Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Die Hoffnung der Rockmusik kifft viel und ist ein Stubenhocker aus Australien: Kevin Parker mit seiner Band Tame Impala. Paul Banks schüttelt die Schwere von Interpol ab, Bat For Lashes reduziert sich bis zur Selbstermächtigung - und die Sex Pistols, tja, was soll man über die noch sagen?

Tame Impala - "Lonerism"
(Modular/Rough Trade, bereits erschienen)

Eine der größten Fragen bei der Betrachtung aktueller Musik ist: Wo hört bloßes Kuratieren auf, wo fängt wirkliche Originalität an? Nun mag man bei einer Band wie Tame Impala nicht gleich darauf kommen, ausgerechnet diese Frage zu stellen, wenn man weiß, dass die drei Australier vor zwei Jahren mit ihrem Debüt "Innerspeaker" ein Album herausgebracht haben, dass den Psychedelic-Sound der späten Sechziger mit verblüffender Detailtreue reproduzierte - ein echter Trip, aber einer in die Vergangenheit, nicht unbedingt in die relevante Musik des 21. Jahrhunderts. Oder eben doch. Denn Psych-Rock, Psychedelic-Pop und Krautrock, die Musikstile also, in denen sich zwischen 1967 und, sagen wir, 1973 die Türen der Wahrnehmung am weitesten öffneten, sind trotz Achtziger-Revival und beginnender Neunziger-Wiederkäuerei die derzeit dominantesten Einflüsse - ob im avangardistischen Gitarrenrock der Brooklynites um Yeasayer, Grizzly Bear und Animal Collective oder im Post-HipHop der L.A.-Szene um Flying Lotus. Kuratierend wäre es, diese mit wahrhaft allem Möglichen experimentierende Musik mit den Mitteln der einschlägigen Vorbilder zu spielen: Analoge Synthesizer, rückwärts abgespielte Tapes, der ganze Behelfskram der vordigitalen Ära eben. Kevin Parker, Kopf, Produzent und alleiniger Songwriter von Tame Impala, hat daran aber kein Interesse, wie sein faszinierendes zweites Album "Lonerism" zeigt. "Feels Like We Only Go Backwards", klagt er zwar in einem der neuen Songs. Er selbst aber nutzt aber so gut wie alle Möglichkeiten, die ihm das digitale Arbeiten am Midi-Keyboard oder Computer bieten, um Klänge, Loops und Geräusche zu erzeugen, die den grenzüberschreitenden Groove von ewigen Psych-Klassikern wie "Tomorrow Never Knows", "Electric Ladyland"-Hendrix oder späten Byrds oder Electric Prunes ins Heute zu holen. Dass er nebenbei viel zu viel kifft, um Sex zu haben, sich beim Singen durch etliche Delay-Filter anhört wie John Lennon und obendrein Songs schreiben kann, deren Melodien im Gedächtnis bleiben, hilft ungemein dabei, "Lonerism" zu einem der aufregendsten Rock-Alben des Jahres zu machen. "This could be the day that we push through", singt Parker in einem der schnelleren Stücke des Albums, "it could be that all our dreams come true". Der Mann ist natürlich ein Träumer und weiß genau, dass er mit seinen ganzen Pro-Tools und Maschinen genau der Loner ist, der auf dem Cover der Platte wie ein armer Hund draußen (oder drinnen) bleiben muss, wenn die anderen im Park spielen. Anders als viele seiner Vorbilder nutzt er seine bewusstseinserweiternde Musik nicht für einen anklagenden Eskapismus aus grauer, restriktiver Umwelt, er malt sich einfach die Windungen seines Hirns bunt an, gegen all den "Mind Mischief", wie auch einer dieser großartigen Songs heißt. Ja, ok, und wie issn jetzt diese ach so tolle Platte? Mach 'ne Selbsterfahrung, Baby! (8.9) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Paul Banks - "Banks"
(Matador/Beggars/Indigo, 19. Oktober)

