erweist sich, bei aller Bescheidenheit meiner Kenntnisse über dieses spezielle Musikgenre, als recht einfühlsam und behutsam im Umgang mit dem ganz eigenen Blues-Stil des Wüstenvolks. Der hat freilich, und spätestens da muss das Naserümpfen über westlichen Pop-Kolonialismus enden, seine Wurzeln nicht nur in der traditionellen Musik Afrikas, sondern und vor allem auch am Mississippi-Delta. Denn Bombino, während der Rebellion der Tuareg lange Zeit in Burkina Faso und Libyen exiliert, guckte mit seinen Kumpels stundenlang Videos von Jimi Hendrix und Mark Knopfer, um sich in mühevoller Autodidaktik deren Riffs und Licks beizubringen, Ironie der kulturellen Rückkopplung. Seine erste Gitarre erhielt er als Teenager, nachdem ein Verwandter sie auf der Flucht im Camp zurückgelassen hatte. Später studierte er beim bekannten Tuareg-Gitarristen Haja Bebe und feierte 2011 mit seinem ersten Album "Agadez" auch international erste Erfolge, nachdem er zudem Hauptperson eines Dokumentarfilms über die prekäre Lage der Tuareg war. So wurde auch Blues-Rechercheur Auerbach auf den jungen Musiker (Bombino heißt so viel wie "der Kleine") aufmerksam. Seine Produktionsmethode, das zeigte sich schon beim hervorragenden Comeback-Album von Dr. John, das er unlängst betreute, ist der von Rick Rubin nicht unähnlich: Zuhören und die Essenz des Künstlers herausarbeiten. Also verzichtete Auerbach auf große stilistische Varianz zugunsten jenes über den Wüstensand rollenden, stark repetitiven Blues-Sounds, der von Bombinos intuitiv gesetzten Licks akzentuiert wird. Dem geradlinigen Opener "Amidinine" hört man noch am ehesten seine Entstehung im Black-Keys-Studio an, vielleicht um westliche Ohren langsam an eine fremde Hörwelt zu gewöhnen. Schon im zweiten Song "Ahulakamine Hulan" wird es exotischer, orientalischer; "Azamane Tiliade" wiederum ist ein auf Fuzz gebetteter Lärmorkan, hinter dem Bombinos heiserer, heller Gesang, ohnehin eher nach hinten gemischt, zu verschwinden droht. "Imuhar" schließlich, das vierte Stück, könnte ein veritabler Ethno-Pophit sein, ein Rumpfschüttler, dessen Beine zum Nashville-Boogie stampfen, dessen Oberkörper aber zum Bazar-Beat schwingt. Der "Niamey Jam" sucht nach Roots im Progrock-Blues von Kraut und Cream, und "Zigzan" verfügt mit seinen schwebenden Synthie-Flächen über den vielleicht größten westlichen Übergriff, denn Keyboards sind im DIY-Kosmos der Nomadencamps wohl doch eher Mangelware. Bombinos Ruhm außerhalb seiner Heimat wird sich dank dieses Albums gehörig mehren, aber nicht nur aus Solidarität mit dem verfolgten Wüstenvolk oder Hipster-Exotismus sollte man "Nomad" eine Chance geben. Auch wenn man kein Wort von dem versteht, worüber Bombino singt, der Blues war schon immer ein ganz globales Gefühl. (6.7) Andreas Borcholte

Bombino - "Azamane"
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Frank Turner - "Tape Deck Heart"
(Vertigo/Universal, ab 19. April)

Neulich nachts vor dem Fernseher, es lief eine Konzertaufzeichnung von Gossip, wir guckten nur so nebenbei. Doch plötzlich sagte meine Freundin, wie krass es doch sei, dass Beth Ditto das alles in ihrer Muttersprache singe und wie peinlich die Texte wären, würde sie sie auf Deutsch singen. Wer wären Gossip dann? Silly? Hm. Klar, so eine Überlegung führt immer zu nichts, außer der Erkenntnis, dass wir uns den größten Kitsch aus England und den USA anhören und toll finden, uns aber mit Grausen abwenden, wenn einer auf Deutsch von einer "Bilderbuchwelt" oder einem "schweren Kreuz" singen würde. Klingt eben immer alles ein bisschen cooler und eleganter, wenn es auf Englisch ist und man als Non-Native-Speaker sowieso den Text ausblenden kann, was ja manchmal ein großer Vorteil ist. Ähnlich wie für Gossips Funkpop, und hier enden die Parallelen, gibt es auch für launigen Folk-Punkrock, den Frank Turner spielt, keine deutsche Entsprechung. Turner sang früher mal in der Hardcore-Punk-Combo Million Dead, liebt Springsteen und Weezer und haut seit ein paar Jahren ein Solo-Album nach dem anderen raus. In England wird er so geliebt, dass sich Fans sogar einzelne Songzeilen tätowieren lassen. Stellen wir uns das mal bei Thees Uhlmann vor! Nachdem sich sein letztes Album metathematisch um seine Heimat drehte ("England Keep My Bones"), ist "Tape Deck Heart" ein eher unpolitisches Break-Up-Album geworden, das mal nach Counting Crows und Konsorten klingt ("Tell Tale Signs", "The Way I Tend To Be"), mal nach Punk-Pop von Green Day und Kollegen ("Losing Days", "Plain Sailing Weather", "Four Simple Words"), allerdings weniger lärmig, weil Turner ja vom Punk zum Barden geworden ist. Turners Texte, so lange man sie nicht übersetzt, sind grundsympathisch, erzählen mit viel Selbstironie vom tristen Trennungsalltag, als sei er eine dieser tragikomischen Figuren aus einem Roman von Nick Hornby. Kann man alles nach zweimal Hören mitgrölen oder -summen, so gefällig ist das. Umso störender, dass Turner am Ende von seinem Riffrock-Schema abweicht, um zu beweisen, dass er auch akustisch und gefühlig kann ("Broken Piano", "Anymore"), aber ein Song-Poet wie Damien Rice ist dieser Hemdsärmling nun mal nicht, eher ein Pubrocker, der gut erzählen kann, sagen wir Billy Bragg für Kampftrinker. Und das reicht ja auch. Zumindest von hier aus. Wer weiß, ob einer wie Turner dem stilbewussten Engländer nicht wie Hartmut Engler vorkommt. Oh, kulturelle Grenzen, manchmal erscheint ihr unüberbrückbar. (5.0) Andreas Borcholte

Frank Turner - "Recovery"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 16
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Iron & Wine: Ghost On Ghost

    2. Cassie: RockaByeBaby Mixtape

    3. Charli XCX: True Romance

    4. Flea: Helen Burns EP

    5. Francis International Airport: Cache

    6. Night Moves: Colored Emotions

    7. Valerie June: Pushin' Against A Stone

    8. SCANNerS: Love Is Symmetry

    9. Azealia Banks: No Problems (Track)

    10. Prinz Pi: Kompass ohne Norden