Abgehört - neue Musik Wer's trinkt, wird selig

Jazz und Funk, Hip-Hop und Soul, volltrunken fusioniert: Bassist Thundercat definiert auf seinem Album "Drunk" den Westcoast-Sound der Stunde. Außerdem: Neues von Tokio Hotel und den Sleaford Mods.

Von und Jens Balzer


Thundercat - "Drunk"
(Brainfeeder, seit 24. Februar)

Wenn der beste Kumpel stirbt, wenn der neue Präsident ein irrer Clown ist, wenn sogar bei der perfektesten Entertainmentshow, den Oscars, Chaos regiert. Wenn also die ganze Welt in einen surrealen Zustand zu driften droht, was tun? Trinken natürlich, am besten viel. Und am besten Hochprozentiges, wenn nicht gar Bewusstseinserweiterndes. "Drunk", das dritte Album des kalifornischen Bassisten Stephen Bruner alias Thundercat ist Musik, wie sie zeitgeistiger nicht sein könnte - und eine musikalische Offenbarung noch dazu.

Das Ganze fängt schon schön verpeilt an: "Rabbot Ho" heißt das kurze Präludium für einen rund 50 Minuten langen Jazz-Trip mit 23 Stationen durch einen zugedröhnten Tag. "Let's go hard, get drunk, and travel down a rabbit hole", falsettiert Bruner, ist aber offenbar noch so meschugge von den Exzessen der vergangenen Nacht, dass er "Kaninchenbau" weder richtig schreiben kann, noch treffen würde, sollte er versuchen, durch ihn hindurch ins Wunderland zu gelangen - wo er dann wahrscheinlich die Rolle der Grinsekatze spielen würde. "Jesus take the wheel" seufzt er dann auch gleich darauf im ebenso knappen "Captain Stupido": Zähneputzen, Bart kämmen, oh shit, Brieftasche im Klub vergessen: "I feel weird". Schnarchen und Furzen inklusive.

Klingt kindisch, aber die Musik dazu ist so kristallin und erhaben, flirrt auf Gitarren- und Bass-Arpeggios und einem zischenden Drumcomputer-Beat dahin, dass jeder Anflug von Katerzustand sogleich zu transzendentaler Meditation erhoben wird. Dem Pupswitz folgt ein verschnörkelter, hektischer, sehr virtuoser Jazz-Track namens "Uh Uh", der Thundercats Talent mal eben in zwei Minuten ausstellt, nur zur Sicherheit.

Seine Kompetenz als einer der treibenden und kreativen Köpfe hinter dem Jazz- und Fusion-Revival der vergangenen Jahre dürfte allerdings kaum noch jemand anzweifeln. Von Flying Lotus entdeckt und beim Post-Hip-Hop-Label Brainfeeder unter Vertrag genommen, agierte Bruner, dessen Vater bei den Temptations trommelte und eine eigene Disco-Fusion-Band unterhielt, als Klang-Architekt auf Kendrick Lamars Album-Meilenstein "To Pimp A Butterfly". Als Gast veredelte er die letzten beiden Veröffentlichungen von Flying Lotus und Kamasi Washington. Sein Solo-Output war zuletzt vom frühzeitigen Tod seines Freundes und Musiker-Kollegen Austin Peralta geprägt, sowohl das Album "Apocalypse" als auch die EP "The Beyond/ Where The Giants Roam" waren grübelnde Beschäftigungen mit dem Tod und dem Jenseits.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Die Stimmung auf "Drunk" ist etwas gelockerter durch die Zuführung entsprechender Substanzen, Nerdisms und Albernheiten wie "A Fan's Mail (Tron Song Suite II)", "Friend Zone" oder "Tokyo" wechseln sich ab mit durchaus nüchternen Tracks wie "Walk On By" (mit Kendrick Lamar), in denen es um Polizeigewalt und den alltäglichen Kampf schwarzer Amerikaner gegen den Sog der Gewalt geht.

"Drunk" ist ein Album in Limbo, zwischen Trauer und Todessehnsucht einerseits und euphorischem Lebenshunger andererseits, in seinen besten Momenten fusioniert es Jazz, Siebzigerjahre-Funk, modernen Elektro-Hip-Hop, R&B und Soul zu einem hinreißenden Flow, der Futurismus und Nostalgie, Avantgarde und Tradition mit Augenblicken purster Seligkeit in Balance hält. "Show You The Way" ist eine klanglich und kompositorisch nahezu perfekte Nummer, für die sich Bruner mit Kenny Loggins und Michael McDonald zwei Giganten des Yacht-Rock-Genres als Gastsänger rekrutierte - schwarzer und weißer Soul in friedlicher, inspirierter Rückkoppelung, ein Westcoast-Manifest für das 21. Jahrhundert.