Zwar war die nervenaufreibende Interpretation von Frank Sinatras gebrochenem Bekenntnis "I'm A Fool To Want You" die vielleicht gewaltigste Errungenschaft des solo artists Paul Banks, doch läutete sie auf der EP "Julian Plenti Lives..." auch das Ende des etwas wunderlichen Monikers ein. Diese Platte heißt nun nur noch "Banks", doch ein reiner Verschwindungskünstler ist der scheintote Schlossherr heute nicht mehr: Trotz weiterhin entstofflichter Stimme treibt Banks nicht bloß im eigenen Unwohlsein dahin. "Summertime is calling for you child/ To give you a sense of reliance/ To feel at home in a crowd/ The season, the season is calling/ And all of it breathes into one day/ You get out/ So get out" singt der Solitär in "Summertime Is Coming", dem einzigen Julian-Plenti-Stück auf "Banks", ein erstaunlich stämmiges, muskulöses dazu. Mit "The Base" steht der größte Song am Anfang, es folgen das schwächliche "Arise, Awake", ein inselförmiges Instrumental ("Lisbon"), ein etwas wirres "I'll Sue You" und das lärmige "No Mistakes". Kurioserweise beginnt "Over My Shoulder" mit den aus Ryan Adams' "So Alive" bekannten Akkorden. Das kleine Problem, das ich mit "Banks" habe, sind nicht etwa die durchaus zahlreichen und irgendwie outdated wirkenden Sprachsamples, sondern das Fehlen der festlichen, begräbnishaften, erdrückenden Schwere seiner Band Interpol. Doch Paul Banks hat gelernt, und die Allerfertigsten unter unseren Lesern wissen sowieso: Dies ist ein dunkler Ort, weil er ihn dazu macht. (6.6) Jan Wigger

Bat For Lashes - "The Haunted Man"
(Parlophone/EMI, 12. Oktober)

Sie wollte mal wissen, wie es sich anfühlt, so einen richtigen, straighten Standard, einen potentiellen Hit, zu schreiben, sagt Natasha Khan alias Bat For Lashes, die vor gar nicht so langer Zeit mit "Daniel" einen echten, straighten Hit hatte - und schrieb einen Song ihres neuen Albums zusammen mit ihrem alten Bekannten Justin Parker, der unlängst gewisse Berühmtheit dadurch erreichte, dass er Lana Del Reys "Video Games" im Badezimmer komponiert hatte. "Laura", gleichzeitig die erste Single von "The Haunted Man", klingt dann auch prompt nach diesem verträumten Retro-Feeling in Super-8-Optik, das einen einlullt, wenn man alte Spielzeuge auf dem Dachboden findet. Und, ist es ein Hit? Vielleicht. In jedem Fall ist die mit distanzierten Bläsern untermalte Piano-Ballade der wahrscheinlich reduzierteste Song, den Kahn je aufgenommen hat. Und das passt zum Rest der Platte: Ordentlich, aufgeräumt, befreit von vielem Magie- und Mystik-Gedöns, das Khans Musik aus dem Einerlei der Björk- und Kate-Bush-Epigonninen heraushob, das könnte und müsste man jetzt böserweise sagen. Langweilig und beliebig ist "The Haunted Man" trotzdem nicht, und das sagt einiges aus über die zweifach Mercury-Prize-Nominierte aus Brighton. Vom nackigen Selbstermächtigungs-Cover (fotografiert von Naturalist Ryan McGinley) bis zu Song-Texten, in denen sich Khan als starke, gereifte Persönlichkeit gibt, zeugt hier alles von einer großen Reduktion - und die kriegt man nur hin, wenn man genau weiß, was man will. Hinter musikalischem Bombast verstecken, was oft genug zur Vertuschung von Unsicherheiten dient. Doch damit ist es nun vorbei: ""And in this horror show/ I gotta tell you/ You're more than a superstar", singt Khan in "Laura" an eine imaginäre Freundin gerichtet, die es noch nicht geschafft hat, sich aus den billigen Verführungen des Glamour-Lifestyles zu lösen und ihren Namen "tattooed on every boy's skin" sehen will. Khan ist jenseits solcher Teenie-Phantasien angelangt, sie weiß, dass die Frau das eigentlich starke Geschlecht ist - und die Hand des Kerls auch geduldig festhalten muss, wenn er mal wieder von seinen Männlichkeits-Dämonen heimgesucht wird, "standing by my haunted man". Neben "Laura" und dem Titelsong ist das Hausfrauen-Klagelied "All Your Gold" einer der besten Songs des Albums: Sparsames Geklingel auf hüpfender Perkussion, dazu eine direkt aus den Achtzigern importierte Michael-McDonald-Harmonie - fertig ist der zeitgeistig in Pop-Zusammenhänge übersetzte R&B-Track. Wie trefflich: Musikalisch beeinflusst habe sie der Achtziger-Retro-Soundtrack zu Nicolas Winding Refns Film "Drive" und seinen alten Chromatics-Nummern. Die haben übrigens auch mal eine elektronische Coverversion von "Running Up That Hill" gemacht, da schließt sich der Kreis zu Natasha Khan und ihrem kalt glänzenden dritten Album. Fragt sich nur, wie viele Kate-Klone die Welt noch verkraftet. (6.5) Andreas Borcholte

