Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Die Sun-Kil-Moon-Platte hat endlich ihren Weg zu unserem Autor gefunden - und das ist gut so! Hin und weg ist er nicht nur von "Benji" sondern auch von Metronomys "Love Letters". Und wie klingt das neue Album von Hundreds? Finden Sie es heraus: "Aftermath" gibt's bei uns vorab komplett im Stream.

Von Jan Wigger


Sun Kil Moon - "Benji"
(Caldo Verde, seit 14. Februar)

Als uralter Kozelek-Fan ist man Kummer gewohnt: Alle paar Monate bestellt man die jeweils aktuelle Platte in den USA, und kommt sie nach vielen, vielen Wochen endlich an, hat Mark bereits wieder neues Material angekündigt und vielleicht sogar veröffentlicht. Die Wartezeit vertreibt man sich mit Kontemplation und Fragen an das große Nichts: Schreibt Kenny Powers schon am Drehbuch von "50 Shades Of Gross"? Wieso rasiert Javier Pinola die drei Haare, die er noch hat, nicht endlich ab, mit Glatze kann das doch auch nicht beschissener aussehen. Und warum ist "L'Ecume des Jours" von Michel Gondry wieder ein so emotionsloser, von seinem eigenen Einfallsreichtum besoffener, unerträglicher Film geworden? Auch Larissa Marolts Facebook-Postings: im Rückblick enttäuschend gewöhnlich! Mark Kozelek kümmert das nicht, seine Erzählungen werden immer "persönlicher" (würg), und jeder kann sich denken, dass der Sinnspruch, wonach große Gefühle oft nur mittelmäßige Kunst erzeugen, für den großen Spaziergänger und Vielschreiber aus San Francisco nicht gilt. Auf "Benji" erklärt Kozelek allen seine Liebe: der Mutter, dem Vater, der Großmutter, Led Zeppelin (Mark beschreibt minutiös, wie er "The Song Remains the Same" als Kind in einem Einkaufszentrum in Ohio sah), der auf eine bestürzende Art und Weise verstorbenen Carissa ("You were there some years ago at a family funeral / But you were one of so many relatives / I didn't know which one was you."), den Kids, die in Newtown starben, und vielleicht sogar auch Jim White ("His records are The Doors and Stevie Nicks", also so wie bei mir), einem guten Freund seines Vaters, der seiner Frau im Krankenhaus den Gnadentod schenkte, aber später, beim Versuch Selbstmord zu begehen, scheiterte. Und ganz am Schluss dieses gewohnt verschwommenen, gläsernen Albums, das mit dem Schlag deines Herzens verschmilzt, gibt es einen der wundervollsten Songs der Sun-Kil-Moon-Geschichte, mit einem Saxophon, das Krankheiten heilt: In "Ben's My Friend" protokolliert Kozelek, wie er bei einem Konzert von The Postal Service vergeblich versucht, seinen mittlerweile berühmten Gefährten Benjamin Gibbard zu treffen: "I called him after, said I'll skip the backstage hi / Bye, but thanks for the nice music and all the exercise / And we laughed and it was alright / There's a thin line between a middle-aged guy with a backstage pass and a guy with a gut hangin' round like a jackass / Everybody there was 20 years younger." Sollte man nach Haldern fahren? Darf man seine Helden wirklich treffen? Neverending math equation. (8.5) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei
Metronomy - "Love Letters"
(Because Music / Elektra, seit 7. März)

Um endlich einmal wieder Patrick Wagner und den eventuell besten Surrogat-Song aller Zeiten zu zitieren: "Es gab auch gute Momente." Zu diesen Momenten zählte die Erkenntnis, dass "The English Riviera" eben gerade kein klassisch ödes Vorn-dabei-Album für die U-33-Generation war, sondern feinstaubige, superclevere und in hohem Maße informierte Popmusik. Metronomy kennen 10cc, Hall & Oates, Deacon Blue, The Zombies, die Young Marble Giants, The Durutti Column, Fra Lippo Lippi und Doo Wop, was sie von einem Großteil ihrer Hörer unterscheidet. Und "Love Letters" ist - obwohl ich keinen Club betreten werde, in dem es läuft - sogar noch besser: Die luftige, klare Gitarre im aufreizenden "The Upsetter" ("I should've known from the call that you let out / You're not alone and you're still in love / And everyone says that I'm the upsetter / But I'm alone and we're so in love."), das unwiederstehliche "Love Letters", die sich windende und schlängelnde, labyrinthische Melodie von "Monstrous", das gemeinsame Verlorensein in "Never Wanted", die durchs Dunkel funkelnden, im Zickzack fahrenden Keyboards auf "Reservoir", und das tragische, unglaublich gute "The Most Immaculate Haircut": "He's got the most immaculate haircut / And with the right dye and shampoo / Maybe I could too." In einer Welt, die wir nicht verstehen können, halten wir an den wenigen Dingen fest, die wir lieben. And by some divine miracle: Ich liebe diese Platte. (8.3) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei

Hundreds - "Aftermath"
(Sinnbus, ab 14. März)

Der Autor des dem zweiten Hundreds-Album beigelegte Info-Schreiben scheint nur allzu genau zu wissen, wie man eine Band bewirbt: Man schiebt ihr eine Pionierrolle in die Schuhe und macht sie für Landplagen wie James Blake und Woodkid gleich mitverantwortlich. Wer Ween für eine Witzband hält und erst mal googeln muss, ob Ornette Coleman ein Mann oder eine Frau ist, hört in den nachtdunklen, oft traurigen Tracks, die stets den Lauf einer Pistole an der Schläfe haben, sogar Dido oder das Gejodel Dolores O' Riordans heraus. Dabei haben die schwerblütigen Geschwister Eva und Philipp Milner auf "Aftermath" nach langem Schweigen lediglich einen Weg angetreten, der langsam wegführt vom kleinen Entwurf: Auf einem extrem "The Turin Horse"-mäßigen Schwarzweißfoto im Promo-Booklet schauen beide so streng, als sei es 1889 und ihre Platte habe gerade unseren Planeten zerstört. Nun gut, seit einer Bundesligakonferenz vor beinahe 19 Jahren kein Radio mehr gehört, aber ist es eine Fehlannahme, dass "Circus", "Our Past" und vielleicht sogar "Beehive" dort laufen könnten, ohne die Ordnung der Dinge zu stören? "Aftermath" ist ein sehr organisch zusammengesetztes und waches Album zweier ungewöhnlicher Menschen, die sich zusätzlich auch mit Fever Ray, Schwarzmagie und Tom Six auskennen dürften. Was vom Vergangenen bleibt, wird hier bewahrt. (7.2) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000012906 12.03.2014
1. Ja, ich liebe diese Platte auch
@Jan Wigger: selten waren wir so einig wie bei Metronomys Love Letters ... gute Melodien hatten sie schon immer, aber entgegen dem Geweine in anderen Magazinen: super Songwriting, all killer, no filler. Freu' mich aufs Vinyl.
katrin.l 25.03.2014
2. Metronomy
Also für uns ist das Metronomy Album auch mal wieder eine Offenbarung auf die wir lange gewartet haben. Und est hat sich gelohnt finden wir. Nur schade, dass die Tickets für die Tournee so schnell weg waren. Hoffentlich kommen sie bald wieder. http://www.chic-schnack.org/metronomy-mit-neuem-album-love-letters-auf-tour/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.