Einige der besten, auch Pop-kompatiblen Stücke dieser trunkenen Reise finden sich in der zweiten Hälfte, wenn sich nach dem High doch langsam wieder der Blues ausbreitet: Das bereits von der letzten EP bekannte "Them Changes" (mit Kamasi Washington) nimmt nochmal rührend Abschied von Peralta; "Where I'm Going" und "Drink Dat" (mit Wiz Khalifa) sind beklemmende Balladen über die Sehnsucht nach Realitätsflucht: "Can't open my eyes, babe/ Cause I'm just too wasted". Und dann das seufzende Erwachen in "The Turn Down" (mit Pharrell Williams), als noch einmal Rassen-, Klassenkonflikt und Konsumismus-Kritik verhandelt werden. Denn natürlich ist Alkohol, genau wie Sneaker-Fetischismus und Playstation-Marathon, doch immer nur eine temporäre Lösung gegen den Schmerz, die Trauer und das ganze Elend.

"One More glass to go, where this ends we'll never know" heißt es schließlich offen, aber hoffend in "DUI". Driving under the influence bedeutet das im amerikanischen Polizei-Jargon. Ein Strafzettel, den man Thundercat sehr gerne bezahlt. (9.0) Andreas Borcholte

Tokio Hotel - "Dream Machine"
(Starwatch Entertainment/Sony, ab 3. März)

Einen bunten Strauß interessanter Ideen und kosmischer Klänge sowie eine erregende Vielzahl noch niemals gehörter Kombinationen von Stilen, elektronisch manipulierten Stimmen und Beats bietet das in Kalifornien und Sachsen-Anhalt beheimatete Experimentalpopquartett Tokio Hotel auf seinem fünften Album "Dream Machine".

Die kühle Roboter-Romantik des neuesten Future-R&B verbinden die Gebrüder Bill und Tom Kaulitz und ihre musikalischen Mitstreiter Georg Listing und Gustav Schäfer in gelungener Weise mit den Produktionsweisen des Power Pop der Achtzigerjahre, wie ihn etwa die Simple Minds auf "Sparkle in the Rain" prägten; die sphärischen Klänge des Eröffnungsstücks erinnern hingegen an Pioniere des Krautrock wie die frühen Popol Vuh und die mittleren Tangerine Dream.

Aber auch die neuere Popgegenwart schlägt sich in der Ästhetik des Albums nieder: Auf dem Titelstück klingeln heitere westafrikanische Hi-Life-Gitarren über einem niederfrequent brummenden Bass, dazu gibt es herzallerliebste Passagen mit Frankie-Knuckles-artigem Klimper-House zu hören. Sänger Bill Kaulitz schmachtet kompetent in sämtlichen Weltschmerzregistern und moduliert seine Stimme zugleich derart, dass zwischen Micky-Maus-Quieken, Männerbefindlichkeitsbarmen nach Kanye-West-Manier und körnigem Growling nach Death-Metal-Manier manchmal nur Millisekunden liegen.

Auf der ganzen Platte folgt der Einsatz von Autotune- und Vocoder-Effekten konsequent den Prinzipien des aleatorischen Komponierens, das erstmals Anfang der Fünfzigerjahre von John Cage im Rückgriff auf das chinesische Orakelbuch "I Ching" entwickelt wurde.

Nach ihrem grandiosen, von breiten Publikumsschichten gleichwohl zu wenig gewürdigten Progressive-Rock-Konzeptalbum "Kings of Suburbia" (2014) hat die Band die Plattenfirma gewechselt und das neue Werk in Eigenregie produziert. Eine gute Entscheidung: Denn "Dream Machine" ist das mutigste, reifste und innovativste Werk, das Tokio Hotel uns bisher schenkten. (1.0) Jens Balzer

Sleaford Mods - "English Tapas"
(Rough Trade/Beggars, ab 3. März)

Ein Album von den Sleaford Mods ist ungefähr so, als würde man einen langen, bierseligen Abend im Pub mit Begbie aus den "Trainspotting"-Filmen verbringen. Zu Gewaltausbrüchen kommt es allerdings ausschließlich verbal. Sänger Jason Williamson, der auf dem vierten Album des Duos aus Nottingham tatsächlich versucht, so etwas wie einen heiseren Gesang anzustimmen, neigt in Konzerten dazu, das Publikum, das er eben noch fluchend und krakeelend aufgewiegelt hat, zur Mäßigung zu ermahnen. Die Sleaford Mods sind Punks, aber sie wollen vor allem kommentieren, nicht eskalieren.