Bat For Lashes - "All Your Gold"
Mehr Videos von Bat For Lashes gibt es hier auf tape.tv!
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Sex Pistols - "Never Mind The Bollocks, Here's The Sex Pistols" (Deluxe Edition)
(Universal, bereits erschienen)

Okay, mein erster Gedanke, kurz nachdem der Postjunge "Tschüssing!" gesagt hatte, war nicht: Jetzt besitze ich "Never Mind The Bollocks" schon zum vierten Mal. Mein erster Gedanke war: Wer schleppt dieses Box-Set bei meinem nächsten Umzug? Aber auch: Wie kaputt muss man sein, um noch eine Besprechung dieser Schallplatte, die ohnehin jeder Mensch besitzt, nicht nur zu erwarten, sondern sogar freiwillig lesen zu wollen? Gibt es wirklich etwas Neues zu berichten? Leider brauche ich mal wieder Geld, so here goes nothing! Wie bei so einigen dieser nicht gerade für einen Pappenstiel erhältlichen Boxen im Vinylformat erwartet einen wirklich Bedeutendes eher aus dem brillanten, in diesem Fall genau 100-seitigen, beigelegten Hardcover-Buch als anhand der im Falle der Sex Pistols ohnehin überschaubaren Zahl an plötzlich vollkommen überraschend aufgetauchten Ausgrabungen des ergebnisreichen Jahres 1977. Immerhin: "Belsen Was A Gas", "Did You No Wrong", die B-Seiten von "God Save The Queen", "Holidays In The Sun" und "Pretty Vacant", Promo-Videos, Interviews, Live-Auftritte in Trondheim und Stockholm, ein Poster und ein feines Replikat der "Queen"-Single. In Zeiten von "A Serbian Film" oder per Facebook verabredeten Gangbangs schockt Johnny Rottens leieriger Nölgesang und das herrlich stumpfe Spiel der Band natürlich niemanden mehr; gleichwohl bezeichnete ein alter Schulfreund (zu dem ich gleich nach seiner Aussage den Kontakt abgebrochen habe) "Never Mind The Bollocks" allen Ernstes als "sehr emotional, sehr authentisch, sehr raw." Entweder das, oder der tollste kalkulierte Schwindel der Musikgeschichte. "They don't want you and they don't want me/ You got a problem/ The problem is you." So einfach wurde es danach nicht wieder. (9.0) Jan Wigger

Sex Pistols - "Anarchy In the UK"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Thank god, it's Dienstag!
ingwerspiegel 09.10.2012
Seitdem die neuen Folgen der Simpsons montags gezeigt werden, erwarte ich Dienstage wegen Ihrer Rezensionen nahezu ungeduldig. Liest sich ganz wunderbar, dieser Scheiß.
2. es war doch schon immer klar ...
fraumüller 11.10.2012
... dass dieser leierige Nölsänger Johnny Rotten mehr war/ist als seine Schwindelband. Ich hab gerade PIL neu entdeckt für mich und kann gar nicht genug bekommen von seiner Genialität. Natürlich schwanken sein "Gesang", die Arrangements und die Produktion die PIL Platten zwischen unausstehlich, ärgerlich, widerlich und echtem Hitmaterial, aber ich kann einfach nicht weghören wenn der Zufallsgenerator in iTunes mir irgendwas aus seinem Werk vorspielt. Mein Tip: hört da ruhig mal wieder rein! Lohnt sich auf jeden Fall mehr als der zigste Aufguss der Pistols.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 41
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    1. Tame Impala: Lonerism

    2. Terry Moore: Echo (Vol. 1-6)

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Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.