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Das erklärt vielleicht auch die etwas ruhigere Gangart von "English Tapas". Man könnte es ihr bisher ausgereiftestes Album nennen, aber was heißt das schon, wenn bisherige Veröffentlichungen wie "Divide And Exit" oder "Key Markets", das den Durchbruch brachte, vor allem wegen ihrer rohen Ungehobeltheit begeisterten? Inzwischen gibt es so etwas wie Song-Strukturen und rudimentäre Melodieführung oder gar Groove in Tracks wie "Just Like We Do", "Messy Anywhere" oder "Time Sands". Andrew Fearn spielt nicht mehr einfach nur ein paar treibende Backing-Tracks aus seinem umfangreichen Archiv ein, er scheint nun auf einen Sound zwischen Frühachtziger-Post-Punk und PIL hin zu musizieren, während Williamson sich bald anhört wie ein heiserer Ian Dury.

Unabhängig davon, ob man die Mods so musikalisch mag und dies ein evolutionärer Weg ist, den eine erfolgreicher werdende DIY-Band zwangsläufig nimmt, bleibt die Schärfe und Dringlichkeit dieser Bestandsaufnahme britischer Befindlichkeit nahezu ungetrübt. Williamson ist ein kluger und treffsicherer Beobachter der Absurditäten und Ungerechtigkeiten im Alltag Englands kurz vor dem Brexit. Vieles davon bleibt dem nicht-britischen Hörer verschlüsselt, weil Williamson tief in englische Alltagskultur- und Produktspezialitäten abtaucht, um das triste Leben eines Abgehängten im Spätkapitalismus zu illustrieren.

Andreas Borcholtes Playlist KW 9
SPIEGEL ONLINE

1. Thundercat feat. Wiz Khalifa: Drink Dat

2. Sun Kil Moon: Philadelphia Cop

3. Counting Crows: Omaha

4. The Mountain Goats: Andrew Eldritch Is Moving Back To Leeds

5. Ian Dury: Clevor Trever

6. Sleaford Mods: B.H.S.

7. Simple Minds: This Fear Of Gods

8. Die wilde Jagd: Torpedovogel

9. Arca: Anoche

10. Muna: So Special

In "B.H.S" zum Beispiel hebt er bissig auf eine jüngst von dem Multimillionär Sir Philip Green in den Ruin getriebene Kaufhauskette ab, einer Finanzjongliererei aus Profitgier, bei der 11.000 Mitarbeiter ihren Job verloren. "We're going down like B.H.S." ist einer dieser mitgröhlbaren Arbeiterklassen-Riot-Refrains, den Williamson dutzendfach aus dem T-Shirt-Ärmel schütteln kann. "I feel so wrong" heult er im letzten Stück. So lange er diesen schwelenden Gemütszustand zwischen Verachtung und Furor aufrecht hält, können die Sleaford Mods gerne ein bisschen domestizierter klingen. Wer von Iggy Pop als "undoubtedly, absolutely, definitely the worlds greatest rock'n'roll band" geadelt wird, ist eh über jeden Zweifel erhaben. Oder schon mit einem Bein im Establishment. (7.0) Andreas Borcholte

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insgesamt 13 Beiträge
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niobe_craq 01.03.2017
1. Oldschool
"nach Kanye-West-Manier und körnigem Growling nach Death-Metal-Manier" - sind das nun Exercises von Leistungslosen oder Annäherungen an die Form-Inhalt-Gleiche? Beides wäre phantastisch oldschool.
lichtmess 01.03.2017
2. Fehler?
Habe dem musikalischen Treiben von Tokio Hotel die letzten Jahre keine Beachtung geschenkt und bin umso überraschter angesichts des hiesigen Lobgesangs. Muss da wohl mal reinhören. Aber unterm Text steht nur 1 Punkt von Hr. Balzer - wieviele gibt's denn in echt? Oder sollte der Text ein satirischer Verriss sein...? ;-)
mvmvmvm 01.03.2017
3. Vielen Dank
für den Text über Tokio Hotel. Made my day.
freddykrüger 01.03.2017
4. Schenkelklopf
Natürlich ignoriert man als Musik Fan Tokio Hotel Rezensionen. Ich oute mich. Ich hab es getan. Ich hab sie gelesen und hab anschließend gröhlend auf dem Boden gelegen. Mein Ruf ist sowieso ruiniert. Sind Tokio Hotel vieleicht doch die würdigen Nachfolger von Can? Aber 1.0 Punkte für diese, immer noch, Bübchen Band sind wohl doch stark überbewertet.
ambulans 01.03.2017
5. >freddiekrüger (#3, oben),
meister, gibt es sie überhaupt noch - lange nichts mehr von ihnen gehört jedenfalls. tokio hotel verzeihe ich (kann mal passieren), ansonsten sind diese "reviews" hier nix als ein witz. sowas kriegen aber auch andere hin, von denen mans eigentlich nicht unbedingt erwarten würde (so z.b. das durchaus renommierte "uncut" in seiner letzten ausgabe mit den "101 weirdest records" you know) - shame on them! als hättens allein absolut themenferne azubis, praktikanten, reinigungsfachkräfte, etc.pp. verbrochen. ach, lemmy - wo bist du? ich hör nix anständiges ... mfg, dr. ambulans (alle kassen)
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